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Maiempfang 2011

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Maiempfangs 2011 der Stadt Regensburg am Donnerstag, 28. April 2011, 20.30 Uhr im Historischen Reichssaal

Anrede,

der Empfang der Stadt Regensburg anlässlich des 1. Mai, des Tages der Arbeit, ist gute Tradition. Er bringt zum Ausdruck, dass Arbeit ein wesentliches Element unseres Lebens ist. Zudem will die Stadt mit diesem Empfang deutlich machen, dass der herausragende wirtschaftliche Aufstieg Regensburgs ganz wesentlich auf den Leistungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beruht.

 Interessant ist, was man im Internet-Lexikon „Wikipedia“ zum Thema Arbeit im philosophischen Sinne findet:

 „Die Arbeit“ so heißt es da, „ … erfasst alle Prozesse der bewussten schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur und der Gesellschaft.

Sinngeber dieser Prozesse sind die aus freiem Willen selbstbestimmt und eigenverantwortlich handelnden Menschen mit ihren individuellen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Anschauungen im Rahmen der aktuellen Naturgegebenheiten und gesellschaftlichen Arbeitsbedingungen.“ Ende des Zitats.

 Ich werde es wie immer auch im Folgenden mit den Quellenangaben sehr genau nehmen, um einem möglichen Plagiatsverdacht vorzubeugen.

Schon die Bibel kennt die gegensätzlichen Seiten der Arbeit: Einerseits stellt sie Arbeit als Folge der Erbsünde dar, andererseits als Teilhabe des Menschen am Schöpfungswerk Gottes. Hinzu kommt der folgenschwere biblische Auftrag, der Mensch solle sich „die Erde untertan“ machen. (Genesis 1, 28).

Noch heute spielt sich die Welt der Arbeit in diesem Spannungsverhältnis ab, das Karl Marx mit der Wendung vom „Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit“ umrissen hat – ein Zitat aus „Das Kapital“ 3. Band.

In den hoch entwickelten Ländern der Erde gibt es keine Zwangsarbeit mehr und immer weniger körperliche Schwerstarbeit.

Genormte, gleichförmige und geistig wenig anspruchsvolle Tätigkeiten werden zunehmend von flexiblen, kreativen und intellektuell anspruchsvollen Aufgaben abgelöst. Der „Malocher“ räumt zugunsten des kreativen Spezialisten das Feld.

Auch die Produkte unserer Volkswirtschaft ändern sich. Neben der genormten Massenproduktion stehen immer öfter komplexe, hochtechnisierte Systemlösungen.

Die meisten Arbeitnehmer gehen heute mit dem Computer ebenso sicher und selbstverständlich um wie früher mit handgesteuerter Drehbank und Rechenschieber.

Wir sehen noch eine weitere Veränderung:

Lange überwog im modernen Arbeitsbegriff die auf den einzelnen Arbeitnehmer bezogene Selbstverwirklichung.

 Neuerdings rücken das Wohlergehen der Gemeinschaft und das Gemeinwohl stärker in den Vordergrund.

In der Sozialenzyklika Papst Benedikts XVI. - „Caritas in veritate, Nächstenliebe in Wahrheit“ - heißt es dazu, zwei Orientierungsmaßstäbe seien es vor allem, die, Zitat, „speziell für den Einsatz bei der Entwicklung einer Gesellschaft auf dem Weg zur Globalisierung erforderlich sind: die Gerechtigkeit und das Gemeinwohl.“ (Ende des Zitats).

In den hochentwickelten Industrieländern wurde nach langen und teils bitteren Kämpfen ein relativ hoher humanitärer Standard in der Arbeitswelt erreicht.

In weiten Teilen der Erde sind die Menschen jedoch noch immer dazu verurteilt, ihr Brot unter schwierigen bis unmenschlichen Umständen zu verdienen.

Die christlichen Kirchen weisen immer und immer wieder auf diesen Missstand hin. Dessen Beseitigung macht beklagenswerterweise kaum Fortschritte.

Die Herstellung menschenwürdiger sozialer Verhältnisse und einer gerechten Weltwirtschaftsordnung ist und bleibt eine Menschheitsaufgabe.

In den hoch entwickelten Ländern sind fundamentale Verstöße gegen die Bedürfnisse und die Würde der arbeitenden Menschen gottlob zur Ausnahme geworden.

Uns stellen sich neue, gravierende Probleme: Nach Finanzmarktkrise und massenhaften Unternehmenszusammenbrüchen sind reflexartig Rufe nach „mehr Ethik in der Wirtschaft“ laut geworden.

Die Zeit wird zeigen, ob sich tatsächlich der Gedanke Bahn bricht, dass ethisch begründetes und verantwortliches Handeln ökonomisch langfristig am rentabelsten ist.

Dieses verantwortliche und wirtschaftlich vielversprechende Handeln basiert auf drei Begriffen: Vertrauen, Verantwortung und Beteiligung.

Gerade in der Welt der Arbeit und des Wirtschaftens gilt: Ohne Grundvertrauen geht es nicht.

Das Prinzip des Vertrauens kann aber nur funktionieren, wenn es auf Gegenseitigkeit beruht.

Das Handeln nach den Grundsätzen des ordentlichen und ehrbaren Kaufmanns und nach dem Prinzip von Treu und Glauben erinnert uns daran, dass schon vor Jahrhunderten Verhaltensnormen festgelegt wurden, die nicht nur dem eigenen Seelenheil dienten, sondern auch der Sicherung des Wirtschaftsverkehrs.

Heißt dies also, dass Vertrauen schenken und Vertrauen rechtfertigen profitable Produktionsfaktoren sind?

In einem Betrieb, in dem ein grundsätzliches gegenseitiges Vertrauen die Zusammenarbeit von Vorgesetzten und Personal prägt, werden ein gutes Betriebsklima, gesteigerte Einsatzfreude und Kreativität das Betriebsergebnis sicher weit über den Branchendurchschnitt heben - ganz im Gegensatz zu Unternehmen, in denen Misstrauen, Überwachung und vielleicht sogar Mobbing an der Tagesordnung sind.

Gegenseitiges Vertrauen schafft also menschlichen und finanziellen Gewinn.

Wie steht es mit der Verantwortung?

Die technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhundert haben das wirtschaftliche Handeln endgültig grenzenlos gemacht.

Deswegen haben Unternehmer und Geldgeber alle Folgen ihres Handelns weltweit zu tragen.

Es geht um das „Prinzip Verantwortung“, wie es der Philosoph Hans Jonas formuliert hat.

Wir alle sind für das Schicksal unseres Planeten, für das Schicksal der gesamten Menschheit verantwortlich.

Ein Jeder soll an seinem Platz und nach seinen Kräften und Möglichkeiten dazu beitragen, dass Schaden vom Einzelnen und der Gemeinschaft abgewendet wird - aber auch von der Umwelt und damit von kommenden Generationen.

Wenn wir nicht lernen, die Folgen unseres wirtschaftlichen Tuns selbstkritisch zu bedenken und, wo nötig, zu korrigieren, werden wir unsere Fehler teuer und schmerzlich bezahlen müssen.

Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, fordert, dass nicht allein die kurzfristigen Renditeerwartungen der Kapitaleigner das Handeln der Unternehmensführungen bestimmen dürfen.

Stattdessen sollen Unternehmen ganzheitlich Verantwortung übernehmen: für die Anteilseigner ebenso wie für die Belegschaft, für die Kunden und Zulieferer und auch für den Staat, die Gesellschaft und die Umwelt.

Dieses sozial, ökologisch und ökonomisch fortschrittliche Modell Ist nach meiner Überzeugung langfristig wirtschaftlicher als das kurzatmige Hetzen nach überzogenen Renditezielen.

Zu diesem moralisch orientierten Modell gehört auch die Beteiligung.

Ich meine damit nicht nur die rein finanzielle Beteiligung an den Betriebsgewinnen. Ich meine auch eine Beteiligung der Beschäftigten im Sinn einer „Teilhabe“ an Entscheidungsprozessen und an der Entwicklung eines Unternehmens.

Ich hoffe, die Zeiten sind vorbei, in denen man eine solche Teilhabe als Einmischung in die Befugnisse des Managements oder als Einschränkung der Verfügungsmacht der Anteilseigener gesehen hat.

Heute wissen wir durch unzählige Untersuchungen, dass eine breite Beteilung und ein erweitertes Mitspracherecht der Beschäftigten deren Leistungsbereitschaft hebt und die Kreativität steigert.

Beteiligung macht aus Befehlsempfängern Mitarbeiter, und aus Untergebenen werden Verbündete.

Ich bin davon überzeugt, dass die allermeisten Beschäftigten ihren Job in einem Unternehmen sehr ernst nehmen.

Dementsprechend wollen sie auch als Partner wahrgenommen werden und mitreden. Die Erfüllung dieses Anspruchs erfordert allerdings effektive innerbetriebliche Beteiligungsmöglichkeiten. Und es braucht Führungskräfte, die sich dieser Herausforderung stellen.

Mit Beteiligungsmodellen lässt sich eine nachhaltige Unternehmenskultur aufbauen, die einen deutlichen Wettbewerbsvorteil hat und sich auch in schwierigen Situationen bewährt.

Vertrauen, Verantwortung und Beteiligung – das sind die drei Begriffe, die zunehmend das Arbeiten im 21. Jahrhundert prägen sollten. Mehr Ethik in der Wirtschaft bedeutet mehr Wert und Dauer mehr ökonomischen Erfolg.

An der Katholischen Universität Eichstätt hat im Wintersemester 2005/2006 ein Aufbaustudiengang begonnen, der „werteorientierte Personalführung und Organisationsentewicklung“ zum Gegenstand hat und mit einem „Master of ethical Management“ abgeschlossen werden kann.

Die Einrichtung dieses Studienganges ist ein deutliches Zeichen dafür, dass Bewegung in eine entscheidende Frage gekommen ist: Wie viel Rücksicht aufeinander, Weitsichtigkeit und Verantwortungsbewusstsein brauchen wir in unserem Wirtschaftssystem?

Wir dürfen nicht weitermachen wie bisher - bis zum „Big Crash“ in der Weltwirtschaft mit unübersehbaren Folgen für unsere gesamte Zivilisation. Oder bis zur totalen Erschöpfung der Ressourcen und zur dauerhaften Schädigung der Umwelt.

Wir müssen mit unseren Ressourcen endlich sorgsam umgehen.

Und: Es kann kein ewiges, kein unbegrenztes Wachstum geben – schon der Volksmund weiß, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Meine Damen und Herren,

Ich hoffe, dass Sie alle mit Ihrer Arbeit einigermaßen zufrieden sind, dass Ihr Arbeitsplatz sicher ist und dass Ihre Arbeitsbedingungen von Vertrauen, Verantwortung und Beteiligung geprägt sind.

Die demografische Entwicklung wird das Angebot an Arbeitskräften dramatisch verringern. Schon heute fehlen Facharbeitskräfte.

Diese Entwicklung hat nicht nur schlechte Seiten. Der Mangel an hoch qualifizierten Fachleuten führt zu einer neuen Wertschätzung der Arbeitskraft.

Lange Zeit wurden Belegschaften als Kostenfaktor wahrgenommen. Nun gibt es eine Rückbesinnung auf ethisch verantwortungsvolles Unternehmertum: Die Beschäftigten sind mit ihrem Fleiß, ihrem Können und ihrem Einfallsreichtum das wichtigste Kapital eines Unternehmens.

Und es kehrt langsam die Einsicht zurück, dass Arbeit die Hauptquelle des Wohlstandes überhaupt ist.

Die Verknappung des Arbeitskräfteangebots bringt uns der Vollbeschäftigung immer näher. Allerdings birgt diese Entwicklung auch Probleme - nämlich die Forderung nach noch mehr Leistung, die Gefahr von Überforderung und mehr Stress am Arbeitsplatz. Davon können besonders leistungsschwächere Arbeitnehmer betroffen sein.

Deswegen brauchen wir intelligente Arbeitsplätze. Arbeitsabläufe müssen vereinfacht und organisatorische Fehler müssen korrigiert werden. Wir brauchen ein geschmeidiges Arbeiten, das selbst unter Druck Kreativität fördert, Spaß macht und nicht die Kräfte verzehrt.

Erforderlich ist auch eine Neubewertung der Ausgewogenheit von beruflichem Engagement und Privatleben.

Die christliche Soziallehre weist zu Recht immer wieder darauf hin, dass der Mensch nicht für die Arbeit, sondern die Arbeit für den Menschen da ist.

Es gehört zu den Zukunftsaufgaben einer modernen Gesellschaft, eine gerechte Balance zwischen Berufs- und Privatleben zu finden.

Und solange es noch Arbeitssuchende gibt, bleibt es eine moralische Verpflichtung, über eine bessere Verteilung der vorhandenen Arbeit nachzudenken.

Zur Balance von Arbeit und Freizeit gehört auch eine Entwicklung, die uns schon heute erhebliche Sorgen bereitet und die morgen zu dramatischen Verwerfungen in der Gesellschaft führen kann: der rasante Rückgang der einheimischen Bevölkerung. Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die Streitfrage eingehen, ob und inwieweit dieser Rückgang durch verstärkte Zuwanderung kompensiert werden kann. Ich will vielmehr auf den Zusammenhang von Arbeitswelt und Geburtenrate hinweisen.

Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass die geltenden Arbeitsbedingungen als wenig familienfreundlich empfunden werden.

Es geht dabei nicht nur um die vielbeschworene „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ bei Frauen. Es geht um unsere Arbeitskultur insgesamt. Noch immer stoßen zu oft in der Praxis betriebliche Anforderungen und familiäre Erfordernisse unvereinbar aufeinander.

Von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern wird voller Einsatz erwartet. Sie sollen zu Überstunden bereit sein. Mobil sollen sie sein, bei Bedarf in eine andere Stadt oder ins Ausland umziehen. Und sich überhaupt voll und ganz auf die Arbeit konzentrieren.

Das Prinzip Verantwortung fordert auch hier ein ganzheitliches Denken

 

Meine Damen und Herren,

abschließend ein Wort zu Wirtschaft und Arbeit in Regensburg.

Wir sind in der glücklichen Lage, dass bei uns das Verhältnis von Arbeitsplätzen zu Einwohnern größer als Eins ist – zusammen mit Wolfsburg und Frankfurt am Main; nur 3 von 412 Landkreisen und kreisfreien Städten können das von sich sagen.

Dies ist ein Ergebnis der intensiven Bemühungen der Stadt um die Pflege bestehender und um die Ansiedlung neuer Betriebe - und um den Ausbau einer leistungsfähigen, wirtschaftsfreundlichen Infrastruktur.

Ich danke allen, die beteiligt waren an dieser Entwicklung, die uns in die Spitzengruppe der attraktivsten Wirtschaftsstandorte Deutschlands getragen hat.

Ihnen allen wünsche ich einen schönen 1. Mai und viel Erfolg!