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Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus am Donnerstag, 27. Januar 2011, um 19.30 Uhr, in der Stiftskirche St. Johann


Anrede,

vor allem Ihnen, meine verehrten jungen Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt gilt wie stets bei dieser Gedenkfeier mein besonderer Gruß und auch mein Dank für die Teilnahme. Aber natürlich besonders auch allen, die über Jahrzehnte hinweg Erinnerungskultur in Regensburg aufgebaut und wach gehalten haben.

Wir nehmen uns heute Zeit für etwas Unangenehmes und Notwendiges, Zeit zum Erinnern an ein dunkles Kapitel unserer Geschichte, Zeit zum ehrenden Gedenken an die vielen Millionen Opfer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft in Europa und im Besonderen für viele Bürgerinnen und Bürger aus unserer Stadt, die durch den NS-Terror umgekommen sind. Und nicht zuletzt bekunden Sie alle mit Ihrer Teilnahme die Mahnung, dass nicht noch einmal ein solch fundamentaler Zivilisationsbruch passieren darf.

Die Missachtung unserer christlich-abendländischen Kultur, das Vergessen der Aufklärung, das Negieren gemeinsamer und unabdingbarer Werte hat ab 1933 von Deutschland aus die Völker vieler Länder Europas und der ganzen Welt bis 1945 in Krieg und Verderben gestürzt.

Ihre Anwesenheit bei dieser Gedenkfeier werte ich als ein gemeinsames Bekenntnis, es nie mehr zu einer Situation kommen zu lassen, die all die Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch die Nazis und ihre Helfer erst möglich gemacht hat. Es ist ja nicht eine Pflichtübung oder nur bloße Tradition, dass wir am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahr 1945, der Holocaust-Opfer gedenken und all der Menschen, die unter nationalsozialistischen Terror ihr Leben lassen mussten.

Auschwitz mit seinen Gaskammern und Verbrennungsöfen steht als schreckliches, sich den Dimensionen des Denkens nach wie vor entziehendes Synonym für den millionenfachen Mord an Juden und für die Vernichtung von Sinti und Roma sowie den Mord an NS-Gegnern.

Meine Damen und Herren, gerade in Deutschland wissen wir, dass unsere Vorstellung von Zukunft der Erinnerung bedarf. Denn jede Generation muss wieder aufs Neue lernen und begreifen, ein Bollwerk gegen Unmenschlichkeit und menschenverachtende Systeme errichten. Es gilt, die Trägheit des Herzens und die Milde des Vergessens zu überwinden und sich einzumischen, wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden, wo Kriege angezettelt werden, wo Rassismus und inhumane Ideologien Menschen ausgrenzen, vertreiben oder in letzter blutiger Konsequenz auch ausrotten.

Die apokalyptischen Reiter des Terrors und des Rassismus’ - die gibt es immer noch. Sie können Gesellschaft und Staat heute nicht ernsthaft bedrohen. Wir müssen dafür sorgen, dass es nicht morgen anders ist!

Meine Damen und Herren, es ist uns allen bewusst, dass Gedenkkultur ein schwieriger Prozess ist. Je länger die Ereignisse zurück liegen, desto eher besteht die Gefahr, zu bestimmten Anlässen ein Ritual abzuspulen, das zwar die öffentliche Wahrnehmung, aber nicht mehr die Herzen und den Verstand der Menschen erreicht. Es ist daher unsere Aufgabe, Gedenktage wie den heutigen mit Sinn zu erfüllen. Erinnern heute muss deshalb von der Phantasie und dem Willen getragen sein, neue Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen und autoritären Problemlösungen eine Absage zu erteilen. Je komplexer und je multinationaler die Aufgaben und Herausforderungen in der globalisierten Welt sind, desto eher neigen wir ja dazu, uns abzuschotten bis hin zur Neigung unsere Verantwortung an einen starken Mann, einen Heilsbringer abzugeben.

Denn auch das dürfen wir nicht vergessen: Die demokratische Gesellschaft kann gleichzeitig ein starkes und ein fragiles soziales und politisches Organisationsprinzip sein. Die Menschheit wird niemals ganz davor gefeit sein, Demokratie wie einen löchrigen Mantel abzulegen, wenn in Notzeiten selbsternannte Führer den Menschen versprechen, Sicherheit und Wohlergehen zu garantieren.

Wie heißt es in einem satirischen Gedicht von Heinrich Heine: „Die Freiheit hat man satt am End...“. Autoritäre Führung mit einfachen Problemlösungsvorschlägen und Schuldzuweisungen an erklärte Feinde hat - wenn es den Menschen schlecht geht - allzu oft einen verführerischen Glanz. Diesen Verlockungen zu widerstehen, das sind wir den Opfern der NS-Herrschaft schuldig.

Niemand, auch kein Volk, hat es gern, wenn man stets an seine Schuld oder die Schuld der Vorfahren erinnert. Die Schuldigen werden genauso weniger wie die Opfer. Und Kollektivschuld über Generationen gibt es nicht. Wir unterziehen uns der Erinnerungsarbeit trotzdem, weil wir nur in der Beschäftigung mit schuldhaftem Handeln in der Vergangenheit fähig werden, etwas für die Zukunft zu lernen. Um dieses Lerneffekts willen treffen wir uns heute hier und gedenken aller Opfer des Nationalsozialismus.

Schuld stirbt mit jenen ab, die sich etwas zu Schulden kommen ließen. Die Verantwortung aber lebt weiter. Ihr können sich auch nachfolgende Generationen nicht entziehen. Ihr haben wir uns zu stellen.

Immer und immer wieder beschäftigt uns die Frage, wie konnte es dazu kommen: zu Terror und Krieg, zu Unterdrückung und millionenfachem Mord? Die Antwort darauf ist komplex, im Grunde aber sehr einfach. Es hat bei uns nicht zu viele fanatische Nazis, KZ-Wächter, Kriegstreiber, Antisemiten und Demokratieverächter gegeben. Nein, die nüchterne Wahrheit sieht anders aus: Es gab zu wenige, die sich dem unmenschlichen, perfiden und barbarischen System der Nazis rechtzeitig entgegengestellt haben, zu wenige, die Juden und NS-Gegner in Schutz genommen haben, zu wenige, die sich dem Wahnsinn des Eroberungskrieges versagt haben, zu wenige, die für den Rechtsstaat und die Demokratie eingetreten sind.

Seit einigen Monaten wird von Historikern die Fragen diskutiert, ob auch das Auswärtige Amt im Dritten Reich als verbrecherische Organisation einzustufen sei, die sich am Holocaust beteiligt habe. Eine Kommission, von der die NS-Vergangenheit des Außenministeriums untersucht wurde, kommt in ihrem umfangreichen Abschlussbericht zu diesem provokanten Schluss.

Es steht mir nicht an, zu entscheiden, welche Fraktion der Geschichtswissenschaftler Recht hat. Eines wird durch den Disput aber auch den Laien klar: Es gab zu wenige Diplomaten, die sich der NS-Vernichtungspolitik widersetzt haben. Es gab zu viele, die mitgemacht haben, aus Karrieregründen, aus Angst, aus vorauseilendem Gehorsam, aus Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Juden in Deutschland und den okkupierten Ländern. Man habe ja nichts machen können gegen die gnadenlose Terrormaschine der NS-Diktatur: Immer wieder hörte man diese Rechtfertigung nach 1945 in Deutschland.

Ja, es stimmt: Keiner von uns Heutigen kann aufstehen und sagen, er hätte den Mut aufgebracht zu widerstehen. Und niemand sollte für sich selbst die Hand ins Feuer legen, er hätte anders gehandelt. Trotzdem dürfen wir uns nicht um ein Urteil drücken. Wir müssen Versagen ein Versagen nennen. Wir müssen Schuld eine Schuld nennen, um überhaupt aus der Geschichte lernen zu können.

Vor wenigen Wochen ist der Briefwechsel zwischen James Graf von Moltke und seiner Frau Freya in Buchform erschienen. Auf Moltkes schlesischem Gut Kreisau hatten sich NS-Gegner getroffen, um ein anderes, ein besseres Deutschland nach dem Sturz der Hitler-Diktatur vorzubereiten. Moltke wurde am 23. Januar 1945 hingerichtet.

Die Briefe zwischen dem Todgeweihten und seiner Frau sind nicht nur Zeugnisse einer großen unerschütterlichen Liebe. Sie künden auch davon, dass Leben mehr ist als bloßes Überleben. Freya von Moltke hatte den Mut, in ihren Briefen zu bekennen, dass sie zu ihrem Mann stehe und sein Handeln billige. Dieses ist - so meine ich - ein Beispiel von Liebe, Solidarität und Charakter in finsteren Zeiten. So eine Haltung muss uns Richtschnur sein und nicht die Erklärungen der allzu vielen Mitläufer, die den Mund gehalten und im System funktioniert haben, so plausibel sie im Einzelfall auch sein mögen.

Und auch das ist unsere Pflicht: Wir müssen den Opfern ein Gesicht geben, sie beim Namen nennen, um ihr Schicksal dem Vergessen entreißen. Damit machen wir die Absicht des NS-Regimes zunichte. Denn die Mörder wollten mit der physischen Vernichtung der Juden und all ihrer Gegner auch die Erinnerung an sie tilgen.

Deshalb gilt heute all denen mein besonderer Dank, die in Regensburg das Erinnern an die Opfern der Nazi-Herrschaft möglich gemacht haben. Sie haben Lebenswege und Schicksale der Menschen erforscht und aufgeschrieben, denen unsere Stadt nicht Schutz für ihre Menschenrechte, für ihr Leben geboten hat. Was damals geschah, geht uns auch heute etwas an.

Die jüdischen Mitbürger stellten die größte Opfergruppe, obwohl sie immer nur eine Minderheit in unserer Stadt waren. Sie wurden erst ihrer Rechte beraubt, ausgeplündert, an den Rand gedrängt und dann in den Osten abtransportiert - der sicheren Vernichtung entgegen.

Stellvertretend für die etwa 300 jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Regensburg, die Holocaust-Opfer wurden, nenne ich die 18-jährige Charlotte Brandis. Sie wurde mit ihren Eltern im April 1942 nach Piaski bei Lublin transportiert. In die Viehwagons wurden sogar 13 Kinder aus unserer Stadt gepfercht. Fünf Monate lang schrieb Charlotte Brandis noch Postkarten an Verwandte in Regensburg. Davon wissen wir, wie die Gewissheit für sie immer näher kam, umgebracht zu werden.

Stellvertretend für die Männer und Frauen, die in den letzten Kriegstagen noch getötet wurden, nenne ich den Domprediger Dr. Johann Maier. Er hat am 23. April 1945 mit einer großen Zahl von Bürgerinnen und Bürgern vor der Kreisleitung der NSDAP seine Sorge bekundet, Regensburg würde dem Erdboden gleich gemacht, wenn die Stadt nicht kampflos den heranrückenden amerikanischen Truppen übergeben werde. Maier wurde wegen Wehrkraftzersetzung in der folgenden Nacht erhängt, zusammen mit dem Lagerarbeiter Josef Zirkl. Der Domprediger soll vor seinem Tod bekundet haben: „Ich sterbe für Regensburg!“

Meine Damen und Herren, liebe jungen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Schicksale dieser Menschen und all ihrer Leidensgenossen sind Teil unserer Stadtgeschichte. Ihnen schulden wir Respekt und Mitleid, beides hat ihnen damals unsere Stadt nicht gegeben. Durch das Erinnern nehmen wir das Vermächtnis der Opfer an, zu bewahren, was sie gewollt haben: Ein Leben aller Menschen in Würde und Freiheit.

Nein, wir vergessen die Opfer nicht. Es ist unsere Bürgerpflicht, aus ihren Leiden eine Lehre zu ziehen: Was damals geschehen ist, darf sich niemals wiederholen. Erst wenn das sicher, können wir sagen: wir haben die bittere Lektion unserer Geschichte gelernt.

Deswegen haben wir uns heute hier versammelt. Deswegen müssen und werden wir die mahnende Erinnerung weitergeben an unsere Kinder und Kindeskinder.