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Europaregionstag Donau-Moldau 2011

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Europaregionstags am 10. Juli 2011 im Historischen Reichssaal


Anrede,

ich begrüße Sie alle recht herzlich zum Europaregionstag 2011 in Regensburg. Es ist uns eine Ehre, heuer den Tag der Europaregion Donau-Moldau in unserer Stadt ausrichten zu können.

Nach Cesky Krumlov – Krumau – im vergangenen Jahr ist Regensburg die zweite Weltkulturerbestadt, in der die Idee von der gemeinsamen europäischen Zukunft für sechs Millionen Menschen in Teilen West- und Südböhmens, Oberösterreichs und Niederösterreichs sowie Niederbayerns und der Oberpfalz gefeiert, aber auch weiterentwickelt wird.

Wir sind hier nicht nur im Herzen Europas. Wir tragen auch europäische Identität als natürliches historisches Erbe in unserem Herzen. Auch wenn uns im vergangenen Jahrhundert falsch verstandener Nationalismus und leider auch verhängnisvoller Chauvinismus auseinanderdividiert haben, so waren wir doch immer Europäer, sind Europäer um so mehr in der Gegenwart und werden in der Zukunft über nationale Grenzen hinweg Europäer sein.

Europa ist unser Schicksal. Je mehr wir das begreifen und je mehr wir das zur Handlungsmaxime machen, desto besser geht es den Menschen in unserer Region. Erst recht gibt es in der Zukunft keine Alternative zum europäischen Weg der regionalen Gemeinsamkeiten.

Meine Damen und Herren, der altehrwürdige Reichssaal, in dem wir uns hier befinden, atmet noch immer europäische Geschichte. Die hier abgehaltenen Reichstage und im besonderen Maß der sogenannte immerwährende Reichstag von 1663 bis 1806 waren ja so etwas wie eine Vorläuferinstitution des europäischen Parlaments. Das wohlhabende Königsreich Böhmen war hier genau so vertreten wie die österreichischen und deutschen Landesfürsten.

Die Reichsstadt Regensburg pflegte rege Handelbeziehungen donauabwärts, über Linz, Wien und Budapest hinaus. Regensburg als altbayerisches Zentrum neben Passau und Salzburg hat in der Zeit zwischen 8. und 14.Jahrhundert enge Kontakte zur Entwicklung Österreichs gehabt. Die Donau als alter Verkehrsweg festigte den Prozess.

Für die deutsch-böhmische Geschichte war Regensburg schon früh ein lebendiger Knotenpunkt. Ich erwähne nur, dass die Gründung des Bistums Prag 973 durch eine Übereinkunft zwischen Kaiser Otto I. und dem böhmischen Herzog Bolselav II. sowie dem Regensburger Bischof Wolfgang erfolgt ist. Böhmen gehörte damals zum kirchlichen Juristikationsbereich des Regensburger Bischofs. Über ein Jahrhundert davor hatten sich 14 slawische Fürsten in Regensburg taufen lassen.

Meine Damen und Herren, Sie sehen, dass die angestrebte Europaregion Donau-Moldau einen soliden historischen Hintergrund hat. In ihm spielte die alte Reichsstadt Regensburg eine wichtige Mittlerrolle.

Es geht heute also nicht nur darum, als Europaregion Donau-Moldau eine günstigere Ausgangsposition beim Wettlauf um Fördermittel aus Brüssel bei der INTERREG-Förderperiode 2013 bis 2019 zu haben. Es geht auch nicht allein darum, sich neben den übermächtigen Monopolregionen Prag, München, Wien und Nürnberg wirtschaftlich zu behaupten. So wichtig das alles auch ist. Es geht in erster Linie um die Menschen hier, um kulturelle Gemeinsamkeiten und Sicherung des Friedens durch Anhebung und Ausbalancieren der Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Meine Damen und Herren, auf dieser Basis ist es meine feste Überzeugung, dass das Projekt Europaregion Donau-Moldau vitale Interessen der Bevölkerung über Grenzen hinweg realisiert.

  • Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 ist ein enges Netzwerk gemeinsamer wirtschaftlicher und kultureller Aktivitäten von Ostbayern aus zum westböhmischen Nachbarn entstanden.
  • Regensburg hat eine bald 20 Jahre währende Städtepartnerschaft mit Pilsen.
  • Unsere Industrie und Handelskammer verzeichnet wachsende wirtschaftliche Kontakte mit westböhmischen Unternehmen.
  • In Regensburg und in Pilsen sind die Büros für den deutsch-tschechischen Jugendaustausch etabliert und leisten wertvolle Arbeit.
  • Die Regensburger Universität und unsere Hochschulen arbeiten eng mit der Westböhmischen Universität in Pilsen zusammen.
  • Die Universitäten Regensburg und Passau haben mit dem Bohemicum die wichtige Aufgabe übernommen, Studierenden tschechische Sprachkompetenz und Landeskunde zu vermitteln.
  • Die Oberpfälzer Realschulen bemühen sich verstärkt um die Vermittlung tschechischer Sprachkenntnisse.
  • Und nicht zuletzt kulturell bestehen vielfältige Beziehungen zwischen Ostbayern und Westböhmen. Das Gleiche kann man natürlich auch zwischen Südböhmen und Ober- und Niederösterreich auf erfreulich hohem Niveau konstatieren.

Und doch sind noch viele Synergieeffekte zu aktivieren. Nehmen wir als Beispiel den Bereich akademische Bildung und Forschung: manifestiert in den Universitäten Regensburg, Passau, Linz, Pilsen und Budweis. Hier haben wir ein Potenzial, das mit abgestimmten Zielsetzungen die Region voranbringen kann.

So wächst wieder zusammen, was zusammengehört: die Grenzregionen im Dreiländereck Deutschland, Österreich Tschechien. Die Europaregion als gemeinsames Dach kann die bestehenden Beziehungen und Netzwerke noch effektiver, noch innovativer gestalten. An Aufgaben fehlt es dabei sicher nicht. Die Zukunft verlangt die Ausgestaltung eines gemeinsamen Arbeitsmarkts, einen erweiterten grenzüberschreitenden Nahverkehr, die Intensivierung einer gemeinsamen Planung und Organisation des Fremdenverkehrs, eine gute Anbindung an die transeuropäischen Verkehrsnetze, auch ein gemeinsames europäisches Standortmarketing für die Region und nicht zuletzt auch eine Angleichung der sozialen Standards. Dass auch im sozialen Bereich einiges in Bewegung kommt, signalisiert uns die im vergangenen Monat abgeschlossene Übereinkunft der Diözesen Budweis, Pilsen, Passau, Regensburg, St. Pölten und Linz. Deren Caritas-Verbände haben sich zur Kooperation verpflichtet. Die Diözesen bekunden mit konkreten Projekten den Willen, die soziale Zukunft der Europaregion Donau-Moldau mitzugestalten.

Im Vergleich zu den 27 EU-Mitgliedsstaaten nimmt die Europaregion Donau-Moldau beim Bruttoinlandsprodukt allerdings erst einen 13. Platz ein, knapp über dem EU-Durchschnitt. Sie sehen, hier ist noch viel zu tun.

Dass wir gemeinsam die Aufgaben der Zukunft meistern werden, darum muss uns trotzdem nicht bang sein. Wir haben ein unschätzbares Kapital: fleißige Menschen, die ihre Lebensbedingungen verbessern wollen, Unternehmer, die zu Einsatz und Risiko bereit sind, Solide demokratische Gesellschaftsstrukturen und eine effektive Verwaltung.

Meine Damen und Herren, dieser Europaregionstag ist nicht von ungefähr eingebettet in das traditionelle Bayerische Jazz-Weekend auf den Straßen und Plätzen Regensburgs. Mit den österreichischen und tschechischen Beiträgen ist es eigentlich schon ein musikalisches Donau-Moldau-Ereignis. Lassen wir uns hier im Saal bei all dem Wichtigen und Ernsten, das noch zu erörtern sein wird, von der Leichtigkeit und der Grenzenlosigkeit der Jazzmusik beflügeln.

Die Europaregion Donau-Moldau ist nicht zuletzt auch ein sehr beschwingtes, ein die Gefühle und Hoffnungen der Menschen bewegendes Vorhaben. Dazu brauchen wir Kraft, Mut und auch Optimismus. Musik – und auch darin haben wir eine tief verwurzelte Tradition – bringt uns zusammen und hilft uns Großes zu vollbringen. Wir sind auf einem guten Weg. Die Europaregion Donau-Moldau ist unsere gemeinsame Zukunft. Das ist die Botschaft, die heute vom Europaregionstag 2011 in Regensburg ausgeht.