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Empfang für Kulturschaffende

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Empfangs für Kulturschaffende am Samstag, 5. November 2011, um 20 Uhr, im Historischen Reichssaal des Alten Rathauses

-Es gilt das gesprochene Wort-

Liebe Regensburgerinnen und Regensburger, Künstlerinnen und Künstler, Kulturschaffende aller Sparten, liebe Sponsoren, Galeristen und Kulturvermittler, Journalisten, Gästeführer, Vermittler der Kultur und Geschichte unserer Stadt, liebe Mitglieder des Stadtrats,

als erstes möchte ich den Mitgliedern von Mischkultur e. V. für den wunderbaren Auftritt danken. Der Verein hat mich bereits beim ersten Kulturpflaster im Rahmen des Welterbetags und beim zweiten Kulturpflaster in der Maxstraße am diesjährigen Bürgerfest begeistert. Ich bin schon sehr gespannt auf den zweiten Teil der Aufführung.

Es ist mir eine ganz besondere Freude, Sie alle heute hier im Historischen Reichsaal herzlich willkommen zu heißen. Ich freue mich, dass sie meiner Einladung so zahlreich gefolgt sind.

Jean Monnet soll am Ende seines Lebens gesagt haben: „Wenn ich es noch einmal zu tun hätte, so würde ich mit der Kultur anfangen“. Damit zweifelte der ehemalige französische Planungskommissar seinen Weg der europäischen Integration durch die wirtschaftliche Verflechtung an. Den Gründervätern der europäischen Integration versprach der Weg über die Wirtschaft der erfolgreichste zu sein. Ich möchte heute mit Ihnen nicht über die wirtschaftlichen Probleme der Europäischen Union sprechen. Über diese werden wir von den Medien rund um die Uhr informiert.

Mir erscheint es aber wichtig, was Jean Monnet mit seiner Aussage ausdrücken wollte: Wäre der Zusammenhalt innerhalb Europas heute stärker, wenn es ein Europa der gemeinsamen Kultur gäbe, wenn wir eine gemeinsame europäische kulturelle Identität hätten, so wie es starke nationale Identitäten gibt?

Ist Kultur das verbindende Element zwischen Menschen? Was ist es, was unsere Gesellschaft zusammenhält? Ist es der wirtschaftliche Erfolg oder ist es nicht viel eher die Kultur, die uns in einer Gemeinschaft vereint? Die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestags verwendet eine Definition von Kultur in der sie als Gesamtheit der unverwechselbaren geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Eigenschaften angesehen wird, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen und die über Kunst und Literatur hinaus auch Lebensformen, Wertesysteme, Traditionen und Überzeugungen umfasst.

Die Kommission schließt daraus, dass Kultur kein Ornament ist. Sie ist keine Verzierung, sondern das Fundament auf dem unsere Gesellschaft steht und auf das sie baut.

Für mich steht fest: Materielle Interessen erzeugen bei Menschen kein Gemeinsamkeitsgefühl und sind eine zu schmale Vertrauensgrundlage für gesellschaftliche Sinnorientierungen. Es ist die Kultur, die unsere Gesellschaft als Gemeinschaft zusammenhält.

Doch Kultur ist ebenso wie „Europa“ ein abstrakter Begriff. Es sind die Menschen, die solch einen Begriff mit Inhalt, mit Leben füllen. Es braucht Bürgerinnen und Bürger, die sich kulturell in ihrem Gemeinwesen engagieren. Nur so kann Kultur das verbindende Element in unserer Gesellschaft sein.

Sie alle, die heute hier versammelt sind, schenken Regensburg ihre Energie, ihre Tatkraft, ihre wertvollen Ideen und ihren kreativen, schöpferischen Geist. Ihr Einsatz macht aus einer wunderschönen Stadt eine Kulturstadt. Regensburg ist dabei kein Museum, sondern eine lebendige Stadt, in der sich Einheimische wie Zugezogene zu Hause fühlen.

Gemeinschaftlichkeit kann nicht entstehen, wenn unsere Gesellschaft aus lauter Individualisten besteht. Für ein funktionierendes Gemeinwesen braucht es Menschen, denen das Gemeinwohl am Herzen liegt, denen die Mitmenschen am Herzen liegen. Deshalb hat das Ehrenamt für unsere Gesellschaft solch große Bedeutung. Im Jahr 2011 hat das Kulturreferat das Motto „Im Zeichen des Ehrenamts“ gewählt. Die EU-Kommission hat dieses Jahr zum Jahr der Freiwilligentätigkeit ausgerufen. Noch mehr als das Wort „Freiwilligentätigkeit“ zum Ausdruck bringt, ist das Ehrenamt ein Amt, das ehrenvoll ist, das statt monetärer Entgeltung soziale Anerkennung verdienen lässt. Ohne das Engagement der ehrenamtlich tätigen Regensburgerinnen und Regensburger könnte unsere vielfältige Kulturlandschaft nicht weiterbestehen. Das Kulturamt hat diesen Tag für Sie gestaltet, um Ihnen Dankeschön zu sagen und Ihnen die volle Unterstützung auszudrücken.

Ehrenamtliches Engagement ist gelebte Solidarität. Hermann Gmeiner, Gründer der SOS-Kinderdörfer sagte einmal: „Alles Große in unserer Welt geschieht nur, weil jemand mehr tut, als er muss." Diesen Satz halte ich für sehr bemerkenswert. Ich möchte ihn nur um die Aussage ergänzen, dass auch sehr viele kleine Dinge nur geschehen, weil Menschen mehr tun als sie müssen.

Mein Dank gilt Ihnen, die Sie unser Kulturleben so reich gestalten und die Sie so wichtige Arbeit für das gemeinschaftliche Leben in Regensburg leisten. Sie schenken dem Regensburger Kulturleben bescheiden und ohne viel Aufheben zu machen eines der kostbarsten Dinge, die wir heute haben, ihre Zeit. In unserem schnelllebigen und hektischen Alltag ist es unglaublich wertvoll, dass sich so viele von Ihnen für unsere Stadt und ihr Kulturleben einsetzen, sei es als Mitglied in Gremien wie dem Kulturbeirat, als Vereinsmitglied, als Organisatorin und Organisator, als Vermittlerin und Vermittler, als Künstlerin und Künstler oder als Kulturförderer und Kultur-Ermöglicher, der Zeit und Geld investiert.

Kultur ist der identitätsstiftende Faktor, der Grundstein für das Gefühl zu einer Gemeinschaft zu gehören. Die Enquete-Kommission hat Kultur als Summe der Lebensformen, Wertesysteme, Traditionen und Überzeugungen einer Gesellschaft definiert. Doch Kultur ist nicht nur ein Bewahren, ein Zusammenhalten der Gemeinschaft, eine Weitergabe von Traditionen. Kultur ist viel mehr. Sie ist ebenso Fortschritt, Wandel und Veränderungswille. Kultur ist die innovative Kraft, die die Gesellschaft voranbringt. Gerade das bewundern wir doch so an allem kreativen Wirken: die Erschaffung von neuem, bisher nicht dagewesenen, den Erfindungsgeist und die Fantasie, die dahintersteckt. Das ist die wahre Begabung kreativer Geister: völlig neue Gedanken denken zu können, völlig neue Ideen zu entwickeln.

Neue Ideen, neues Gedankengut, kurz Visionen und Ziele sind auch der Inhalt des gerade entstehenden Kulturentwicklungsplans der Stadt Regensburg. Eine Ist-Analyse ist dafür sinnvoll und wichtig. Doch noch wichtiger als eine Rückschau und eine Bestandsaufnahme ist der Blick nach vorne. Es gilt Regensburgs reiches Potential an Kunst und Kultur Stück für Stück zu verwirklichen, so wie die Projekte aus dem „Koffer der Ideen“ zur Kulturhauptstadtbewerbung nach und nach verwirklicht werden. Das Haus der Musik ist dafür ein sehr gutes Beispiel.

Unsere Stadt bietet eine unglaublich reichhaltige Basis für spannende Projekte im Kulturbereich. Der Kulturentwicklungsplan soll eine geeignete Struktur schaffen, um die größtmöglichen kulturellen und künstlerischen Potentiale in Regensburg zu entfalten.

Für solch einen Weg, den wir in Regensburg gehen, gibt es keinen Wegweiser. Der Kulturentwicklungsplan ist ein spannender Prozess, dessen Ergebnis nicht vorherzusagen ist. Was ich aber schon sagen kann ist, dass er es nicht allen recht machen wird. Das von ihm zu verlangen ist und bleibt unmöglich.

Ich bin mir aber sicher, dass ein großer Gewinn des Kulturentwicklungsplans auch darin liegt, dass er eine umfassende Reflexion und Diskussion angestoßen hat. Kulturschaffende diskutieren spartenübergreifend über Ziele im Kulturbereich, Rahmenbedingungen und Möglichkeiten der kulturellen Entwicklung. Viele der am Prozess Beteiligten sind heute Abend hier und ich möchte Ihnen danken, dass sie dem Aufruf der Stadt Regensburg gefolgt sind und ihre guten Ideen, ihre Ziele und konkreten Projektvorschläge in den Prozess einbringen.

Im nächsten Jahr, zur Bürgerbeteiligung, werden die Regensburgerinnen und Regensburger in die gemeinschaftliche Diskussion einbezogen. Alle Bürgerinnen und Bürger sind eingeladen, den Kulturentwicklungsplan von vielen Seiten zu betrachten, sich eine eigene Meinung zu bilden und sich in der Bürgerbeteiligung 2012 zu engagieren.

Der Kulturentwicklungsplan ist eine zukunftsweisende Agenda für unsere Stadt. Auch unserer Partnerstadt Pilsen steht eine fortschrittliche Kulturplanung sogar auf europäischer Ebene bevor.

Pilsen wurde am 19. Mai 2011 vom Europäischen Ministerrat zur Kulturhauptstadt 2015 gewählt, worüber ich mich außerordentlich freue.

Nach ihrer Titelernennung begann die Arbeitsgemeinschaft Pilsen 2015 mit der strategischen Planung. Das Projekt Pilsen 2015 hat es sich zum Ziel gemacht, die internationale Zusammenarbeit innerhalb Europas zu stärken. Die Grundlage für das Entstehen eines Dialogs zwischen den einzelnen Nationen ist das gemeinsame europäische Kulturgut. Pilsen 2015 versteht sich dabei als eine offene Verbindung, die durch länderübergreifende Kooperationen ein facettenreiches Kulturangebot ermöglichen möchte.

Was erwartet uns dabei, sehr geehrte Damen und Herren? Die Stadt Regensburg ist bereits seit 1993 in einer Städtepartnerschaft mit Pilsen eng verbunden. Deshalb beteiligt sich unsere Stadt sehr gerne am Projekt „Impuls 2015“. Das Centrum Bavaria Bohemia in Schönsee startete am 1. November dieses von der EU geförderte Projekt. Projektpartner sind die Organisationsgesellschaft Pilsen 2015 und die Stadt Regensburg. Ziel von „Impuls 2015“ ist die Vorbereitung der bayerischen Beiträge zu Pilsen 2015.

Zusammen mit Ihnen, den kreativen Köpfen Regensburgs, wollen wir uns deshalb mit innovativen Projekten einbringen. Sie alle sind aufgerufen, bei der Entwicklung von kreativen Programmideen für das Kulturhauptstadtjahr mitzumachen. Eine Einladung von „Impuls 2015“ liegt für Sie heute Abend aus.

Ich freue mich auf einen reichhaltigen kulturellen Austausch mit Pilsen und sehe dieser spannenden Zusammenarbeit im Rahmen unserer intensiven Partnerschaft freudig entgegen.

Liebe Regensburgerinnen und Regensburger, liebe Kulturschaffende, Künstlerinnen und Künstler:

Sowohl Pilsen 2015 als auch der Kulturentwicklungsplan machen uns darauf aufmerksam, dass wir alle an einem Strang ziehen mit dem Bedürfnis, durch ein gemeinschaftliches Miteinander neue Impulse zu schaffen. Denn wir haben ein gemeinsames Ziel: Regensburgs kulturelle Lebendigkeit nicht nur zu erhalten, sondern mit immer neuen kreativen Ideen weiter zu gestalten.

Das sind wir dem wertvollen kulturellen Erbe und dem großen Potential unserer Heimatstadt schuldig.

Der Verein, der unseren gemeinsamen Abend künstlerisch umrahmt ist einer, der ehrenamtliches Engagement, eine spartenübergreifende Gemeinschaftlichkeit und die innovative Kraft von Kultur in sich vereint: All dies zeichnet Mischkultur e. V. aus.

In diesem Sinne freue ich mich auf einen weiteren Auftritt von Mischkultur e. V. Im Anschluss daran lade ich Sie zu einem regen Austausch bei einem Glas „Salutaris“ in die Nebenzimmer ein. Ich wünsche Ihnen, liebe Kulturschaffende, Künstlerinnen und Künstler, einen inspirierenden Abend, der sie hoffentlich mit viel Freude und positiver Stimmung in die Zukunft entlässt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit