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60 Jahre Patenschaft über die Sudetendeutsche Volksguppe

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich 60 Jahre Patenschaft über die Sudetendeutsche Volksguppe am Samstag,
22. Oktober 2011, im Reichssaal des Alten Rathauses

Anrede,

als vor 60 Jahren die Stadt Regensburg die Patenschaft über die Sudetendeutsche Volksgruppe übernahm, hat sich keiner der Beteiligten vorstellen können, welche Erfolgsgeschichte aus dieser Gemeinschaft werden würde. Drei Jahre vor dem Freistaat Bayern hat Regensburg mit seiner Patenschaft Verantwortung für die Sudetendeutschen übernommen.

Rückblickend können wir sagen: Es war ein Verhältnis des gegenseitigen Gebens und Nehmens, und es hat darüber hinaus zu einem geschichtlichen Lern- und Reifungsprozess beigetragen. Natürlich konnte in diesen sechs Jahrzehnten niemand den Vertriebenen aus Prag und Brünn, aus Pilsen und Mährisch-Ostrau und all den vielen anderen Städten und Dörfern des angestammten Siedlungsraums der Sudetendeutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien die Heimat zurückgeben.

Ein Großteil der 3,5 Millionen Vertriebenen fand in Bayern eine neue Heimat, vor allem auch in der Stadt und im Landkreis Regensburg. Neutraubling, das einst ein Fliegerhorst der deutschen Luftwaffe war, ist heute nicht zuletzt dank der Vertriebenen, die sich dort niedergelassen haben, eine wirtschaftsstarke, lebendige Stadt.

Die Jüngeren können sich nur schwer vorstellen, was es bedeutet hat, in den Jahren nach der verhängnisvollen NS-Diktatur und dem Grauen des 2. Weltkriegs das tägliche Überleben zu organisieren, Wiederaufbauarbeit zu leisten und die Grundlagen für eine demokratische Gesellschaft zu legen. Die Neubürger aus dem Sudetenland, aus Schlesien und Pommern haben dabei Großartiges geleistet.

Dabei soll aber nicht verschwiegen werden, dass ihnen der Neuanfang nicht in jedem Fall von den alteingesessenen Bürgern leicht gemacht worden ist. Es waren Zeiten der Not, der Wohnraumbewirtschaftung, der knappen Lebensmittelzuweisungen und des fehlenden Heizmaterials. Jeder war sich selbst der Nächste. Doch es gab auch bewundernswerte Beispiele der Hilfsbereitschaft.

Insgesamt können wir heute sagen, dass die Integration der Vertriebenen gelungen ist. Schon früh haben sich Sudetendeutsche in Regensburg auf allen gesellschaftlichen Ebenen engagiert. Ich darf stellvertretend für viele andere die beiden verstorbenen Kommunalpolitiker Bürgermeister a.D. Dr. Karl Pfluger und den Stadtrat Dr. Gerhard Brückner nennen.

Mit der Patenschaft, die die Stadt Regensburg einging, kam die Sudetendeutsche Galerie in unsere Stadt. Sie war die Keimzelle des heutigen Kunstforums Ostdeutsche Galerie, des einzigen überregionalen Kunstmuseums in Ostbayern. Auch das Sudetendeutsche Musikinstitut ist eine Bereicherung für das überregional ausstrahlende Kulturangebot in Regensburg.

Nach dem Krieg, als die Münchner Universität einen Teil ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit nach Regensburg verlegte, wirkten hier etliche Hochschullehrer, die von der Karlsuniversität Prag vertrieben worden waren.

Ein sehr wichtiger Aspekt im Leben der Vertriebenen ist der Heimatgedanke: Die Landsmannschaften – insbesondere die Sudetendeutsche Landsmannschaft – haben viele Jahrzehnte und oft gegen den Zeitgeist ihr Heimatbewusstsein gepflegt und gefestigt.

Das klingt nach Nostalgie, hat aber einen sehr realen Hintergrund und ein wichtiges Ergebnis.

Ich erinnere daran, dass bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und oft auch noch weit darüber hinaus, zahlreiche Angehörige der Völker Europas wie rechtlose Bauern auf dem Schachbrett der Macht hin und her geschoben wurden. Leider hat dabei das Deutsche Reich anderen Regierungen ein unrühmliches Beispiel geliefert.

Nicht zuletzt durch die Arbeit der Landsmannschaften und deren ständigen Appelle ist das Recht auf Heimat inzwischen ein in Europa einklagbares Menschenrecht. Eine Heimat zu haben, bedeutet den Menschen viel. Heimat schafft eine ganz eigene Identität. Und die Bedeutung der Heimat wird erst dann so richtig bewusst, wenn man sie verloren hat. Sie, meine Damen und Herren von der Sudetendeutschen Landsmannschaft, dürfen stolz darauf sein, die Vorreiter für das Anrecht auf Heimat gewesen zu sein. Ihre Mahnungen waren nicht umsonst.

Ob sie nun zu der Erlebnisgeneration zählen oder zur Bekenntnisgeneration: Sie haben sich um das wertvolle Gut Heimat verdient gemacht, und Sie tun dies noch heute. Das Recht auf Heimat kann man niemandem mehr streitig machen. Wir haben mit Ihrer Hilfe ein Stück mehr Identität und Humanität im Leben der Völker erreicht.

Für Ihre Aufbauleistungen im demokratischen Deutschland, in Bayern und in Regensburg und für Ihre Bemühungen um die moralische Etablierung des Heimatrechts im Bewusstsein der Völker möchte ich Ihnen den Dank aller Regensburgerinnen und Regensburger aussprechen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl hat zu Recht darauf verwiesen, dass wir unsere Beziehung zu den tschechischen Nachbarn nicht allein durch die verhängnisvolle Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und die für die Tschechen leidvolle Okkupation definieren dürfen. Wir dürfen sie aber auch nicht nur aus dem Blickwinkel der Vertreibung sehen.

Unsere heutige Verpflichtung besteht in der Erinnerung an die geschichtliche Wahrheit – und in der Gestaltung einer offenen, freundschaftlichen Zukunft zwischen Deutschen und Tschechen. Den richtigen Weg hat schon früh die Charta der Vertriebenen im Jahr 1950 gewiesen. Sie fordert das Recht auf Heimat, den Verzicht auf Rache und Vergeltung, und die Versöhnung in einem geeinten Europa. Schon viel ist geschehen, um all das zu erreichen. Die Aufgaben, die noch zu erledigen sind, fordern uns alle – ganz besonders aber die Sudetendeutschen auf der einen und die Tschechen auf der anderen Seite.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hat eine neue Phase der Beziehungen begonnen. Dafür ist Regensburg gut aufgestellt. Wir haben an der Universität das Bohemicum. Hier werden deutsche Studierende nicht nur in der tschechischen Sprache unterrichtet. Vermittelt werden auch die Geschichte und die Kultur Böhmens und Mährens.

Pilsen ist Regensburgs Patenstadt in Westböhmen. Diese Partnerschaft ist eine wichtige Grundlage dafür, dass sich alte und junge Menschen begegnen, Künstler und Studenten und Wirtschaftsleute. Regensburger Schriftsteller lesen in Pilsen. Pilsener Romanciers und Lyriker treten in Regensburg auf. Die Fakultäten der Universitäten beider Städte haben enge Kontakte. Gleiches gilt für die Diözesen Regensburg und Pilsen.

Es kommt nicht von ungefähr, dass in Pilsen und Regensburg die beiden Büros für den deutsch-tschechischen Jugendaustausch eingerichtet worden sind. Nicht zuletzt wird in einigen Schulen unserer Stadt Tschechisch gelehrt. Es findet Schüleraustausch mit tschechischen Schulen statt.

Von großem Wert sind auch die Kontakte sudetendeutscher Gruppen mit ihren früheren Heimatgemeinden, denen bei der Sanierung von Kirchen und Friedhöfen geholfen wird. Ebenso erfreulich ist die gesellschaftliche Entwicklung in der Tschechischen Republik. Junge Menschen wollen wissen, was mit den Deutschen geschehen ist, die so viele kulturelle Zeugnisse in Böhmen und Mähren zurückgelassen haben. Es gibt Bücher und Filme, in denen die Vertreibung thematisiert wird.

Vor wenigen Monaten hat der frühere tschechische Botschafter in Deutschland, Jiří Gruša, ein in Tschechien viel diskutiertes Buch veröffentlicht. Darin setzt er sich kritisch mit dem früheren tschechischen Staatspräsidenten Edvard Beneš und dessen Dekreten auseinander, in denen auch die Vertreibung der Sudetendeutschen festgelegt ist.

Es ist sehr erfreulich, dass immer mehr junge Menschen in Tschechien Deutsch lernen. Und wir wollen unsere Schülerinnen und Schüler nach Kräften dazu ermuntern, Tschechisch zu lernen. Das hilft nicht nur, unsere Nachbarn zu verstehen. Mit Tschechisch findet man auch Zugang zum gesamten slawischen Kultur- und Wirtschaftsraum.

Von unschätzbarem Wert ist die Arbeit des Adalbert-Stifter-Vereins. Bei uns in Bayern, aber auch in Tschechien, bietet er eine breite Plattform für kulturelle Begegnungen. Seine Arbeit führt Menschen zusammen und macht deutlich, wie eng die kulturellen Verflechtungen zwischen Deutschen und Tschechen sind. So wird endlich wieder ins Bewusstsein gerückt, dass es in der Geschichte der Deutschen und Tschechen viel mehr Gemeinsames als Trennendes gibt.

Zeichen wachsender Sensibilität für das Unrecht, das Sudetendeutschen nach 1945 angetan wurde, sind auch die ersten öffentlichen Mahnmale für deutsche Opfer in Tschechien – in Postelberg und in Aussig auf der Elbbrücke, von der Sudetendeutsche in den Tod gestoßen wurden. Der Besuch von Ministerpräsident Horst Seehofer im vergangenen Jahr markiert ebenfalls eine neue, positive Entwicklung des nachbarlichen Umgangs.

Die Verständigung zwischen den Sudetendeutschen und deren Nachkommen einerseits und den Tschechen andererseits macht auf allen Ebenen sichtbare Fortschritte. Das geschieht im Geist einer europäischen Wertegemeinschaft, zunehmend auch im Geist von Recht und geschichtlicher Wahrheit. Auf diese Weise können wir im vereinten Europa den Teufelskreis des Unrechts durchbrechen, und wir hinterlassen unseren Nachkommen eine solide Basis für eine gute Nachbarschaft.

Der 62. Sudetendeutsche Tag in Augsburg stand heuer unter dem Motto „Dialog und Wahrheit – Nachbarschaft gestalten“. Ich bin der Meinung, dass die sechs Jahrzehnte währende Arbeit der Sudetendeutschen Landsmannschaft stets unter dieser Maxime selbstlos und unbeirrt getan worden ist. Darauf ist auch unsere Patenschaft ausgerichtet. Und das ist auch die Losung, unter der wir unsere Zukunft gestalten – gemeinsam mit unseren tschechischen Nachbarn.

In diesem Sinn wird Regensburg seine besonderen Beziehungen zu den Sudetendeutschen weiter pflegen: heimatverbunden, auf der Basis des Rechts, geschichtsbewusst und im Geist europäischer Einheit. Gemeinsam begehen wir regelmäßig im Reichssaal des Alten Rathauses den „Tag der Heimat“, den wir heuer gemeinsam mit dem Jubiläum unserer Patenschaft feiern. 60 Jahre der Patenschaft Regensburgs für die sudetendeutsche Volksgruppe waren alles in allem gute Jahre für uns – und letztendlich auch für unsere tschechischen Nachbarn.

Wir haben erreicht, was so lange nur ein Wunsch war: eine Zukunft in Frieden.