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2. Regensburger Gespräch zur Religion in der Gesellschaft

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des 2. Regensburger Gesprächs zur Religion in der Gesellschaft am Dienstag, 12. April 2011, 10.30 Uhr, im Historischen Reichsaal


Anrede,

es ist mir eine Freude und Ehre, Sie zum 2. Regensburger Gespräch zur Religion in unserem Reichssaal zu begrüßen.

Hier tagte von 1663 bis 1806 ein Vorgänger unseres heutigen Parlamentarismus – der Immerwährende Reichstag. Bei den Sitzungen des Reichstags ging es immer wieder um ein Thema, das uns auch heute in diesem geschichtsträchtigen Saal beschäftigt: um politische Gemeinsamkeiten bei aller religiösen Unterschiedlichkeit.

Doch nicht nur im Zusammenhang mit dem Immerwährenden Reichstag kann das Regensburger Religionsgespräch auf einer langen Tradition aufbauen.

Vor exakt 470 Jahren fand das historische Religionsgespräch zwischen den Altgläubigen, den Katholiken also, und den Protestanten statt. Nur ein paar Schritte entfernt von hier, in der Alten Waag am Haidplatz, trafen sich vom 5. April bis zum 22. Mai 1541 namhafte Theologen, an ihrer Spitze auf der protestantischen Seite Johannes Calvin und Philipp Melanchthon. In der katholischen Delegation war Johannes Eck die herausragende Persönlichkeit.

Zu einer Einigung ist es bekanntlich nicht gekommen.

Es war übrigens Kaiser Karl V., der die Religionsparteien zu Gesprächen gedrängt hatte. Er brauchte zur Abwehr äußerer Gefahren eine gemeinsame innenpolitische Basis. Diese Problemstellung, die Karl V. zu schaffen machte, hat bis heute überlebt.

Staat und Gesellschaft benötigen zum Wachsen und Gedeihen den Frieden unter den Religionen. Das war früher so. Und das gilt auch heute.

Die deutsche Geschichte zeigt uns, dass es langer und von vielen Rückschlägen gekennzeichneter Anstrengungen bedurfte, bis Katholiken und Protestanten zu einem Miteinander gefunden haben. Diese Erfahrung lehrt uns, dass wir uns für die Integration der Muslime in die deutsche Gesellschaft genügend Zeit nehmen sollten.

Viel zu lange allerdings hat es gedauert, bis das Judentum in unsere Gesellschaft freundschaftlich einbezogen wurde. Der Holocaust mit seinem zutiefst schmerzenden Kultur- und Zivilisationsbruch mahnt laut und eindringlich daran, zu welch fürchterlichen Verirrungen Rassenwahn auf dem Boden religiöser Intoleranz führen kann.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
gerade in einer Stadtgesellschaft steht das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen tagtäglich vor immer neuen Bewährungsproben. Für ein friedliches und verständnisvolles Zusammenleben sind wir darauf angewiesen, dass die verschiedenen Religionen nach Kräften zu einem gut nachbarschaftlichen Miteinander beitragen.

Nur wenn wir eine breite gemeinsame Basis finden, ist gesellschaftlicher Friede auch dann noch zu gewährleisten, wenn große wirtschaftliche Probleme und soziale Umbrüche zu bewältigen sind.

Vom Frieden in unserer Gesellschaft hängt sehr wesentlich die Entwicklungsfähigkeit nicht nur der Kommunen, sondern unseres ganzen Landes ab. Wir benötigen gemeinsame Werte – und dabei spielen die Religionen eine zentrale Rolle. Vom friedlichen Zusammenleben der Religionen und Glaubensgemeinschaften hängt es sehr entscheidend ab, ob die in Deutschland geborenen und die nach Deutschland zugezogenen Menschen an einer gemeinsamen, erfolgreichen Zukunft arbeiten können.

Religion und Toleranz schließen einander nicht aus. Die Achtung des Glaubens der Anderen ist unverzichtbarer Bestandteil des modernen religiösen Lebens.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
wir in Regensburg sind stolz auf unsere Geschichte. Unsere Stadt gehört zu den Welterbestätten der UNESCO. Diese große Auszeichnung verpflichtet nicht nur zum achtsamen Umgang mit unserer bemerkenswerten historischen Bausubstanz. Sie verpflichtet auch zu einem sorgfältigen und kritischen Umgang mit unserem geistigen Erbe. Und dieses Erbe umfasst beileibe nicht nur glänzende historische Ereignisse. Auch in der Geschichte unserer Stadt gab es immer wieder Ausgrenzungen, Intoleranz und Gewalt gegen das Anderssein.

Ein richtig verstandenes Kulturerbe heißt, aus diesen Fehlern für die Gegenwart und die Zukunft zu lernen. Wir setzen viel daran, Menschen aus einer anderen Kultur und mit einem anderen Glauben in unsere Stadtgesellschaft aufzunehmen. In Regensburg liegt der Anteil der ausländischen Einwohner bei knapp über elf Prozent. Der größte Teil davon sind Muslime.

Die Stadt macht auf vielfältige Weise Integrationsangebote, und wir erwarten, dass diese Angebote genutzt werden. Der Sprachförderung für Kinder und Jugendliche messen wir eine ganz besondere Bedeutung zu. Solide Deutschkenntnisse sind die wichtigste Voraussetzung für die Gestaltung einer eigenen Lebensplanung und für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben unserer Stadt.

Ein Ausländerbeirat kümmert sich um die Anliegen und Sorgen der Bürgerinnen und Bürger, die aus anderen Ländern zugewandert sind.

Muslime sind im wirtschaftlichen und politischen Leben unserer Stadt aktiv.

Die christlichen Kirchen, die Jüdische Gemeinde, Muslime und Buddhisten pflegen schon seit vielen Jahren Kontakte. Sie sorgen dafür, dass sich die Angehörigen der in der Stadt vertretenen Religionen kennenlernen.

In diesem Zusammenhang haben der Stadtrat und die politische Spitze des Rathauses ein Ziel: Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen, sollen in Regensburg eine Heimat finden.

Für die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit unserer Stadt ist es von großer Bedeutung, offen und attraktiv zu sein - insbesondere für ausländische Studenten, Fachkräfte und Akademiker. Dabei ist uns die Regensburger Universität ein wichtiger Partner.

Unter Integration verstehen wir nicht, dass die Menschen, die zu uns kommen, ihre kulturellen Wurzeln kappen sollen. Wir verstehen Integration als Erweiterung der persönlichen Identität. In modernen Gesellschaften ist es zunehmend selbstverständlich, dass Menschen nicht nur eine kulturelle Identität haben. Wir begreifen die Vielfalt dieser Identitäten als Bereicherung unserer Gesellschaft. Zu dieser Bereicherung gehört auch die Auseinandersetzung mit einer anderen Religion.

Dabei sollten wir eines unbedingt beherzigen: Im interreligiösen Dialog ist es notwendig, sich genügend Zeit zu nehmen und mit Geduld aufeinander zuzugehen. Ob es die Islamkonferenzen auf Bundesebene sind oder Veranstaltungen wie die heutige: Wir sind allen dankbar, die sich der Integration annehmen. Solche Unterstützung können die Kommunen gut gebrauchen – vor allem Berlin, der große interkulturelle Brennpunkt in Deutschland.

Die in der Tat Besorgnis erregenden Verhältnisse in der Hauptstadt überlagern leider den Blick auf die durchaus ermutigende Realität in anderen Städten, insbesondere in Bayern und gerade auch in Regensburg. Hier beweisen Zuwanderer und die einheimische Bevölkerung ein großes Maß an gutem Willen und Bereitschaft zur Integration.

Sehr geehrter Herr Minister Dr. Friedrich,
Sie haben in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung Deutschland als ein „religionsfreundliches Land“ bezeichnet, „das selbstverständlich auch den Islam mit einbezieht“.

Für Regensburg möchte ich hinzufügen: Uns sind alle Menschen, die guten Willens sind, herzlich willkommen – gleichgültig, welcher Religion sie angehören.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.