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30 Jahre Beirat für Menschen mit Behinderung

Rede von Bürgermeister Joachim Wolbergs anlässlich der 30-Jahr-Feier des Beirats für Menschen mit Behinderung am Samstag, 10. September 2011

-Es gilt das gesprochene Wort-

Anrede,

herzlich willkommen im Auditorium des Thon-Dittmer-Palais, das barrierefrei zugänglich ist. Wieso ich das betone? Weil behindertengerechte Gebäude längst nicht selbstverständlich sind. Und bis dahin, bis zumindest alle öffentlichen Einrichtungen, Straßen und Plätze barrierefrei sind, ist es noch ein weiter Weg. Das wissen wir alle. Doch wir wissen auch:

Der Beirat für Menschen mit Behinderung tut sein Bestes, um die Lebensbedingungen für behinderte Menschen in Regensburg zu erleichtern, wo immer dies möglich ist. Und das seit 1981.

30 Jahre sind ein beachtliches Jubiläum, das wir heute gemeinsam feiern. Das Thon-Dittmer-Palais haben wir nicht nur deshalb als Veranstaltungsort gewählt, weil sein Innenhof und Auditorium barrierefrei zugänglich sind.

Es liegt vor allem auch zentral. Und dahin wollen wir die Themen bringen, die Menschen mit Behinderung bewegen: Weg vom Rand der Gesellschaft, mitten hinein in die Stadt.

Möglichst viele Regensburger sollten heute einen Eindruck davon bekommen können, was es heißt „behindert“ zu sein. Was es für einen Menschen bedeutet, wenn er an einen Rollstuhl gebunden ist. Wie sich blinde oder taube Menschen im Alltag zurechtfinden – und welche besonderen Anforderungen dies an eine behindertengerechte Stadtplanung stellt.

Heute sollte es jedoch nicht nur darum gehen, was unsere behinderten Mitmenschen nicht können. Mit welchen Schwierigkeiten sie täglich konfrontiert werden, weil sie eine Behinderung haben. Nein, heute sollten vor allem auch die großartigen Leistungen im Mittelpunkt stehen, zu denen Menschen trotz körperlicher oder geistiger Behinderung in der Lage sind.

Verschiedene Künstler mit Behinderung haben auf der Bühne im Innenhof des Thon-Dittmer-Palais Darbietungen gezeigt, von Pop und Rock bis hin zu Harfenklängen und Literatur. Die Band „Power Pack Music“, Dr. Peter Radtke, die Blinden Musiker München, die Veeh-Harfen-Gruppe der Singschule Neutraubling und Klaus Kreuzeder auf dem Sopransaxophon haben mich stark beeindruckt.

Für das leibliche Wohl der Gäste war natürlich auch gesorgt. Dafür danke ich ganz herzlich der Kontaktgruppe Behinderter und Nichtbehinderter sowie dem Arbeitsausschuss im Beirat für Menschen mit Behinderung.

Dem Arbeitsausschuss möchte ich bei dieser Gelegenheit mein großes Lob aussprechen. Als Vorsitzender des Beirats für Menschen mit Behinderung erlebe ich diesen Ausschuss und seine Arbeit als überaus konstruktiv, lösungsorientiert und absolut professionell.

Die meisten Themen, mit denen er sich zu befassen hat, kommen übrigens aus dem Bereich Bauen und Planen. Schließlich hängt es ganz entscheidend von den baulichen Voraussetzungen einer Stadt ab, ob sich dort auch behinderte Menschen uneingeschränkt bewegen, orientieren und zurechtfinden können.

An dieser Stelle geht ein großes Lob an die Kollegen im Planungs- und Baureferat. Die Zusammenarbeit mit dem Behindertenbeirat funktioniert hier geradezu mustergültig. Wo immer in Regensburg geplant und gebaut werden wird, binden die Kollegen den Beirat frühzeitig ein. Mit seiner Hilfe haben sie von Beginn an die Bedürfnisse behinderter Menschen im Blick, wenn es um öffentliche Einrichtungen geht. Und wie ich immer wieder mit Freude feststellen darf: Die Anregungen des Behindertenbeirats werden stets dankend aufgenommen – und umgesetzt.

Mittlerweile wurde in Regensburg auch das Gesamtkonzept „Barrierefreies Bauen“ ins Leben gerufen, das dafür sorgen soll, dass Rollstuhlfahrer und Sehbehinderte, Hörgeschädigte, aber auch ältere Menschen und Mütter mit Kinderwägen sich in der Stadt bewegen können, ohne auf unüberwindliche Hindernisse zu stoßen.

Abgesehen von Rampen für Rollstuhlfahrer geht es dabei um niveaugleiche Buseinstiege, um Aufzüge oder rollstuhlgerechte Zugänge zu Gebäuden. Um Bodenkanten oder Strukturen in Gehwegen, die mit dem Blindenstock ertastet werden können. Auch Fußgängerampeln mit einem akustischen Signal sind eine wichtige und sinnvolle Hilfe.

Maßnahmen wie diese dürfen aber nicht nur punktuell ansetzen. Deshalb hat der Beirat für behinderte Menschen auch immer den gesamten Weg zum Ziel im Blick.

Ich denke da beispielsweise an das neue Bürger- und Verwaltungszentrum, das wir konsequent behindertengerecht und barrierefrei gestaltet haben – ebenerdig von der Bushaltestelle bis hin zum Schalter, mit Leitschienen, an denen sich Blinde orientieren können, mit Induktionsschleifen, damit die Lautsprecher-Durchsagen auch mit Hörgerät verständlich sind. Und mit vielen weiteren Details, die Menschen ohne Behinderung auf den ersten Blick vielleicht gar nicht wahrnehmen würden.

Aktuell sind wir außerdem dabei, einen Arbeitsplatz für eine sehbehinderte Person in der Telefonzentrale einzurichten: Mit Hilfe eines speziellen Sprachausgabesystems versetzen wir auch blinde Mitarbeiter in die Lage, Gespräche und Ansprechpartner innerhalb der Stadtverwaltung zu vermitteln.

Keine Frage also: Die Barrierefreiheit stellt unsere Planer vor große Herausforderungen. Erst recht dort, wo Gebäude und Monumente denkmalgeschützt sind. Doch das muss kein K.O.-Kriterium sein.

Bestes Beispiel dafür, dass sich Barrierefreiheit und Denkmalschutz nicht zwingend ausschließen, ist unsere Steinerne Brücke: Nach aufwändiger Planung und intensiver Zusammenarbeit mit dem Behindertenbeirat haben wir eine für alle attraktive Lösung gefunden – ohne Schrammboards, die für behinderte Menschen ein großes Risiko darstellen würden. Und mit einer Brüstung, die auch Rollstuhlfahrern den Blick auf die Donau ermöglicht.

Oder die Tourist-Information im Alten Rathaus: Dort hat die Stadt Regensburg weit mehr als 100.000 Euro investiert, um Rollstuhlfahrern den Zutritt zu ermöglichen. Doch mit baulichen Maßnahmen allein ist es in Sachen Barrierefreiheit noch längst nicht getan. Daher hat der Behindertenbeirat bewirkt, dass die Touristen-Information seit gut einem Jahr auch Stadtführungen in Gebärdensprache anbieten kann – die übrigens sehr gut angenommen werden, wie ich gehört habe.

Barrierefrei im gesetzlichen Sinn ist diese Einrichtung dennoch nicht. Dass extrabreite Rollstuhle den Aufzug zur Touristen-Information nicht befahren können, ist ein Kompromiss, den wir aus Gründen der Finanzierbarkeit und des Denkmalschutzes machen mussten.

Dass der Behindertenbeirat auch Kompromisslösungen wie diese mitträgt, dass er der Stadt gegenüber ein selbstbewusster aber pragmatischer Partner ist, ohne überzogene Forderungen und stets mit dem Blick fürs Wesentliche – dafür möchte ich allen seinen Mitgliedern bei dieser Gelegenheit ganz herzlich danken.

Die Stadt wird nicht müde, seine Expertise einzufordern und ihn frühzeitig in ihre Planungen einzubinden – nicht nur im baulichen Bereich.

Auch Themen wie die Inklusion an Schulen, der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern, werden uns künftig sicherlich mehr beschäftigen.

Das sind gute Aussichten, wie ich finde. Denn nur dann, wenn Menschen mit und ohne Behinderung eng zusammenarbeiten und gemeinsam an einem Strang ziehen, wird es uns auch wirklich gelingen, Regensburg für alle seine Bürger attraktiv zu gestalten und weiterzuentwickeln.

Ich jedenfalls bin sehr zuversichtlich, dass wir das gemeinsam schaffen.