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Absolventenfeier Politikwissenschaft

-Es gilt das gesprochene Wort-


Rede von Stadtrat und Fraktionsvorsitzendem Norbert Hartl anlässlich der Absolventenfeier Politikwissenschaft am Freitag, 2. Juli 2010, um 19 Uhr im Großen Sitzungssaal der Universität Regensburg


Meine sehr verehrten Absolventen, verehrte Lehrende,

für mich ist es durchaus sehr spannend, als politischer Praktiker vor Ihnen zu sprechen. Schließlich sind wir Politiker und das, was wir produzieren - oder auch nicht - die Gegenstände Ihrer Studien gewesen. Und falls Sie Ihrem Fach künftig treu bleiben, dann muss unsereiner damit rechnen, auch weiterhin unter Ihrer hoffentlich allzeit freundlichen Beobachtung zu stehen.

Freundliche Beobachtung - mit der ausdrücklichen Betonung auf freundlich - können wir Politikermenschen durchaus brauchen. Schließlich mehrt sich mit der Anzahl unserer Entscheidungen leider nicht zwingend unser Ansehen.

Als vor ein paar Monaten die Zeitschrift Reader´s Digest ihr neuestes Ranking, wie man so sagt, über die Beliebtheit verschiedener Berufsgruppen veröffentlichte, da ahnte ich schon, was da wieder kommen würde. Wir Politiker landen aktuell auf Platz 18 - dem allerletzten Platz, auf etwa gleicher Stufe mit Autoverkäufern und Finanzberatern. Allerdings drängt sich der Verdacht auf, dass an diesen Umfrageergebnissen irgendwas nicht stimmen kann. Fußballspieler sind angeblich auch sehr unbeliebt, was in diesen Tagen des Vuvuzelas-Fiebers überhaupt nicht nachvollziehbar ist.

Auch Sie als Politikwissenschaftler haben sich offenbar im völlig falschen Berufsbild eingerichtet, wenn sie möglichst beliebt sein wollen. An der Spitze der angesehensten Berufe rangieren nämlich - in dieser Reihenfolge - Feuerwehrleute, Piloten, Krankenschwestern und Apotheker.

Daraus lässt sich folgern: Allein wer sich schon von Berufs wegen mit der Politik befasst, muss dafür Beliebtheitsmäßig schwer büßen. Das werden auch all jene von Ihnen noch zu spüren bekommen, die ihre wissenschaftliche Kenntnis über die Politik beispielsweise im Journalismus einsetzen wollen. Nur jeder Vierte der Befragten hat angegeben, dass er Journalisten vertraut. Also ist dieser Beruf auch keine Alternative, wenn man von allen so wirklich gemocht werden will. Auch dann nicht, wenn man den Journalismus zur Wahrheitssuche einsetzen will. Das hat schon Erich Kästner in seinem Roman „Fabian“ erkannt: Darin kommt ein Journalist vor, über den es heißt: „Sie dürfen ihm nichts übelnehmen. Er ist seit 20 Jahren Journalist und glaubt bereits, was er lügt.“

Politikwissenschaftler haben es also nicht gerade leicht, einen allseits anerkannten und beliebten Beruf zu ergreifen. Außer, Sie wollen Ihre Kenntnisse bei der Feuerwehr einsetzen. Bleibt vielleicht als einziger Ausweg der, dort zu bleiben, wo man auch studiert hat - also Politikwissenschaft zu lehren.

Da ruft nun aber der alte Otto von Bismarck dazwischen: „Die Politik ist keine Wissenschaft, wie viele der Herren Professoren sich einbilden, sondern eine Kunst!“ Das ist eine sehr interessante These, die ich zumindest teilweise nachvollziehen kann.

Als Politiker muss man in der Tat gelegentlich ein Künstler sein: Da geht es um die Kunst der Überzeugung und der Überredung. Die Kunst, komplizierteste Sachverhalte so zu vereinfachen, dass man sie auch selber noch versteht. Die Kunst, Koalitionen zu schmieden und sie dann auch auszuhalten. Und die Kunst, böse inhaltliche und sogar persönliche Angriffe an sich abtropfen zu lassen - dazu gehört auch dieser bitter-ironische Aphorimus: „Was sind Politiker? Politiker sind Menschen, die eine so dicke Haut haben, dass sie ohne Rückgrat stehen können.“

Vielleicht bedenken Sie diesen bitteren Spruch, meine sehr verehrten Absolventinnen und Absolventen, wenn der Leichtsinn Sie reitet und Sie beschließen, das zu werden, was bislang ein zentraler Gegenstand Ihrer Studien war: Politiker nämlich. Diese Entscheidung wäre ja auch sehr nahe liegend. Schließlich sollten Politikwissenschaftler doch am besten wissen, welche die grobsten politischen Fehler, Irrtümer, Tricksereien und Gemeinheiten waren und welche politischen Entscheidungen die segensreichsten.

Und bei dieser Gelegenheit können Sie dann ja selbst entscheiden, ob Sie ein viel versprechender Politiker werden wollen oder ein viel versprechender.

Auf alle Fälle aber wünsche ich mir, dass möglichst viele von Ihnen unserer schönen Welterbestadt erhalten bleiben, mit welcher beruflichen Erfüllung auch immer.