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Verleihung Brückenpreis

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich der Verleihung des Brückenpreises am Samstag, 23. Oktober 2010, um 19 Uhr im Historischen Reichssaal


Anrede,

in sehr erstaunlicher Weise wird bei der diesjährigen Verleihung des Regensburger Brückenpreises jene Bronzeskulptur, die wir mit unserer Auszeichnung überreichen, zur zweifachen Allegorie: Die Skulptur stellt Johannes von Nepomuk dar, der in Böhmen und in Bayern, bis hin nach Salzburg und sogar ins nordspanische Santander als Schutzpatron und vielfach auch als Brückenheiliger verehrt wird.

Unsere Bronzefigur ist eine Besonderheit: Sie zeigt einen doppelten Nepomuk - so, wie er tatsächlich als Granitfigur nicht allzu weit entfernt von Regensburg zu finden ist. In der kleinen oberpfälzischen Stadt Schönsee, nur ein paar Schritte entfernt von der Grenze zur Tschechischen Republik, steht an einer unscheinbaren Straße das Original des zweifachen Nepomuks.

Der eine neigt sich nach Westen, nach Bayern - der andere beugt sich Böhmen im Osten zu. Diese einzigartige Nepomuk-Darstellung verweist auf die bewegte Geschichte eines Landstrichs von europäischer Bedeutung.

Das bayerisch-böhmische Grenzland war ein Zweiherrenland. Es gehörte einst pfälzischen und bayrischen Kurfürsten - Lehensherren waren bis ins Jahr 1805 die Könige von Böhmen. Viel später dann, als eine unüberwindliche Grenze die einst engen Nachbarn Bayern und Böhmen trennte, behielt der doppelte Nepomuk unerschütterlich seine Bedeutung für den Volksglauben bei. Und so gemahnt er bis heute und auch in Zukunft daran, dass es Grundsätze gibt, die über den Gesellschaftsordnungen stehen.

Der doppelte Nepomuk, der in gegensätzliche Richtungen blickt und dennoch eins ist, weil er ja aus einem einzigen Stück Granit gehauen wurde, ist für mich auch eine verblüffende Allegorie auf die diesjährigen Träger unseres Brückenpreises.

Zwei Brüder, die als Politiker die Entwicklung der Bundesrepublik zutiefst geprägt haben - auf unterschiedlichen politischen Bühnen und in unterschiedlichen Parteien. Der ältere der Beiden, Hans-Jochen Vogel, entschied sich für die SPD. Der Jüngere, Bernhard Vogel, für die CDU.

Das mag als markanter Gegensatz erscheinen, als Ausdruck unterschiedlicher persönlicher und politischer Überzeugungen.

Auch wenn die beiden Brüder in ihren parteipolitischen Anschauungen vielleicht so manches Mal Rücken an Rücken gestanden waren - so sind sie doch stets eng verbunden: ohnehin durch ihre familiären Wurzeln, insbesondere aber durch ihre gemeinsamen Grundsätze.

In ihren Funktionen haben sie sich über Jahrzehnte hinweg für die Wahrung und Stärkung unserer Demokratie eingesetzt. Sie haben sich für die Aussöhnung, die Freiheit und für die sozialen Werte unserer Gesellschaft stark gemacht. Und Sie haben sich für das Allgemeinwohl engagiert.

Dabei haben sie mit großem Erfolg Gegensätze überbrückt und beispielhaft deutlich gemacht, dass es jenseits aller Unterschiede der Parteien einheitliche politische Grundfesten gibt:

  • Geradlinigkeit,
  • die Übereinstimmung von reden und handeln,
  • der Wille, das Beste für die Menschen und ihr Land zu erreichen, ohne dem Populismus zu verfallen.
  • Und dazu eine beeindruckende Konsequenz.

Sie beide haben nicht nur mit Ihren jeweiligen politischen Gegnern - zu denen dann ja auch der Bruder gehörte - so manchen Strauß ausfechten müssen, sondern auch mit ihren eigenen Parteifreunden oder jenen, die sich dafür hielten.

So ist Ihnen, sehr verehrter Herr Dr. Hans-Jochen Vogel, und Ihnen, sehr verehrter Herr Prof. Dr. Bernhard Vogel, eine persönliche wie auch politische Autorität zugewachsen, die bis heute und auch künftig großes Gewicht hat - als Vorbild für die Menschen in unserem Land, aber auch für das politische Geschäft.

Manche notwendige politische Auseinandersetzung wird allzu schnell zum Gezänk. Dabei erwarten die Bürgerinnen und Bürger, dass nach der Überzeugungskraft des besseren Arguments entschieden wird. Und sie erwarten Orientierung in einer Welt, die immer undurchschaubarer und komplizierter wird.

Das geht soweit, dass diese Welt gelegentlich auf die Grenzen ihrer eigenen Existenz zusteuert, wie die jüngste schwere Finanz- und Wirtschaftskrise dramatisch vor Augen geführt hat.

Auch im Zuge der um sich greifenden Verunsicherung ziehen sich immer mehr Menschen auf sich selbst zurück.

Das Gemeinwohl tritt in der öffentlichen Wahrnehmung zusehends in den Hintergrund. Es wird moniert, dass Einzelinteressen, eine Über-Individualisierung, an Gewicht gewinnen. Es droht die Gefahr, dass uns der common sense, die Empfindung dafür, was für uns alle gemeinsam das Beste ist, abhanden kommt.

Da macht es Mut, dass Bürgerinnen und Bürger unseres Landes sich dieser Strömung entgegenstellen. Abseits aller politischen Prägung übernehmen sie große gesellschaftliche Verantwortung. In Vereinen, Organisationen und mit einer stetig wachsenden Zahl von wohltätigen Stiftungen engagieren sie sich für unsere Gesellschaft. Das sind nur einige Beispiele, welche Bedeutung dem Begriff vom gesellschaftlichen Brückenbauen zukommt, gerade in einer Stadt.

Niemand in der Politik ist - um einen viel strapazierten Begriff zu bemühen - näher dran am Menschen als Jene, die die Geschicke einer Kommune lenken.

Gerade in den Städten werden wie unter einem Brennglas all die Kräfte spürbar, die ein Gemeinwesen zusammenführen oder an ihm rütteln. Gerade Städte müssen hautnah mit gesellschaftlichen Entwicklungen im Guten wie im Schlechten zurecht kommen.

Und dabei brauchen wir - auch zum Wohl des gesamten Staates - Unterstützer auf allen Ebenen, besonders aber in der Politik, im In- wie im Ausland. Wir leben heute nicht mehr in abgeschotteten Städten und Staaten - wir sind alle aufeinander angewiesen. Wir brauchen Menschen guten Willens - in unserem Land und in unseren Nachbarländern.

Aus diesem Grund hat der Stadtrat von Regensburg im Jahr 1995 den Brückenpreis gestiftet - damals aus Anlass unseres 750-jährigen Jubiläums der Regensburger Stadtfreiheit.

Unser Stadtfreiheitstag erinnert an die Verleihung des Selbstverwaltungsrechts an Regensburg durch Kaiser Friedrich II. In dieser Freiheit der Stadt konnten Bürgerstolz, Selbstbewusstsein, Eigenverantwortung und das Handeln zum Wohl aller Bürgerinnen und Bürger wachsen. So wurde die bürgerliche Demokratie in einer Stadtgesellschaft geboren.

Ein Ausdruck der Kraft, die von einer solchen Stadt ausgeht, ist übrigens auch der Historische Reichssaal, in dem wir uns befinden. Hier tagte einst der Immerwährende Reichstag - die Ständevertretung des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Sie gilt als eine Vorläuferinstitution auf dem weiten und schwierigen Weg zu einem lebendigen, funktionierenden Parlamentarismus.

Regensburg ist also eine Stadt, die seit vielen Jahrhunderten auch im übertragenen Sinn Brücken zu bauen weiß: wirtschaftliche, soziale, kulturelle, politische.

Der Regensburger Brückenpreis wird an Persönlichkeiten und Institutionen von überregionaler Bedeutung verliehen, die in besonderem Maß Grenzen oder Gegensätze politischer, nationaler, wissenschaftlicher, sozialer, kultureller oder religiöser Art überbrücken.

Eine Demokratie kann nur in dem immerwährenden Bemühen bestehen, die zwangsläufig auftauchenden Gegensätze im Inneren wie auch in den Außenbeziehungen zu überbrücken.

Das ist staatliche Ordnung im besten Sinn. Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat sie so beschrieben:

„Eine solche Ordnung kann nicht allein durch Verfassung und Gesetz hergestellt werden, sondern sie bedarf ebenso des verantwortlichen Handelns der Einzelnen. Ohne Pflichten können unsere Rechte auf Dauer nicht gesichert werden. Ohne Tugend kann auf Dauer keine Gesellschaft freier Bürger Bestand haben.“

Über diese staatsbürgerliche Pflichten und Tugenden weiß auch ein Theologe, Philosoph und Politiker bestens Bescheid, der aus nächster Nähe den Zusammenbruch der ehemaligen DDR erlebt hat und seither ihr Zusammenwachsen mit der Bundesrepublik Deutschland eng begleitet.

1943 in Frohburg in Sachsen geboren, nahm er 1962 sein Studium der Theologie und Philosophie an den kirchlichen Hochschulen in Naumburg und Berlin auf, das er im Jahr 1968 abschloss. Nach seiner universitären Assistentenzeit nahm er 1973 eine Pfarrstelle in Wiederstedt bei Hettstedt im Harz an. 1977, nach seiner Promotion, lehrte er als Dozent für Philosophie an der kirchlichen Hochschule in Naumburg, später an der kirchlichen Hochschule in Berlin.

Er war kurz vor der Wiedervereinigung in der Volkskammer der DDR Fraktionsvorsitzender der damals neu gegründeten SPD, danach Mitglied des Deutschen Bundestags.

Seiner Berufung auf den Lehrstuhl für Philosophie in Verbindung mit Systematischer Theologie an der Theologischen Fakultät Berlin im Februar 1993 ging seine Ehrenpromotion durch die Theologische Fakultät Göttingen voraus.

Seit 1993 ist er Verfassungsrichter im Land Brandenburg.

Von 1995 bis 2000 war er Vorsitzender des Kuratoriums der EXPO 2000 und von 1998 bis 2000 erster Vizepräsident der Humboldt-Universität zu Berlin.

Er gehört dem Nationalen Ethikrat an und hat den Vorsitz der Deutschen Nationalstiftung inne. Das ist die Vita von Herrn Prof. Dr. Richard Schröder.

Ich freue mich sehr, dass er nun die Laudatio auf

Herrn Bundesminister a.D.

Dr. Hans-Jochen Vogel und

Herrn Ministerpräsidenten a.D.

Prof. Dr. Bernhard Vogel

halten wird.