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Tag der Opfer des Nationalsozialismus

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger zum Tag der Opfer des Nationalsozialismus, am Dienstag, 27. Januar 2010, um 19 Uhr, in der Neupfarrkirche

Anrede,

Wie können wir unseren jungen Menschen das Unfassbare klar machen? Was können wir ihnen erzählen über die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten, die vor gut sieben Jahrzehnten die Welt in einen Strudel der Vernichtung gerissen hat?

Wie erklärt man seinen Kindern, was Holocaust bedeutet und warum dieses Wort auf immer in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt ist? Wie sollen wir diesen Massenmord beschreiben, der mit zynischer Perfektion organisiert wurde und wie ein industrielles Räderwerk funktioniert hat? Wie kann man heute das namenlose Leid erfassen? Und wie können wir das Andenken an die vielen Millionen Toten bewahren? Antworten auf diese Fragen finden wir in Geschichts- und Lehrbüchern – aber auch gleich mitten in unserer Stadt.

Am Arnulfsplatz, im Hof hinter einer unserer Traditionsgäststätten, steht das Velodrom. Hier war vor dem Beginn der Nazidiktatur einer der großen gesellschaftlichen Treffpunkte unserer Stadt. Vom Velodrom in Regensburg führt eine Spur ins Vernichtungslager nahe der südpolnischen Ortschaft Sobibor und von dort weiter in unsere Tage, in einen Sitzungssaal des Landgerichts München II.

Dort ist ein ehemaliger KZ-Wachmann, der 89 Jahre alte John Demjanjuk, wegen Beihilfe zum Mord an 27 900 Menschen im Vernichtungslager Sobibor angeklagt. Demjanjuk soll 1943 als Gehilfe der berüchtigten SS-Wachmannschaften in dem polnischen Konzentrationslager gewesen sein. Die meisten der Opfer waren jüdischen Glaubens. Unter den vielen zehntausend Ermordeten waren drei aus Regensburg: Der Velodrom-Gründer Simon Oberdorfer, seine Frau Hedwig und Julius Springer, einer der Verwandten des Ehepaars Oberdorfer.

Geschichte wird besonders dann lebendig wenn man sie am Beispiel von Menschen erzählt. Ereignisse, Jahreszahlen und Namen bekommen Gesichter. Schicksale können nachempfunden werden, auch noch viele Jahrzehnte später.

Auf einem alten vergilbten Foto sitzt ein schnauzbärtiger Herr im weißen Knickerbocker-Anzug und mit Strohhut kerzengerade auf einem Fahrrad. So kannten die Regensburger im ausgehenden 19. Jahrhundert ihren angesehenen Mitbürger Simon Oberdorfer. Er wurde freundlich Simmerl genannt. Damals spielte es noch keine Rolle, dass er jüdischen Glaubens war.

Der Geschäftsmann baute in den Jahren 1897 und 1898 hinter der Gaststätte Kneitinger eine stattliche, große Halle, ein Velodrom für das damals so beliebte Radvariété. Hier amüsierte sich ganz Regensburg bei artistischen Kunststücken und den Dressuren wilder Tiere.

Dann kamen 1933 die Nationalsozialisten an die Macht. Schon wenig später wurden Bürger jüdischen Glaubens überall in sogenannte Schutzhaft genommen, auch in Regensburg. Was zu befürchten war, wurde in den Folgejahren zur bitteren Realität: Das Hitlerregime begann zunächst damit, sich seiner politischen Gegner mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu entledigen. Wer aufbegehrte gegen die Nazis musste mit Haft und Konzentrationslager rechnen

Auf einen Teil der Bevölkerung hatten es die selbsternannten arischen Herrenmenschen ganz besonders abgesehen: Bürger jüdischen Glaubens wurden immer stärkeren Repressionen ausgesetzt, sie wurden verfolgt, in Haft genommen, in Konzentrationslager transportiert. Viele Regensburger Juden hatten schon in den ersten Jahren des Naziterrors unter ständig wachsendem Druck Deutschland notgedrungen verlassen – Deutschland, das ja ihr Heimatland war.

Simon Oberdorfer, der Variétébesitzer und Autohändler am Arnulfsplatz hielt noch aus. Er erlebte 1938 noch den von Nazis gelegten Brand der Regensburger Synagoge. In dieser Nacht vom 9. auf den 10. November wurden überall in Deutschland Wohnungen und Geschäfte jüdischer Mitbürger zertrümmert. Juden wurden misshandelt, gedemütigt, grundlos inhaftiert und in Konzentrationslager gepfercht.

Nach der sogenannten Reichspogromnacht 1938 wurden Geschäftsinhaber jüdischen Glaubens durch die sogenannte Arisierung ihrer Existenzgrundlagen beraubt. Sie wurden dazu gezwungen, ihre Firmen an Nicht-Juden zu verkaufen. Viele der Käufer machten dabei ein immens gutes Geschäft.

In wachsender Angst ums blanke Überleben flohen immer mehr Bürger jüdischen Glaubens aus Deutschland. Am 13. Mai 1939 stach im Hamburger Hafen der Passagierdampfer St. Louis in See. An Bord waren 907 deutsche Juden. Unter ihnen befanden sich der Regensburger Simon Oberdorfer, seine Frau Hedwig, deren Schwester Marie Kugler und der Schwager Julius Springer.

Die geplante Überfahrt nach Kuba wurde zu einer aufreibenden Odyssee. Die Machthaber in Havanna wiesen die St. Louis ab, ebenfalls die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika – aus heutiger Sicht eine völlig unverständliche Reaktion. Fünf Wochen mussten die verzweifelten Passagiere auf dem Nordatlantik ausharren, bis sich endlich mehrere mitteleuropäische Länder dazu bereit erklärten, die Passagiere des Dampfers aufzunehmen.

Das Ehepaar Oberdorfer und die beiden Verwandten fanden Zuflucht in den Niederlanden. Von dort wanderte die Regensburger Jüdin Marie Kugler wenig später nach Los Angeles aus. Dort war sie in Sicherheit. Das Ehepaar Oberdorfer jedoch und dessen verwandter Julius Springer entkamen den Nazis nicht: Nach der Besetzung der Niederlande durch deutsche Truppen im Jahr 1940 wurden sie zunächst in einem bei Westerbork errichteten Konzentrationslager inhaftiert und schließlich Ende April 1943 im Vernichtungslager Sobibor in Polen ermordet.

Heute erinnert im Velodrom, das unserem Stadttheater als zusätzliche Spielstätte dient, eine Gedenktafel an Simon Oberdorfer. Regensburger Autoren haben in einem Buch und einer Hörfunk-Dokumentation das Schicksal des einst so erfolgreichen und beliebten Geschäftsmanns für die Nachwelt erhalten.

Überdies beschreibt der Historiker und Hebraist Siegfried Wittmer in seinem Buch über Regensburger Juden mit bedrückenden Details die Zerstörung der jüdischen Gemeinde während der unmenschlichen Herrschaft der Nationalsozialisten.

In dieser Gedenkfeier werden Regensburger Schülerinnen und Schüler an einige weitere Schicksale von Regensburger Bürgerinnen und Bürgern jüdischen Glaubens erinnern. Mich beeindruckt es immer wieder sehr, wenn sich gerade junge Menschen dem abscheulichsten Kapitel der deutschen Geschichte stellen. Das ist ja leider nicht selbstverständlich.

Nicht wenige Bürger unseres Landes – junge wie alte – wenden heute ein, man müsse die Vergangenheit endlich ruhen lassen. Sie wollen mit der Erinnerung an menschenverachtende Verfolgung und an grausamen Massenmord nicht behelligt werden. Sie blenden einen grausamen Teil der Geschichte ihres Landes einfach aus – und werden dann doch wieder von dieser Geschichte eingeholt. Etwa dann, wenn sie am Velodrom auf die Spur des Simon Oberdorfer stoßen. Oder auch dann, wenn in den Medien über den Prozess gegen John Demjanjuk berichtet wird. Es ist wohl nicht ausgeschlossen, dass der von der SS gedungene Wachmann Demjanjuk eine Mitverantwortung an der Ermordung des Simon Oberdorfers trägt.

Wen diese tragische Verkettung völlig unberührt lässt, wer nichts mehr davon wissen will, wer die Mörder waren und wer die Ermordeten, der hat einen verhängnisvollen Weg eingeschlagen.

Bundespräsident Horst Köhler hat gesagt:
„Wer sich der eigenen Verantwortung nicht stellt, dem fehlt das Fundament für die Zukunft. Wer die eigene Geschichte nicht wahrhaben will, nimmt Schaden an seiner Seele.“

Und der frühere Bundespräsident Roman Herzog hat erklärt:
„Die Erinnerung darf nicht enden. Sie muss auch zukünftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“

Sehr geehrte Damen und Herren,
heute begehen wir erneut den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Roman Herzog hat diesen deutschen Gedenktag 1996 proklamiert. Er findet stets am 27. Januar statt – an diesem Tag im Jahr 1945 haben sowjetische Truppen die Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz befreit. Dieses Datum und dieser Ort stehen stellvertretend für die Unzahl von Konzentrationslagern, in denen Menschen ihrer Freiheit, ihrer Würde und ihres Lebens beraubt wurden.

Auschwitz ist zum Synonym für den von Deutschen organisierten und durchgeführten Massenmord an den europäischen Juden geworden – aber auch für die Vernichtung von Sinti und Roma, von behinderten Menschen, von Homosexuellen, von politisch Andersdenkenden, von Kriegsgefangenen. Auschwitz ist zum Inbegriff für ein Regime geworden, in dem die Menschenverachtung unfassbare Ausmaße annahm.

Das kaum zu beschreibende Grauen, das die Nationalsozialisten zu verantworten haben, ist eine Bürde, die nachfolgende Generationen unseres Volkes für immer zu tragen haben. Nicht eine Bürde, die Schuld weiterreicht, sondern eine Bürde, die als Auftrag zu verstehen ist – als Auftrag, das historisch gesicherte Wissen um diesen abgrundtief dunklen Abschnitt in der Menschheitsgeschichte weiterzutragen von Generation zu Generation. Nur, wer weiß, was geschehen ist, kann sich dafür stark machen, dass sich diese Geschichte nicht wiederholt. Nicht in Deutschland und nicht in anderen Ländern.

Und wir brauchen viele, die sich stark machen für die Würde und die Rechte der Menschen, ungeachtet ihrer Religion, ihrer politischen Überzeugung und ihrer ethnischen Abstammung. Wir brauchen viele, die sich gegen Diskriminierung und gegen Rassenhass stemmen. Wir brauchen viele, die unsere offene, tolerante, rechtsstaatliche Demokratie verteidigen. Und wir brauchen viele, die den heutigen Gedenktag nicht als eine Pflichtübung begreifen, sondern als Tag, der Bewusstsein schaffen will: Das Bewusstsein darüber, wer die Täter waren und wer die Opfer. Und dass die Opfer Namen haben: Simon Oberdorfer, zum Beispiel.