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Tag der Frankophonie

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Tages der Frankophonie am 18. März 2010 um 18.30 Uhr im Historischen Reichssaal

Anrede,

„Jeder Mensch von Kultur hat zwei Vaterländer: das seine - und Frankreich.“ Dieses Zitat stammt nicht etwa von einem Franzosen, sondern von einem frankophilen Amerikaner namens Thomas Jefferson, dem Thomas Jefferson, der von 1801 bis 1809 Präsident der Vereinigten Staaten war.

Ein Mensch von Kultur sein. Was bedeutet das? Das deutsche Wort Lebensart greift in meinen Augen zu kurz und das englische „Lifestyle“ hat den faden Beigeschmack eines Modeworts und weckt Assoziationen zu Funsportarten und Neuerscheinungen am Kosmetikmarkt. Kultur geht über Lebensart und Lifestyle weit hinaus. Oder wie es der französische Schriftsteller und Politiker André Malraux formulierte:

„Kultur ist die Gesamtheit aller Formen der Kunst, der Liebe und des Denkens, die, im Verlaufe von Jahrtausenden, dem Menschen erlaubt haben, weniger Sklave zu sein.“

Dem Menschen von Kultur, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist es gegeben, nicht nur weniger Sklave zu sein. Ein Mensch von Kultur begreift sich selbst als einen Teil des individuellen Kulturraumes. Insofern wirkt eine kulturelle Heimat immer auch identitätsstiftend.

Wie sehr Kultur die eigene Identität bestimmt, lässt sich gut bei interkulturellen Vergleichen erkennen. Nicht umsonst sind interkulturelle Studiengänge in Zeiten der Globalisierung sehr gefragt und oft Voraussetzung für beruflichen Erfolg.

Denn Kultur gleicht einem Eisberg. Die sichtbaren, wahrnehmbaren Aspekte der Kultur wie Literatur, Theater, Musik, Spiele, Festivitäten, Kulinarik, Umgangsformen und Rituale stehen im Bild für die Spitze des Eisbergs. Der weit größere, unsichtbare Teil, sind die dahinterstehenden Werte und Normen, Einstellungen, Erwartungen, Verpflichtungen und Gefühle.

Bayern und Frankreich haben kaum interkulturelle Probleme, teilen sie sich doch eine lange Zeit ineinander verwobener Geschichte. Kein anderes deutsches Territorium im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation ist im Lauf der Geschichte so offenkundig und betont immer wieder der Partner Frankreichs gewesen wie Bayern. Dies hatte politische Gründe, die in erster Linie aus dem meist gespannten Verhältnis Bayerns zu seinem mächtigeren Nachbarn Österreich während des Ancien Regime entsprangen. Doch unabhängig vom politischen Geschehen haben religiöse, kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen zwischen Frankreich und Bayern über ein Jahrtausend lang eben jene engen Bindungen geschaffen, die bis heute wirken. So hat Regensburg seit dem 12. Mai 1969 eine enge Städtepartnerschaft mit Clermont-Ferrand, der Hauptstadt der Auvergne. Nicht zuletzt deswegen haben viele Regensburgerinnen und Regensburger gerne Französisch gelernt und so ist Regensburg zumindest partiell auch Teil der Frankophonie.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lassen Sie uns noch einmal im Geiste viele Jahrhunderte zurück reisen. Hier, im historischen Reichssaal haben politische und weltliche Gremien getagt, es wurden wichtige Verträge ausgehandelt, es wurde Geschichte geschrieben und es wurden Geschichten produziert. Hier tagte nämlich von 1663 bis 1806, also rund eineinhalb Jahrhunderte lang, der Immerwährende Reichstag. Ein Kongress der Gesandten der Kurfürsten, die hier viele schwierige Verhandlungen führten und wohl auch mit interkulturellen Hemmnissen - auch sprachlicher Art - zu kämpfen hatten.

Da ist es gut, wenn man wenigstens einen Aspekt der Kultur des anderen beherrscht, nämlich die Sprache.

  • Sprache ist Kultur.
  • Sprache ebnet den Zugang zu den identitätsstiftenden Merkmalen einer Nation.
  • Über die Sprache wird der Kontakt zu den Werten und Normen einer Gesellschaft hergestellt.
  • Über die Sprache werden die sichtbaren Verhaltensweisen verständlich.
  • Sprache bestimmt den Blick auf die Realität.
  • Sprache ist zudem ein Spiegel der gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse.

Ein Beispiel:

Englisch die Fremdsprache, in der die meisten Bundesbürger zumindest Schulkenntnisse aufweisen können. Gute Englischkenntnisse gelten als Schlüsselqualifikation in einer globalisierten Welt, Englisch wird auch deswegen in allen Schulformen gelehrt.

Für die Jugend– und Popkultur gilt: man spricht nicht deutsch, sondern englisch. Der Vorteil ist, dass viele Kinder, die den neuesten Harry Potter in deutscher Sprache nicht abwarten wollten, das Buch einfach auf Englisch lesen konnten. Die Nachteile der zunehmenden Anglisierung von Sprachen sind Ihnen aus ihrem eigenen, französischen Hintergrund bekannt.

Und obwohl Voltaire noch der Meinung war, das Deutsche tauge eh nur zur Kommunikation mit Soldaten und Pferden, sind wir bemüht, das Deutsche davor zu bewahren, sich zu einem Denglisch zu entwickeln.

Besonders wir Bayern, die bekanntlich den schönsten Dialekt Deutschlands sprechen, beobachten mit viel Sympathie, welche Wertschätzung die französische Sprache in der Grande Nation genießt. Und wir bewundern natürlich auch die Kreativität, mit der Begriffe wie Computer oder Handy ins Französische integriert worden sind. Leider haben wir kein Loi Toubon, das den Computer in l'ordinateur, das Handy in das portable verwandelt.

Über eine kleine Brise französischer Spracheleganz können wir Bayern uns ja freuen. So ist der Begriff Bürgersteig oder Gehweg vielen Menschen hier weniger ein Begriff als das Trottoir und das Boeuf à la mode hat als Böfflamotte die bayerische Küche erobert. Begriffe wie Plafond, Chäslong und Plümo beschwören Bilder einer eleganten Bürgerlichkeit herauf, die nichts mit Spießigkeit zu tun hat, sondern im Gegenteil eine gewisse Weltläufigkeit suggeriert.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, mit der Sprachkultur ist es wie mit der Kultur selbst: Ein Fisch spürt erst dann, dass er Wasser zum Leben braucht, wenn er nicht mehr darin schwimmt. Wie sehr wir uns mit und über unsere Muttersprache definieren, bemerken wir erst, wenn wir uns nicht in ihr verständigen und ausdrücken können. Selten beherrscht jemand eine Fremdsprache so flüssig, dass er sich darin so sicher bewegt und so wohlfühlt wie der Fisch im Wasser.

Auch deswegen schätze ich Ihre Bemühungen um die französische Sprache. Sie setzen auf die verbindenden Merkmale der Sprache, denn frankophone Länder sind auf alle fünf Kontinente der ganzen Welt verteilt - aus verschiedenen Kulturkreisen, mit verschiedenen Glaubensausrichtungen und mit einer unterschiedlichen Sicht der Dinge. Die meist einzige Gemeinsamkeit dieser Länder ist die Sprache. Von Nordamerika über Afrika, bis hin zu europäischen Regionen wie sie in der Schweiz oder auch in Belgien zu finden sind, erstreckt sich die Frankophonie. Auch einige karibische Inseln sind französischsprachig. So gehört zum Beispiel St. Martin sogar zur Europäischen Union.

Der Frankophonie fällt demnach ein besonderes Gewicht zu und so erfüllt die Organisation internationale de la Francophonie nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine gesellschaftspolitische Rolle.

Für Ihre konsequente Pflege der französischen Sprache finde ich ein beeindruckendes Beispiel:

Überall auf der Welt kann ein bekannter amerikanischer Hähnchenbrater mit dem Kürzel KFC seinen englischen Geschäftsnamen verwenden, nur in Frankreich nicht. Dort heißt er PFK Poulets Frites Kentucky.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich möchte mit diesem Beispiel enden. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, ein gutes Gelingen der „Woche der französischen Sprache“ und natürlich interessante Gespräche – in welcher Sprache auch immer.