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Stadtfreiheitstag 2010

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Stadtfreiheitstags 2010 am 20. November 2010, um 20 Uhr, im Historischen Reichssaal


Anrede,

Seit Monaten verfolgt uns ein Wort. Es hat, wieder einmal, eine leidenschaftliche und bisweilen hitzige Debatte entzündet - durchaus zwischen klugen, manchmal auch weniger klugen Köpfen.

Dieses Wort beherrscht Parlamentsdebatten und Schlagzeilen, Talkshowrunden und Stammtischgespräche. Es hat viele sinnvolle Konzepte angestoßen. Es hat aber auch unbesonnene Äußerungen, Hysterie und Angst provoziert. Es beschäftigt Personalabteilungen großer Unternehmen ebenso wie Kindergärten, Schulen und Ämter. Generationen von Soziologen haben analysiert, welche Konsequenzen aus diesem Wort zu ziehen sind.

Man sieht: Integration betrifft uns alle. Integration ist zu einem wichtigen Begriff dafür geworden, wie wir in unserer Gesellschaft miteinander leben wollen. Dabei muss uns bewusst sein: Eine Gesellschaft, die sich von Menschen anderer Länder und Kulturen abschottet, kann es in einer mehr und ehr zusammenwachsenden Welt gar nicht mehr geben, so eine Gesellschaft würde nicht funktionieren - nicht wirtschaftlich, nicht politisch und nicht kulturell.

Eine Gesellschaft hingegen, die sich völlig öffnet, ohne darauf zu achten, dass ihre wesentlichen Grundregeln eingehalten werden, wird sich ebenfalls nicht lange halten können. Sie wird in einzelne Parallelgesellschaften zerfallen - mit der Gefahr schwerer Konflikte.

So kann also nur das integrierende Verhalten das Mittel der Wahl sein - die Zusammenführung von Menschen unterschiedlicher Herkunft und kultureller Prägung zu einer Gesellschaft, in der sich alle Bevölkerungsgruppen stets darum bemühen, das Gemeinsame zu erkennen und danach zu handeln.

Dies bedeutet aber nicht, dass Menschen, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind, ihre kulturellen und religiösen Wurzeln aufgeben sollen.

Der deutsch-türkische Schriftsteller Bülent Kacan weist mit Recht auf eine wichtige Unterscheidung hin: „Man kann nicht Integration meinen und Assimilation beabsichtigen“, sagt Kacan, „ohne auf Ablehnung und allmähliche Abgrenzung zu stoßen.“

Eine sinnvolle Integrationspolitik muss eben gerade Ablehnung und Abgrenzung verhindern. Dabei hat sich in die immer hektischer werdende Debatte darüber, wie das am besten zu bewerkstelligen sei, ein gravierender Fehler eingeschlichen. Die in der Tat Besorgnis erregenden Verhältnisse in den großen interkulturellen Brennpunkten vor allem in Berlin überlagern leider den Blick auf die durchaus ermutigende Realität in anderen Städten, insbesondere in Bayern und gerade auch in Regensburg.

In unserer Stadt beweisen Zuwanderer ebenso wie die einheimische Bevölkerung ein hohes Maß an gutem Willen und Bereitschaft zur Integration. Dabei wirkt die Geschichte unserer Stadt bis heute wie ein Vermächtnis.

Nur ein paar Schritte vom Reichssaal entfernt finden wir die Wahlenstraße, die den ältesten überlieferten Straßennamen Regensburgs trägt. Hier lebten zu Beginn des 12. Jahrhunderts Menschen aus dem romanischen Sprachraum - sehr wahrscheinlich stammten sie aus dem heutigen Italien. Wahlen oder Welsche wurden sie genannt. Sie selbst bezeichneten sich als „Inter Latinos“, als Menschen, die unter den Lateinern lebten.

In jener Zeit war nicht die geographische Herkunft von Bedeutung. Entscheidend für ein gedeihliches Zusammenleben war das Beherrschen der Sprache der Einheimischen - wie auch die damaligen Regensburger darauf angewiesen waren, sich mit Menschen aus anderen Kulturen verständigen zu können. Schließlich war unsere Stadt seinerzeit auf dem Sprung, eines der großen europäischen Handelszentren zu werden.

Ein sehr entscheidendes Datum in dieser beachtlichen Entwicklung war der 10. November 1245, an den wir mit unserem Stadtfreiheitstag erinnern. An diesem Tag wurde Regensburg von Kaiser Friedrich II. mit dem Edikt von Pavia in den Stand einer Freien Reichsstadt erhoben, die nur dem Kaiser unterstellt war. Dieses Edikt brachte unserer Stadt die bürgerliche Freiheit.

Es gab keine Leibeigenschaft mehr und keine Fremdbestimmung durch Baiernherzog und Bischof. Die Stadt konnte ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen - was den weit verzweigten Geschäftsbeziehungen der hiesigen Kaufleute gewiss nicht hinderlich war.

Regensburg entwickelte sich im Mittelalter zu einer bedeutenden Stadt, die durch ihren weit verzweigten Handel und durch ihren Rang als eines der großen wissenschaftlichen Zentren von unterschiedlichen Kulturen und Sprachen geprägt war. Der von Regensburg ausgehende Handel erstreckte sich im Mittelalter bis Kiew, Istanbul, Frankreich und England. Es darf als sicher gelten, dass Geschäftspartner aus diesen weit entfernten Ländern regelmäßig nach Regensburg kamen. Der Regensburger Silberpfennig war ein anerkanntes Zahlungsmittel in weiten Teilen Mittel- und Osteuropas. In die Stadt zog das ein, was wir heute Offenheit und Internationalität nennen.

Daran hatten auch Religion und Wissenschaft ihren Anteil. Das Kloster Emmeram gehörte zu den großen Wissenszentren in Europa. Mönche aus dem fernen Schottland ließen sich in Regensburg nieder. Die Rabbiner der Regensburger Talmudschule galten als Spitzengelehrte ihrer Zeit. Große Gelehrte - wie Albertus Magnus, Aventinus und Johannes Kepler - wirkten in Regensburg.

Mit dem Immerwährenden Reichstag kam von 1663 bis 1806 die große deutsche und europäische Politik in unsere Stadt. Die Gesandtenstraße erinnert uns daran, dass Diplomaten aus ganz Europa in Regensburg akkreditiert waren - und die Regensburger lebten nicht schlecht von ihnen.

Aus dieser langen und reichen Geschichte lernen wir, dass das Regensburger Denken nie nur um den eigenen Bauchnabel kreiste. Der Umgang und das Zusammenleben mit Menschen aus anderen Kulturen und Ländern gehört zum historischen Selbstverständnis unserer Stadt. Und als in Regensburg vor gut 30 Jahren erneut ein beachtlicher wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Aufschwung begann, zog die Internationalität wieder in unsere Stadt ein.

Inzwischen leben etwa 14 200 Ausländer in Regensburg - sie stammen aus nahezu allen Ländern der Erde. Ihr Anteil an der Einwohnerzahl unserer Stadt beträgt rund 10 Prozent, was leicht über dem bayerischen Durchschnitt liegt. Hinzu kommen in Regensburg 8500 Einwohner, die neben der deutschen Staatsangehörigkeit noch eine weitere besitzen.

Allein schon anhand dieser Zahlen, die in anderen Städten deutlich höher liegen, sollte eine Diskussion darüber erledigt sein, ob Deutschland ein Zuwanderungsland ist oder nicht. Menschen aus anderen Ländern, die bei uns vorübergehend ein Zuhause oder für immer eine neue Heimat gefunden haben, gehören zur Identität Regensburgs. Viele von ihnen helfen bei der internationalen Ausrichtung unserer Unternehmen und der Wissenschaft.

Die in Regensburg ansässigen großen „Global Player“ und zahlreiche Firmen-Neugründungen, dazu die Universität, ihr Klinikum und die Hochschule für angewandte Wissenschaften ziehen aus zahlreichen Ländern Wissenschaftler, Studierende und Fachkräfte an - und mit ihnen deren Familien.

Mit der Regensburg International School, die von der Stadt zusammen mit weiteren öffentlichen Partnern und zahlreichen Unternehmen unterstützt wird, wollen wir dazu beitragen, dass der internationale Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Regensburg weiter gefestigt und ausgebaut werden kann. Die hier arbeitenden Menschen aus anderen Ländern und Kulturen sollen sich bei uns wohlfühlen und jede Möglichkeit der Unterstützung und Förderung erhalten, die uns möglich ist.

Das gilt auch für Zuwanderer aus dem nicht-akademischen Bereich. Mit einer Reihe von Maßnahmen bemüht sich die Stadt nach Kräften darum, die Integration zu fördern - etwa mit dem Projekt InMigraKids, das sich speziell um Migrantenkinder und deren Eltern kümmert. Eine Psychologin und Übersetzer helfen diesen Familien dabei, unser Schulsystem zu verstehen, Fördermöglichkeiten zu erklären und vor allem deutlich zu machen, dass das Erlernen der deutschen Sprache für unabdingbar ist, um sich bei uns zurechtzufinden. Zudem wurden in Kindergärten und Grundschulen Integrationsbeauftragte benannt, die sich um die Anliegen von Migrantenkindern und deren Familien kümmern.

Diese und weitere Maßnahmen sollen sehr wesentlich dazu beitragen, dass Migrantenfamilien ohne Scheu die Unterstützung nutzen, die ihnen angeboten wird. Grundsätzlich geht es darum, dass sie möglichst ohne Einschränkungen am Leben in unserer Stadt teilnehmen können, damit wir erwarten dürfen, dass sie sich auch aktiv in unsere Stadtgesellschaft einbringen.

Die Erfahrungen unserer zuständigen Dienststellen zeigen, dass die Bildungschancen, die Angebote zur Förderung von Sprachkenntnissen und die grundlegenden Bemühungen, Zuwanderer mit unserer Gesellschaft und unserer Lebensweise vertraut zu machen, vielfach dankend angenommen werden. Die Teilnehmer an Integrationskursen, beispielsweise an unserer Volkshochschule, sind hoch motiviert. Verweigerungen sind kaum bekannt.

Mit ihrer Teilnahme an Sprach- und Informationskursen und mit der Wahrnehmung von Beratungsangeboten honorieren viele Zuwanderer unsere Anstrengungen, wichtige Grundlagen für eine gelingende Integration bereitzustellen. Dazu leistet nicht nur die Stadt ihren Beitrag. Die Kirchen und Religionsgemeinschaften in Regensburg pflegen regelmäßige Kontakte: Christen, Muslime, Juden und Buddhisten suchen regelmäßig das gemeinsame Gespräch.

Einen sehr wertvollen Beitrag zur Integration leisten viele Regensburger Vereine. Gerade beim Sport wird ja sehr schnell deutlich, dass persönliche Leistungen zählen und nicht die Herkunft.

Das gilt in gleichem Maß für die Kultur, die besonders beim „Bunten Wochenende für Toleranz und Demokratie“ Zeichen für ein entspanntes, fröhliches Miteinander in unserer Stadt setzt. Allein im vergangenen Jahr haben 50 Organisationen, Gruppen und Bands mit 500 Ehrenamtlichen zum Gelingen dieser interkulturellen Veranstaltung beigetragen.

Regensburg kann also erfreulicherweise keinen Zündstoff für die aktuelle Integrationsdebatte liefern - wobei es verfehlt wäre anzunehmen, dass in unserer Stadt das Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher Herkunft völlig frei von Problemen wäre. Oft werden im Ausland erworbene Berufs- und Studienabschlüsse in Deutschland nicht anerkannt - mit der Folge, dass ein hoch qualifizierter Akademiker bei uns Taxi fahren muss. An einer Verbesserung dieser Situation muss die staatliche Bürokratie dringend arbeiten. Aber auch in unserem direkten Lebensumfeld kann noch manches besser werden. Nicht selten herrschen noch Berührungsängste zwischen Einheimischen und jenen Nachbarn, die aus anderen Ländern zugezogen sind.

Es liegt also an jedem Einzelnen, ob er Barrieren abbauen oder sich hinter ihnen verschanzen will. Ob er andere Kulturen und Lebensgewohnheiten als Bereicherung empfindet oder als Bedrohung.

An diesem Tag, an dem wir die Verleihung unserer Stadtfreiheit vor nunmehr 765 Jahren feiern, sollten wir bedenken, was diese Freiheit bereit hält: die Selbstbestimmung einer Stadt und die Freiheit ihrer Bürger, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

Gerade wegen dieser Freiheit sind viele Menschen aus anderen Ländern zu uns gekommen. Wenn sie guten Willens sind, dann können wir ihnen dabei helfen, das Beste aus dieser Freiheit zu machen - zum Nutzen aller, die in unserer Stadt leben.