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Gedenkveranstaltung anlässlich der Ermordung von Domprediger Dr. Johann Maier, Josef Zirkl und Michael Lottner

- Es gilt das gesprochene Wort -

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger zur Gedenkveranstaltung anlässlich der Ermordung von Domprediger Dr. Johann Maier, Josef Zirkl und Michael Lottner am Donnerstag, 22. April 2010, 19.30 Uhr, Dachauplatz

Anrede,

schmerzhaftes Erinnern ist der Anlass, der uns heute hier zusammen geführt hat.

Vor 65 Jahren wurden am damaligen Moltkeplatz, unserem heutigen Dachauplatz, der 39-jährige Domprediger Dr. Johann Maier und der 70-jährige ehemalige Lagerarbeiter Josef Zirkl am 24. April, im Morgengrauen um 3.25 Uhr, an einer zwischen zwei Fahnenmasten befestigten Querstange wie Verbrecher aufgehängt.

Als Regensburger Bürger an jenem Dienstag an der Hinrichtungsstätte vorbei kamen, lag neben den beiden erhängten Opfern auf einer Bahre noch die Leiche des 46-jährigen pensionierten Polizeibeamten Michael Lottner. Er war am Tag zuvor in der Kreisleitung der NSDAP erschossen worden.

- Die drei Männer wurden umgebracht, weil sie am 23. April 1945 an einer Demonstration von mehr als tausend Menschen – in der Mehrzahl Frauen – vor dem Neuen Rathaus teilgenommen hatten.

- Die Menschen Regensburgs wollten die Machthaber zur kampflosen Übergabe der Stadt an die heranrückenden amerikanischen Truppen bewegen, um so Regensburg vor der völligen Zerstörung zu bewahren.

Wir gedenken heute dieser drei Regensburger Bürger, die den Mut hatten, sich dem sinnlosen Vernichtungswillen des NS-Terrors entgegenzustellen. Wir schließen in dieses Gedenken die übrigen 16 bekannt gewordenen Opfer aus unserer Stadt mit ein, die wegen angeblicher Wehrkraftzersetzung ihr Leben lassen mussten.

So unterschiedlich die Motive dieser Männer und die Umstände waren, die zu ihrem Tod geführt haben:

- Sie alle waren Gegner des Nationalsozialismus.

- Sie einte die Sorge um unsere Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger.

- Und sie waren überzeugt vom verbrecherischen Charakter der

NS-Herrschaft, die noch im sicheren Untergang eine Spur des Todes und der Verwüstung hinterlassen wollte.

„Hätten nur mehr den Mut dazu gehabt!“ Dieser Satz ist uns von dem 33-jährigen Johann Igl überliefert.

Igl, der Mesner in der Pfarrei Sankt Emmeram war, ist zwei Tage vor der Hinrichtung des Dompredigers und seines Leidensgenossen Josef Zirkl im Hof des Landgerichts aufgehängt worden.

Igl hat als Luftschutzpolizist viel vom Krieg verursachtes Leiden erlebt.

Er soll nach einer Einsatznacht in Regensburg vor Kameraden voll Verzweiflung gefragt haben:

„Findet sich denn keiner, der den Hitler beseitigt?“

Einen weiteren Satz von Johann Igl müssen wir als Vermächtnis aller begreifen, die in irgendeiner Form Widerstand geleistet haben. Kurz vor seinem Tod trug er seiner Frau beim Abschied in seiner Zelle auf:

„Erzähl es unseren Kindern!“

Meine Damen und Herren,

genau deshalb haben wir uns heute hier wieder versammelt: Wir müssen uns auch der dunklen Stunden unserer Stadtgeschichte bewusst bleiben.

Wir ehren die Opfer angemessen und handeln in ihrem Auftrag, wenn wir nicht vergessen, dass Widerstand gegen Unrecht Bürgerpflicht ist und dass wir nie mehr wieder zulassen dürfen, dass Demokratie und Rechtsstaat demontiert werden.

Nur so sind wir nach menschlichem Ermessen vor dem Rückfall in eine erneute Barbarei gefeit.

- Gefragt sind auch heute noch Bürgersinn und Verantwortung.

- Was in unserer Gesellschaft geschieht, darf uns nicht gleichgültig sein.

Ja, es war schwer, in den Zeiten des Terrors diese Bürgertugenden offen zu zeigen. Wer will es also Menschen verdenken, wenn sie aus Angst um ihr eigenes Leben und das Wohl ihrer Familien geschwiegen haben.

Allerdings dürfen wir auch nicht die Augen verschließen vor der Tatsache, dass nur mit Hilfe allzu vieler das Schreckensregime der Nazis buchstäblich bis zur letzten Stunde funktionieren konnte.

Als Beispiel ist hier auf den biederen Landgerichtsdirektor und seine Haltung zu verweisen. Er hat als Vorsitzender des Regensburger Standgerichts mit zwei Beisitzern das Todesurteil über den Domprediger und den alten Rentner gefällt hat, während schon das Artilleriefeuer der US-Kampfverbände zu hören war. Die US-Truppen waren dabei, ihren Belagerungsring um Regensburg zu schließen.

Wir wissen aus zwei Prozessen, in denen sich die Mitglieder des Standgerichts 1948 und 1949 verantworten mussten,

- dass durchaus auch nach dem Terrorrecht der NS-Zeit die Möglichkeit bestanden hätte, zu einem milderen Urteil zu kommen.

- Doch man beugte sich dem Tötungswillen des Gauleiters.

Der wollte den Domprediger zur Verbreitung von Angst und Schrecken hängen sehen.

Und auch das lehrt uns dieses geschichtliche Ereignis: Man beweist Bürgermut nicht aus einem spontanen Impuls heraus. Das zeigt uns vor allen anderen die Persönlichkeit des aufrechten Priesters Johann Maier.

Wir sind sehr genau darüber unterrichtet, welche Sorgen ihn um unsere Stadt und die Menschen in ihr veranlasst haben, zur Demonstration am Nachmittag des 23. April zu gehen.

Bereits in seinen Predigten im Dom und in der Niedermünster-Kirche bot er dem Ungeist der NS-Ideologie immer wieder Widerstand.

- „Nicht mitzuhassen, mitzulieben sind wir da“, legte er seinen Zuhörern ans Herz.

- In seiner Neujahrspredigt 1945 findet sich der Satz, der zur Verantwortung aufruft: „Den Weg dieses Jahres zu gehen heißt, den Kreuzweg zu gehen.“

Maiers Biograph und Mitbruder im Jesuitenorden, Ludwig Weikl, erinnert daran, wie sehr sich der Domprediger bemüht habe, Autoritäten zu finden, die sich für die Menschen in Regensburg, die Kinder und Frauen und die vielen Verwundeten in den Lazaretten, einsetzen sollten, damit auf eine völlig aussichtslose militärische Verteidigung der Stadt verzichtet werde. Er habe aber niemanden gefunden und sei überzeugt gewesen, dass er selbst ein Opfer bringen müsste.

Für die Regensburger und Regensburgerinnen ergriff der mutige Mann bei der Demonstration das Wort, um die Obrigkeit zu bitten, den Wunsch des Volkes auf kampflose Übergabe der Stadt wenigstens zur Kenntnis zu nehmen. Doch davon wollte man nichts wissen.

Gestapo-Beamte zerrten ihn von einer Luftschutzlamelle, die er zu seiner letzten Kanzel erwählt hatte, man machte ihm vier Stunden lang in der Polizeidirektion den Prozess und überlieferte ihn den SS-Henkern.

Verehrte Mitbürger und Mitbürgerinnen,

Regensburg wurde wie durch ein Wunder vor der unausweichlich scheinenden Zerstörung am

27. April 1945 bewahrt, weil die Kampftruppen der Stadt zum Aufbau einer neuen Verteidigungslinie bei Landshut benötigt wurden und das Oberkommando der Wehrmacht Regensburg freigegeben hat.

So wurde doch noch der sehnlichste Hoffnung der Regensburgerinnen und Regensburger erfüllt, für die Domprediger Dr. Johann Maier,

Josef Zirkl und Michael Lottner ihr Leben gelassen haben.

Ihr Andenken in der Geschichte unserer Stadt, aber noch viel mehr im Herzen und in den Köpfen der Bürgerinnen und Bürger zu bewahren, ist uns heute und in Zukunft Verpflichtung.

Männer wie Maier, Zirkl und Lottner – sowie all die anderen Opfer – haben unter dem Einsatz ihrer Existenz gewollt, dass unsere Stadt weiter lebt.

Hätten mehr Menschen in Deutschland zwischen 1933 und 1945 ihren Mut gehabt, dann wäre uns und den Völkern Europas der Nazi-Wahn mit seinen verheerenden Folgen überhaupt erspart geblieben.

Für uns in Regensburg heißt das:

- Es hätten nicht 3800 Bürger als Soldaten im Zweiten Weltkrieg ihr Leben lassen müssen.

- Dann hätte es nicht die über 1000 Toten bei den Bombenangriffen auf unsere Stadt gegeben.

- Dann wären nicht 250 jüdische Mitbürger und 60 kranke Menschen umgebracht worden.

Die Lehre daraus muss für uns sein: Unser Tun, aber auch unser versäumtes Handeln haben Folgen. Dafür haben wir – ob wir wollen oder nicht – auch die Verantwortung zu übernehmen.

Für Verantwortung in Gegenwart und Zukunft zu stehen, das sind wir den Opfern des Nazi-Terrors schuldig. Wir verneigen uns im Andenken an ihr vorbildliches Handeln vor ihnen.