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Empfang für "beständige Firmen" in Regensburg

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger beim Empfang für „beständige Firmen“ in Regensburg am Mittwoch, 17. März 2010, 20 Uhr, Thon-Dittmer-Palais, Auditorium

Anrede,

Unsere Zeit ist so schnelllebig und wechselhaft geworden, dass sich immer mehr Menschen nach dem Verlässlichen und Beständigen sehnen. Sie suchen Halt und Orientierung. Sie wollen nicht mitgerissen werden von den Strudeln eines Wandels, der gegenwärtig keine klare Richtung erkennen lässt.

Das trifft nicht nur die gesetzten Jahrgänge. Erstaunlicherweise sind es auch viele junge Leute ganz offensichtlich leid, sich an Verhältnisse anpassen zu müssen, die morgen schon wieder ganz anders sein können.

Die Sehnsucht nach einer Berechenbarkeit der Dinge hat sogar eine Hymne hervorgebracht, mit der die Popgruppe Silbermond vor kurzem einen ihrer größten Hits gelandet hat. Der Text beklagt eine schnelle, unbeständige Welt und beschreibt den inständigen Wunsch nach irgendwas, das bleibt.

Dieses Bedürfnis nach Sicherheit, der Wunsch, sich an etwas festhalten zu können, ist im Menschen tief verankert, gerade in wirtschaftlich turbulenten Zeiten. Allerdings ist dies kein Phänomen unserer Zeit, das war schon immer so. Zum Beispiel im Jahr 1931, als „Das Buch der alten Firmen der Stadt und des Industriebezirks Regensburg“ erschien.

In diesem Buch schrieb einer meiner Vorgänger, der Oberbürgermeister Otto Hipp, „zum Geleit“, wie man damals so schön sagte, einige – aus heutiger Sicht - recht erstaunliche Zeilen. Erstaunlich deshalb, weil sie genauso gut in unsere Zeit passen.

Hipp erwähnte den raschen Aufstieg und den ebenso raschen Verfall so mancher Firmenneugründungen.

Weiter schrieb er: „Was wir heute in unserem öffentlichen Leben vielfach schmerzlich vermissen, ist Tradition; das gilt aber auch für das Wirtschaftsleben.“ Hipp meinte eine ganz bestimmte Tradition – geprägt von kaufmännischem Geschick, wirtschaftlichem Weitblick, inneren Werten sowie von „Takt und Vornehmheit.“

Takt und Vornehmheit – wann haben wir zum letzten Mal davon gehört, dass dies zum Selbstverständnis eines deutschen Unternehmens gehört?

In jenem Buch aus dem Jahr 1931 ging es um eine Aufzählung Regensburger Unternehmen, die es damals seit 25 Jahren und noch länger gab. Diesen Firmen kam schon seinerzeit eine starke sozialpolitische Aufgabe zu, die Otto Hipp sinngemäß so beschrieb: In beständigen Unternehmen wächst eine Belegschaft heran, die aufgrund ihrer starken Verbundenheit mit dem Unternehmen Höchstleistungen zeigt. Im Gegenzug darf sie eine Sicherung ihrer Lebensverhältnisse erwarten.

Hipp bezeichnete dies als – ich zitiere – „Gemeinschaftsarbeit von Arbeitgeber und Arbeitnehmer“.

Welche Früchte diese Gemeinschaftsarbeit tragen kann, das erfahren wir sehr anschaulich, wenn wir uns in das aktuelle Buch über krisenfeste Regensburger Firmen und Institutionen vertiefen. Der Titel „Uns gab´s schon damals“ trifft übrigens, so finde ich, das Thema bestens: „Uns gab´s schon damals“ – das klingt nach bescheidenem Stolz und nach Takt und Vornehmheit. Und das Buch ist eine sehr gelungene Ergänzung der derzeit laufenden und sehr bemerkenswerten Ausstellung über die Zwanziger Jahre in Regensburg.

Den drei Buchautoren Gerd Otto, Rudolf Ebneth und Klaus Caspers möchte ich meine Anerkennung aussprechen für ihre umfangreichen Recherchen und überhaupt dafür, dass sie die Idee zu diesem Buch hatten. Es ist ein wertvolles zeitgeschichtliches Dokument. Die Mühen, die dazu notwendig waren, hat fast 80 Jahre lang niemand auf sich genommen.

Eine erste, noch lückenhaft erscheinende Auflistung alteingesessener Regensburger Unternehmen erschien 1927. Die zweite, schon deutlich umfangreichere Sammlung stammt aus dem Jahr 1931.

Nun also haben die Buchautoren herausgefunden, dass es in Regensburg derzeit die erstaunlich hohe Zahl von 160 Firmen, Institutionen und Einrichtungen gibt, die 90 Jahre alt sind, und manche davon auch noch sehr viel älter.

Die ausführliche Auflistung gleicht einem Streifzug durch unser aktuelles Branchenbuch: Handwerks- und Industrieunternehmen der unterschiedlichsten Sparten gehören zu den über 90-Jährigen. Dazu Dienstleistungsbetriebe, kleine und größere Geschäfte – und auch Gaststätten.

Das lange Bestehen all der Unternehmen, die Sie, sehr verehrte Damen und Herren, bei diesem Empfang repräsentieren, macht vor allem eines deutlich: Ihre Firmen haben 90 Jahre und oft noch viel länger allen Krisen getrotzt. Sie haben Kriege, tiefgreifende politische Umwälzungen, Währungsreformen und immer wieder schwere konjunkturelle Einbrüche überstanden. Woran das liegen mag? Nun: Ich denke, dass die jeweiligen Eigentümer und Geschäftsführer kaufmännisches Geschick und wirtschaftlichen Weitblick bewiesen haben und immer noch beweisen. Und es liegt auch daran, dass Ihre Geschäfte, Firmen und Industriebetriebe ganz offensichtlich die richtigen Produkte und seit vielen Jahrzehnten eine zufriedene Kundschaft haben.

Im Jahr 1931 beendete der Oberbürgermeister Hipp sein Geleitwort zum Buch der alten Regensburger Firmen mit einem Satz, der aus heutiger Sicht sehr prophetisch wirkt: Er äußerte den Wunsch, dass eine recht große Anzahl jüngerer Firmen in Regensburg dieselbe Lebenskraft und wirtschaftliche Gesundheit in sich tragen mögen, die den alteingesessenen Firmen ihre langjährige Existenz auch in schweren Notzeiten gewährleistet haben.

Und er stellte fest – ich zitiere: „Was wir heute in unserem öffentlichen Leben vielfach schmerzlich vermissen, ist Tradition“. Hipp meinte eine Tradition, die – so hat er es formuliert – „das Richtige finden ließ“.

Heute können wir mit großer Zufriedenheit und – ja - auch mit Stolz sagen: Regensburg hat das Richtige gefunden. Die Wirtschaft in unserer Stadt ist gottlob nicht von einer Monostruktur geprägt wie in anderen Städten. Wir haben heute weltweit agierende börsennotierte Unternehmen der Großindustrie. Wir haben einen sehr breit aufgestellten Mittelstand bestehend aus Produktion, Handwerk und Dienstleistung. Und wir haben eine große Fülle junger Unternehmen, von denen viele im Bereich der Zukunftstechnologien tätig sind.

Wir haben hervorragende Schulen und Hochschulen, und wir tun als Stadt alles, was in unserer Macht steht, um weiter all die Voraussetzungen zu verbessern, die für eine erfolgreiche Gesamtwirtschaft nötig sind.

Seit einigen Wochen scheinen sich die Folgen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise zumindest abzuschwächen. Regensburg ist von dieser Krise erkennbar weniger getroffen worden als andere Städte in Deutschland. Das liegt vor allem an der großen Streuung unserer Branchen – und es liegt an vielen Unternehmern und Vorstandsmanagern, die mithilfe der Arbeitsverwaltung alles daran setzen, ihre bestens ausgebildeten Fachkräfte im Betrieb zu halten.

Andernorts hat die Krise mit steigender Arbeitslosigkeit zugeschlagen. In Regensburg ist die Zahl der arbeitslos Gemeldeten unverändert geblieben. Das ist schon mal ein beachtlicher Erfolg.

Ihre beständigen Unternehmen, meine Damen und Herren, sind übrigens auch ein sehr schönes Beispiel dafür, wie die wirtschaftliche Tradition einer Stadt dabei hilft, mit großem Erfolg den Weg in die Zukunft zu finden. In einer Untersuchung der Zukunftschancen von 1000 Städten und Regionen in Europa belegt Regensburg aktuell den sensationellen Platz acht. In Deutschland haben wir die höchste Arbeitsplatzdichte nach Frankfurt am Main. Unserer Region wird in den kommenden 15 Jahren ein Zuwachs von 25 000 Einwohnern vorhergesagt.

All das veranlasst mich zu der großen Hoffnung, dass der schon seit vielen Jahren andauernde Aufschwung unserer Stadt so beständig sein möge wie die Firmen, Unternehmen und

Betriebe, die Sie, meine Damen und Herren, hier repräsentieren. Die einzigartige Ausstrahlung unserer Stadt haben diese vielen wirtschaftlichen Institutionen mit ihrer langen Tradition mitgeprägt. Mögen sie alle noch einmal so alt werden – mindestens.