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Deutscher Italianistentag

-Es gilt das gesprochene Wort-

Begrüßungsansprache des Oberbürgermeisters Hans Schaidinger anlässlich des Deutschen Italianistentages am Donnerstag, den 4. März 2010, um 19.30 Uhr im Reichssaal

Anrede,

wie Sie vielleicht wissen, ist Regensburg eine geschichtsträchtige Stadt. Und es gibt sogar eine historische Verbindung zwischen den Regensburgern und den Römern. Denn 179 nach Christus hat die dritte italische Legion unter Kaiser

Marc Aurel das römische Lager Castra Regina gegründet. Zeugnisse dieser Verbindung findet man noch heute in der Regensburger Altstadt. So wie die Porta Praetoria, das ehemalige Nordtor des römischen Lagers.

Deshalb freue ich mich besonders, Sie, als Teilnehmer des Deutschen Italianistentages, hier in diesen historischen Mauern des Reichssaals begrüßen zu dürfen.

Denn Kongresse, Symposien und Tagungen für die wissenschaftliche Fortbildung und den fachlichen Austausch haben in unserer Stadt eine lange Tradition.

Schon vor vielen Jahrhunderten haben hier in diesem Saal politische und weltliche Gremien getagt und es wurden wichtige Verträge ausgehandelt. Hier wurde Geschichte geschrieben und hier wurden natürlich auch Geschichten produziert.

Hier tagte nämlich von 1663 bis 1806, also rund eineinhalb Jahrhunderte lang, der Immerwährende Reichstag. Ein Kongress der Gesandten der Kurfürsten, die hier viele schwierige Verhandlungen führten.

Hier im Alten Rathaus war aber auch der Geburtsort für Redensarten, die wir heute noch gebrauchen, deren ursprünglicher Sinn aber in Vergessenheit geraten ist.

Wir sagen beispielsweise, wir schieben etwas auf die lange Bank, und meinen damit, dass wir eine möglicherweise schwerwiegende Entscheidung so lange wie möglich hinauszögern. Man erzählt, dass auf der „langen Bank“, die eigentlich für die Gesandten bestimmt war, die noch unerledigten Akten gestapelt wurden, die teilweise auch so lange gelagert wurden, bis sie am anderen Ende wieder herunterfielen.

Wenn wir heute etwas am „grünen Tisch“ entscheiden, dann bedeutet es, dass sich die Tauglichkeit eines noch theoretischen Konzepts in der Praxis erst noch erweisen muss. Angeblich wurde dieser Ausspruch ebenfalls in Regensburg in der Runde der Kurfürsten geprägt. Sie fällten an einem mit grünem Samt bedeckten Tisch Entscheidungen, die manchmal recht fern der Realität waren.

Dass Sie, verehrte Damen und Herren, nichts auf die lange Bank schieben, beweist Ihr Kongress, an dem – so hoffe ich – nicht theoretisch weltfremd wie am grünen Tisch über Themen und Projekte referiert und diskutiert wird. Dann dürfen Sie nämlich auch sicher sein, dass das Geld für diesen Kongress nicht „aus dem Fenster geworfen“ ist. Auch diese Redensart geht nämlich auf eine Geschichte zurück, die sich genau hier ereignet hat.

Denn wenn man heute davon spricht, dass jemand Geld zum Fenster hinaus wirft, es also für unsinnige Dinge ausgibt, dann müssen wir uns das Bild vor Augen rufen, wie einst der deutsche Kaiser aus diesem Fenster des Reichstagserkers dem Volk, das ihm auf dem heutigen Rathausplatz huldigte, Münzen zuwarf. Eine Aktion, die dem damaligen Kämmerer sicherlich nicht aus dem Herzen sprach. Vielleicht war er es ja, der diese Redensart geprägt hat, die uns auch heute noch ganz locker über die Lippen kommt.

Diese Geschichten beweisen, wie wichtig uns Regensburgern auch heute noch unsere Geschichte ist. Und wir sind stolz darauf, dass unsere Altstadt, deren mittelalterliches Stadtbild beide Weltkriege nahezu unbeschadet überstanden hat, im Jahr 2006 von der UNESCO mit dem Welterbe-Prädikat ausgezeichnet wurde.

Hier in unserer Stadt weht der Atem von mehr als zweitausend Jahren Geschichte.

Regensburg war jahrhundertelang Welthandelsstadt im damaligen Sinn, karolingische Königspfalz und bayerischer Herzogssitz, Bischofsstadt und schließlich Freie Reichsstadt. Unser gotischer Dom ist nicht weniger berühmt als die Regensburger Domspatzen, die ihre musikalische Botschaft in alle Welt hinaustragen. Und über die viel besungenen Strudel der Donau hinweg schwingt sich seit mehr als 860 Jahren die Steinerne Brücke, einst als Weltwunder bestaunt.

Bereits im Jahr 765 nach Christus schildert Bischof Arbeo von Freising Regensburg als „metropolis“ des bayerischen Stammes:

„Die Stadt war uneinnehmbar, aus Quadern erbaut, mit hochragenden Türmen und Brunnen reichlich versehen.“

Noch gegen Ende des neunten Jahrhunderts fand der angelsächsische König Alfred in einer Europabeschreibung unter den deutschen Stämmen nur den der Bayern erwähnenswert und eine Stadt, nämlich Regensburg.

Und auch im elften Jahrhundert beschreibt der Mönch Otloh im Kloster St. Emmeram in seiner ersten geschlossenen Darstellung unserer Stadt, Regensburg als das Bild einer blühenden europäischen Handelsstadt und als Beispiel einer königlichen und herzoglichen Residenz- und Hauptstadt:

„Die Stadt Rataspona ist alt und neu zugleich (…) es gibt keine berühmtere Stadt in Deutschland.“

Und tatsächlich: Nach Köln war Regensburg im 13. Jahrhundert die einwohnerreichste deutsche Stadt.

Auch im 17. Jahrhundert blickt ein unbekannter Regensburger Autor stolz auf den damals bereits über tausendjährigen Ruhm seiner Heimatstadt und preist die Stadt an der Donau 1666 in einem Gedichtband:

„Klein ist dein Raum zwar bemessen, doch überaus ruhmreich dein Name. Frühe schon wirst du besungen als Tochter der römischen Kaiser; heitere Stadt an der Donau, die durch zwei Inseln geteilt wird.“

Selbst der berühmte Johann Wolfgang von Goethe widmete Regensburg ein paar Worte:

„Regensburg liegt gar schön. Die Gegend musste eine Stadt herlocken.“

Als allerdings 1806 Regensburg nach sechs Jahrhunderten die Reichsfreiheit aberkannt wurde, verfiel unsere Stadt in eine Art Dornröschenschlaf, die bereits

Josef von Eichendorff konstatierte, der in seinem Tagebuch notierte:

„…wie diese alte berühmte Stadt jetzt durch die Auflösung des Reichstages öde und leer ist; nur die Kirchen schauen erhaben über die kleinlichen Jahre, einsam aus den alten kräftigen Zeiten der Herrlichkeit herüber.“

Diesem Dornröschenschlaf haben wir es aber wohl andererseits zu verdanken, dass unsere Stadt auch gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von einem Bombenhagel verschont wurde. Die Alliierten befanden Regensburg wohl für nicht wichtig genug, um es niederzubomben.

Wieder wachgeküsst wurde die schlummernde Domstadt erst Ende der 1960er-Jahre. Die Gründung der Universität, der Ausbau des Johannes-Kepler-Polytechnikums zur Fachhochschule und die Ansiedlung bedeutender Wirtschaftsunternehmen wie beispielsweise BMW sorgten dafür, dass Regensburg zu einem modernen Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort wurde.

Es ist die gelungene Symbiose zwischen alt und neu, die Regensburg so lebenswert macht. Es ist die Tatsache, dass die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt in und mit ihrer Geschichte leben.

Überzeugen Sie sich doch selbst davon und genießen Sie in Ihrer Freizeit das einmalige Ambiente, das unserer Stadt den Namen „nördlichste Stadt Italiens“ eingetragen hat. Denn es ist ein reiches historisches Erbe, dass Ihnen hier auf Schritt und Tritt begegnen wird. Vor allem die steinernen Patriziertürme legen davon ein beredtes Zeugnis ab. Sie weisen auf die engen Beziehungen zu Italien hin. Dort hatten sich die Kaufleute so manches abgeguckt und der Stadt etwas von dem südlichen Flair geschenkt, das ihr Bild noch heute prägt.

Ich wünsche Ihnen für Ihren Kongress einen erfolgreichen Verlauf. Schön, dass Sie Regensburg als Tagungsort ausgewählt haben!