Navigation und Service

55 Jahre Städtepartnerschaft Aberdeen - Regensburg

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich der Feier zum 55-jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft zwischen Aberdeen und Regensburg, Samstag, 25. September, 18.30 Uhr im Historischen Reichssaal

Anrede

Es war am 25. November 1955, als aus Aberdeen zwei Herren namens Clark und Collier in einer besonderen Mission nach Regensburg kamen. Sie warben für die Idee einer Städtepartnerschaft zwischen Aberdeen und Regensburg - und das zu einer Zeit, da die tiefen Wunden, die der Zweite Weltkrieg auch in Großbritannien geschlagen hatte, noch schmerzlich spürbar waren.

Aberdeen reichte uns die Hand zur Versöhnung und zur Freundschaft.

Für Regensburg war dies die erste Städtepartnerschaft. Und es war eine weitsichtige und weitreichende Entscheidung, die die Verantwortlichen in unseren beiden Städten damals getroffen haben.

Heute, fünfeinhalb Jahrzehnte später, erscheint unsere Städtepartnerschaft so als haben einerseits die Aktivitäten vieler Bürgerinnen und Bürger dazu geführt, dass sich im Rahmen dieser Partnerschaft Kontakte und Freundschaften entwickelt haben und als habe andrerseits eine unsichtbare Regie dafür gesorgt, dass sich in Aberdeen und Regensburg ähnliche Entwicklungen vollzogen haben.

Schon allein die Grundvoraussetzungen für diese Partnerschaft waren vor 55 Jahren vielversprechend und entfalten heute noch ihre Auswirkungen.

Den Volksstämmen der Bayern und der Schotten kommt in ihren jeweiligen Nationalstaaten eine ganz besondere Rolle zu. Schotten und Bayern pochen bis heute auf die Wahrung ihrer Identität und auf die Pflege ihres Brauchtums. Dazu gehört, dass sie ihre Eigenständigkeit bis an die Grenze des Machbaren ausdehnen.

Ihr Eigensinn ist legendär, aber auch ihre Herzlichkeit, ihre Geselligkeit und ihre Gastfreundschaft. Und es wird keine Gelegenheit zum Feiern von Festen ausgelassen. Alle diese Eigenheiten machen die Schotten wie auch die Bayern zu etwas besonderem. Beide vertreten ihren Lebensstil mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein. Und dabei lassen sie sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen - schon gar nicht durch die vielen Klischees, die über die Schotten und die Bayern kursieren.

Von den Schotten heißt es, dass sie sich gerne mit einem aus Malz, Gerste und Hopfen zusammengebrauten Getränk in einen meditativen Zustand versetzen. So sind sie in der Lage, einem sackartigen Instrument herzzerreißend romantische Klänge zu entlocken, von denen sich wiederum Urzeitmonster angezogen fühlen, die sich in tiefen Seen verstecken. Neben dem Geheimnis dieser sagenhaften Saurier interessiert die Weltöffentlichkeit die Klärung einer mindestens ebenso wichtigen Frage:

Warum trägt der Schotte einen Rock? Und was trägt er darunter?

Die Schotten selber sagen dazu nichts – nicht etwa, weil sie mit insgeheimer Freude einer weiteren Legendenbildung Vorschub leisten wollen, sondern weil sie grundsätzlich sparsam sind, auch beim Erteilen von Auskünften.

Mit verblüffend ähnlichen Klischees hat auch der Bayer zu kämpfen. Demnach legt er an besonderen Festtagen immer wieder rituelle Hosen aus Hirschleder an und versetzt sich mit einem aus Malz, Gerste und Hopfen zusammengebrauten Getränk in einen meditativen Zustand.

In diesem Stadium der Entrückung ist er in der Lage, ein Blasinstrument zu bedienen, das aus einem großen Blechrohr besteht und durchdringende, tiefe Töne von sich gibt. Die wiederum locken bei Vollmond ein Fabelwesen an, das aussieht wie eine Kreuzung aus Hase, Eule, Marder und Fuchs. Leider ist dieses Tier, Wolpertinger genannt, schon längst ausgestorben. Es hat eine Abneigung gegen manche Volksstämme, sicher nicht gegen Schotten und Bayern.

Wer also etwas darstellt in der Welt, muss auch Neid und Spott ertragen können. Wir Bayern gehen damit so um: Wir ignorieren das nicht einmal. Und ich nehme an, dass unsere schottischen Freunde damit ganz ähnlich verfahren.

All die kleinen und großen Neckereien, denen Schotten und Bayern ausgesetzt sind, haben die Freundschaft zwischen unseren Städten nur noch mehr zusammengeschweißt. Und der hervorragenden Entwicklung unserer Städte haben sie schon gar nicht geschadet. Auch da sind sich Regensburg und Aberdeen erstaunlich ähnlich.

Aberdeen lebt zu einem großen Teil von der Ölförderung - in Regensburg spielt die Produktion von Premiumautos eine sehr bedeutende Rolle.

In Aberdeen findet regelmäßig die größte britische Messe für alternative Energien statt - in Regensburg sind zwei bedeutende Unternehmen zuhause, die im großen Stil Windkraft und Sonnenenergie nutzen.

Außerdem unterstützt die Stadtverwaltung ein Genossenschaftsprojekt für erneuerbaren Energien, an dem sich unsere Bürgerinnen und Bürger beteiligen können.

In Aberdeen gehört die Biotechnologie zu den großen Wachstumsbranchen - ebenso in Regensburg. Hier müssen wir unseren Biopark bereits zum zweiten Mal erweitern, um der Nachfrage gerecht zu werden.

Mit Aberdeens beeindruckendem Seehafen können wir zwar nicht ganz mithalten - dennoch erlauben Sie mir den Hinweis, dass unser Donauhafen der größte und umschlagsstärkste in ganz Bayern ist.

In unseren beiden Städten kommt den Hochschulen eine immense Bedeutung zu. Hier werden die hoch qualifizierten Nachwuchskräfte ausgebildet, die Wirtschaft und Forschung so dringend benötigen. Die jungen Menschen aus unseren Regionen sind nicht dazu gezwungen, in eine ferne Großstadt umzuziehen, um dort studieren zu können. Und sie müssen am Ende ihrer Ausbildung nicht wegziehen, um Arbeit zu finden.

So sind Aberdeen und Regensburg nicht nur wirtschaftlich erfolgreiche, sondern vor allem auch junge Städte mit einem sehr lebendigen kulturellen Leben.

Und unsere beiden Städte haben tiefe historische Wurzeln, die bis heute in zahlreichen Gebäuden und Plätzen sichtbar sind - und nicht zuletzt dafür sorgen, dass Aberdeen und Regensburg beliebte Tourismusziele sind.

Regensburg hatte im Jahr 2006 die große Freude, in das Welterbe der UNESCO aufgenommen zu werden.

Und dennoch blicken manche Regensburger mit großer Sehnsucht nach Aberdeen, weil unsere schottischen Freunde etwas haben, was Regensburg schon seit dem Erdmittelalter versagt ist: Ein Meer und kilometerlange Sandstrände.

So erstaunlich und vielfältig die Gemeinsamkeiten unserer Städte auch sind. So sehr der politische Wille deutlich wird, diese Partnerschaft nach Kräften zu pflegen und auszubauen - dies allein kann aber die Freundschaft zwischen zwei Städten nicht am Leben erhalten. Die engen Kontakte zwischen Aberdeen und Regensburg sind nur möglich durch all jene Bürgerinnen und Bürger, die ständig an neuen Ideen und Projekten für eine weitere Entwicklung unserer Städtepartnerschaft arbeiten.

Stellvertretend für die vielen Menschen, die sich in den vergangenen 55 Jahren für unsere Partnerschaft engagiert haben, möchte ich auf einige aktuelle Projekte hinweisen:

Zusammen mit Partnern in Aberdeen haben die Regensburger Volkshochschule und die Stadtbücherei in den vergangenen Jahren ein Sprachlernprojekt organisiert. In diesem Zusammenhang haben Seniorinnen und Senioren aus unseren beiden Städten ein gemeinsames Buch mit dem Titel „Connections“ vorgelegt. Darin werden in Kurzgeschichten Erlebnisse in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg behandelt.

Erst vor einigen Wochen haben Schülerinnen und Schüler des Von-Müller-Gymnasiums in Regensburg am renommierten Aberdeen International Youth Festival teilnehmen können, das junge Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt anzieht.

Die 55-Jahrfeier unserer Partnerschaft wird in Regensburg von zwei aktuellen Ausstellungen begleitet: Gruppen aus Aberdeen und Regensburg haben in den vergangenen beiden Jahren mit Fotokameras die jeweilige Partnerstadt erkundet.

Im vergangenen Jahr zeigten die Aberdeener ihre Sicht von Regensburg in der städtischen Kunstgalerie Aberdeen. Jetzt präsentiert die Regensburger Gruppe ihre Arbeiten über Aberdeen in einer großen Ausstellung, die in der Lesehalle der Stadtbücherei zu sehen ist – zusammen mit einer weiteren Ausstellung mit dem Titel „Consequences“: Künstler aus Aberdeen und Regensburg haben jeweils zu zweit ein Thema bearbeitet. Die spannenden Ergebnisse dieser ungewöhnlichen Zusammenarbeit im Duo war bereits im „Lemon Tree“ in Aberdeen zu sehen.

Zudem durfte ich heute gemeinsam mit meinem sehr geschätzten Amtskollegen Lord Provost Peter Stephen den Startschuss eines ungewöhnlichen Wettstreits geben, der aus Anlass unseres Partnerschafts-Jubiläums ausgetragen worden ist.

In Regensburg wurde heute Nachmittag ein ganz besonderes Radrennen zwischen Mitgliedern des Vereins Christlicher Junger Menschen Regensburg und Mitgliedern der englischen Partnerorganisation YMCA ausgetragen. Auf einem Trimm-Dich-Rad sollten so schnell wie möglich 55 Kilometer erreicht werden – ein Kilometer pro Jahr unserer Städtepartnerschaft.

Dazu gehörte natürlich auch eine Wette: Beim Sieg Aberdeens muss ich einen Kilt tragen. Gewinnt Regensburg, dann zieht mein Amtskollege Peter Stephen eine Lederhose an. Gerüchteweise habe ich gehört, dass in der Regensburger Stadtverwaltung angesichts der Wetteinsätze der Wunsch umging, der Sieg möge unseren Freunden aus Aberdeen gehören.

Wie gut übrigens die traditionelle Musik aus unseren beiden Kulturkreisen zusammenpasst, konnte man gestern Abend bei einem bayerisch-schottischen Tanzabend erleben, zu dem das Kulturreferat unserer Stadt eingeladen hat. Den schottischen Part hat dabei die Halo Ceilidh Band übernommen, die uns auch durch diesen Jubiläumsfestakt begleitet - dafür an sie einen herzlichen Dank und Applaus!

Für die Stadt Regensburg möchte ich den großen Wunsch und die starke Hoffnung äußern, dass die bewährten Kontakte zwischen unseren beiden Städten weiter gestärkt werden und sich immer neue Ideen und Projekte dazugesellen.

Vor allem aber wünsche ich unseren beiden Städten, dass sich immer wieder Bürgerinnen und Bürger finden mögen, die sich für unsere Städtepartnerschaft engagieren - ob Künstler oder Schüler, Sportler oder Lehrer, Trachtenvereinsmitglied oder Rockmusiker, Senior oder CVJM-Mitglied - alle sind herzlich willkommen, alle werden mit ihren Ideen und ihrem Engagement gebraucht.

Und natürlich freuen wir uns über jeden, der sich auf eigene Faust oder mit einer Gruppe auf den Weg macht und die Partnerstadt besucht.

Uns sind alle Aberdeenians in Regensburg stets auf das herzlichste Willkommen.

Ich bedanke mich bei Ihnen, meinem Kollegen Lord Provost, dass Sie mit nach Regensburg gekommen sind. Es ist Ihr erster Besuch hier bei uns und ich hoffe und wünsche, dass wir Sie noch oft hier begrüßen dürfen. Ich weiß, dass Sie die partnerschaftlichen Aktivitäten und Begegnungen unterstützen und fördern und bin glücklich in Ihnen nicht nur einen liebenswerten Kollegen kennengelernt zu haben, sondern einen neuen Freund.

Ich freue mich auf den gemeinsamen Abend mit Ihnen. Es gibt eine bayerische Redensart, eine Lebensweisheit, die mit einfachen Worten etwas ganz Wesentlichen beschreibt: „Beim Reden kommen die Leut´ zusammen.“

In diesem Sinne hoffe ich sehr, dass aus dem Besuch unserer Freunde aus Aberdeen und auch aus dem Zusammensein nach diesem Festakt in Gesprächen neue Anknüpfungspunkte und Kontakte entstehen - zwischen Regensburg und Aberdeen und zwischen den Menschen in Bayern und Schottland.