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100 Jahre Sing- und Musikschule

-Es gilt das gesprochene Wort-

Grußwort von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Festakts 100 Jahre Sing- und Musikschule am 8.10.2010 im Reichssaal

Die Sing- und Musikschule feiert einen runden Geburtstag und alle sind gekommen:

Begrüßung

100 Jahre sind es her, seit der Magistrat der Stadt Regensburg beschlossen hat, zum 1. Oktober 1910 die „Zentrale Singschule“ ins Leben zu rufen, eine, wie wir heute wissen, segensreiche Einrichtung – hat sie einen großen Teil der Regensburgerinnen und Regensburger seither bei den ersten, zweiten und dritten musikalischen Schritten betreut, sei es im „Singklassenunterricht oder „Blockflötenunterricht.

Beinahe verwundert muss ich mich fragen: „Haben wir denn nicht alle 2006 an selber Stelle zusammengesessen und „25 Jahre Sing- und Musikschule“ gefeiert? Wieso denn jetzt 100 Jahre?“ Die Antwort ist einfach: 1910 war das Geburtsjahr der kommunal geführten pädagogischen Musikeinrichtung „Singschule“. 1971 entstand die Musikschule und 1981 wurden die beiden Einrichtungen in der „Sing- und Musikschule“ zusammengeführt.

Wir feiern heute also weniger 100 Jahre „Sing- und Musikschule“ als 100 Jahre musikpädagogisches Engagement der Stadt Regensburg - insbesondere für Kinder und Jugendliche.

Die „Geschichte“ zunächst der Singschule und Musikschule, dann der Sing- und Musikschule erstreckt sich über vier verschiedene geschichtliche Abschnitte:

  • Königreich Bayern von 1910 - 1918
  • Weimarer Republik von 1918 - 1933
  • Nationalsozialismus von 1933 – 1945
  • Nachkriegszeit und Demokratie von 1945 – heute.

Bezeichnend an allen Abschnitten ist, dass es kontinuierlichen Unterricht gegeben hat und selbst in den schweren Kriegs- und Nachkriegsjahren Musikunterricht stattgefunden hat.

Diese Erkenntnis verdanken wir der akribischen Forschungsarbeit unseres Stadtheimatpflegers, Dr. Werner Chrobak, dessen Chronik der Sing- und Musikschule im Jubiläumsheft „Musik als Lebensraum“ neben all den Konzerten und Veranstaltungen ein wichtiger Beitrag zum Jubiläumsjahr darstellt.

Überhaupt – man gewinnt beim Lesen der Jubiläumsbroschüre den Eindruck, als hätte es die Sing- und Musikschule heuer mal richtig „krachen“ lassen. 24 Veranstaltungen, davon drei im Audimax, zwei im Velodrom, drei im Theater am Bismarckplatz scheinen dieser Vermutung Recht zu geben.

Doch selbst diese Veranstaltungen stellen im „Veranstaltungsjahr“ der Sing- und Musikschule so etwas wie „Normalität“ dar: die Gesamtzahl der Konzerte und Veranstaltungen, Matineen und Schülervorspiele liegt seit Jahren konstant zwischen 120 und 140.

Im Jubiläumsjahr sind lediglich die großen Veranstaltungen zusammengefasst worden, die sowohl künstlerisch wegweisend als auch besonders populär sind. Dazu gehört neben einer extra für die Sing- und Musikschule komponierte und im Juli uraufgeführte Oper – es handelt sich um den „Kleinen Ring“ des Münchner Komponisten Jan Müller-Wieland - mit Sicherheit das „Jahreskonzert“. Dieses Konzert findet seit dem 12. Juli 1911 (!) jährlich statt, wenngleich an wechselnden Orten: Neuhaussaal, Antoniussaal, Stadthalle im Stadtpark, Turnhalle Königswiesen und seit 1994 regelmäßig im Audimax… seit einigen Jahren wegen der großen Nachfrage gleich zweimal hintereinander.

Was macht die enorme Faszination dieser Konzerte aus?

Es ist zum Ersten die ursprüngliche und unverfälschte Freude, mit der die Kinder agieren, die farbenprächtig in Szene gesetzte Phantasie mit der Kinder beflügelt werden und sich über den „Alltag“ hinaus bewegen. Es ist die Faszination, dass die Lieder, Musikstücke, Inszenierungen immer auf den „Punkt“ fertig werden und gelingen, es ist aber auch der Stolz und die Freude der Eltern, Verwandten und Freunde, dass die Kinder öffentlich auftreten.

Dieses gemeinsame Singen und Musizieren steht seit 100 Jahren im Zentrum des Geschehens der Einrichtung. § 1 Absatz 2 der Satzung der „Sing- und Musikschule“ könnte „Leitlinie“ und „Zielvorgabe“ gleichermaßen sein: „Insbesondere soll sie junge Menschen frühzeitig zum gemeinsamen Singen und Musizieren führen, sowie Freude und Verständnis für musikalische Betätigung in der Bevölkerung wecken“.

Leitlinien liest man gerne, noch lieber als Oberbürgermeister hört und liest man jedoch, dass die Zielvorgaben nicht nur eingehalten wurden, sondern übertroffen wurden. Wie ist es anders zu erklären, dass im letzten Jahr über 30.000 Besucher Veranstaltungen und Konzerte der Sing- und Musikschule mit einer Beteiligung von etwa 5.500 Schülerinnen und Schülern besucht haben?

Im Jubiläumsjahr sind dies bestimmt nicht weniger, eher mehr und wir bemerken stolz und vielleicht auch ein wenig erleichtert: „Die Jugend ist nicht uninteressiert, sie ist nicht ohne Engagement, sie ist zwar ein wenig „cool“, aber nicht nur …“

Die Jugend ist durchaus begeisterungsfähig, engagiert über das normale Maß hinaus, sie singt – und das nicht nur mit Karaoke Begleitung – im Chor, sie spielt im Ensemble und im Orchester und das nicht nur erst im Alter von 16-17 Jahren, sondern schon mit 6-7 oder mit 9-10 Jahren. Allerdings – und das scheint mir wichtig – tut sie es nicht alleine „aus sich heraus“, sondern sie braucht Anleitung, Motivation, Betreuung über den Musikunterricht hinaus, sie braucht Vorbilder, erreichbare Ziele, Forderung und Förderung.

Anreize sich gerade an der Sing- und Musikschule zu engagieren gibt es, neben den zahlreichen öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen genügend: 40 Lehrerinnen und Lehrer sorgen dafür, dass von der Musikalischen Früherziehung bis zur Studienvorbereitung, von der Violine bis zum Kontrabass, von der Blockflöte bis zur Tuba, vom Klavier bis zum Schlagzeug, vom Gesang bis zum szenischen Gestalten alles angeboten wird, was klingt, tönt und sich bewegt.

Wie als Beweis der eigenen Leistungskraft kann dies dann auch noch gleich in etwa 20 Ensembles, Orchestern und Chören in verschiedenen Altersstufen ausprobiert werden.

Gefordert wird auch etwas von unseren Schülerinnen und Schülern: Ähnlich wie „Kunst und Können“ zusammengehört, kommt der Spaß an der Musik durch das Beherrschen eines Instruments, durch die Möglichkeit, damit aufzutreten und gemeinsam Musik zu machen. Wir wollen - und ich nehme an, die Eltern wollen das auch - dass unsere Kinder an der Sing- und Musikschule etwas lernen und darum fordern wir Engagement und Fleiß. Musikunterricht ist zwar immer freiwillig, jedoch nie beliebig!

Und mit der Forderung eng zusammen liegt die Förderung!

Die Stadt Regensburg war sich ihrer Verantwortung der jungen Generation gegenüber stets bewusst und hat zunächst die Singschule und die Musikschule, später die Sing- und Musikschule unterstützt. Doch muss klar sein, dass die Unterstützung einer solchen Institution nicht alle Wünsche erfüllen kann:

Eine kommunale Musikschule bietet keinen Privatunterricht mit öffentlichen Mitteln an. Sie unterstützt eine breitgefächerte musikalische Grundbildung und Grundausbildung, die durchaus auch instrumental sein kann, und fördert bewusst darüber hinaus die individuelle musikalische Entwicklung – allerdings erwartet sie im Gegenzug das Engagement der Jugend für die Gemeinschaft. Diese Ambivalenz zwischen Forderung und Förderung, die vor 5 Jahren in der Satzung festgeschrieben wurde, scheint in Regensburg gut zu funktionieren.

Einige Zahlen:

Vor der Umstellung haben im Jahr ca. 500 Kinder und Jugendliche in Orchestern und Chören mitgewirkt. Heuer sind es etwa 830. Vor der Umstellung haben etwa 2000 Kinder pro Woche die Musikschule besucht, danach etwa 2500. Und das wohlgemerkt bei beinahe konstanten Jahreswochenstunden.

Mit den Besuchern stiegen die Anforderungen an das ohnehin schon qualifizierte Personal: neben Unterrichtsstunden und Probenarbeit kommen sämtliche Leistungsprüfungen hinzu, von der „Freiwilligen Leistungsprüfung“ des Verbandes Bayerischer Sing- und Musikschulen über den Kompetenznachweis der Musikschulen in Bayern bis hin zu den jährlichen Anforderungen der unterschiedlichen Ausbildungsstufen, den Wettbewerben, Probenwochenenden, Ferienfreizeiten und Bonusvorspielen.

Das pädagogische Personal der Sing- und Musikschule Regensburg macht dem Berufsstand „Musikschullehrer“ alle Ehre und trägt zur gesellschaftlichen Akzeptanz des Berufsbildes „Musiklehrer“ bei. Wenn früher bei der Frage: „Was machen Sie beruflich?“ auf die Antwort: „Ich bin Musiklehrer“ durchaus die Nachfrage kam: „und was machen sie hauptberuflich?“, ist es den meisten heutzutage durchaus bewusst, welch einen wertvollen Beitrag Musikschullehrer für die Gesellschaft leisten: sie geben den Kindern und Jugendlichen Ziele und Inhalte mit auf den Weg, die für die weitere Entwicklung Orientierung und Maßstab in Fragen des Zusammenlebens, der Teamfähigkeit, der Stressbewältigung, des Kennenlernens der eigenen Potentiale, aber vor allem im bewussten Leben und in der Wahrnehmung der Freude am Leben sind.

Dafür kann den Lehrerinnen und Lehrern in der Gegenwart aber auch in der Vergangenheit nicht genug gedankt werden!

Kein Rückblick auf 100 Jahre Sing- und Musikschule ohne nicht zumindest den Versuch auf die nächsten Jahre zu sehen:

Ich habe die Vision, dass die Musikschule sich auf eine spannende Reise zum „Kristallisationspunkt Musik“ in einem „Haus der Musik“ begibt. Dabei wird sie mehr noch als in der Gegenwart und Vergangenheit mit Laiengruppen – Orchestern, wie Chören – zusammenarbeiten. Sie wird mehr und mehr zu einer informierenden und moderierenden Anlaufstelle für Fragen der städtischen Musikkultur.

Sie wird nach und nach ihre Ideen zur Gestaltung des musikalischen Kulturkalenders einbringen und aus sich heraus an der Gestaltung der kulturellen Entwicklung teilhaben.

Bei allen Höhenflügen wird sie jedoch immer wieder im September jeden Jahres daran erinnert, dass jährlich eine neue Generation von potentiellen jugendlichen Musikern „vor der Tür steht“, zwar neugierig aber durchaus auch abwartend. Diese müssen jedes Mal aufs Neue interessiert, motiviert, angeleitet, begleitet, angefeuert und wie nachwachsende „Rohdiamanten“ „geschliffen“ werden. Diese „Hauptarbeit“ der Sing- und Musikschule wird sich auch in den kommenden 100 Jahren, trotz aller Zeitströme und „Moden“ nicht wandeln.

Dafür wünsche ich der Sing- und Musikschule alles Gute!

Ich wünsche ihr, dass sie in ihren Bemühungen um Kinder und Jugendliche nicht nachlassen möge und dass sie dabei die richtigen Begleiter hat. Ich wünsche ihr für ihre Arbeit die notwendigen Bewunderer, die sie zu Höhenflügen animieren, aber auch die Kritiker, die sie immer an den Boden der Tatsachen erinnern.

Ich wünsche ihr, dass sie weiterhin innovativ bleibt, dass sie „lieber Fehler riskiert als Initiative verhindert“, ich wünsche ihr, dass immer „etwas geschieht … aber nie etwas „passiert“.

Ich wünsche ihr, dass sie weiterhin begeisterte und weitblickende Begleiter hat, die sie in Regensburg unterstützen und ich wünsche ihr auch, dass die Zahl der begeisterungsfähigen Schülerinnen und Schüler nicht abnehmen möge.

Ich wünsche ihr Geduld und Nachsicht, wenn nicht alle gleich im „Takt“ sind und ich wünsche ihr die Auflösung aller auftretenden Dissonanzen in wohl tönende Harmonien.

Ich wünsche ihr aber auch weiterhin einen verständnisvollen Stadtrat. Es gab bislang keine vernünftige Initiative, deren sich der Stadtrat mit einem negativen Votum entzogen hat. Letztes Beispiel: der „Stadtratschor“ – den sie heute noch sehen, oder vielmehr hören können…

Ich wünsche ihr weiterhin ein so engagiertes Lehrerteam unter der Leitung von Herrn Graef-Fograscher und danke allen für die geleistete Arbeit sehr herzlich.

Verehrte Festgäste, ich freue mich auf das heutige Programm! Es ist dem Anlass geschuldet vielseitig und ausgewogen: wir hörten Bigband Sound im Vorraum, Trommlerklänge der Musikschule aus der Partnerstadt Brixen, wir hören jetzt gleich ehemalige Schülerinnen und Schüler der Sing- und Musikschule auf Konzertreifeniveau, und zum Abschluss das Ensemble „Crosslane Brass“ – das in diesem Jahr Australien bereist und vor allem bespielt hat.

Vor allem aber hören wir zwei Chöre, wie sie unterschiedlicher nicht sein können:

Den Cantemus Chor mit einem Werk des ehemaligen Singschullehrers Rudolf Eisenmann, 1950 zum ersten- und letzten Mal anlässlich der Diamantenenhochzeit des Fürstenpaares im Schloss „Thurn&Taxis“ uraufgeführt – ein Chor der in den letzten 10 Jahren „Furore“ gemacht hat, der mittlerweile nicht nur ein musikaliscehs Ereignis, sondern auch ein soziales und Gesellschaftliches ist;

Und wir hören die Weltpremiere des „Stadtratchores“ der der Sing- und Musikschule weniger den „Marsch“ blasen will, sondern damit zeigt, dass er sich mit der 100-jährigen Dame freuen kann.

Dass das Programm durch die Festrede des Herrn Dr. Goppel – Präsident des „Bayerischen Musikrats“ und die Grußworte von Herrn Wolfgang Greth – 1. Vorsitzender des Verbandes Bayerischer Sing- und Musikschulen nicht nur gewürzt, sondern gekrönt wird, freut mich besonders: es zeigt, dass die Sing- und Musikschule Regensburg, schon lange nicht nur über den Tellerrand hinausschaut, sondern von dort aus auch durchaus wahrgenommen wird.