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100 Jahre Regensburger Schriftstellergruppe International

 -Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Bürgermeister Joachim Wolbergs anlässlich der Eröffnungsfeier des Literatur- und Kulturfestivals „100 Jahre Regensburger Schriftstellergruppe International“ am Freitag, 24. September 2010, um 20 Uhr im Historischen Reichssaal


Anrede,

Regensburg ist eine Stadt

  • der Literatur,
  • des Schreibens,
  • aber auch des Lesens,
  • der Bibliotheken,
  • bedeutender Verlage
  • und nicht zu vergessen natürlich der Buchgestaltung.

Regensburgs Kulturgeschichte ist eng verwoben mit literarischer Produktion und ihrer Rezeption. Deshalb freut es uns ganz besonders, dass wir in Regensburg eine der ältesten Schriftstellergruppen Deutschlands haben. Zum 100-jährigen Bestehen der RSGI übermittle ich Ihnen, liebe Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die besten Wünsche der Stadt.

Sie in Ihrem so einsamen, ja mönchisch-kontemplativen Geschäft des Schreibens sind

  • Träger einer Kultur der individuellen Sammlung,
  • der konzentrierten Welterfahrung
  • und des Lernens,
  • der Erinnerung
  • und der Vision von einer besseren, einer humaneren Zukunft.

Ohne ihre Arbeit, verehrte Schriftstellerinnen und Schriftsteller, wäre unsere Gesellschaft nicht nur ärmer. Kultur ohne Literatur verlöre überhaupt ihren inneren Wesenskern.

100 Jahre sind für einen Schriftstellerverband eine stattliche Zeitspanne. Gemessen an den fast 2000 Jahren Regensburger Stadtgeschichte ist dieses Jahrhundert freilich nur ein Augenblick – wenn auch ein wichtiger.

Das historische Regensburg und die Literatur: Wer denkt da nicht zuerst an das Reichsstift St. Emmeram. Bereits um das Jahr 1000 besaß die Klosterbibliothek die für damalige Zeiten beachtliche Anzahl von 500 Handschriften.

Bis zur Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts waren Bibliothek und Skriptorium St. Emmeram eines der bedeutendsten Schatzhäuser der Literatur in Deutschland.

Um zwei berühmte Namen zu nennen: Johannes Aventinus, der große Geschichtsschreiber, der 1534 in Regensburg gestorben ist und sein Grab in St. Emmeram hat. Oder Berthold Furtmayr, dem in diesem Jahr noch eine große, bedeutende Ausstellung hier in Regensburg gewidmet sein wird. Er war Anfang des 16. Jahrhunderts bereits als freier Unternehmer ein Meister der Buchmalerei in Regensburg gewesen.

Als das Reichsstift St. Emmeram 1811 aufgelöst wurde, kamen ja die wertvollen Handschriften und Inkunabeln nach München. Die Thurn- und Taxische Hofbibliothek als Nachfolgerin in den Räumen der Klosterbibliothek besitzt heute wieder weit über 200 000 Bände, darunter 3350 Handschriften und 1300 Inkunabeln und Frühdrucke.

Allen Unkenrufen zum Trotz ist Regensburg eine Stadt der Lesekultur auch heute noch. Die Bibliothek der Universität hält 3,5 Millionen Bücher bereit, nicht nur für Lehrende und Studierende, sondern auch für alle Bürger unserer Stadt und über Fernleihe und elektronische Bereitstellung für ein weltweites Publikum. Unsere Stadtbibliothek mit der Zentrale im Thon-Dittmer-Palais und vier Stadtteilbibliotheken stellt für die weit über 1,2 Millionen Nutzer im Jahr fast 200 000 Bücher zur Verfügung, neben etwa 30 000 Videos, DVDs und Tonträgern.

Warum ich Ihnen das alles zu Ihrem Jubiläum sage? Ich möchte Ihnen Mut machen zum weiteren Schreiben. Lesen kommt nicht aus der Mode, weil es nämlich keine Modeerscheinung ist, sondern ein Urbedürfnis zur Kulturteilhabe, zur Erweiterung unserer Wahrnehmungsfähigkeit und zur Aktivierung der Phantasie. Daran wird auch der Vormarsch der elektronischen Medien nichts ändern.

Meine Damen und Herren,

Regensburg vor 100 Jahren, vier Jahre vor dem ersten Weltkrieg mit seinen fundamentalen gesellschaftlichen Umwälzungen. Dann Zwischenkriegszeit mit der Weimarer Republik, Nazi-Herrschaft, Wiederaufbau, Formierung einer demokratischen Stadtgesellschaft und schließlich Individualisierung bis hin zum Egotrip unserer Tage.

Regensburg, die Stadt an der Donau mit ihrem mittelalterlichen Kern, mit ihrer charakteristischen, von den Wechselfällen der Geschichte geformten Gesellschaft hat immer wieder Schriftsteller, Dichter bewegt, sich hier inspirieren zu lassen.

Man muss gar nicht so weit zurückgehen, um bei unserem Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe zu landen. Der hat sich ja in den Aufzeichnungen seiner Italienischen Reise ausführlich mit Regensburg beschäftigt. Sie kennen ja alle die beiden ersten Sätze, die noch heute als Werbespruch für unsere Stadt in Dienst genommen werden können: „Regensburg liegt gar schön. Die Gegend musste eine Stadt hervorbringen.“

1911 hat Georg Britting in Regensburg mit Gedichten, Feuilletons, Buch- und Schauspielrezensionen seine ersten literarischen Gehversuche gemacht. Nicht nur mit seinen Geschichten „Die kleine Welt am Strom“ hat Britting die besondere Atmosphäre Regensburgs und der Donau in seinem expressiven Zugriff zwischen Idylle und ihrem Abgründigen literarisch verarbeitet.

Seinen ersten Literaturpreis bekam er allerdings von der Stadt München. Britting wurde erst 1951 mit der Albertus-Magnus-Medaille in Regensburg geehrt.

Viele andere Namen sind noch zu nennen. Beispielsweise

  • Ludwig Bemelmans,
  • Sandra Paretti,
  • Eva Demski,
  • Eckhard Henscheid,
  • Wolf-Peter Schnetz,
  • Benno Hurt,
  • Harald Grill oder
  • Barbara Krohn

Sie und einige mehr haben sich von Regensburg, dieser besonderen Stadt, von ihren Menschen und deren gesellschaftlichen Verstrickungen und von dieser eigenartig melancholisch-heiteren Landschaft an der Donau immer wieder inspirieren lassen oder haben Regensburg direkt als Handlungsort von Erzählungen und Romanen auserkoren.

Übrigens soll ja auch Martin Walser in seinem ersten Roman „Ehen in Philippsburg“ Erfahrungen aus seiner Studentenzeit in Regensburg verarbeitet haben.

Meine Damen und Herren,

100 Jahre Regensburger Schriftstellergruppe International: Es gebührt sich, aus diesem Anlass auch ein Dankeschön zu sagen. Die RSGI hat sich in dieser Zeit als stabiler kultureller Faktor erwiesen, gemeinsam mit dem Schriftstellerverband.

Ich freue mich, dass bei der Literaturvermittlung zusammen an einem Strang gezogen wird. Das stellen ja die Aktivitäten zum Jubiläum unter Beweis. Davon profitieren die Schriftsteller und Schriftstellerinnen, aber auch das Publikum.

Ich möchte aber nicht enden, ohne ehrend eines Mannes zu gedenken, den wir in Regensburg als den Mister RSGI erlebt haben, den 2002 verstorbenen Autor und Journalisten Erich L. Biberger. Er war ja geradezu ein Genie im Akquirieren von Geldern für Literaturaktivitäten. 35 Jahre hat er die Schriftstellergruppe geleitet.

Er hat Entscheidendes für die internationale Etablierung der RSGI geleistet. Er hat Literaturtage organisiert. Es war auch seine Idee, dem Nachwuchs durch einen Jung-Autoren-Wettbewerb eine Chance zu geben. Der Preis wird ja heuer zum 20. Mal vergeben. Erich L. Biberger und die RSGI haben sich um Regensburgs Kultur verdient gemacht.

Und jetzt sollten wir eigentlich ein Geburtstagsgeschenk für den Jubilar haben. Ich schlage dazu folgendes vor: Wir sollten den Plan zur Kulturhauptstadtbewerbung realisieren und uns um die Schaffung eines Literaturhauses in unserer Stadt bemühen.

Einer, der mit Freude und Genugtuung von einer Wolke droben auf uns herunterblicken würde, wäre ganz sicher der Mann mit dem poetischen Silberhaar, Erich L. Biberger.

Wenn wir uns nur ein kleines Stück von dem literarischen Engagement eines Erich L. Biberger zu Eigen machen, dann muss man sich um die Zukunft des Schreibens und Lesens in unserer Stadt keine Sorgen machen.