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Gedenkveranstaltung "Sieben Flammen gegen das Vergessen"

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Stadtrat Erich Tahedl anlässlich der Gedenkveranstaltung „Sieben Flammen gegen das Vergessen“ am 9. November 2009 um 19 Uhr in der Neupfarrkirche

Anrede,

Es heißt,

  • der Zeitgeist halte wieder einmal nicht viel vom Erinnern.
  • Cool sei, wer das Hier und Heute lebe.
  • Das Vergangene sei Ballast.
  • Es störe nur bei der Flexibilität.
  • Kontinuität und Solidarität wären in dieser schönen neuen Welt zu Fremdwörtern geworden. In der Spaßgesellschaft sei jeder sich selbst der Nächste.
  • Egoismus gehöre zum Lifestyle.

Künden diese Stichworte von einem Zerrbild oder markieren sie soziale Wirklichkeit in Deutschland - und auch bei uns in Regensburg?

Ich bin mir da nicht so sicher. Für beide Perspektiven lassen sich stichhaltige Argumente anführen.

Sie meine Damen und Herren,

legen jedenfalls mit Ihrer Teilnahme an dieser Stunde des Gedenken und des Nachdenkens Zeugnis dafür ab, dass Geschichtsvergessenheit und die stets damit einhergehende Gewissenlosigkeit nicht die Basis sind, mit der wir eine lebenswerte, eine humane Zukunft gestalten können.

  • Wer sich nicht mehr empören kann über geschehenes Unrecht,
  • wer nicht mehr Trauer und Scham empfindet über das, was Menschen im Namen der Mehrheitsgesellschaft angetan wurde,
  • der läuft Gefahr, auch kalt und herzlos zu sein, wenn heute Gewalt geschieht und elementare Menschenrechte mit Füßen getreten werden.

Es reicht nicht aus, sich nur gegen Unrecht zur Wehr zu setzen, das einem selbst geschieht. Und es genügt auch nicht, sich nur für seine eigenen Belange, sein Wohl und seinen Besitz einzusetzen.

Wirkliche Bürger und Bürgerinnen sind nur die, die sich auch für andere engagieren, die nicht zulassen, dass jenen widerfährt, was man selbst nicht erleiden möchte.

  • Bürgersinn zeigt nur der, der das Schicksal der anderen mitdenkt,
  • wer den Mut hat, nicht denen hinterherzulaufen, die gerade die Macht und die Mittel haben zu bestimmen, was gedacht, gesagt und getan werden soll.
  • Demokratie ist ohne Demokraten nur noch eine leere Hülle.
  • Egoisten auf dem Egotrip werden uns nur in eine gesellschaftliche Sackgasse führen.

Der 9.November 1938, an dem auch in Regensburg die Verfolgung der jüdischen Mitbürger für jeden unübersehbar war, das ist der Anlass für unser Beisammensein.

Meine Damen und Herren,

ich gehöre nicht zu denen, die selbstgerecht den Stab brechen über die Regensburgerinnen und Regensburger damals, die zugelassen haben, dass jüdischen Mitbürgern Gewalt angetan wurde, dass ihre Synagoge geschändet und in Brand gesteckt wurde, dass Wohnungen geplündert, Frauen und Männer geschlagen wurden.

Ich sehe es aber als meine Bürgerpflicht an, Rechtsbruch, Schikane und geistige sowie physische Gewalt als das anzusprechen, was sie auch damals waren:

  • ein Akt der Barbarei,
  • ein eklatantes Versagen der Zivilgesellschaft samt unserer so oft beschworenen christlich-abendländischen Kultur.

Und ich hoffe, dass mir diese Einstellung hilft, die kreatürliche Feigheit zu überwinden, wenn die Frage an mich gerichtet ist: Setzt Du Dich für andere ein oder hältst Du den Mund, wenn ihnen Unrecht geschieht?

Eine Veranstaltung wie diese mahnt mich:

  • Du darfst nicht schweigen,
  • Du darfst deine Stimme denen nicht versagen, die deiner Hilfe bedürfen,
  • Du darfst nicht wegschauen, nur um selbst keine Schwierigkeiten zu bekommen.

Sie alle kennen die Bilder vom so genannten Schandmarsch jüdischer Männer am Tag nach der Pogromnacht in Regensburg.

Ja es war ein Tag der Schande, aber nicht für die Opfer, sondern für unsere Stadt. Menschen stehen auf den Bürgersteigen und schauen zu:

  • Da ist Neugierde, aber keine Empörung,
  • vielleicht Angst, ganz sicher aber auch Einschüchterung.

Auch der unbequemen Einsicht dürfen wir uns nämlich nicht verschließen: Nur weil sich die Nazis der passiven Haltung der Bürger sicher wähnten, konnten sie die Entrechtung der Juden wagen. Der nicht vorhandene oder doch nur sehr zaghafte Widerstand gegen die Ausgrenzung der jüdischen Nachbarn war die Voraussetzung dafür, dass die Ermordung in den Vernichtungslagern überhaupt ins Werk gesetzt werden konnte.

Auf dem Platz, auf dem vorher die Synagoge stand, mussten sich Regensburgs Juden 1942, wenige Jahre später also, zum Abtransport in den sicheren Tod versammeln.

Wer die Erinnerung daran als Rühren an längst vernarbten Wunden abtun will, dem sei gesagt, dass die Jüngste der zur Ermordung bestimmten Regensburger Juden sieben Jahre alt war und die Älteste fast 80.

Damit wir für uns in Anspruch nehmen können, ein Kulturvolk, eine kultivierte Stadtgesellschaft zu sein, ist es unabdingbar, einen solchen Kulturbruch im Gedächtnis zu behalten, auch wenn er vor über einem halben Jahrhundert geschehen ist.

Mit unserem Gedenken geben wir den Ermordeten ein Stück Individualität und Menschenwürde zurück. Das ist das Mindeste, was wir ihnen schulden.

Im Namen aller Regensburgerinnen und Regensburgern sage ich Ihnen, die Sie sich hier in der Neupfarrkirche versammelt haben, Dank.

  • Sie nehmen die Pflicht des Erinnerns auf sich.
  • Sie geben ein Beispiel für Verantwortung.
  • Das tut unserer Stadt gut.
  • Diese Haltung hilft, uns vor einem erneuten Rückfall in die Unmenschlichkeit zu bewahren.

Die „Sieben Flammen gegen das Vergessen“ sind auch das Licht, das wir für eine gute Zukunft in Regensburg nötig haben.