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Volkstrauertag 2009

-Es gilt das gesprochene Wort-

Ansprache von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Volkstrauertages 2009 am Sonntag, 15. November 2009, am Ehrenmal „Unter den Linden“ im Stadtpark


Anrede,

„Weil die Toten schweigen, beginnt immer wieder alles von vorn.“

Gabriel Marcel, französischer Philosoph und der führende Vertreter des christlichen Existentialismus, war sich dessen wohl bewusst, was er mit diesen Worten zum Ausdruck brachte. Er hat nämlich selbst die beiden Weltkriege miterlebt.

Die Opfer von Kriegen und Gewaltherrschaft haben keine Stimme mehr, deshalb ist die Gefahr groß, dass alle Schrecken, alle Leiden, alles Unrecht, in Vergessenheit geraten. Um dies zu verhindern, sind wir heute zusammen gekommen – wie in jedem Jahr.

Alljährlich, zwei Sonntage vor dem ersten Advent, erinnert der Volkstrauertag an die Kriegstoten, auch an die Opfer der Gewaltherrschaft. Bloße Routine, eine angesichts des Abstandes von den Kriegen des letzten Jahrhunderts ihren Sinn verlierende Tradition? – Diese Frage, die sich mancher heute stellt, ist durchaus berechtigt!

Niemand wird den Toten eine Stimme geben, nur weil er heute hierher gekommen ist. Denn es geht nicht darum, Anwesenheit zu demonstrieren, es geht darum, sich zu erinnern und der Gewalt, die von Menschen ausging und die Menschen erleiden mussten, Namen zu geben!

Heuer im Sommer habe ich am Regensburger Hauptbahnhof den „Zug der Erinnerung“ begrüßt. Anhand von Fotos und persönlichen Dokumenten berichtete diese, von einer Bürgerinitiative initiierte Aktion, über die Schicksale von mehr als einer Million Kindern und Jugendlichen, die von NS-Schergen in verschiedene Massenvernichtungslager wie Auschwitz, Bergen-Belsen oder Flossenbürg verschleppt wurden. Viele Regensburger Schulklassen haben diese Ausstellung besucht und es war bewegend mitzuerleben, wie die Schicksale der damals Gleichaltrigen auch noch junge Menschen von heute ansprechen. Denn nur wenn wir dem Schrecken von damals ein Gesicht geben, können wir das Vergessen anhalten!

Mindestens 1,35 Millionen Juden, rund 20 000 Sinti und Roma, 11 700 sowjetische Kriegsgefangene und weitere 83 000 aus politischen und anderen Gründen Deportierte fanden nach Forschungen der letzten Jahre allein im Konzentrationslager Auschwitz während des Dritten Reiches den Tod – durch Hinrichtung, durch den Strang, in den Gaskammern, durch Misshandlungen oder durch Krankheiten und qualvolles Verhungern.

Eine andere Zahl: Es sind über drei Millionen deutsche Soldaten, die im zweiten Weltkrieg gefallen sind. Weltweit starben in den Kriegsjahren 1939 bis 1945 rund 24 Millionen Soldaten. Allein die nackten Zahlen sind schon unermesslich und schockierend genug. Aber sie verhüllen die Menschen, die dahinter stehen, mit dem besänftigenden Schleier der Anonymität. Doch hebt man diesen Schleier an, dann sieht man die Menschen. Männer, Frauen und Kinder. Väter und Mütter, Söhne und Töchter, Schwestern und Brüder, Großmütter und Großväter, Freunde. Lehrerinnen, Handwerker, Sekretärinnen, Schauspieler, Professoren, Hausfrauen, Geistliche, Schüler. – Alte und Junge. Kinder und Greise.

Menschen, deren einziges Verbrechen es war, einer anderen Religionsgemeinschaft, einer anderen Rasse anzugehören oder einer anderen politischen Überzeugung anzuhängen. Man sieht die Soldaten, die einen Eid geschworen hatten und deren Treue von einem menschenverachtenden Regime missbraucht wurde.

Wir dürfen diese Menschen nicht vergessen – zum Teil waren es noch Kinder - die voller Hoffnung auf das Leben geblickt haben, das vor ihnen lag -, die ausgeschickt wurden, um die Ideologie des Naziregimes mit Waffengewalt durchzusetzen. Sie waren Instrumente in der Hand der Mächtigen. Viele von ihnen fanden durch Waffengewalt den Tod, viele starben in der endlosen Schnee- und Eiswüste vor Stalingrad oder fanden nach unvorstellbaren Leiden den Tod in einem Gefangenenlager, ohne jemals ihre Heimat wieder zu sehen. Andere wurden aus ihrer Heimat vertrieben, Familien wurden getrennt. Tausende Zivilisten kamen zu Tode.

Es waren Menschen voller Pläne und Träume von einer guten Zukunft. Es waren genau solche Menschen, wie wir alle. Jeder von ihnen hatte einen Namen und eine ganz eigene Lebensgeschichte. Eine Lebensgeschichte, die jäh beendet wurde von Menschen, die sich angemaßt haben, darüber zu entscheiden, ob andere berechtigt waren zu leben oder nicht. Sie haben sich angemaßt, für ihre Ziele Soldaten in den Tod zu schicken. Sie haben sich angemaßt, an Stelle des Schicksals oder an Stelle Gottes zu entscheiden.

Es besteht in unserer Gesellschaft ein breiter Konsens darüber, dass sich das nicht wiederholen darf. Es lastet immer auf uns, dass mit Deutschland der Weg zum 2. Weltkrieg und mit dem Holocaust das größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit verbunden wird. Wir sind dankbar, dass die Weltgemeinschaft anerkennt, dass die Deutschen aus ihrer Geschichte gelernt haben. Dennoch treffen auch in unserer Zeit tagtäglich Menschen Entscheidungen über das Leben von anderen Menschen. Üben Menschen Gewalt über andere aus.

In einem Bericht, der 84 Seiten umfasst, hat das Heidelberger Institut für Konfliktforschung die weltweiten Krisenherde und Kriege aufgelistet. 345 Konflikte, die mit Gewalt verbunden waren, und neun Kriege sind darin für das Jahr 2008 verzeichnet. Überall dort – und leider nicht nur dort -werden Menschenleben gewaltsam beendet. Persönlichkeiten ausradiert.

Auch diese Menschen, auch wenn sie Tausende von Kilometern von uns entfernt gelebt haben, haben Namen und ihre ganz eigene Lebensgeschichte. Auch diese Menschen haben ein Recht auf Leben und auf Selbstbestimmung!

Denn auch die Menschen, die erst gestern oder gerade in diesem Augenblick in Afghanistan, im Irak oder in Zentralafrika zu Tode kommen, schweigen für immer. Ihnen müssen wir eine Stimme geben. In ihrem Namen müssen wir Fragen stellen!

Die Zeitzeugen, die auch heute noch, allein kraft ihrer eigenen Erinnerungen, an die verheerende Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten mahnen können, sind nur noch wenige. Die meisten Zeugen der Gewalt, die heute in anderen Ländern und Kontinenten über Menschen ausgeübt wird, sind weit weg.

Wir haben keinen persönlichen Kontakt zu ihnen, Schicksale verblassen nicht einmal mehr zu Namen. Die Toten sind namenlos. Gesichtslos. Reduziert im besten Fall auf Zahlen, die wir staunend, aber bisweilen emotionslos zur Kenntnis nehmen.

Das Kriegsgeschehen heute ist weit weg. Was aber, wenn die Bundeswehrsoldaten, die in Afghanistan gefallen sind, oder die Zivilisten, die dieser Krieg bisher forderte, unsere eigenen Mütter, Väter, Kinder, Schwestern, Brüder oder Freunde wären?

Von dem deutschen Philosophen Alexander Mitscherlich stammen die Worte: „Wir müssen lernen, unsere Konflikte zu lösen, ohne den Gegner töten zu wollen.“

Um dies zu erreichen müssen wir uns erinnern. Nicht an Zahlen, sondern an persönliche Schicksale. Dadurch können wir die Erinnerung anhalten, ohne Vorwurf, ohne Schuldzuweisungen. Denn Schuldzuweisungen werden uns den Weg in eine möglichst gewaltfreie Zukunft nicht ebnen. Dies kann nur die Erkenntnis, die uns lehrt, dass sich jeder Konflikt auch ohne Gewalt lösen lässt.

„Das Geheimnis der Versöhnung ist die Erinnerung“, hat der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker erkannt. Der Volkstrauertag ist alljährlich ein Meilenstein auf einem Weg, der alle Menschen zu dieser Erkenntnis führen sollte.

Aber wenn wir uns erinnern, dann nicht, um uns selbst zu geißeln, um Asche auf unser Haupt zu streuen, sondern um einer Gefühlskälte entgegenzuwirken, die sich immer dann breit machen kann, wenn das Vergessen einsetzt.

Dies bringt auch ein bewegendes Gebet zum Ausdruck, das jüdische Häftlinge in einem KZ verfasst haben und das uns glücklicherweise überliefert wurde – ich zitiere:

„Und für die Erinnerung unserer Feinde sollen wir nicht mehr ihre Opfer sein, nicht mehr ihr Alpdruck und Gespensterschreck, vielmehr ihre Hilfe, dass sie von ihrer Raserei ablassen – und wieder mehr Friede werde auf dieser armen Erde über den Menschen guten Willens – und dass Friede auch über die anderen komme.“

Diesen Menschen, die im größten Leid die Größe gehabt haben, solche Worte zu formulieren, sind wir es genauso schuldig uns zu erinnern wie all denen, die uns nachfolgen und ein Anrecht auf eine lebenswerte Zukunft haben. Denn nur damit können wir verhindern, dass – ich zitiere wieder wie eingangs Gabriel Marcel – alles wieder von vorn beginnt.

Aus diesem Grund gedenken wir heute der Opfer von Krieg und Gewalt!

Wir gedenken

  • der Soldaten, die in beiden Weltkriegen gefallen sind, die in Gefangenschaft gestorben oder auch heute noch vermisst sind
  • der Menschen aller Völker und Staaten, die durch Kriegshandlungen gestorben sind
  • derer, die deswegen getötet wurden, weil sie sich aktiv gegen die gestellt haben, die sich ein Recht über das Leben anderer angemaßt haben
  • derer, die getötet wurden, weil sie einer anderen Rasse, einem andern Glauben angehört haben
  • all derjenigen, die ihr Leben lassen mussten, weil sie die Überzeugungen derer, die an der Macht waren und noch sind, nicht geteilt haben
  • derer, die verfolgt und getötet wurden, weil ihr Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als nicht lebenswert eingestuft wurde
  • derer, die in der Folge von Krieg und Vertreibung ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht ihr Leben verloren haben

Wir trauern um alle Menschen, die Opfer von Kriegen, Gewalt und Terror geworden sind.

Wir trauern mit denen, die Menschen verloren haben, die ihnen nahe standen.

Und wir hoffen auf eine Zukunft, in der Gewalt, Terror, Unterdrückung und gewaltsamer Tod keinen Platz haben. Dazu müssen wir uns jeden Tag neu erinnern!