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Verleihung Schulname "Otto-Schwerdt-Schule"

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich der feierlichen Verleihung des Schulnamens „Otto-Schwerdt-Schule“ am 30. März 2009 an der Ganztageshauptschule Burgweinting

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Schulgemeinschaft,

welche Personen beeindrucken heutige Schüler? Vor einigen Jahren sind Jugendforscher dieser Frage nachgegangen. Angesichts der zahlreichen medialen Einflüsse vermutet man Personen aus dem Show- oder Musikbusiness – doch weit gefehlt: Jugendliche wählen Persönlichkeiten wie die eigenen Eltern, die Klassenleiterin oder den Klassenleiter und Menschen, die ihnen bei der Ausbildungsplatzsuche mit Rat und Tat beiseite stehen.

Würde man den Regensburger Schülern die eben genannte Frage stellen, dann bin ich fest davon überzeugt, dass auch der Name Otto Schwerdt fallen würde. Denn jeder, der ihn erlebt, seine Worte gehört, seine ganz besondere menschliche Art erfahren hat und seine Lebensgeschichte kennt, wird diesen Namen nicht vergessen. Diese Schule wird heute nach ihm benannt.

Zu diesem Festakt, in dessen Rahmen wir die Verleihung dieses Schulnamens begehen wollen, heiße ich Sie alle sehr herzlich willkommen.

Besonders begrüße ich Frau Gela Schwerdt mit ihren zwei Töchtern, Mascha Schwerdt-Schneller und Dr. Eti Dachs und ihrem Sohn Ahron Schwerdt, Frau Rachela Schwerdt (Stiefmutter), Frau Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Herrn Dr. Schuster, Präsident des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden Bayerns, Frau Ilse Danzinger von der Jüdischen Gemeinde Regensburg, Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche, Mitglieder des Stadtrats sowie Frau Oberbürgermeisterin a.D. Christa Maier und Bürgermeister Gerhard Weber, Herrn Schulamtsdirektor Dr. Herbert Glötzl vom Staatlichen Schulamt Regensburg, Herrn Schulleiter Klaus Dierl, das gesamtes Lehrerkollegium, Vertreter des Elternbeirats, des Fördervereins und die Schülerinnen und Schüler der Otto-Schwerdt sowie die Vertreter der Medien

Otto Schwerdt hat jeden tief berührt: Seine außergewöhnliche Begabung, gegen das Vergessen zu sprechen, ohne den moralischen Zeigefinder zu heben, und seine uneingeschränkt positive Lebenseinstellung hat jeden gefangen genommen – auch mich ganz persönlich.
Sein Ausspruch: „Die Erinnerung ist eine Pflicht gegenüber den Toten“ lässt niemanden unberührt.

Doch leider ist das mit dem Erinnern nicht immer ganz einfach.

Mit dem plötzlichen Tod von Otto Schwerdt im Dezember 2007 haben wir einen Menschen verloren, der uns alle daran erinnert hat, was fanatische Ideologien anrichten können. Sein Tod ist besonders für unsere Schülerinnen und Schüler in Regensburg ein großer Verlust.

Denn es war immer ein tief ergreifendes Erlebnis, Otto Schwerdt zuzuhören. Kein anderer konnte so bewegend aus seinem Leben erzählen. Keiner konnte so ermutigen, Zivilcourage zu zeigen, nicht wegzuschauen, wenn sich offen oder verdeckt fremdenfeindliches Gedankengut breitmacht.
Otto Schwerdt war über Jahre hinweg mit großer Überzeugung in Sachen Völkerverständigung in den Schulen unterwegs. Bei unzähligen Jugendlichen hat er mit seiner unermüdlichen Lesetätigkeit aus seiner Biographie „Als Gott und die Welt schliefen“ einen tiefen Eindruck hinterlassen.
Mit großem Einfühlungsvermögen, mitunter auch mit einer gehörigen Portion Humor, konnte Otto Schwerdt viele junge Menschen für seine Anliegen gewinnen und stärkte damit über Jahre hinweg die Präventionsarbeit an Regensburger Schulen.

Vielen Schülerinnen und Schülern hat Otto Schwerdt als Zeitzeuge des Holocaust in seiner bescheidenen und unaufdringlichen Art die fürchterlichen Folgen von Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz und Rassismus nahe gebracht. Als Betroffener und Augenzeuge hat er seine Lebensgeschichte wahrlich begreifbar gemacht.

Auf diese Weise hat Otto Schwerdt bei vielen Heranwachsenden einen nachhaltigen Eindruck hinterlassenen und vielen Jugendlichen Mut gemacht, die eigene Stimme gegen Gleichgültigkeit und schweigendes Hinnehmen rechtsradikaler Sprüche zu erheben.

Heute möchten wir für Otto Schwerdt und gegen das Vergessen ein besonderes Kapitel aufschlagen. Mit der feierlichen Verleihung des Schulnamens Otto-Schwerdt-Schule für die Hauptschule in Burgweinting setzen wir gemeinsam ein Zeichen.

Einen geeigneten Namen für eine Schule zu finden, ist nicht einfach. In diesem Fall jedoch waren sich alle einig: Die Entscheidung, meine Damen und Herren, die Hauptschule in Burgweinting Otto-Schwerdt-Schule zu nennen, wurde von Anfang an von allen Regensburgern, dem Stadtrat sowie der gesamten Schulgemeinschaft hier vor Ort mit großem Einvernehmen befürwortet.

Für die Schule wird nun dieser besondere Schulname viel mehr als ein bloßes Schild sein, das man einfach hinaushängt. Dieser Name ist Verpflichtung und Auftrag zugleich.

Die Namensgebung wird als deutliches Zeichen verstanden - steht Otto Schwerdt doch als Befürworter für eine humane, tolerante und friedvolle Welt. Seine herausragende Tatkraft war bemerkenswert, besonders vor dem Hintergrund seiner erschütternden Lebensgeschichte:

Otto Schwerdt wurde 1923 in Braunschweig geboren und erlebte dort als Kind und Jugendlicher die zunächst schleichende, später die zusehends offen zu Tage tretende menschenverachtende Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. 1936 floh er mit seiner Familie nach Polen und wurde 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Zusammen mit seinem Vater überlebte Otto Schwerdt den Holocaust. Mutter, Schwester und Bruder wurden von den Nationalsozialisten im Lager ermordet.

1954 kehrte Otto Schwerdt nach mehreren Jahren Aufenthalt in Israel mit seiner eigenen Familie nach Deutschland zurück.

Er war langjähriger Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde in Regensburg und Vorsitzender des Landesausschusses der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern.
1998 veröffentlichte er schließlich unter dem Titel „Als Gott und die Welt schliefen“ seine Biographie, die er in Zusammenarbeit mit seiner jüngsten Tochter Mascha Schwerdt-Schneller verfasst hatte.

2001 erhielt Otto Schwerdt als erster Preisträger den von der Katholischen Friedensbewegung Pax Christi verliehenen Preis für Zivilcourage für seinen „Einsatz gegen das Vergessen“. Für seine Verdienste wurde Otto Schwerdt mit dem Bayerischen Verdienstorden sowie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Meine Damen und Herren, wenn gegenwärtig über Hauptschüler gesprochen wird, fallen in erster Linie die Begriffe wie Berufsorientierung, Ausbildungsfähigkeit und Ausbildungsreife. Dies ist auch wichtig und richtig, denn unsere Hauptschüler verlassen bereits mit 15 Jahren den Schonraum Schule und müssen sich direkt in der Arbeits- und Berufswelt zurechtfinden. Gerade in diesem Zusammenhang wurde hier in Burgweinting mit der Errichtung der Schule als reine Ganztagesschule viel investiert.

Aber - meine Damen und Herren - bei aller erforderlichen Wissensvermittlung darf der schulische Auftrag, Werte und Urteilsvermögen zu vermitteln, nicht in den Hintergrund treten. Werte definieren Sinn und Bedeutung innerhalb einer Kultur und Gesellschaft und bieten deshalb Kindern und Jugendlichen Orientierung für ihr Handeln und ihr Leben generell.

Werteerziehung von Jugendlichen bedeutet, die Fähigkeit zu erlernen, sich kritisch mit unterschiedlichen Ansichten auseinanderzusetzen und dabei eine begründete eigene Position einzunehmen, die den Mitmenschen respektiert.
Es geht darum, sich für andere einzusetzen und respektvoll und ehrlich miteinander umzugehen. Erst dann können Konflikte in angemessener Art und Weise austragen werden, erst dann entsteht eine offene und echte Kommunikationskultur.

Mit der Verleihung des Namens Otto Schwerdt hat die Schule einen ganz besonderen Auftrag erhalten: Den Aufruf für mehr Zivilcourage und Verständigung zu folgen und mit neuem Leben zu füllen. Und dass dies schon geschieht, können wir heute mit Blick auf die noch folgenden Schülerbeiträge und die Ausstellung in der Aula sehen.

Ich wünsche uns und ganz besonders der Schulgemeinschaft, dass der Geist von Otto Schwerdt lebendig bleibt und die Schülerinnen und Schüler herausgefordert werden, Widerspruch zuzulassen, Unangepasstes zu akzeptieren und sich selbst für Demokratie und Pluralismus stark zu machen.