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Tag der Opfer des Nationalsozialismus

 -Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger zum Tag der Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2009 in der Alten Kapelle zu Regensburg

Anrede,

vor allem begrüße ich die jungen Menschen Regensburgs zu diesem
Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Mein ausdrücklicher Gruß gilt jedoch denen unter uns, deren Familien, deren Gemeinschaften durch das NS-Regime Angehörige verloren haben.

Vor 13 Jahren hat Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum
nationalen Gedenktag für die Männer, Frauen und Kinder, für die Millionen Menschen proklamiert, die unter dem nationalsozialistischen
Terror gelitten und ihr Leben gelassen haben.

Der 27. Januar 1945 ist der Tag, an dem das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz von Truppen der Roten Armee befreit worden ist. Im Jahr 2005 haben auch die Vereinten Nationen den 27. Januar zum Holocaust-Gedenktag ausgerufen.

Auschwitz bleibt unauslöschlich die Flammenschrift an der kalten Wand der Unmenschlichkeit. Auschwitz ist weltweit zum Synonym für Barbarei
 im 20. Jahrhundert geworden. Auschwitz steht für den Bruch jeder Grundlage unserer  Zivilisation.

Der damalige Bundespräsident hat uns 1996 verpflichtet – ich zitiere: „Die Erinnerung darf nicht enden. Sie muss auch künftig zur Wachsamkeit mahnen.“
Herzog fährt fort: „Es ist wichtig, eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedanken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“ (Zitat Ende)

Das sind wichtige, ja gewichtige Worte.
Aber wie macht man das?
Alle Jahre öffentlich zurück zu blicken auf einen Teil unserer jüngsten Geschichte, auf ein Geschehen im Namen des deutschen Volkes, das uns erschauern lässt, das wir gern aus unserem Geschichtsgedächtnis streichen würden, das nicht ein entleertes Ritual werden darf.

Meine Damen und Herren,
eine Gedenkstunde wie diese gehört zu den Formen, die uns zur Verfügung stehen, um das Unfassbare ansehen und als Teil unserer Geschichte annehmen zu können.

Wir wissen alle, wie wenig das ist, angesichts der Millionen von Opfern in den Herrschaftsjahren des Nationalsozialismus’ in Deutschland und in weiten Teilen Europas. Ideologie und Rassenwahn haben zahllose Massengräber und Verbrennungsöfen gefüllt. Das Aussortieren, das Quälen und schließlich das Töten war ja mit industrieller Perfektion betrieben worden.

Wer die Übernahme von geschichtlicher Verantwortung mit Gedenktagen wie diesem als einen Akt der nationalen Selbsterniedrigung verächtlich macht, leugnet auch die Magna Charta der zweiten deutschen Demokratie, nie wieder eine Diktatur, in welcher Form auch immer, zuzulassen.

„Darf man nicht wissen wollen?“ Diese Frage hat Thomas Mann, der größte deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, seinem Volk nach 1945 gestellt. Und er hat gleich die Antwort dazu formuliert.
Sie lautet: Nein.

Doch das Erinnern heute ist komplizierter geworden. Von der Generation derer, die die Schrecken des Nationalsozialismus miterlebt, die als Opfer überlebt haben, weilt kaum noch jemand unter uns. Wir, die Söhne und Töchter der Generation der Zeitzeugen von damals, stehen vor der Aufgabe, in den Jüngeren, die das alles nur aus dem Geschichtsunterricht kennen, wenn überhaupt, die Notwendigkeit des Erinnerns wach zu halten.

Dass sich unsere Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen aufrichtig bemühen, historisches Wissen über die Herrschaft des Nationalsozialismus weiterzugeben, dessen bin ich mir sicher.

Doch wie erreichen wir die Gefühle der jungen Menschen, die Wissen erst zum festen Bestandteil von persönlichen Einstellungen machen? Unser Bildungsauftrag, junge Menschen zu verantwortungsbewussten Mitgliedern unserer Gesellschafts- und Werteordnung zu erziehen, muss deshalb sein, die nachfolgenden Generationen auch emotional anzurühren, zu beteiligen.

Es geht auch die Jungen etwas an, was zwischen 1933 und 1945 passiert ist. Es muss sie mit Empörung und Mitleid erfüllen, was Menschen angetan worden ist.

Es geht um Konsequenzen.
Die Erkenntnis muss lebendig bleiben, dass die erste deutsche Demokratie vor allem am Mangel demokratischer Überzeugungen zugrunde gegangen ist.

Martin Niemöller, der mutige Pfarrer der Bekennenden Kirche in Deutschland, von 1937 bis 1945 „persönlicher Gefangener von Adolf Hitler“ im KZ Sachsenhausen, hatte als Opfer das Recht, über das individuelle und erst recht kollektive Versagen der deutschen Gesellschaft im 3. Reich zu urteilen.

Er formulierte seine Erfahrung so: (Zitat)

  • „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist.
  • Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.
  • Als sie die Sozialisten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialist.
  • Als sie die Juden einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude.
  • Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Ein Bürger, der gleichgültig abseits steht, ist ein schlechter Bürger. Sich für eine wehrhafte Demokratie einzusetzen, ist Bürgerpflicht.

Und auch das kann nicht oft genug wiederholt werden:

  • Es geht nicht um Schuld. Sie ist an die jeweils Handelnden gebunden. Schuld ist nicht vererbbar.
  • Es geht vielmehr um die Übernahme von Verantwortung. Dies ist sehr wohl die Pflicht der Erben. Verantwortung setzt Bewusstsein voraus. Und das wiederum basiert auf Wissen.

„Das Entsetzliche so zu vermitteln, dass es auch mit dem Herzen erfahren und begriffen wird.“ Das forderte vor zehn Jahren der damalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Es gelte, „den jungen Menschen historisches Wissen und emotionale Betroffenheit so weiterzugeben, dass sie eine Beziehung zur Gegenwart, also gegenwärtige moralische Sensibilität und politische Verantwortung ermöglichen“.

Meine Damen und Herren,
ich denke dabei unwillkürlich an den im letzten Jahr verstorbenen Otto Schwerdt, den verdienstvollen Bürger unserer Stadt. Menschen wie Otto Schwerdt, die auch emotionale Erinnerungsbrücken zum Erleiden des NS-Terrors schlagen können, gibt es nur noch wenige.

Es gibt aber drei Bücher, die – so hoffe ich – in keiner Schulbibliothek unserer Stadt fehlen. Da ist zum einen Dr. Siegfried Wittmers verdienstvolle Untersuchung des Schicksals der Regensburger Juden mit den Aussagen vieler Überlebender, mit amtlichen Dokumenten und  Briefzeugnissen derer, die im Holocaust umgekommen sind.

Da ist zum anderen das Buch von Professor Dr. Wilhelm Kick mit dem geradezu leitmotivischen Titel „Sag es unseren Kindern – Widerstand 1933 bis 1945 am Beispiel Regensburg“.

Und als dritte Zeugenschaft ist natürlich Otto Schwerdts Buch zu nennen: „Als Gott und die Welt schliefen“.

Alle drei Werke umspannen zusammen das ganze Ausmaß des Grauens, die bürokratischen und gesellschaftlichen Mechanismen der Ausgrenzung, die menschenverachtende Brutalität der Täter, die Ignoranz oder Gleichgültigkeit der Massen und vor allem das unvorstellbare Leid der Opfer.

Viele dieser Opfer bekommen in allen drei Werken Namen. Sie begegnen uns als Menschen mit ihren Hoffnungen, Plänen, Enttäuschungen und Ängsten, aber auch mit ihrem Mut, der Tyrannei zu widerstehen.

Mit diesen Menschen können wir uns identifizieren. Man stellt sich unweigerlich die Fragen:

  • Wie hätte ich damals gehandelt?
  • Hätte das Schlimme, das diesen Personen passiert ist, nicht auch mir geschehen können?
  • Hätte ich zu der Gruppe der Menschen gehört, die aus rassischen oder ideologischen Gründen verfolgt und getötet wurden?
  • Oder wäre ich gar aus Opportunismus, aus Karrieregründen auf  Seiten der Täter gestanden?
  • Hätte ich zu der breiten, gleichgültigen bis verängstigten Masse gehört, die weggeschaut hat?

Mit diesen Fragen werden die Opfer zu Mitmenschen, denen man Mitleid nicht versagen kann.

Meine Damen und Herren,
greifen wir drei Schicksale heraus:

Für die etwa 300 Regensburger Juden und Jüdinnen, die im Holocaust umgekommen sind, das der 18-jährigen Charlotte Brandis.

Sie erlebte mit ihren Eltern, Karl und Alice Brandis, und ihren drei jüngeren Brüdern die schrittweise Entrechtung in ihrer Heimatstadt.

  • Sie mussten den Judenstern tragen, bekamen nur ein Drittel der Lebensmittelrationen der arischen Regensburger.
  • Sie durften öffentliche Verkehrsmittel nicht mehr benutzen,
  • Schmuck, Radioapparate und Fahrräder mussten abgegeben werden, Autos sowieso.
  • Die Kinder konnten keine Schule mehr besuchen.
  • Die Juden, die nicht mehr fliehen konnten, lebten zusammengepfercht in den Judenhäusern, in der Dechbettener Straße, der Schäffner- und der Gesandtenstraße.

Am 2. April 1942 war die Familie Brandis mit der Großmutter Gisela Holzinger unter den ersten 106 jüdischen Regensburgern, die zur zynisch so genannten „Endlösung“ ins Generalgouvernement geschickt wurden.

In dem Transport waren 13 Kinder – das jüngste sieben Jahre alt. Erste Station war das Durchgangslager Piaski bei Lublin.

Charlotte Brandis’ Postkarten aus Piaski kommen noch bis zum
8. September in Regensburg an. Sie berichtet, wie ihre Eltern, die Brüder und die Großmutter aus dem Lager verschwunden waren, als sie eines Abends vom Arbeitseinsatz zurück kam. Verschlüsselt schreibt sie, was mit ihren Angehörigen geschehen sein könnte und welches Schicksal auch sie erwartet. Der Schlusssatz lautet: „Wir selbst sind hier nicht sicher. Jeden Tag kann etwas passieren.“

Dann verstummt auch sie. Charlotte Brandis - ein junges Mädchen aus Regensburg, das leben wollte und sterben musste, nur weil es Jüdin war.

Als zweites Beispiel aus dem Kreis der etwa 20 Regensburger, die sich gegen das Nazi-Regime gewandt haben und deshalb hingerichtet wurden, nenne ich den Invaliden Josef Haas.

Der Arbeiter und Sportler aus Reinhausen hatte in Folge eines Arbeitsunfalls beide Beine, einen Unterarm und eine Hand verloren. Er konnte sich nur in einem Wägelchen, das von einem Hund gezogen wurde, fortbewegen. Haas gehörte zu den 36 Männern der so genannten „Neupfarrplatzgruppe“. Sie wurden zwischen Oktober 1942 und Februar 1943 verhaftet, weil sie Feindsender abgehört und die Nachrichten von BBC oder Radio Moskau auf dem Neupfarrplatz verbreitet haben.

Haas wurde wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Als er wegen Haftunfähigkeit im Sommer 1944 aus dem Zuchthaus Amberg entlassen wurde, brachte man ihn ins KZ-Flossenbürg.

Von dort weiß man nur, dass er am 18. August 1944 erschossen worden ist. Ein SS-Mann aus Regensburg soll dieses hilflose, so unendlich einsame Bündel Mensch zum Hinrichtungsplatz getragen haben.

Als dritten nenne ich Domprediger Dr. Johann Maier. Er hatte mit einer großen Zahl von Frauen am Abend des 23. April 1945 an einer Demonstration zur kampflosen Übergabe der Stadt vor der Regensburger Kreisleitung der NSDAP teilgenommen.

In der Polizeidirektion wurde ihm noch in der Nacht wegen Wehrkraftzersetzung der Prozess gemacht.

Da Gauleiter Ludwig Ruckdeschel zur Abschreckung ein Exempel statuiert haben wollte, wurde Domprediger Maier zum Tod verurteilt.

Von Maier weiß man, dass er seine letzten Stunden betend in seiner Zelle verbracht hat. In den frühen Morgenstunden des 24. April 1945 wurden die beiden Männer am Moltke-Platz, dem heutigen Dachauplatz, an einem zwischen zwei Fahnenstangen befestigten Querbalken von Gestapo-Leuten aufgehängt.

Nach der Bekundung zweier Zeugen soll der Domprediger ausgerufen haben, als man ihm die Schlinge um den Hals legte: „Ich sterbe für Regensburg!“

Meine Damen und Herren,
wie können wir diesen Menschen, deren wir heute gedenken, ihrem Leiden, ihrem Sterben, aber auch ihrem mutigen Widerstehen wenigstens in der Erinnerung Gerechtigkeit widerfahren lassen?

Die auf den entscheidenden Punkt fokussierte Antwort lautet:

  • „Nie wieder!“
  • Nie wieder eine Gesellschaft, die andere ausgrenzt.
  • Nie wieder Aufgabe von Demokratie, Grundrechten und Toleranz!
  • Nie wieder nationale Überheblichkeit und militärische Aggression gegenüber unseren Nachbarn!

Das sind wir allen Opfern des Nationalsozialismus – und auch uns selbst – schuldig.