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Tag der Heimat und 60 Jahre Sudetendeutsche Landsmannschaft

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger zum Festakt anlässlich des Tages der Heimat und 60 Jahre Sudetendeutsche Landsmannschaft am 17. Oktober 2009, um 13.30 Uhr im Historischen Reichssaal des Alten Rathauses

 

Anrede

ich darf Sie beim heutigen Anlass sehr herzlich auch als liebe Landsleute begrüßen. Sind doch die Sudetendeutschen neben Altbayern, Franken und Schwaben längst der vierte Stamm unserer gemeinsamen Heimat, unseres Bayernlandes.

  • Ich tue dies besonders gern als Repräsentant der Stadt, ausdrücklich aber auch persönlich.
  • Ist doch Regensburg die Patenstadt der Sudetendeutschen,
  • wie das Land Bayern ja seit dem Jahr 1962 ganz offiziell die Schirmherrschaft über die sudetendeutsche Volksgruppe übernommen hat.

Wenn wir uns zum 60. Geburtstag der Sudetendeutschen Landsmannschaft mit unserem vierten Stamm aus der Erlebnis-Generation, aber ganz bewusst auch mit der Bekenntnis-Generation solidarisch fühlen, dann ruht dies auf vier soliden Säulen:

  • Zum einen muss die Erinnerung an erlittenes Unrecht wach gehalten werden, damit es sich nicht wiederholen kann – egal wo und egal an wem. Der richtige Weg in die Zukunft braucht das Bekenntnis zur Wahrheit über die Vergangenheit.
  • Zum zweiten verdient die Kulturleistung der Sudetendeutschen für die geistige, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Mitteleuropas einen bleibenden Platz in unserem Geschichtsbewusstsein.
  • Zum dritten ist es aktuell unsere Aufgabe, Brücken zu schlagen zu unseren östlichen Nachbarn, um die europäische Idee von einer gemeinsamen christlich-abendländischen Heimat nicht nur formell, sondern auch in den Köpfen und Herzen der Menschen gelebte und lebbare Wirklichkeit werden zu lassen.
  • Zum vierten müssen wir den Sudetendeutschen dankbar sein für ihren besonders engagierten Beitrag zum Wiederaufbau unserer Städte, des Landes Bayern und schließlich auch der Bundesrepublik Deutschland – und zwar auf politischem, kulturellem und sozialem Gebiet. Hier verdanken die Stadt Regensburg und die Region den Sudetendeutschen Neubürgern eine ganze Menge.

So steht es übrigens auch in der vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Hans Ehard unterzeichneten Urkunde zur Übernahme der Schirmherrschaft.

Und auch das steht in diesem Dokument und ist aktuell wie vor 47 Jahren: „Die heimatvertriebenen Sudetendeutschen haben sich als zuverlässige Stütze unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung bewährt.“

Ich darf meiner persönlichen Überzeugung Ausdruck verleihen, wenn ich sage, dass diese Leistungen nicht hoch genug einzuschätzen sind. Wir haben genug Beispiele in der Welt, die uns vor Augen führen, dass Flüchtlinge oder Vertriebene in ihrer nachvollziehbaren Frustration zum lang währenden Störfaktor in den Aufnahmegesellschaften geworden sind.

Der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, ist aus meiner Sicht und Erfahrung vollinhaltlich zuzustimmen, wenn sie betont: „Die Heimatvertriebenen waren nicht Sprengstoff sondern Hefe für Deutschland, trotz der Entwurzelung, trotz der Traumata, trotz der Verzweiflung und trotz der Ablehnung, die ihnen von Seiten der Nichtvertriebenen landauf, landab entgegenschlug.“

Ja auch das gehört zum redlichen Erinnern: Willkommen konnten in den zerstörten Städten, im ausgepowerten Land mit seiner hungernden Bevölkerung die Millionenzüge der Vertriebenen nicht sein. Ich erinnere nur an die strenge Wohnraumbewirtschaftung mit rigorosen Beschlagnahmungen durch unbarmherzige Behörden in den vom Krieg arg gezeichneten Gemeinden. Es gab Hunger und Not. Die Menschen froren im Winter.

Doch auch diese Herausforderung konnte gemeistert werden, weil die Einheimischen Opfer gebracht haben und Integration trotz vieler Schwierigkeiten so erst ermöglicht worden ist. Rein statistisch können wir heute bilanzieren: Fast jeder vierte Deutsche ist Vertriebener oder hat Vorfahren, die aus ihrer alten Heimat verjagt worden sind.

Meine Damen und Herren,

die drei Millionen Sudetendeutschen, wie auch die anderen Volksgruppen, insgesamt 14 Millionen, die nach dem Schicksalsjahr 1945 ins zerstörte Deutschland abgeschoben worden sind, sie alle verharrten nicht in Trauer um die verlorene Heimat, sie krempelten die Ärmel hoch und gingen ans Werk, sich und ihren Kindern eine neue Existenz aufzubauen.

Sie brachten dafür nicht nur viel Arbeitsmut und Gewerbefleiß mit, sondern auch ein hohes Maß an Bildung, Knowhow und Loyalität.

Die Gesellschaft Regensburgs, aber auch die Wirtschaft und nicht zuletzt auch die Kirchengemeinden haben davon profitiert. Neutraubling, auf einem ehemaligen Fliegerhorst vor den Toren der Stadt gegründet, ist ein Paradebeispiel dafür, wie ja auch aus anderen Vertriebenen-Ansiedlungen ansehnliche Gemeinwesen in Bayern geworden sind. Ich nenne dafür Geretsried, Waldkraiburg oder Traunreut.

Lassen Sie mich stellvertretend für das politische und soziale Engagement der Neubürger drei Persönlichkeiten nennen, die aus ihrer alten Heimat, aus Prag, aus dem Sudetenland und aus Mähren, zu uns nach Regensburg gekommen sind,

  • Dr. Karl Pfluger, den verstorbenen ehemaligen Bürgermeister Regensburgs,
  • und den ebenfalls verstorbenen Dr. Gerhard Brückner, den Sozialrichter und langjährigen Stadtrat,
  • sowie unsere frühere Stadträtin Christine Schmidt.

Sie haben sich - neben vielen anderen - Verdienste um ihre neue Heimat erworben. Selbstredend, dass eine Frau wie Christine Schmidt und Männer wie Dr. Pfluger und Dr. Brückner, trotz unterschiedlicher politischer Einstellungen in der Sudetendeutschen Landsmannschaft sowie in einigen ihrer Verbände und Vereine an hervorragender Stelle aktiv waren.

Überhaupt hat das sudetendeutsche Vereins- und Stiftungswesen wichtige Akzente im kulturellen und sozialen Leben Regensburgs gesetzt.

Wir vergessen nicht, dass die Urzelle des Kunstforums Ostdeutsche Galerie die Sudetendeutsche Galerie gewesen ist. Das Kunstforum ist nicht nur Ostbayerns einziges überregional agierendes Museum, die Ostdeutsche Galerie ist zudem die Einrichtung die sowohl das alte Kulturerbe pflegt, aber auch aktuell mannigfaltige Kontakte zur Tschechischen Republik unterhält.

Diese Doppelfunktion ist es, auf die es nach meiner Erfahrung auch essenziell in der Sudetendeutschen Landsmannschaft ankommt:

Erinnerung und Kultur bewahren

  • und mit Tatkraft die gemeinsame Zukunft mit den Tschechen zu gestalten – in Wahrheit vor der Geschichte und im Bewusstsein, das Gemeinsame zu pflegen und zu unterstützen.

Ein gutes Beispiel dafür ist auch das Sudetendeutsche Musikinstitut, das in Regensburg seinen Sitz hat. Von ihm wird nicht nur böhmische und mährische Musikgeschichte erforscht. Es veranstaltet auch deutsch-tschechische Musiksymposien und unterhält mit der Masaryk-Universität in Brünn einen ständigen geistig-wissenschaftlichen Austausch.

So kommen deutsche und tschechische Menschen zusammen, lernen sich besser zu verstehen und in ihrer Wesens- und Denkungsart zu respektieren.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wir gedenken 2009 ja nicht nur des 60-jährigen Bestehens der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Vor 70 Jahren begann mit dem Überfall auf Polen der 2. Weltkrieg. Mit ihm nahm das historisch einmalige Leiden der europäischen Völker seinen Anfang. Hier ist auch die Ursache für die Vertreibung der Deutschen aus dem Sudetenland, aus Schlesien, Pommern und Ostpreußen gesetzt worden. Diese historische Tatsache wollen wir, wie es unsere Bundeskanzlerin, Frau Angela Merkel, am diesjährigen Tag der Heimat in Berlin klar herausgestellt hat, mit keinem unserer legitimen Erinnerungsbemühen umdeuten.

Das Schicksal, die Heimat zu verlieren, erlitten ja auch Polen, Menschen aus dem Baltikum, Ukrainer und viele andere. Im imperialen Denken dieser Zeit und ihrer Staatsmänner war das Recht auf Heimat keinen Pfifferling wert. Man verschob Millionen von Menschen in ganz Europa wie die Bauern auf einem Schachbrett.

Heimat ist ja nicht nur der Ort, wo man seinen Lebensunterhalt verdient, wo man ein Dach über dem Kopf hat. Heimat ist nach UN-Definition und den schmerzlichen Erfahrungen des 2. Weltkriegs und seiner Folgen  endlich ein Menschenrecht. Heimat ist Sicherheit, ist Zugehörigkeit zu Gemeinschaft und Kultur, ist Vertrautheit mit einer Landschaft, einer Region.

Vor genau 20 Jahren ist aber auch die Berliner Mauer gefallen und Polen und Tschechen haben sich von ihren kommunistischen Diktaturen befreit. Wir haben seitdem eine neue Zeit und mit ihr die Chance zum dauerhaften Frieden und zur Aussöhnung mit unseren östlichen Nachbarn.

Zu diesem Weg, meine Damen und Herren, gibt es keine sinnvolle Alternative. Darüber sind wir uns alle einig. Und es ist ja nicht wahr, dass die Sudetendeutsche Landsmannschaft  mit ihrer Forderung zum Heimat- und Selbstbestimmungsrecht diesen Prozess behindern würde. Im Gegenteil.

Die Vertriebenen und ihre Verbände haben nicht nur

  • am Gedanken der deutschen Einheit festgehalten, als dies politisch nicht gerade opportun war.
  • Sie haben bereits in der Charta der deutschen Heimatvertriebenen 1950 der Vergeltung und der Gewalt eine klare Absage erteilt und sich für Aussöhnung eingesetzt.

Speziell die Sudetendeutsche Landsmannschaft hat sich schon vor der samtenen Revolution in der damaligen Tschechoslowakei

  • um Kontakte und Austausch mit Tschechen bemüht.
  • Vertriebene haben sich um ihre Heimatgemeinden gekümmert.
  • Es wurden Pfarreien und Sozialprojekte unterstützt.
  • Vor allem auf dem Gebiet der Musik fand und findet in Ostbayern und Westböhmen ein reges Treffen statt.
  • Der Adalbert-Stifter-Verein pflegte und pflegt rege kulturelle Kontakte besonders auch im Bereich des literarischen Lebens.

Um vieles mehr waren es die Sudetendeutschen, die sich nach 1998, als unsere Nachbarn das kommunistische Joch abgeschüttelt hatten, um den Brückenbau zur alten Heimat verdient gemacht haben, nicht zuletzt auch um die Unterstützung der fast 100 000 Deutschen in Tschechien.

Regensburg, meine Damen und Herren, ist aus tiefer geschichtlicher Tradition eine Stadt des Brückenschlags, nicht nur, aber vornehmlich auch zum benachbarten Böhmen. Unsere Städtepartnerschaft mit der westböhmischen Metropole Pilsen ist auch schon wieder zehn Jahre alt.

  • Unsere Universität pflegt mit ihrem Bohemicum engste wissenschaftliche und menschliche Beziehungen zu Tschechien.
  • Es findet ein regelmäßiger Studentenaustausch statt.
  • Die Prager Karlsuniversität, die Westböhmische Universität Pilsen und die Brünner Masaryk-Universität sind Partner der Regensburger Hochschulen.
  • Und es ist sicher kein Zufall, dass Regensburg und Pilsen die Brückenköpfe für den deutsch-tschechischen Jugendaustausch bilden können.

Es ist ja auch ein vordringliches Bestreben der Sudetendeutschen Landsmannschaft, dass auf der Grundlage historischer Wahrheiten junge Tschechen und Deutsche zusammenfinden. Es geht ja um ihre gemeinsame Zukunft in Europa. Die kann nur im Wissen um Fehler und Irrtümer der Vergangenheit gelingen.

Wer die Entwicklung in der tschechischen Gesellschaft beobachtet, kann feststellen, dass es gerade junge Menschen sind, die Fragen nach dem Verbleib der Deutschen in Böhmen, in Mähren und in Mährisch-Schlesien nach 1945 stellen. Ihr Schicksal interessiert sie.

Meine Damen und Herren,
ich teile mit Ihnen die Hoffnung, dass der manchmal auch schmerzhafte und schwierige, letztlich aber fruchtbare Dialog mit unseren östlichen Nachbarn weitergeht. Sie können vom heutigen Festakt die Versicherung mit nach Hause nehmen, dass die Stadt Regensburg mit ihren Bürgern treue Partner an ihrer Seite auf diesem Weg zu einem prosperierenden Miteinander sind.

Flucht und Vertreibung darf keine Generation mehr erleben.

  • Wir können den Verlust der Heimat und den damit verbunden Schmerz nicht ungeschehen machen.
  • Wir können aber viel, ja alles dafür tun, dass wir uns gegenseitig verstehen und solche traumatischen Erfahrungen endgültig der Vergangenheit angehören.

In diesem Bekenntnis wissen wir uns in Regensburg mit der Sudetendeutschen Landsmannschaft, mit unserem vierten Stamm in Bayern, einig. Um dies zu bekräftigen und wieder fester in unserem Bewusstsein zu verankern, sind wir ja heute zu diesem Festakt zusammengekommen. Er steht im Zeichen der Versöhnung – und das ist gut so.