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"Regensburger Gespräch" der Deutschen Islam-Konferenz

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger zum „Regensburger Gespräch“ der Deutschen Islam-Konferenz am 6. Juli 2009, um 10 Uhr, im Historischen Reichssaal

Anrede

Regensburg ist eine Stadt, die stets den Blick nach vorne richtet - optimistisch und zukunftsorientiert zugewandt. Dabei verliert sie aber nie ihre Vergangenheit aus dem Blick und pflegt ihre Traditionen.

Auch Tagungen und Kongresse haben seit dem Mittelalter hier Tradition. Nicht nur dieser Saal, einst Schauplatz des „Immerwährenden Reichstages“, war in den vergangenen Jahrhunderten ein Ort von leidenschaftlich geführten Debatten und engagierten Diskussionen mit Ergebnissen von überregionaler Tragweite.
In Regensburg fanden auch in den Jahren 1541, 1546 und 1601 die sogenannten „Regensburger Religionsgespräche“ statt. Damals ging es um den Dialog zwischen Katholiken und Christen vor dem konkreten Hintergrund der Reformation.

Wenn heute, mehr als 400 Jahre danach, die Deutsche Islam-Konferenz hier die Bedeutung von „Religion im säkularen Staat“ diskutiert, dann ist es für uns eine Ehre, Ihnen als Partner für diesen gesellschafts- wie religionspolitisch relevanten Dialog einen angemessenen Rahmen bieten zu können.

Dieser Saal war, ehe er zum Tagungsort des Immerwährenden Reichtages wurde, der Festsaal einer wohlhabenden, stolzen Bürgerschaft.

Regensburg erlebte damals eine Blütezeit. Die Kaufleute unterhielten Handelsbeziehungen nach Italien, zu den Donauländern und bis nach Kiew und Byzanz. Regensburger Kaufleute lebten nicht in der Enge der von Mauern umschlossenen Stadt; sie reisten viel und weit, blickten über den vielzitierten Tellerrand hinaus. Ihr Horizont weitete sich.

Später war es die Präsenz der zahlreichen Gesandten am „Immerwährenden Reichstag“, die aus ganz Europa nach Regensburg kamen. Auch sie brachten die Regensburger mit anderen Kulturkreisen in Berührung.

Diese offene Haltung ist in der Gegenwart gereift und es freut mich als Oberbürgermeister dieser Stadt, hier ein Klima der Toleranz vorzufinden, der Aufgeschlossenheit und des festen Willens für ein gutes bürgerschaftliches Miteinander.

Wer aus der Geschichte lernen will, um dadurch Gegenwart und Zukunft verantwortungsvoll zu gestalten, der hat in der Stadt Regensburg vielfältig die Gelegenheit dazu.

Einer der oft genannten Söhne unserer Stadt, ist der Befehlshaber der spanischen Flotte, Don Juan d´Austria, der in der Seeschlacht bei Lepanto am 7. Oktober 1571 die Osmanischen Seestreitkräfte vernichtend schlug. Dieser Sieg brachte ihm den Beinamen „Retter des Abendlandes“ ein.

Sein Sieg gegen die politische Macht des Osmanischen Reiches wurde immer wieder auch als ein Sieg des christlichen Abendlandes über den Islam bezeichnet, in der Vergangenheit genauso wie bisweilen noch heute.

Auch die erwähnten drei Religionsgespräche des 16. und 17. Jahrhunderts waren nicht nur religiöser Art, sie dienten auch der Durchsetzung politischer Interessen. Ein Phänomen, das sich in Geschichte und Gegenwart immer wieder zeigt, nämlich die Instrumentalisierung der Religion zur Verwirklichung politischer Ziele.

Dabei ist nicht aus dem Blick zu verlieren, dass die Politik damals – anders als heute – nicht von Religion zu trennen war, man denke nur an das Gottesgnadentum der römisch-deutschen Kaiser.

Heute sind Menschen unterschiedlicher Kulturkreise und Religionen, unterschiedlicher Wertevorstellungen und Sprachen einander näher gerückt. Nie zuvor gab es die Möglichkeit der weltweiten schnellen Kommunikation, wie wir sie heute durch das Internet nutzen können.

Andere Kulturkreise können sich uns daher unkompliziert erschließen, das Andersartige muss nicht mehr fremd und manchmal bedrohlich erscheinen. Dennoch bedeutet das nicht zwangsläufig mehr Toleranz und bessere Integration. Daher ist die Islam-Konferenz erforderlich.

„Der Islam ist ein Teil Deutschlands.“ Mit diesem Satz, Herr Minister, haben Sie eine lebhafte Diskussion ausgelöst. Sie haben einen Dialog angeregt,
einen Dialog zwischen Christen und Muslimen, aber auch einen Dialog innerhalb der muslimischen Bevölkerung. Statt übereinander zu reden, wird jetzt miteinander geredet. Den Anstoß dazu verdanken wir Ihnen.

Auch hier in Regensburg diskutiert derzeit die Bevölkerung die Rolle des Islam in unserer Gesellschaft. Im Stadtosten der Stadt ist die Errichtung einer Moschee geplant.
In der Diskussion der Bürgerschaft standen dem Verständnis die Ängste gegenüber, Vorurteile und die fälschliche Gleichsetzung von Islam mit Islamismus, Intoleranz und Terrorismus. Die atmosphärische Druckwelle der terroristischen Angriffe vom September 2001 ist überall in Europa spürbar, nicht nur in Köln und Kreuzberg.

Eine Bürgerbewegung ist seit vielen Jahren schon im Regensburger Stadtosten aktiv, in dem Menschen aus über 30 Nationen und acht
Religionsgemeinschaften leben. Diese Bürgerbewegung bemühte sich aktiv, mit den Initiatoren des Moschee-Baues ins Gespräch zu kommen. Dabei stand das gegenseitige Kennenlernen und voneinander Lernen im Blickpunkt. Gegenseitige Information war gefragt.

Durch die Auseinandersetzung mit anders Denkenden und anders Glaubenden, erfuhren viele Bürgerinnen und Bürger auch mehr über die eigene Religion. Wieder einmal zeigte sich hier: Vor dem Verstehen-Können kommt Verstehen-Wollen.
Dialog statt Monolog - ein unabdingbarer Schritt auf dem Weg zur Integration.

Wenn bei dem heutigen Gespräch auch das Thema Integration nicht im Vordergrund steht, so ist die bessere religions- und gesellschaftspolitische Integration der muslimischen Bevölkerung doch die stete Aufgabe der Deutschen Islam-Konferenz. Erfolgreiche Schritte auf diesem Weg der Integration sind zugleich Motivation und Bestätigung.

Wenn Sie sich heute mit dem Themenrahmen „Religion im säkularen Staat“ befassen, werden Sie auf einem Ihrer drei Podien eine Frage referieren und diskutieren, die im Zusammenhang mit dem Moscheebau in unserer Stadt von besonderem Interesse ist :

„Vielfalt der Religionen:
Herausforderung oder Bereicherung?“

2000 Jahre Regensburg bedeutet auch 2000 Jahre religiöse Vielfalt.

Das Christentum in Regensburg reicht zurück bis um das Jahr 400. Das ist bezeugt durch den Fund eines Grabsteins. Im Jahre 739 wurde Regensburg Bischofssitz. Um das Jahr 1000 gab es hier bereits eine jüdische Gemeinde. Rabbiner wie Isaak ben Mordechai und Efraim ben Isaak machten Regensburg im 12. und 13. Jahrhundert zu einem Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit.

1542 hielt die Reformation Einzug in die damalige Reichsstadt.

Heute gibt es außerdem hier neben einer altkatholischen auch
vier orthodoxe Gemeinden.

Von ca. 4 Millionen Muslimen in Deutschland leben rund 3.000 in unserer Stadt. Die muslimischen Bürgerinnen und Bürger Regensburgs haben hier eine Heimat gefunden und leben ihren Glauben in fünf bereits bestehenden Moscheen, davon eine türkische, zwei arabische und eine aus Pakistan stammende der Ahmadiyya. Außerdem gibt es eine Alevitische Gemeinde.

Auch Gruppen von Anhängern des Hinduismus und Buddhismus sind in Regensburg vertreten. Es gibt hier also in der Tat die

…„Vielfalt der Religionen“
Im Untertitel zu diesem Podium steht „Herausforderung oder Bereicherung?“ Sollte es da nicht besser „Herausforderung und Bereicherung“ heißen?
Weil die Vielfalt der Religionen eine Bereicherung darstellen soll, muss man sich nicht auch deshalb auf diese Herausforderung einlassen? Müsste die Fragestellung nicht so lauten, wie viele Bürger sie sich stellen? „Bedrohung oder Bereicherung?“ und liegt nicht gerade hier die Herausforderung? In ihren drei Panels behandeln Sie in der Tat eine Thematik, die die Gesellschaft bewegt.

Für dieses „Regensburger Gespräch“, 408 Jahre nach dem letzten Religionsgespräch in unserer Stadt habe ich drei Wünsche:

  • Dass es von dem Geist des aufrichtigen Dialoges erfüllt sein möge, der seinen drei Vorgängern durchaus nicht attestiert werden kann,
  • dass es nachhaltige Impulse für einen Dialog der Religionen bringen möge
  • und dass dieser historisch bedeutsame Saal nicht nur einen würdigen Rahmen für Ihre Diskussion bietet, sondern als „genius loci“ den Geist der einstigen freien Reichsstadt in den Ergebnissen dieses „Regensburger Gespräches“ widerspiegelt.