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Jahrestagung des Vereins deutscher Lebensversicherer

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich der Jahrestagung des Vereins deutscher Lebensversicherer am 4. September 2009 um 18 Uhr im Historischen Reichssaal des Alten Rathauses

 

Anrede

"Man muss sicher auf festem Boden gehen können, ehe man mit dem Seiltanzen beginnt."

Henri Matisse, der französische Maler und Wegbereiter des Fauvismus, hatte sicher nicht die Branche der Lebensversicherer im Kopf, als er diese Worte formulierte, dennoch, meine Damen und Herren, treffen sie auf Ihre Berufssparte zu.

Denn auch Sie haben es sich zum Ziel gesetzt, den Menschen in unserer Gesellschaft die nötige finanzielle Absicherung zu verschaffen, die ihnen nicht nur Angst vor der Zukunft nimmt, sondern auch dazu beiträgt, dass sie ihr Leben genießen und sich sicher fühlen können, wenn sie sich – bildlich gesprochen – aufs Seil wagen.

Sie haben Regensburg als Ort für Ihre Jahrestagung ausgesucht, und das bestimmt nicht ohne Grund, denn Kongresse, Symposien und Tagungen haben eine lange Tradition in unserer Stadt.

Schon vor vielen Jahrhunderten haben hier politische und weltliche Gremien getagt. Hier wurden wichtige Verträge ausgehandelt und unterzeichnet. Hier sind unvergessene Anlässe heiter oder auch feierlich begangen worden. Hier wurde Geschichte geschrieben und hier wurden sicherlich auch Geschichten produziert.

Denn schließlich tagte genau hier, im Historischen Reichssaal des Alten Rathauses, von1663 bis 1806, also rund 150 Jahre lang, der Immerwährende Reichstag.

Hier im Alten Rathaus war auch der Geburtsort für Redensarten, die wir heute noch gebrauchen, deren ursprünglicher Sinn aber in Vergessenheit geraten ist.

Wir sagen, wir schieben etwas auf die lange Bank, und meinen damit, dass wir eine möglicherweise schwerwiegende Entscheidung so lange wie möglich hinauszögern. Man erzählt, dass auf der „langen Bank“ die eigentlich für die Gesandten bestimmt war, auch die noch unerledigten Akten gestapelt wurden, die in manchen Fällen so lange immer weiter nach hinten geschoben wurden, bis sie am anderen Ende wieder herunterfielen.

Eine andere Variante beschreibt die sogenannte „lange Bank“ des Reichstages als Sitztruhen, auf denen die Gesandten etwas abseits auf das Ergebnis des Entscheidungsprozesses warten mussten. Die mitgebrachten Akten wurden in den Truhen verstaut, um sie dann später wieder herauszuholen und zu bearbeiten. Aber manchmal dauerte der Prozess eben so lange, dass sie in den Truhen verstaubten und schließlich oft ganz vergessen wurden.

Wenn wir heute etwas am „grünen Tisch“ entscheiden, dann bedeutet es, dass sich die Tauglichkeit dieses noch theoretischen Konzepts in der Praxis erst noch erweisen muss. Dieser Ausspruch geht angeblich zurück auf die Runde der Kurfürsten, die in unserem Kurfürstenzimmer an einem mit grünem Samt bedeckten langen Tisch häufig Entscheidungen fällten, die eher fern der Realität waren.

Wer Leben versichert, der darf sicherlich nichts auf die lange Bank schieben. Und ich gehe auch nicht davon aus, dass Sie anlässlich Ihrer Jahrestagung theoretisch weltfremd, also am grünen Tisch, über Themen und Projekte referieren werden. Und das Geld, das Sie verwalten, ist auch sicherlich nicht „aus dem Fenster geworfen“, sondern gut angelegt. Auch diese Redensart geht nämlich auf eine Geschichte zurück, die sich genau hier ereignet hat.

Denn wenn wir heute davon sprechen,dass jemand Geld zum Fenster hinaus wirft, es also für unsinnige Dinge ausgibt, dann müssen wir uns das Bild vor Augen rufen, wie einst der deutsche Kaiser aus diesem Fenster des Reichstagserkers dem Volk, das ihm auf dem heutigen Rathausplatz huldigte, Münzen zuwarf. Eine Good-will-Aktion, die dem damaligen Kämmerer sicherlich nicht aus dem Herzen sprach. Vielleicht war er es ja, der diese Redensart geprägt hat, die uns auch heute noch ganz locker über die Lippen kommt.

Auch die Konfekttischchen des Immerwährenden Reichstages sind Geschichte geworden. Auf ihnen wurde den Gesandten und ihren Bediensteten bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts allerlei Zuckerwerk und süßes Gebäck angeboten. Die Naschsucht nahm aber wohl – so wird erzählt – im Lauf der Jahrzehnte so überhand und belastete den städtischen Haushalt so stark, dass beschlossen wurde, diese Ausgaben wieder einzustellen, weil sie – ich zitiere eine zeitgenössische Quelle –
„bey dem beständig anhaltenden Reichstage nicht anders als beschwerlich fallen konnten, zumal da von dem aufgesetzten Confecte selten etwas übrig blieb, und was nicht auf der Stelle zur Sättigung des Appetits diente, mitgenommen wurde.“

Ein einziges dieser Konfekttischchen ist übrigens erhalten geblieben. Es steht heute im sogenannten Fürstlichen Kollegium, in dem die Reichsfürsten – nach den Kurfürsten die einflussreichste Gruppierung im Reich und quasi die Opposition zum Lager des Kaisers – sich gemeinsam um ein größeres Mitspracherecht in der Reichspolitik bemühten.

Sie dürfen aber nun nicht denken, dass sich Regensburg allein durch sein historisches Erbe, das ja mehr als 2 000 Jahre zurückreicht, definiert. Sicherlich hat uns die UNESCO auch deshalb mit dem Welterbe-Prädikat geadelt, weil die Regensburgerinnen und Regensburger ihre Altstadt, die von den Weltkriegen weitgehend unzerstört geblieben ist, als historisches Kleinod lieben.

Darüber hinaus erfüllen sie sie aber auch mit modernem pulsierenden Leben. Regensburg ist kein Museum, sondern eine moderne weltoffene Universitätsstadt mit hoher Lebensqualität. Das werden Sie sicherlich spüren, wenn Sie Zeit finden, über die Plätze und durch die Straßen und Gässchen zu flanieren.

Neben seinem lebendigen urbanen Zentrum bietet Regensburg aber auch ein reges kulturelles Leben und einen hohen Freizeitwert durch vielfältige Sport- und Erholungsmöglichkeiten sowohl innerhalb des Stadtgebietes als auch in einem äußerst reizvollen und vielfältigen Umfeld.

Diese positive Entwicklung unserer Stadt geht Hand in Hand mit der wirtschaftlichen Entwicklung. Vor etwa 40 Jahren ist Regensburg aus einem lang anhaltenden „Dornröschenschlaf“ erwacht und hat sich zu einem äußerst dynamischen Wirtschaftsstandort in Deutschland entwickelt.

Eine Vielzahl großer und mittlerer Betriebe hat sich hier angesiedelt – das Ergebnis gezielter Wirtschaftsförderung, die aber nicht nur die Ansiedlung erleichtert, sondern stets auch ein offenes Ohr für die Anliegen bereits ansässiger Unternehmen hat und immer da ist, wenn es gilt, Wege zu ebnen.

Sicherlich – die Wirtschaftskrise wird nicht spurlos an unserer Stadt vorübergehen. Wir spüren die Einbrüche bei den Gewerbesteuereinnahmen deutlich, daran lässt sich nicht rütteln.

Dennoch können wir stolz darauf sein, dass wir frühzeitig auf einen ausgewogenen Branchenmix gesetzt haben. Außerdem erweist sich gerade in Krisenzeiten die gute Mischung von Groß-, Mittel- und Kleinbetrieben als Vorteil.

Denn damit steht die wirtschaftliche Struktur der Stadt auf soliden Säulen, die auf einer breiten Basis ruhen, und auch dann nicht ins Wanken geraten, wenn uns der Sturm heftig um die Ohren bläst.

Aber gerade im Sinne einer nachhaltigen Wirtschaftspolitik reicht es nicht aus, auf Althergebrachtes zu setzen. Deshalb haben wir auf Branchen gesetzt, die zukunftsfähig sind. Die Stärken unseres Standortes liegen in den Bereichen Elektrotechnik, Energietechnik sowie Fahrzeug- und Maschinenbau. Zudem hat sich unsere Stadt zu einem bedeutenden IT-Standort in Deutschland entwickelt.

Nicht vergessen werden sollten darüber hinaus aber auch die Bereiche Sensorik und Biotechnologie, in denen sich Regensburg eine herausragende Position verschafft hat.

„Es macht Freude, in einem vom Sturm gepeitschten Schiff zu sein, wenn man sicher ist, dass es nicht untergehen wird.“

Meine sehr verehrten Damen und Herren, diese Worte des französischen Mathematikers und Philosophen Blaise Pascal treffen – wie ich meine – voll und ganz auf die Stadt Regensburg zu.

Ich denke aber auch, dass sie für Sie alle eine besondere Bedeutung haben, sind Sie es doch, die Menschen versichern und ihnen damit das Gefühl geben, in Sicherheit zu sein.

Für den Verlauf Ihrer Jahrestagung wünsche ich Ihnen ein gutes Gelingen. Wenn Sie sich in unserer Stadt wohlfühlen, dann hoffe ich, dass wir uns vielleicht einmal in Regensburg wieder begegnen.