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Empfang für Selbsthilfegruppen

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Empfangs für die Selbsthilfegruppen am 6. Oktober 2009 um 18 Uhr im Auditorium des Thon-Dittmer-Palais

Anrede

Dass Selbsthilfe die beste Hilfe ist – diese Erkenntnis zieht sich durch die Jahrtausende und durch alle Schichten unserer Gesellschaft. So hat bereits der griechische Tragödiendichter Aischylos rund 500 Jahre vor Christi Geburt erkannt, dass Gott nur dem hilft, der sich bemüht, sich selbst zu helfen.

Zur gleichen Erkenntnis kamen Jahrhunderte später auch Johann Wolfgang von Goethe und der US-Staatsmann Benjamin Franklin.

Offenbar waren deren Worte so einleuchtend, dass sie vom Volksmund mit dem häufig zitierten Ausspruch übernommen wurden „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.“

Für Sie alle, die Sie sich in Selbsthilfegruppen organisiert haben, sollte dies eine Bestätigung sein, dass Ihr Engagement nicht an der falschen Stelle ansetzt, sondern genau dort, wo es am nötigsten ist: bei den Betroffenen selbst – bei Ihnen!

Über 350 Selbsthilfegruppen gibt es in unserer Stadt. In jeder von ihnen haben sich Menschen zusammengefunden, die ein ähnliches Problem haben. Das inhaltliche Spektrum ist dabei ausgesprochen weit gestreut, aber Sie alle eint eine Tatsache:
Die Probleme, die Sie haben, haben Sie nicht untätig und verzweifelt werden lassen. Sie haben Sie nicht in die Isolation getrieben. Sie sind selbst tätig geworden und engagieren sich heute in einer Gemeinschaft – für sich selbst, aber auch für die anderen.

Denn Sie haben sich selbst Expertenwissen im Umgang mit Ihren Problemen angeeignet, das Sie nun weitergeben und im Austausch mit anderen Betroffenen erweitern können. Sie helfen sich selbst – und damit, unserer Gesellschaft. Dies ist ein ganz wesentlicher Aspekt. Denn Sie entlasten mit Ihrer Arbeit sowohl die Steuerzahler als auch die Krankenkassen. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Die Arbeit, die Sie leisten, könnten wir uns als Kommune oder als Staat nicht leisten!

Es ist sehr einfach, nach finanziell gesicherter professioneller Hilfe zu rufen, wenn Probleme auftauchen. In manchen Fällen muss dafür natürlich auch die öffentliche Hand aufkommen, das ist Aufgabe unseres Sozialstaates. Aber alles können wir nicht leisten, können wir uns nicht leisten. Finanziell nicht und auch nicht personell. Daher ist Hilfe zur Selbsthilfe unverzichtbar.

Sie bieten Betroffenen eine Anlaufstelle. Bei Ihnen können sie nicht nur wertvolle Informationen erhalten, sondern auch Empathie und die Gewissheit, mit den eigenen Problemen nicht allein dazustehen.

Chronische Krankheiten, Behinderungen, psychische Probleme, Sucht oder stark belastende Lebenssituationen – für viele von uns, und ich zähle mich da durchaus dazu, ist es nur sehr schwer vorstellbar, was es für die Betroffenen bedeutet, sich mit ihrer Krankheit oder ihrer ganz persönlichen Problemlage im Alltag zurechtzufinden und ein – ich setze es bewusst in Anführungsstriche – „normales“ Leben zu führen.

Zwar setzt das Sozialgesetzbuch voraus, dass jeder kranke oder hilfebedürftige Mensch ein Recht darauf hat, Unterstützung zu erfahren. Die Umsetzung sieht im täglichen Leben aber meist anders aus. Das beginnt schon bei der Organisation des einfachen Alltags, wo sich dann oft Hindernisse auftun, die andere gar nicht wahrnehmen.

Andere Menschen zu finden, die mit eben diesen Hindernissen in gleicher Weise kämpfen, tut einfach gut. Mit ihnen gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie diese Hindernisse überwunden oder umgangen werden können, sich gegenseitig Zuspruch zu leisten, die Probleme des anderen aus eigener Erfahrung zu kennen und diese eigenen Erfahrungen wieder anderen zugute zu kommen lassen – das sind vielleicht die wichtigsten Gesichtspunkte, die Selbsthilfegruppen für unsere Gesellschaft so wertvoll machen.

Sie, die Sie sich organisieren und engagieren, Sie alle bauen Brücken von Mensch zu Mensch, vermitteln Geborgenheit und vor allem das Gefühl, dass andere mit ihren Problemen nicht allein im Leben stehen.

Damit wirken Sie einem Problem entgegen, das vielleicht noch viel gefährlicher ist als alle Einschränkungen, mit denen Sie sich in Ihrem Leben abfinden müssen: Mit der Isolation, der Einsamkeit, dem Sich-Ausgegrenzt-Fühlen. Wer auf andere trifft, die ähnliche Probleme haben, wer sich regelmäßig mit anderen trifft und sich darüber austauscht, der ist nicht mehr allein.

In diesem Zusammenhang ist mir eine Geschichte eingefallen, die von einem Mann erzählt, der ein Bein verloren hatte und der gefragt wurde, was er sich denn am meisten wünsche. Er erklärte nicht, dass er gerne wieder zwei Beine hätte, sondern frappierte seine Zuhörer mit dem Wunsch, dass alle anderen Menschen auch nur ein Bein haben sollten.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil diese Geschichte für mich eine klare Botschaft birgt:

Mit dem Verlust seines Beines konnte sich der Mann ganz gut abfinden. Er hat vielleicht Krücken bekommen oder eine Prothese. Er hat einen Teil seiner früheren Beweglichkeit wieder gewonnen. Vielleicht ist er sogar psychisch gereift durch die Erfahrung und den Umgang mit Schmerz und Behinderung. Aber er hat auch feststellen müssen, dass er auf einmal anders war als alle anderen Menschen. Der Verlust seines Beines hat ihn zum Einbeinigen unter Zweibeinigen gemacht. Ein schwarzes Schaf unter lauter weißen. Isoliert. Einsam.

Verständlich, dass er sich gewünscht hat, andere zu finden, die so sind wie er. Gemeinsamkeit. Verständnis. – Eine Selbsthilfegruppe vielleicht? Eine, die dazu beiträgt, dass er das schmerzliche Erlebnis seines Verlustes verarbeiten kann. Die ihm zeigt, dass Menschen, die das gleiche oder ein ähnliches Problem haben, ihr Leben bewältigen können und lebenswert finden. Eine Selbsthilfegruppe, die seinem neuen Leben einen neuen Sinn gibt. Denn ohne Sinn ist das Leben bloße Existenz.

Sie alle, die Sie sich in einer Selbsthilfegruppe organisiert haben, haben es geschafft, sich über die Hürden, vor die Sie das Leben gestellt hat, hinweg zu setzen.

„Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft“, sagt die österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach.

Genau diesen Glauben aktivieren Sie in sich selbst und in anderen. Dafür möchte ich mich im Namen unserer Gesellschaft ganz herzlich bedanken. Sie leisten uns allen damit wertvolle und unschätzbare Hilfe!

Ich wünsche mir, dass uns das Spektrum, das Sie unserer Gesellschaft mit der inhaltlichen Vielfalt Ihrer Gruppen bieten, noch lange erhalten bleibt. Ich wünsche mir aber auch, dass sich noch viele Menschen entschließen mögen, sich mit ihren ganz spezifischen Problemen nicht ins stille Kämmerchen zurückzuziehen, sondern dass sie den Mut finden, sich selbst in eine Gruppe einzubringen oder vielleicht selbst eine Selbsthilfegruppe ins Leben rufen.

Diesen Mut, den haben Sie alle schon gefunden. Dafür zolle ich Ihnen meinen Respekt! Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft.