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1000 Jahre Kumpfmühl

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger zum Jubiläum 1000 Jahre Kumpfmühl am Montag, 12. Oktober 2009, um 19 Uhr im Historischen Reichssaal

Anrede

1000 Jahre Kumpfmühl – wenn das kein Anlass zum Feiern ist! Dem ältesten Stadtteil Regensburgs und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern gratuliere ich ganz herzlich zu diesem runden Jubiläum.

Kumpfmühl kann sich nicht nur mit dem Prädikat „ältester Stadtteil“ schmücken, es hat noch viel mehr an Superlativen aufzuweisen. So weilt nämlich der älteste Bewohner Regensburgs hier in unserer Mitte. – Naja, natürlich nicht hier unter uns im Historischen Reichssaal, aber wirklich nur ein paar Schritte entfernt, im Historischen Museum der Stadt. Dort nämlich liegen die Gebeine eines gut 7000 Jahre alten Regensburgers, des ältesten Menschen, der jemals in unserer Stadt gefunden wurde. Sie stammen noch aus der Jungsteinzeit und wurden entdeckt, als im Jahr 1999 die Grabungsarbeiten für das Fundament des Atriumgebäudes auf dem sogenannten Kumpfmühler Stachus durchgeführt wurden.

Dieser Steinzeitmann könnte uns viel erzählen von den Menschen, die damals hier gelebt haben. Die noch in primitiven Hütten aus Holz und Weidengeflecht gehaust, wilde Tiere gejagt und in den Kumpfmühler Wäldern nach Beeren und Pilzen gesucht haben. Die geschützte Lage des heutigen Stadtteils und die Tatsache, dass reichlich fließendes Wasser vorhanden war, haben wohl schon in grauer Vorzeit die Menschen angelockt, hier ihre Lagerstätten aufzuschlagen.

Könnten wir ihn zum Leben erwecken, dann würde er sich sicherlich vor Erstaunen die Augen reiben, wenn er durch das heutige Kumpfmühl wandern würde.

Ich hoffe sehr, dass er auf seinem Weg durch Kumpfmühl nicht von einem der vielen Autos überfahren würde, denn sicherlich hätte er seine Augen nach oben gerichtet und würde voll Staunen die Türme der Theresienkirche und der Kirche St. Wolfgang bewundern. Und dort in St. Wolfgang würde er bestimmt von einem der bekanntesten Kumpfmühler empfangen werden, dem Stadtdekan Alois Möstl, der ja nicht nur dort bekannt, aktiv und stets präsent ist.

Wenn die Verständigung einigermaßen klappen würde, dann würde Prälat Möstl unserem Steinzeitmann sicherlich das aktive Gemeindeleben in Kumpfmühl näherbringen und ihm erläutern, dass es dort gar kein Problem gibt mit einem harmonischen Miteinander der beiden großen christlichen Konfessionen.

Bestimmt würde unser urzeitlicher Vorfahr auf seinem Rundgang auch Hunger bekommen. Wenn er sich auch möglicherweise nicht in eines der vielen Lokale, die heute den Stadtteil bereichern, trauen würde – auf dem Markt könnte er sicher seinen schlimmsten Hunger stillen, auch wenn ihn – der ja nur kärgliche Kost gewohnt ist – das reichliche Angebot an Gemüse und Früchten bestimmt erstaunen würde.

Und in Kumpfmühl ließ es sich seit jeher wirklich gut leben. Nicht umsonst lautet ja der erste urkundlich bezeugte Name „Genstal“. Auch wenn nicht ganz sicher ist, ob der Name wirklich auf Gänsehaltung zurückzuführen ist, haben doch der Vitusbach und die vielen kleineren Gewässer, die sich in der Umgebung fanden, sicherlich viele Wasservögel, also Gänse und Enten angezogen, die sich die späteren Kumpfmühler schmecken ließen. Die Enten schwimmen ja auch heute noch im Theresienweiher herum, auch wenn sie natürlich nicht mehr gejagt und verspeist werden.

Dafür schmeckt das Bier den Kumpfmühlern auch heute noch. Und ich bin mir sicher - auch unser Urahn aus der Vorzeit würde sich ein kühles Helles durchaus munden lassen. Und das hat durchaus Tradition in Kumpfmühl. Bereits im frühen 12. Jahrhundert wurde von den Mönchen des Schottenklosters Bier gebraut. Die Schottenbrauerei, die mittlerweile in der Brauerei Bischofshof aufgegangen ist, ist damit die älteste Brauerei Regensburgs.

Die letzten Mönche des Schottenklosters haben übrigens hier in Kumpfmühl noch Bier ausgeschenkt. Das geht aus einem Schriftstück des Bierbrauers Gottfried aus dem Jahr 1850 hervor. Um diese Zeit wurde wohl der Schottenkeller gebaut, der spätere Schmauskeller, der es ja zu einiger Berühmtheit gebracht hat.

Kumpfmühl mit seinen schattigen Biergärten und kühlen Bierkellern war damals ein beliebtes Ausflugsziel für die Städter. Im Jahr 1813 legte man die „Kumpfmühler Chaussee“, eine von 232 Vogelbeerbäumen und Akazien gesäumte Allee an, damit die Regensburgerinnen und Regensburger auch bei großer Sommerhitze im kühlen Schatten aufs Land pilgern konnten. Denn Land, das war Kumpfmühl lange noch, auch noch damals zu Zeiten des Biedermeiers.

Nach Kumpfmühl ziehen sich im Sommer gerne reiche Familien der Stadt, um dort eines angenehmen Aufenthaltes zu genießen, und auch solche, deren Gesundheit zerrüttet ist, um sich wieder im Genuße der Landluft zu stärken“, schreibt der Regensburger Geschichtsforscher Josef Rudolf Schuegraf, Mitte des 17. Jahrhunderts.

Schade übrigens, dass unser Mann aus der Steinzeit nicht lesen kann. Denn dann würde er sich viel leichter tun, all das, was um ihn herum vorgeht, zu verstehen. Dann könnte er nämlich in der Festschrift „Ein Stadtteil schreibt Geschichte“ nachlesen, was in dieser Zeit alles passiert ist.

Denn das ist alles in diesem umfangreichen Werk festgehalten, das die Autoren dem 2002 verstorbenen Lehrer und Autoren Karl Bauer gewidmet haben. Diese Geste zeigt, dass sich Kumpfmühl seiner Geschichte und der Persönlichkeiten, die in diesem Stadtteil lebten und wirkten, sehr bewusst ist.

Der bekannte und allseits geschätzte Kumpfmühler Bürger und Regensburger Kulturpreisträger Karl Bauer war ja nicht nur das personifizierte Geschichtsbewusstsein Kumpfmühls, sondern der ganzen Stadt.

Der „Stadtschreiber der Welterbestadt“, wie er in der Festschrift zu Recht betitelt wird, hätte sich gefreut, dieses Werk in Händen zu halten.

Er hätte sich sicherlich auch über den Titel der Festschrift gefreut: „Ein Stadtteil schreibt Geschichte“ – das ist nicht nur eine Sammlung der historischen Ereignisse vom römischen Kohortenlager über die erste Erwähnung von Kumpfmühl in einer Urkunde Kaiser Heinrichs II., bis hin zu den Jubiläumsfeierlichkeiten im Jahr 2009.

Nein, das ist gleichzeitig auch der Hinweis auf die Autoren des Buches. Denn das sind viele Bürgerinnen und Bürger von Kumpfmühl, aber genauso auch Menschen, die sich diesem Stadtteil eng verbunden fühlen. Geschichtsprofis, aber auch engagierte und kompetente Hobby-Historiker haben dieses Werk geschaffen!

Aber nicht nur die Festschrift zeugt von der großen Verbundenheit und dem Engagement in Kumpfmühl. Auch die drei großen Epochenfeste, die heuer anlässlich des Jubläumsjahres stattgefunden haben, beweisen, was die Kumpfmühler für ihren Stadtteil und ihre Gäste alles auf die Beine stellen können.

Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang John F. Kennedy zitieren, der einmal gesagt hat:
„Fragt nicht, was euer Stadtteil für euch tun wird – fragt, was ihr für euren Stadtteil tun könnt.“

Gemeinsamkeit wird in Kumpfmühl groß geschrieben. Da wird ein Jubiläum mit vielen kreativen Aktionen und Projekten begangen.

  • Da bringen Menschen sich ein
  • zeigen Engagement
  • und engagieren sich für ihren Stadtteil ohne ihren persönlichen Vorteil ins Zentrum zu rücken

Worauf ist dies zurückzuführen? – Die Antwort darauf ist ganz einfach: Weil sich die Menschen in Kumpfmühl mit ihrem Stadtteil identifizieren, weil sie ein Bewusstsein für ihren Stadtteil entwickelt haben.

Der Vizepräsident der Deutschen Sektion des Rates der Gemeinden und Regionen Europas, Dr. Heinrich Hoffschulte, formulierte es einmal so:

„Auf eine Ära der Globalisierung im ausgehenden Jahrtausend folgt im 21. Jahrhundert ein Zeitalter der Kommunen und der örtlichen wie regionalen Identitäten.“

Diese Botschaft lässt sich sicherlich auch auf die Bedeutung der Stadtteile für eine Stadt übertragen.

So wichtig die internationale Verflechtung auch ist für unsere Welt, die uns dank des technischen Fortschrittes hat immer näher zusammenrücken lassen, sie ist nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite steht das wachsende Bedürfnis nach überschaubaren Räumen für die Suche nach der eigenen Identität, dem Angenommensein in der direkten Umgebung, der Familie, im Freundes- und Kollegenkreis und eben auch im Stadtteil.

Diese überschaubaren Räume zu schaffen, das ist Ihnen allen in Kumpfmühl bestens gelungen. Dazu und zu Ihrem 1000-jährigen Jubiläum gratuliere ich Ihnen noch einmal ganz herzlich. An Sie als „Kumpfmühler Gesandte“ habe ich noch eine Bitte: Übermitteln Sie meine Glückwünsche allen Bürgerinnen und Bürgern in Kumpfmühl!