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Gedenkfeier "60 Jahre Bundesrepubulik Deutschland"

-Es gilt das gesprochene Wort- 

Rede von Bürgermeister Gerhard Weber anlässlich einer Gedenkfeier zu „60 Jahre Bundesrepublik Deutschland“ in der Städtischen Berufsschule I und II am 26. Mai 2009 um 13.30 Uhr

Anrede,

Sie kennen sicher alle den auch schon in die Jahre gekommenen Sponti-Spruch:„Traue keinem über Dreißig!“
Das deutsche Grundgesetz, die Geburtsurkunde der Bundesrepublik Deutschland, ist aber schon 60 Jahre alt.

  • Wie vertrauenswürdig ist überhaupt  dieses Geburtstagskind?
  • Oder besteht wegen des Alters ein berechtigter Anlass, dem Grundgesetz und diesem Staat zu misstrauen?
  • Konnten die Väter und die wenigen Mütter des Grundgesetzes drei, vier Jahre nach dem Ende des verheerenden Zweiten Weltkriegs überhaupt wissen, was wir heute für eine Staats- und Gesellschaftsordnung nötig haben,
    in einem globalen wirtschaftlichen Wettbewerb mit einer drohenden Klimakatastrophe, der Geißel des weltweit operierenden Terrorismus und der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise?

Das Grundgesetz, das zuerst als Provisorium gedacht war, ist nach der Wiedervereinigung Deutschlands vor auch bald 20 Jahren zu unser aller Verfassung geworden. Und wir können nicht ohne Stolz feststellen:

  • Wenn etwas auf breiter Basis im Volk Vertrauen genießt, dann ist es dieses Grundgesetz und damit auch unser Staat, die Bundesrepublik Deutschland.
  • Alle Umfragen belegen stabil über die sechs Jahrzehnte hinweg:
    Die Deutschen aller Altersstufen und aller Gesellschaftsschichten stehen in der überwiegenden Mehrheit zu ihrem Land und dem verfassten Regelwerk unseres Zusammenlebens.

Es wird ja viel über Politikverdrossenheit der Deutschen geklagt. Gerade Ihnen, der Jugend, wird vorgeworfen, sich nicht um politische und gesellschaftliche Fragen zu kümmern. Sieht man aber genauer hin und nimmt konkrete Anlässe unter die Lupe, so kann man unschwer erkennen, dass es gerade und immer wieder junge Deutsche sind, die sich für ihr Land, für die Lösung dringender nationaler und globaler Probleme engagieren.

Meine Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler,
60 Jahre – im Leben eines Menschen ist das ein sehr langer Zeitraum, ich selbst bin ein Jahr älter als das Grundgesetz. Wie viel hat sich in dieser Zeit ereignet! Sechs Jahrzehnte Bundesrepublik Deutschland, das ist wie ein spannender Film mit dramatischen Szenen und großen einprägsamen Bildern:

  • Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs Deutschlands Städte in Schutt und Asche.
  • Unser Vaterland in West und Ost geteilt, besiegelt ab 1961 mit Stacheldraht und Mauerbau.
  • Konrad Adenauer als Symbolfigur für die Gründung der Bundesrepublik Deutschland und die Integration in das System der westlichen Demokratien.
  • Ludwig Erhard, der Mann mit der Zigarre, der Garant für den Wiederaufbau und für das Wirtschaftswunder in Westdeutschland.
  • 1954 das Wunder von Bern:
    Die deutsche Nationalmannschaft unter Sepp Herberger gewinnt die Fußballweltmeisterschaft.
  • Die außerparlamentarische Opposition mit den Studentenunruhen und dem Attentat auf Rudi Dutschke rüttelt die junge Bundesrepublik ganz gehörig durch.
  • 1970 der Kniefall Bundeskanzler Willy Brandts in Warschau vor dem Mahnmal für die NS-Opfer des jüdischen Ghettos.
  • Das blutige Ende der Geiselnahme bei den Olympischen Sommerspielen 1972.
  • Der RAF-Terror  der 70er Jahre, gegen den sich der Staat, aber auch das ganze Volk zu bewähren hatte.
  • Der Mauerfall 1989 und die Wiedervereinigung am 3.Oktober 1990 mit Helmut Kohl als den Kanzler der deutschen Einheit.
  • Deutschlands positive Rolle bei der Gründung und der Ausgestaltung der Europäischen Union und ihrer Vorläuferorganisationen.
  • Die Einführung des Euro 2002.

Na und, werden Sie, die Jüngeren, uns die Älteren fragen. Das ist doch alles Geschichte. Was haben wir davon? Was hilft das uns bei der Sorge um sichere Arbeitsplätze, den Erhalt unseres Lebensstandards, der Natur und eines verträglichen Klimas auf der ganzen Welt? Schön, dass es im Land der Väter und Großväter einmal so positiv gelaufen ist, sagen Sie sich.

Und es ist ja wirklich auch bemerkenswert: 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland mit Einbindung in die Europäische Union - das ist nämlich auch die längste Friedensperiode, die Deutschland und der größte Teil Europas je erlebt haben.

Für Sie, meine jungen Freunde, ist Frieden eine Selbstverständlichkeit.
Sie können in den Ländern der EU ohne Pass und Visum, ohne lästige Grenzkontrollen und ohne Geldwechseln nach Belieben herumreisen.

Bitte vergessen Sie jedoch nie:
Frieden fällt nicht vom Himmel. Er muss hart erarbeitet und auch konsequent gesichert werden. Dass dies seit Gründung der Bundesrepublik gelungen ist und dass Friedenszeit weiterhin zur Normalität gehört und nicht wie bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts eine Ausnahmeerscheinung im Leben der Deutschen, der meisten Europäer  ist, dafür dürfen wir sehr dankbar sein.

Ich könnte Ihnen, liebe Schülerinnen und Schüler auf Ihre Frage, was das mit Ihnen zu tun hat, die Standard-Antwort geben: Der Geschichte, sei es der persönlichen oder der seines Volkes, entrinnt man nicht. Sie ist die Basis der eigenen Zukunft – ob man das will oder nicht.

So eine Allerwelts-Antwort ist zwar richtig. Sie genügt Ihnen aber nicht.  Sie fragen zu Recht: Wo finde ich mich wieder in dieser Gesellschaft, in diesem Staat mit seiner Geschichte, in diesem Grundgesetz?

Meine Antwort darauf lautet:

  • Diese Bundesrepublik Deutschland ist kein einmal gebautes Haus mit einer ein für alle Zeit festgelegten Aufteilung der Wohnungen und Zimmer, in denen man sich schlecht und recht einrichten muss.
  • Lassen Sie es mich neudeutsch sagen: Diese Bundesrepublik Deutschland – und scheuen wir uns auch nicht, sie unser Vaterland zu nennen – ist ein „Work in progress“.

Das heißt: Die Gründer dieses Staates haben zwar ein solides Fundament mit dem Grundgesetz geschaffen. Jede Generation jedoch ist nicht nur aufgerufen, sondern geradezu verpflichtet, weiter an diesem Haus unserer Gesellschaft, unserer staatlichern Ordnung  zu bauen.

Die Raumaufteilung, die vor 60, vor 40 oder vor 30 Jahren den Anforderungen der Zeit genügt hat, kann und muss nach den aktuellen Herausforderungen überprüft und bei Bedarf umgestaltet werden.

Unser Grundgesetz ist ein Glücksfall für die Geschichte der Deutschen. So hat es in diesen Tagen der oberste Verfassungshüter Deutschlands, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Professor Hans-Jürgen Papier, formuliert.

Sie ist deshalb ein Glücksfall, weil das Grundgesetz mit seinen unveräußerlichen und von keiner noch so großen Mehrheit zu ändernden Grundrechten aller Bürgerinnen und Bürger ohne Ausnahme ein offenes System darstellt.

  • Staat und Gesellschaft sind auf der Grundlage des Grundgesetzes in jeder Generation neu zu definieren.
  • Die Gestaltungsarbeit der Gründerväter und der Gründermütter ist jedes Mal neu aufzunehmen.
  • Gestaltungswille und Phantasie sind immer wieder gefragt. Jede Generation muss sich hier bewähren.

Dies ist die Verpflichtung für meine Generation, die Ihrer Eltern und Lehrer. In diese Kette der Verantwortungen sollen aber auch Sie sich einreihen.

Dass wir bei allen Problemen und Unzulänglichkeiten eine stabile Demokratie mit funktionierender sozialer Solidarität haben, ist nicht selbstverständlich. Beides fällt auch Ihrer Generation nicht in den Schoß. Sie müssen sich dafür engagieren. Das ist der Preis der Freiheit. Sie gibt es nicht zum Nulltarif. Für sie muss täglich aufs Neue gearbeitet werden.

  • Mischen Sie sich ein!
  • Machen Sie mit in der Schule, in Vereinen, in den politischen Parteien in den Kirchen!
  • Wir alle brauchen Sie, Ihre Ideen, Ihre Tatkraft.

Die Bundesrepublik Deutschland ist die richtige Antwort auf das finstere Kapitel des Nationalsozialismus mit seiner menschenverachtenden Diktatur.

Denn dies ist die Lehre, die wir aus  der deutschen Geschichte ziehen können, ja ziehen müssen: Demokratie ohne Demokraten ist nur eine schöne Fassade. Im Rahmen der demokratischen Spielregeln und der Gesetze müssen wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. 

Weil das zwei Generationen vor Ihnen getan haben - mit Fleiß und sozialem wie politischen Engagement - wurden die 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland zu einer Erfolgsgeschichte, auf die wir trotz mancher Rückschläge und Versäumnisse stolz sein können.

Liebe junge Freunde,
das Ideal unserer Staats- und Gesellschaftsordnung ist nicht die Harmonie um der bloßen Harmonie willen. Die Deutschen haben gelernt, streitbare Demokraten zu sein. Dieser Tradition müssen auch Sie sich bewusst sein.

Streitbare Demokratie:  Das ist unbequem und nicht in jedem Fall jedermanns Sache. Doch nur so ist die notwendige Entwicklung möglich.

Wir sind in diesen 6 Jahrzehnten zu tragfähigen Kompromissen gekommen. Sie haben uns weitergebracht und  flexibel für neue Aufgaben gemacht. So konnten und können wir neuen Herausforderungen begegnen und zu zeitgemäßen Lösungen kommen.

Doch nichts ist endgültig getan. Es gibt immer wieder genug zu tun für Sie, für uns alle. Es lohnt sich. 

  • Ihr Engagement  ist notwendig.
  • Lassen Sie sich nicht von rechten und linken Rattenfängern das Hirn vernebeln.
  • Lassen Sie sich nicht weismachen, dass diese Bundesrepublik Deutschland mit ihrer offenen Gesellschaftsform, in der auch Menschen mit ausländischer Herkunft ihre Heimat haben, eine Missgeburt sei, die man bekämpfen müsse.

Die Rezepte, die aus diesen Ecken angeboten werden, haben sich längst als falsch erwiesen. Sie haben mit Nationalsozialismus und Kommunismus Deutschland in eine verhängnisvolle Irre geführt.

  • 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland: Sie als weltoffenes Land weiter zu entwickeln, das ist unsere, das ist Ihre Zukunft.
  • Stehen Sie nicht abseits!

Das ist das beste Geburtstagsgeschenk, das Sie Deutschland machen können. Deutschland zählt auf Sie.