Navigation und Service

Bayerische Bibliothekstage

 

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Festabends der Bayerischen Bibliothekstage 2008 am Montag, 14. Juli 2008, 20.00 Uhr, im Historischen Reichssaal

 

Ich darf Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren sehr herzlich hier im historischen Reichssaal, der guten Stube der Stadt Regensburg willkommen heißen. Ich freue mich, dass Bibliothekarinnen und Bibliothekare aus ganz Bayern zu dieser Tagung nach Regensburg gekommen sind.

Kongresse, Tagungen und Symposien haben in Regensburg seit jeher eine wichtige Rolle gespielt. Sie haben eine lange Tradition, denn bereits im Mittelalter war unsere Stadt ein bedeutendes Zentrum der Wissenschaften.
Von 1663 bis 1806 kam unserer Stadt eine außergewöhnliche Rolle zu, die auch die Entwicklung der Wissenschaften in Regensburg vorantrieb: Regensburg war zu dieser Zeit Sitz des Immerwährenden Reichstags des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Einem ständigen Parlament, dessen damalige Rolle für Europa mit dem heutigen EU-Parlament vergleichbar ist.

Hier, im Historischen Reichssaal der Stadt Regensburg, hat damals der Immerwährende Reichstag getagt. Bereits 1363 vollendet, gilt er heute als bedeutendstes profanes Bauwerk der Gotik in Regensburg. Ursprünglich diente er als Tanzhaus für Rat und Patriziat der Stadt Regensburg und als Repräsentationsraum für Feiern und Festlichkeiten. 300 Jahre später wurde er vom Rat der Reichsversammlung zur Verfügung gestellt.
Aber nicht nur in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht spielte Regensburg seit dem Mittelalter innerhalb Europas eine wichtige Rolle. Auch die Wissenschaften erlebten damals eine Blütezeit.

Mathematik, Astronomie und Medizin brachen in jener Zeit zu neuen Ufern auf. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Regensburg auch ein Anziehungspunkt für Gelehrte und Forscher wurde.

Geschichte gewordene Namen legen dafür ein beredtes Zeugnis ab. Albertus Magnus – er war Bischof von Regensburg, Theologe und Naturwissenschaftler – oder Johannes Kepler, Astronom und Mathematiker, haben hier gelehrt.

Den größten Nährboden für die Wissenschaft, Forschung und Lehre lieferten seinerzeit, und das bis in das späte 18. Jahrhundert, die mächtigen und einflussreichen Klöster und Stifte.

Bereits im Jahr 1478 brachte Herzog Albrecht IV. von Bayern gemeinsam mit dem Rat der Stadt Regensburg eine Petition beim Papst ein, mit der die Gründung einer Universität zu Regensburg erwirkt werden sollte. Der Papst stimmte den Gründungsplänen zu, letztlich scheiterte das Vorhaben aber aufgrund der wirtschaftlichen Verhältnisse.

Im Lauf des Dreißigjährigen Krieges wurde dieser Gedanke wieder aufgegriffen, allerdings um eine evangelische Universität zu gründen. Und Anfang des 19. Jahrhunderts machte uns schließlich der Bayerische König einen Strich durch die Rechnung.

Die Universität Regensburg, wie sie heute besteht, wurde erst im Jahr 1965 gegründet.

Aufgrund des breiten Angebots von Universität, Universitätsklinikum, Fachhochschule und der Hochschule für Katholische Kirchenmusik leben inzwischen mehr als 20 000 Studenten in Regensburg.

Regensburg als Stadt der Wissenschaft hat innerhalb der letzten vier Jahrzehnte einen beachtlichen Aufschwung genommen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, überall dort, wo Wissenschaft und Bildung einen derart großen Beitrag zur ökonomischen, kulturellen und gesellschaftspolitischen Entwicklung leisten, finden Sie eines mit Sicherheit: Bibliotheken.

Die Staatliche Bibliothek Regensburg zum Beispiel. Sie wurde 1816 als Königliche Bibliothek für den Regenkreis gegründet. Folgende Bibliotheken sollten in ihr zusammengefasst werden:

  • Bibliotheken der Regensburger Klöster, die dem Staat durch die Säkularisation zugefallen sind (Benediktiner in St. Emmeram, Dominikaner, Karmeliten, Augustinereremtiten, Franziskanerminoriten und Kapuziner, dazu Reste aus der Jesuitenbibliothek)
  • die Bischöfliche Bibliothek
  • die Bibliothek der ehemaligen Reichsstadt, die bis ins späte 14. Jahrhundert zurückreicht und 1783 durch die Zusammenführung von Rathaus-, Schul- und evangelischer Ministerialbibliothek neu gestaltet worden war.
    Ein Teil davon befindet sich heute in der Hofbibliothek in München.

Eine Regensburger Besonderheit ist die Fürst Thurn u. Taxis Hofbibliothek, in dessen Lesesaal ein Deckenfresko von Cosmas Damian Asam aus dem Jahre 1737 zu bewundern ist. In dieser Bibliothek, die ca. 12000 bibliophile Bände umfasst, fällt es leicht, sich in die Regensburger Geschichte zurückzuversetzen.

Fast 150 Jahre nach der Staatlichen Bibliothek wurde die heute größte wissenschaftliche Bibliothek der Region gegründet: die Universitätsbibliothek mit über 3,5 Millionen Büchern und Zeitschriften. Heute verfügt die Bibliothek, die sich stets ihrer Vorreiterrolle bewusst war, auch über einen großen Bestand an digitalen und elektronischen Angeboten. 2006 erhielt die Bibliothek die Auszeichnung "Ausgewählter Ort 2006" im Rahmen der bundesweiten Standortinitiative "Deutschland – Land der Ideen" für die innovative Entwicklung ihrer Elektronischen Zeitschriftenbibliothek. Auch die neue Hochschulbibliothek (ehemals FH-Bibliothek) wurde ausgezeichnet: Sie hat in der Kategorie der Fachhochschul-Bibliotheken im Jahr 2007 den 1. Rang beim Leistungsvergleich im Bibliotheksindex BIX erreicht.

Unter den fünf besten öffentlichen Großstadtbibliotheken fand sich beim Bibliotheksindex BIX 2007 auch die Stadtbücherei in den Zieldimensionen Wirtschaftlichkeit und Mitarbeiterorientierung wieder.

Ebenso wie sich die Form der Informationsträger in Bibliotheken dem Fortschritt anpasst, ergeben sich auch aus gesellschaftspolitischen Entwicklungen neue inhaltliche Schwerpunkte. So ist es angesichts der Tatsache, dass Regensburg nach der EU-Osterweiterung in die Mitte Europas gerückt ist, eine willkommene Koinzidenz, dass mit dem Wissenschaftszentrum Ost- und Südosteuropa auch dessen wissenschaftliche Spezialbibliothek im Januar 2008 mit 340.000 Bänden ins ehemalige Regensburger Finanzamt eingezogen ist.

Angesichts dieses reichhaltigen Angebots an Themen, Büchern und anderen Informationsträgern stellt sich manchmal die Frage: Warum werden manche Bibliotheken nicht noch mehr genutzt? Und daran schließt sich sofort die Frage an: Was ist die grundlegende Aufgabe der Bibliotheken?

Meine sehr verehrten Damen und Herren, natürlich unterscheidet sich eine historische Büchersammlung, von einer Städtischen Bücherei. Erstere ermöglicht Forschung und wissenschaftliches Arbeiten und bedient dadurch eine sehr spezifische Zielgruppe. Eine Stadtbücherei lebt davon, dass sie für eine sehr heterogene Gruppe von Besuchern interessant ist und das Angebot den individuellen Bedürfnissen der Leserinnen und Leser entspricht

Dabei ist der Umgang mit dem geschriebenen Wort eine zentrale Schlüsselkompetenz.
Um Begeisterung für das Lesen zu wecken ist es ratsam, die Zeit zu nutzen, bevor das Wort „Buch“ untrennbar mit dem Wort “Schule“ verknüpft ist. Denn obwohl das Lesen eine Grundvoraussetzung für das spätere Lernen ist, sollte es nicht darauf reduziert werden. Kinder lernen dann am leichtesten Lesen, wenn ihre Motivation die Neugier ist und diese kann bereits im
Kleinkind- und Vorschulalter durch Vorlesen oder gemeinsames Ansehen von Bilderbüchern geweckt werden.

Für die Stadt Regensburg ist die Förderung der städtischen Bibliotheken, und damit auch die Leseförderung ein Stück bildungspolitische Verantwortung und daher Selbstverständlichkeit,

  • weil die Bibliotheken neben Elternhaus, Kindergarten und Schule die besten Vermittler für lebenslange Freude und Interesse am Lesen sind
  • weil Bibliotheken unentbehrlicher Partner der Schulen sind: bei der Leseförderung, bei der Bereitstellung von Lernorten und bei der Vermittlung von Informationskompetenz.
  • und weil Bibliotheken lebenslanges Lernen ermöglichen.

Dieses Angebot wird in Regensburg genutzt. Die Besucher- und Entleihzahlen steigen jährlich an und die Stadtbücherei am Haidplatz und die Stadtteilbüchereien sind die meistbesuchten und meistgenutzten Kultur- und Bildungseinrichtungen der Stadt.
Bibliotheken können höchst verschieden sein, doch eines eint sie: Sie stehen auch für kulturelle Identität und sie bieten jedem Interessierten die Möglichkeit, sein Wissen zu mehren und den Horizont zu erweitern und damit einen Zugang zur Bildung, der jedem offensteht.

Durch diese Basisarbeit vermitteln Bibliotheken Recherche- und Medienkompetenz. In dieser Hinsicht machen sie späteres wissenschaftliches Arbeiten erst möglich. Zudem spielen Büchereien eine wichtige Rolle beim Integrationsprozess ausländischer Mitbürgerinnen und Mitbürger, denn durch Lesen, das Erlernen und Verstehen der Sprache wird Kommunikation, die Basis jeder Integration, erst möglich.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach hat einmal gesagt: "Es geht uns mit Büchern wie mit den Menschen. Wir machen zwar viele Bekanntschaften, aber nur wenige erwählen wir zu unseren Freunden."

Freunde begleiten uns oft ein Leben lang, genauso wie ein Buch, das es uns angetan hat und zu dem wir eine besondere Affinität verspüren. Solche Bücher kann man immer wieder lesen.

Als Bibliothekarinnen und Bibliothekare sehen Sie sich, meine sehr verehrten Damen und Herren einer etwas anderen Situation gegenüber. Denn auch wenn persönliche Bibliophilie ein guter Ausgangspunkt für den Erfolg in Ihrem Beruf ist, muss ein Bibliothekar heute weit mehr sein als ein belesener Schöngeist.

Ihre Tagung trägt den Titel: „Interessieren, Informieren, Überzeugen – Lobbyarbeit für Bibliotheken.“ Sie möchten also

  • Bibliotheken ins Gespräch bringen. 
  • Zeigen was Bibliotheken leisten
  • und die Gesellschaft und Öffentlichkeit von der Notwendigkeit guter und leistungsfähiger Bibliotheken zu überzeugen.

Ich muss Ihnen gestehen. Ich bin schon überzeugt, denn für mich sind Investitionen in Bibliotheken Investitionen in die Zukunft. So hat die Stadt Regensburg in den letzten Jahren die Stadtbücherei am Haidplatz modernisiert: Die Bestände sind aktuell und das Leitsystem und die Öffnungszeiten sind nun noch besser an die Benutzerbedürfnisse angepasst.
Für Leseförderung, Kontaktarbeit mit Schulen und Kindertagesstätten wurden aktuell eine neue Bibliothekars- und eine neue Fachangestelltenplanstelle geschaffen.
Unsere größte Stadtteilbücherei, die im Stadtnorden, wurde in bester Lage neu eröffnet. Große multifunktionale Bereiche ermöglichen Aktionen, Veranstaltungen und gemeinsame Angebote mit der Volkshochschule. Die Nutzung dieser Stadtteilbibliothek ist innerhalb eines Jahres um über fünfzig Prozent angestiegen.
Im Stadtteil Burgweinting wurde ebenfalls eine neue Stadtteilbücherei geschaffen, die heute ein Treffpunkt für einheimische und aus anderen Ländern und Kulturen zugezogene Burgweintinger ist.
Als nächstes ist eine Verbesserung der Bibliothekssituation im Stadtsüden vorgesehen.

Sie sehen, Regensburg ist nicht nur eine Stadt der Wissenschaft und der Bildung, sondern auch der Bibliotheken.
Ich wünsche Ihnen allen eine erfolgreiche Tagung, viele neue Erkenntnisse und eine gelungene Umsetzung Ihrer Lobbyarbeit in der zukünftigen Praxis.