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1. Deutsch-Ukrainische Städtepartnerschaftskonferenz

 

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich der Begrüßung der Teilnehmer an der 1. Deutsch-Ukrainischen Städtepartnerschaftskonferenz am 9. Oktober 2008 in Odessa

 

Anrede

Ich bringe Ihnen und dieser Konferenz die Grüße der Stadt Regensburg und ihrer Bürger. Es freut uns, dass diese deutsch-ukrainische Städtepartnerschaftskonferenz in Odessa stattfindet. Und dies nicht nur deshalb, weil Regensburg mit Odessa seit 1990 eine Städtepartnerschaft verbindet.

Odessa ist als Hafenstadt am Schwarzen Meer der Weltoffenheit verpflichtet. Hier weiß man seit Jahrhunderten, dass man sich nach außen nicht abschotten darf. Wer als Fremder kommt, wird als Partner aufgenommen und geht als Freund. Wo könnte also besser diese Zusammenkunft der deutschen und ukrainischen Partnerstädte stattfinden als hier in Odessa.

Wer auf der wunderbaren Potemkinschen-Treppe mit ihrem majestätischen Rhythmus steht und seinen Blick schweifen lässt, erinnert sich in Odessa auch des großen Dichters Alexander Puschkin, Begründer der realistischen Prosa in der russischen Literatur. Puschkin, der ja einige Zeit in Odessa gelebt hat, mahnt uns in seinen großartigen Erzählungen, den Idyllen zu misstrauen und dem Leben ins Auge zu blicken, wie es ist.

Auch unser Anliegen, das uns hier zusammengeführt hat, Städtepartnerschaften zu pflegen und zu entwickeln, bedarf nach den verständlichen Euphorien der Anfangsjahre eines solchen Realismus.
In seinem berühmten Werk „Eugen Onegin“ preist Puschkin übrigens auch „die Freiheit“ und „die Ungezwungenheit“ Odessas.
Der Realismus, mit dem wir unsere Städtepartnerschaften mit Leben erfüllen sollten, muss allerdings gestärkt sein

  • vom idealen Wollen der Begegnung,
  •  vom Interesse an fremden Kulturen und
  • an den Menschen, die in ihnen leben.

Eine Partnerschaft kann nur funktionieren, wenn einer den anderen versteht, auch seine Interessen, die er in die Partnerschaft einbringt.

  • Man muss das Wissen von einander erweitern,
  •  Gemeinsamkeiten suchen
  •  und sich Ziele für die Zukunft vornehmen.

Wir sprechen so gern vom gemeinsamen Haus Europa. Wie die vielen Nachbarn aber miteinander auskommen und sich ertragen können, hängt ganz wesentlich von unserer Arbeit in den Städtepartnerschaften ab. Wir sind die Basis. Hier begegnen sich die Menschen unmittelbar, lassen gegenseitig teilnehmen an der eigenen Kultur.

Und, was gerade in der ukrainisch-deutschen Begegnung so eminent wichtig ist: Die Bürger helfen sich gegenseitig.
Das scheint mir ein zentrales Anliegen in unseren Städtepartnerschaften zu sein, gerade in einer Beziehung, in der der eine Partner noch in einem epochalen Transformationsprozess steckt.

Die Hilfe, die hier geleistet wird, besteht ja nicht nur im einseitigen Geben der einen und im bloßen Nehmen der anderen. Auch wir in Deutschland, wie in allen Ländern Europas, profitieren ja davon, wenn die ukrainische Gesellschaft in die Lage versetzt wird, in dieser Zeit des großen, immer noch nicht abgeschlossenen Wandels ihre Probleme friedlich lösen zu können - im sozialen Ausgleich und zum Nutzen aller.
Und auch das haben wir ja in den Jahren unserer Partnerschaft gelernt, äußerlich ist das Tempo der Veränderungen oft genug rasant.
Im Inneren benötigen gesellschaftliche Veränderungen aber ihre Zeit.
Da müssen wir Geduld haben.

Meine Damen und Herren,
trotzdem darf ich sagen – und das auch ganz realistisch: Die Städtepartnerschaft Odessa/Regensburg ist auf einem guten Weg.
Wie aber kann der Austausch zwischen zwei Städten funktionieren, die auf dem ersten Blick doch ziemlich verschieden sind.

  • Regensburg ist eine Stadt mit 160 000 Einwohnern. Odessa hat
    über eine Million.
  • Regensburg liegt in der Mitte Europas, Odessa im Südosten unseres Kontinents, fast 2000 Kilometer entfernt.
  • Odessa ist eine lebhafte Seehandelsstadt. Regensburg besitzt zwar auch einen Hafen am nördlichsten Punkt der Donau, natürlich mit einer viel kleineren Kapazität.
  • Regensburg ist im Kern die einzige erhalten gebliebene mittelalterliche Großstadt Deutschlands, Odessa ist eine Städtegründung aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert.
  • Die historische, geschichtlich so wertvolle Altstadt Regensburgs blieb im Zweiten Weltkrieg unzerstört. Die Bevölkerung erlitt nicht die großen Verluste wie in anderen deutschen Städten. Odessa wurde zwischen den Jahren 1941 und 1944 von den Kriegshandlungen und dem Besatzungsterror erheblich in Mitleidenschaft gezogen. 60 000 Einwohner kamen ums Leben. 
  • Regensburg hat eine weitgehend homogene Einwohnerschaft. In Odessa müssen Ukrainer mit Russen, Griechen, Rumänen, Arabern Türken, Armeniern, Georgiern und anderen Bevölkerungsgruppen ihr Zusammenleben organisieren.
  • Odessas Wirtschaft ist vor allem vom Hafen und dem damit verbundenen Transportgewerbe bestimmt. Regensburg besitzt eine differenziert aufgestellte Wirtschaft mit einem soliden Handwerkeranteil.
  • Sozial ist Regensburg weitgehend befriedet. In Odessa sind große soziale Probleme zu meistern.

Sie sehen, meine Damen und Herren, die Fakten sprechen eigentlich nicht viel von Gemeinsamkeiten. Im Übrigen ist Odessa für Regensburg die weitaus größte unter den acht Partnerstädten. Regensburg ist wiederum für Odessa die kleinste der Partnerstädte nach  Städten wie Istanbul, Marseille oder Vancouver.

Warum können wir dennoch eine sinnvolle Städtepartnerschaft pflegen, eine Partnerschaft, die nicht nur auf dem Papier steht und nicht nur aus Begegnungen offizieller Delegationen besteht?

Die Antwort ist sehr einfach: Unsere Städtepartnerschaft ruht auf zwei tragfähigen Säulen.

  • Es sind die Bürger und Bürgerinnen mit ihren Vereinen und Verbänden, die die Partnerschaft mit ihren Aktivitäten erfüllen. Die sind vor allem sozialer und kultureller Natur. Vergessen werden darf hier auch nicht das Engagement der Kirchengemeinden.
  • Und es sind die Universitäten beider Städte, die einen regen Wissenschaftler- und Studentenaustausch pflegen.

Noch bevor die Stadt Regensburg den Partnerschaftsvertrag mit Odessa im Jahr 1990 geschlossen hat, war die Universität Regensburg mit der Matschnikov-Universität in Odessa in reger Verbindung. Noch heute wird großer Wert drauf gelegt, dass Regensburger Slawistik-Studenten einen Studienaufenthalt in Odessa absolvieren. Aus Odessa kommen vor allem Germanistik-Studenten an die Regensburger Universität. Sprachlehrer aus Odessa unterrichten in Regensburg Studierende und die Wissenschaftler arbeiten in gemeinsamen Projekten zusammen.

Regensburgs Universität versteht sich seit ihrer Gründung Ende der 60er Jahre ganz bewusst als Brücke zwischen Ost und West und greift damit eine Tradition der mittelalterlichen Handelsstadt Regensburg auf. Über die im
12. Jahrhundert geschaffene Steinerne Brücke führten die Kaufmannszüge von West nach Ost.

Kiew war eines der Ziele der lebhaften Handelsbeziehungen der Regensburger Kaufleute. Heute sind es neben Hightech-Produkten und auch Autos der Marke BMW vor allem akademisches Wissen, das ein wachsender Exportartikel von Regensburg aus in die osteuropäischen Länder und Städte wie eben Odessa geworden ist. Und das ist das Erfreuliche dabei: Auf diesem Gebiet importieren wir auch Wissen aus dem Osten. So kommen Menschen aus Odessa nach Regensburg und umgekehrt von Regensburg nach Odessa.

Über die Brücke unserer Städtepartnerschaft zieht damit auch kulturelle Leistung in mannigfacher Ausführung.

  • Es ist vor allem die Musik, die ja keine Grenzen kennt.
  • Es sind Chöre und Orchester, die wechselweise in unseren Städten gastieren.
  • Für uns ist das hohe musikalische Niveau der Künstlerinnen und Künstler aus Odessa immer wieder ein Erlebnis, das wir nicht mehr missen möchten.

Aber auch die bildende Kunst und selbst Literatur sind an den kulturellen Begegnungen beteiligt.

Man steht Partnern, man steht Freunden in sozialen Notlagen bei. Regensburger Bürgerinnen und Bürger sammeln Geld, Medikament und auch Kleidung, um in Odessa alten und kranken Menschen zu helfen. Besonders eindrucksvoll sind die Beiträge, die Kindern in unserer Partnerstadt zugute kommen.

Wohlgemerkt, das tun die Regensburgerinnen und Regensburger spontan und aus eigenem Antrieb. Dahinter steht kein staatliches oder städtisches Pflichtkonzept. Vereine, Schulen, Kirchengemeinden ergreifen selbst die Initiative.

  • Gerade diese Freiwilligkeit aus der Mitte der Bürgerschaft heraus ist für mich der beste Beweis,
  • dass unsere Städtepartnerschaft lebt,
  • dass sie sich entwickelt
  • und dass sie Zukunft hat.

Das enthebt uns aber nicht der Pflicht, dass wir über die Weiterentwicklung und die Verbesserung unserer Beziehungen weiter nachdenken müssen. Dabei werden weiterhin Projekte die größte Wirkung haben, in die die Bürger und Bürgerinnen unserer Städte direkt einbezogen werden.

Uns allen, meine Damen und Herren, wird immer mehr bewusst, dass die Probleme der Zukunft von keinem mehr allein gelöst werden können. Regensburg ist vor kurzem von der UNESCO zur Welterbe-Stadt auserkoren worden. Das heißt, dass wir jetzt in einem weit verzweigten Netz eingebunden sind. Es garantiert uns das Wissen und die Erfahrung aller Beteiligter, um bauliche, verkehrliche, konservatorische, aber auch soziale Schwierigkeiten überwinden zu können. Es ist der feste Wille Regensburgs, unsere Partnerstädte in diesen Wissenstransfer einzubeziehen. Gemeinsam sind wir stark.

In Sachen Städtepartnerschaft war es im Übrigen eine Regensburger Jugendgruppe, die sich als erste auf den Weg nach Odessa machte, um sich dort mit Gleichaltrigen zu treffen.

  • Unserer Jugend gehört die Zukunft.
  • Für sie machen unsere Städtepartnerschaften am meisten Sinn.
  • Sie sind ein Beitrag zur gegenseitigen Verständigung
  • und damit ein Garant für den Frieden in Europa.
  • Dafür lohnen sich alle unsere Anstrengungen.
  • Für die wir aber auch unseren Partnern herzlich zu Dank verpflichtet sind.
  • Wir machen gemeinsam eine gute, eine notwendige Arbeit. Wer sollte sie tun, wenn nicht wir: die Städte der Ukraine und Deutschlands.