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XXIX. Deutscher Kunsthistorikertag

 -Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Empfanges für die Teilnehmer des XXIX. Deutschen Kunsthistorikertages am Freitag, 16. März 2007, 20 Uhr, im Historischen Reichssaal des Alten Rathauses

Anrede

Vor beinahe 45 Jahren, am 31. Juli 1962 fand in eben diesem ehrwürdigen Saal die feierliche Eröffnung des IX. Kunsthistorikertages statt.

Wir befinden uns, wie ich gerne sage, in der „guten Stube“ der ehemaligen Freien Reichsstadt Regensburg und ich achte sehr darauf, dass dieser sowohl historisch, als auch kultur-historisch herausragende Saal, durch Veranstaltungen nicht Schaden erleidet.

Der Historiker Karl Bosl nannte das Alte Rathaus in Regensburg, ein in fast vier Jahrhunderten zusammengewachsenes Gebäude, „das originalste gotische Rathaus in Deutschland“. Einst Rathaus der Freien Reichsstadt Regensburg und gleichzeitig Versammlungsort des alten deutschen Reichstages, heute immer noch städtisches Rathaus sowie Veranstaltungsraum für Tagungen, Konzerte und Empfänge, ist dieses historische Bauwerk nicht nur ein Spiegel der Regensburger Stadtgeschichte – es spiegelt auch einen Teil deutscher und europäischer Geschichte.

Der Reichssaal entstand um 1360 an der Stelle eines romanischen Vorgängerbaues als Tanz- und Festsaal der Reichsstadt. Nach Veränderung zu Beginn des 15. Jahrhunderts war es seine alleinige Aufgabe, dem Rat und dem Patriziat der Stadt als Rahmen für Repräsentation und Festlichkeiten zu dienen.

Die vermehrte Inanspruchnahme für Reichstage im ausgehenden Mittelalter, vor allem im 16. Jahrhundert, veranlassten den Rat der Stadt, auf diesen Saal und die ihn umgebenden Räume der reichsstädtischen Ämter völlig zu verzichten. Endgültig wurden diese 1662 in das Neue Rathaus verlegt.

Damit war für den „Immerwährenden Reichstag“, der ab 1663 in Regensburg fest installiert wurde, der Platz geschaffen, für die Beratungszimmer der drei Reichsstände – Kurfürsten, Fürsten und Reichsstädte - .

Hiermit hatte man einen Vorläufer eines Parlamentes gefunden, alle wichtigen Gremien diskutierten und arbeiteten sozusagen Tür an Tür im ersten Obergeschoss, dem „piano nobile“ des Rathauses, nur das Reichstädtische Kollegium erreichte man über die Treppe beim Eingang.

„Kein Land der Welt kann aus so früher Zeit für seine Volksvertretung eine Tagungsstätte von gleicher baulicher und räumlicher Geschlossenheit aufweisen“, wie es der Gründungsdirektor der Museen, Dr. Walter Boll formulierte.
Der „Re– und Correlationssaal“, wie der Reichssaal zur Zeit des Immerwährenden Reichstages (1663 bis 1806) bezeichnet wurde, war der Ort, in dem die drei Reichsstände die „Kaiserliche Proposition“ die Auffassung, den Vorschlag des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation vernahmen. Nach der Beratung in den einzelnen Gremien traf man sich hier wieder, um die Angelegenheiten zwischen den einzelnen Reichsständen zu besprechen und bei Übereinstimmung das „Reichs-conclusum“ zu verabschieden. Dies musste dann vom Kaiser verkündet, d.h. in Vollzug gesetzt werden.

Auch noch in der heutigen Gestalt kann man die Sitzordnung sehr gut erkennen. Die Ausstattung erscheint erstaunlich zurückhaltend für den wichtigsten Raum des Reiches; es dominiert der klare Raumeindruck, dem sich die dekorative Wandmalerei aus dem 16. und 17. Jahrhundert unterzuordnen scheint. Die Bauamtschronik berichtet aus dem Jahre 1564, dass der große Saal mit Gemälden ausgestattet wurde, vermutlich von Hans Bocksberger aus Salzburg, der in diesem Jahr für die Stadt tätig war.

Wie ich eingangs schon erwähnte, hat es 45 Jahre gedauert, bis wiederum ein Kunsthistorikertag in Regensburg stattfinden kann. Der Festakt im Neuen Haus wurde damals vom Vorsitzenden Herrn Prof. Herbert von Einem mit einer programmatischen Rede zur Unteilbarkeit der Deutschen Kunstgeschichte vor 300 Wissenschaftlern und zahlreichen Ehrengästen eröffnet. Schon damals machte man sich berechtigte Sorgen um den Erhalt der historischen Dimension dieser Stadt. Der Vertreter der Staatsregierung, Ministerialdirektor Bachl, versuchte die Anforderungen der Zeit auf einen Nenner zu bringen: „Man wisse, dass die Stadt Regensburg bereit sei, zur Erhaltung ihrer kostbaren historischen Substanz Opfer zu bringen. Es müssen Lösungen gesucht werden, die nicht zur Opferung unersetzlicher Werte führen, aber andererseits auch den Erfordernissen des modernen Verkehrs und der Wirtschaft gerecht werden.

Konkreter wurde Generalkonservator Dr. Heinrich Kreisel in seinem Vortrag, in dem er forderte, „das Gesamtkunstwerk Altstadt Regensburg muss späteren Generationen erhalten bleiben“. Er würdigte das alte Stadtbild als etwas Einzigartiges und Unersetzliches, das in seiner Schönheit und geschichtlichen Ausstrahlung zu erhalten, Aufgabe und Verpflichtung sei.
-„Der Ausstrahlung einer Zeitspannung, die römische, karolingische, sächsische, salische und staufische Bereiche in sich fasse“,- stellte Herr
Dr. Kreisel das fluktuierende Leben drängender wirtschaftlicher Forderungen des 20. Jahrhunderts gegenüber. „Unter dem Beifall der Zuhörer forderte er, wertvollsten Kulturbesitz nicht modisch zugespitzten Bedürfnissen einer augenblicklich überhitzten Konjunktur zu opfern. Altstadtsanierung und Verbesserung der Verkehrsverhältnisse ohne Zerstörung des „Gesamtkunstwerkes Altstadt Regensburg“ bezeichnete der Generalkonservator nicht nur als denkmalpflegerisches Problem, sondern als Verpflichtung und Aufgabe von Stadt, Bürgern und Bayerischem Staat, die ohne Opfer nicht möglich seien.

Eines der größten Probleme war damals die Sicherung und Sichtbarmachung der Römermauer, bei der Dr. Kreisel hervorhob, „nie sei das im Wort „Monumentum“ enthaltene „monere“ dringender gewesen als heute.

Heute, 45 Jahre später, kann man feststellen, dass Regensburg diesen oft sehr schwierigen Spagat bestanden hat, sieht man von kleineren Nachkriegssünden ab. Nach der Gründung der denkmalpflegerischen Achse Lübeck-Bamberg-Regensburg im Jahre 1975 wurden die soliden Grundlagen für die Erhaltung dieses Geschichtsdenkmals gelegt. Gleichzeitig erreichte man eine hohe Lebensqualität innerhalb der Altstadt, so dass heutzutage dieses Gebiet zum Leben und Wohnen bevorzugt angenommen wird. Sie alle sind Fachleute auf dem Gebiete der Geschichte und der Kunst, und kennen die Problematik in der Abwägung von Erforderlichem und Notwendigem.

Die Terminierung des XXIX. Kunsthistorikertages in Regensburg hätte nicht besser geplant werden können. Im Juli 2006 bekam die Stadt Regensburg in Vilnius die Bestätigung dafür, dass sie mit ihrer Substanz in den vergangenen Jahrzehnten richtig umgegangen ist. In Vilnius wurde der Stadt Regensburg das Prädikat „Welterbe“ von der UNESCO verliehen, eine Ehre, über die sich alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt freuen. Wir nehmen diese Auszeichnung als Verpflichtung für die kommenden Generationen und werden nichts unversucht lassen, diese Stadt an der Donau als erlebenswerten und lebenswerten Teil der deutschen Geschichte zu erhalten.

Einer meiner Vorgänger, Oberbürgermeister Schlichtinger meinte in seiner Ansprache, „es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man den Kunsthistorikern etwas über Regensburg erzählen.“ Es hat sich mittlerweile in München herumgesprochen, dass Regensburg ein so kulturträchtiger Boden ist, dass eine Universität hervorlocken musste“, eine Anspielung auf das allseits bekannte Goethezitat. Nachdem er am Vormittag des 4. September 1786, von Karlsbad kommend über die berühmte „Steinerne Brücke“ in der Freien Reichsstadt Regensburg eingetroffen war und Logis bezogen hatte, notierte der Leipziger Kaufmann Möller, unter dessen Pseudonym Johann Wolfgang von Goethe reiste: „Regenspurg liegt gar schön. Die Gegend musste eine Stadt hierherlocken.“

Seit 1968 beherbergt Regensburg eine Universität, die viel zur positiven Entwicklung der Stadt beigetragen hat und noch beiträgt. Es hat sich in diesen beinahe 40 Jahren eine enge Zusammenarbeit mit der Universität oben und der Stadt unten entwickelt.
Ich sehe diesen Kunsthistorikertag in Regensburg auch als Widmung an einen hervorragenden Kunsthistoriker, der sich an der Universität Regensburg nicht nur um seine universitären Aufgaben kümmerte, sondern auch der Stadt sehr gewogen war und sie vor schlimmen Fehlgriffen beschützen konnte: Herrn Professor Dr. Jörg Traeger. Er wird nicht nur durch seine herausragende Persönlichkeit uns allen in Erinnerung bleiben, sondern auch, dass er uns stets angeleitet hat, das rechte Maß zu wahren.

Schon Prof. von Einem führte in seiner Rede an: „Regensburg ist uns Kunsthistorikern eine vertraute Stätte. Wir sind glücklich, in einer Stadt mit einer so stolzen, bis in die Gegenwart hineinreichenden Vergangenheit zu sein. Dies zeigt schon unser Programm, in dem der Kunstgeschichte Regensburg breiter Raum zukommt – und völlig zu Recht zukommt.“

Ich freue mich, dass diese Aussage auch für den diesjährigen Kunsthistorikertag zutrifft und darf Sie auf Wein und Wasser in die Fürstlichen Nebenräume einladen.