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Volkstrauertag

 

-Es gilt das gesprochene Wort-

Ansprache von Oberbürgermeister Hans Schaidinger zum
Volkstrauertag 2007 am Sonntag, 18. November 2007, am Ehrenmal „Unter den Linden“ im Stadtpark


Anrede

Wieder sind wir zusammengekommen, um wie jedes Jahr am Volkstrauertag der Opfer von Krieg und Gewalt zu gedenken.

Seit 1952, seit 55 Jahren, ist der Volkstrauertag eine feste Institution am zweiten Sonntag vor der Adventszeit. Und das ist gut so. Er ist ein Tag wider das achtlose Vergessen.

In Deutschland gedenken wir an diesem Tag der Kriegstoten und der Opfer von Gewaltherrschaft. Wir gedenken der Menschen unseres Landes, unserer Nation, die ihr Leben lassen mussten in zwei verheerenden Weltkriegen.

Angesichts der Millionen Toten drängt sich ein Bonmot Albert Einsteins auf, der in verblüffender, fast naiv anmutender Manier eine visionäre Wahrheit ausspricht: „Das Unglück der Erde war bisher, dass zwei den Krieg beschlossen und Millionen ihn ausführten und ausstanden, indes es besser, wenn auch nicht gut gewesen wäre, dass Millionen beschlossen hätten, und zwei gestritten.“

Nahezu 10 Millionen deutsche Soldaten haben in den Weltkriegen des
20. Jahrhunderts ihr Leben verloren, sind in Gefangenschaft umgekommen oder an tödlichen Kriegsfolgen gestorben.

10 Millionen Soldaten. Und unzählige weitere Menschenleben. 55 Millionen Tote sind die Bilanz des Zweiten Weltkriegs. Männer, Frauen, Mütter, Väter, Großeltern, Kinder.
Leben vernichtet. Biographien ausgelöscht. Untergegangen in Gewalt und Schmerz des Krieges.

Diese Toten des Krieges sind ein Teil unseres Landes, unserer Heimat, unserer Geschichte, unserer Kultur. Sie dürfen nicht vergessen werden. Weil sie gelitten haben und gestorben sind. Weil sie zu uns gehören. Ihr Leben, das zu kurz gekommen ist, ist aufgehoben in unserer Erinnerung, in unserem Gedenken.

Das ist gute abendländische und humanistische Tradition. Eine Tradition, die keine Rangordnung der Würdigkeit des Gedenkens zulässt, zulassen darf.

Der Tod ist der große Gleichmacher und es steht uns nicht zu, Leben zu richten. Es gibt kein gerecht oder ungerecht gestorben. Es gibt nur den Tod als Schlusspunkt. Und wir können sicher sein, dass die, die in den Weltkriegen gestorben sind und getötet wurden, genauso gerne gelebt haben, wie wir.

Die gefallenen Soldaten zogen in den Krieg in dem festen Glauben, es ihrem Volk, ihrer Heimat, dem Wohlergehen ihrer Lieben schuldig zu sein. Dass sich dies vor dem Urteil der Geschichte als Irrglaube herausstellte, macht ihren Tod umso tragischer.
Neben den Opfern der Kampfhandlungen und des unmittelbaren Kriegsgeschehens wollen wir auch derer gedenken, die durch Kriegsfolgen, Vertreibung und Flucht ums Leben kamen. Ihre Zahl lässt sich schwer beziffern. Sie rangiert zwischen sechs und neun Millionen, die größtenteils gegen Kriegsende und in den Wochen danach ihr Leben verloren.

Opfer der größten moralischen Katastrophe deutscher Geschichte sind auch diejenigen, die im Widerstand gegen die Gewaltherrschaft der nationalsozialistischen Diktatur ihr Leben ließen. In Gefängnissen, Folterkellern, Konzentrationslagern.

Und Opfer sind diejenigen, denen die NS-Ideologie in Willkür und Menschenverachtung das Recht auf Leben absprach.

  • Weil sie anders waren, als von den Chefideologen vorgesehen.
  • Weil sie nicht in die Kategorie der selbsternannten Herrenmenschen passten.
  • Weil sie die falsche Religion, ethnische Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, politische Ausrichtung hatten.
  • Weil sie schlicht und ergreifend als lebensunwert angesehen wurden, Menschen mit psychischer oder physischer Behinderung waren.

Dies alles müssen wir uns immer wieder vor Augen führen, um die ganze Ungeheuerlichkeit dessen zu erfassen, was in unserem Land vor mehr als
60 Jahren geschehen ist. Wir beklagen die Opfer. Ohne Rang und Namen. Opfer, unter denen sich unsere Vorfahren befinden.

Wir beklagen sie in Anerkenntnis dessen, dass dieses dunkelste Kapitel unserer Geschichte ein schmerzlicher Teil unserer nationalen Identität geworden ist. Wir beklagen sie im Bewusstsein, dass ihr Opfer, ihr Tod, einen Auftrag an uns enthält:

  • Das Gebot der Erinnerung.
  • Das Gebot der Versöhnung.
  • Das Gebot der Friedensstiftung.
  • Das Gebot der Friedenserhaltung.
  • Das Gebot der Toleranz.
  • Das Gebot, Menschenwürde und Menschenrechte zu achten, die unteilbar sind.

Für unsere Generation und die Nachgeborenen, die den Schrecken des Krieges – Gott sei Dank – nicht aus eigenem Erleben kennen, nimmt die zeitliche Nähe zum Zweiten Weltkrieg immer mehr ab.

Und gerade weil die Tage dieser Schreckensherrschaft für uns immer ferner werden, wird ein Tag des Erinnerns immer wichtiger.

Auch der diesjährige Volkstrauertag ist für uns alle ein Tag des Erinnerns, des Gedenkens und der Trauer. Es ist ein Tag, der gegen das Verdrängen und Vergessen wirkt. Es nimmt diesem Tag nichts an Würde und historischem Ernst, wenn wir einen Blick auf das aktuelle Geschehen richten:

Derzeit herrscht in mehr als 40 Staaten Krieg oder Bürgerkrieg. Mehr als
300 Tausend Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren nehmen als Kindersoldaten an Kampfhandlungen teil. Viele Kinder werden dabei als Kindersoldaten zwangsrekrutiert. Das erinnert an das letzte Kampfaufgebot Hitlers, als er sinnlos Jugendliche in eine aussichtslose Schlacht zwang.

Hinter all diesen Zahlen, den historischen und den aktuellen, verbergen sich Menschen, Gesichter, Schicksale, persönliches Leid und Elend. Und die Erkenntnis, dass die Menschheit aus den dunkelsten Kapiteln ihrer Geschichte nicht viel gelernt hat.

Lassen wir uns immer wieder von der jüdischen Weisheit ermahnen: „Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung.“ Erinnerung ist der Urgrund, auf dem aus Schlechtem Gutes werden kann. Auf dem aus dem Tod neues Leben erwächst.

Der Volkstrauertag ist also ein Tag, der ein großes Vermächtnis in sich birgt. Für unser Land ist das eine Botschaft aus unseliger Vergangenheit, die uns an das gemahnt, was nie wieder sein soll:

An sinnloses Blutvergießen, an fanatischen Kampfeswillen, der Gewalt zum einzigen Mittel erklärt. Und er ist ein Aufruf zu unbedingter Wachsamkeit.

Die Erinnerung an den Tod, den gewaltsamen, kriegerischen Tod, soll uns helfen „Nein“ zu sagen, wenn es darauf ankommt, und die Strukturen der Gewalt zu durchbrechen.

Der amerikanische Philosoph George Santayana warnt: “Die sich des Vergangenen nicht erinnern, sind dazu verurteilt, es noch einmal zu erleben.“

Anhand dieser sisyphushaften Vision, die eine Schreckensvision ist, wird deutlich, dass der Volkstrauertag als ein Tag der Erinnerung eine unersetzliche Existenzberechtigung hat.

Er verbindet alle Generationen in der Kraft dieser Erinnerung. Ganz im Sinne des großen französischen Romanciers Marcel Proust, der gesagt hat: „Gemeinsame Erinnerungen sind die besten Friedensstifter.“

Der heutige Tag führt uns immer wieder das unermessliche menschliche Leid in Vergangenheit und Gegenwart vor Augen, das Krieg über unser Land gebracht hat und noch millionenfach auf dieser Welt bringt. Krieg ist ein Monster, eine vielköpfige Hydra, die sich stets neu gebiert.

Jedwedes Unrecht, alle Intoleranz, Gewöhnung, Gleichgültigkeit und Unmenschlichkeit, die zu Unterdrückung, Verfolgung und Tod führen, dürfen nicht vergessen und nicht übersehen werden.

Das sind wir den Toten schuldig. Und denen, die leben, um die Zukunft zu gestalten. In diesem Sinne bitte ich Sie, mit mir der Toten zu gedenken.

Wir gedenken heute der Opfer von Krieg und Gewalt!
Wir gedenken

  • der Soldaten, die in den beiden Weltkriegen gefallen, die ihren Verwundungen erlegen, in Gefangenschaft gestorben oder seither vermisst sind,
  • der Männer, Frauen, Kinder aller Völker und Staaten, die durch Kriegshandlungen ihr Leben lassen mussten.

Wir gedenken

  • derer, die im Widerstand, die um ihrer Überzeugung oder ihres Glaubens willen Opfer der Gewaltherrschaft wurden,

und derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer andern Rasse zugerechnet wurden oder deren Leben wegen einer Krankheit oder einer Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken

  • der Männer, Frauen und Kinder, die in der Folge des Krieges auf der Flucht oder bei der Vertreibung aus der Heimat und im Zuge der Teilung Deutschlands und Europas ihr Leben verloren.

Wir gedenken

  • der Bundeswehrsoldaten, die in Ausübung ihres Dienstes ihr Leben ließen.

Wir trauern

  • um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Opfer von sinnloser Gewalt, die bei uns Schutz suchten.

Wir trauern

  • mit den Müttern und mit allen, die Leid tragen, um die Toten.

Doch unser Leben gilt der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern und auf Frieden in der Welt!