Navigation und Service

Überreichung Welterbe-Urkunde

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich der Überreichung der Welterbe-Urkunde am 24. November 2007 um 19.30 Uhr im Historischen Reichssaal des Alten Rathauses


Anrede

Ein langer spannender Prozess erreicht heute seinen Höhepunkt. Die Altstadt von Regensburg und Stadtamhof bekommen heute die Bewertung als Welterbe der Menschheit mit der Übergabe der offiziellen Urkunde bestätigt.

Ich weiß noch genau wie sehr ich persönlich erfreut und berührt war als ich erfuhr, dass es Regensburg in die Welterbe-Liste geschafft hat. Das war am 13. Juli 2006 – ich war gerade in der Vollversammlung des Bayerischen Städtetages. Meine Bürgermeisterkollegen haben mich daraufhin sehr herzlich zu dieser Erhebung in den urbanen Adelsstand beglückwünscht. Im Anschluss an die Pressekonferenz im Fürstlichen Kollegium unseres Rathauses gingen wir dann auf den Rathausplatz, um mit einem Glas Sekt auf diesen wahrhaft mühsam errungenen Sieg anzustoßen, gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern unserer Stadt, deren Freude und Jubel spürbar war.

Doch lassen Sie mich kurz schildern, wie Regensburg zu dieser hohen und begehrten Auszeichnung kam:
Mühsam und langwierig war der Weg zu diesem Erfolg nicht deswegen, weil wir uns nicht sicher gewesen wären, dass Regensburg ganz selbstverständlich ein bedeutendes Erbe der Weltkultur ist.
Das Problem war das manchmal geradezu verschlungene und für uns höchst dramatische Verfahren der Begutachtung und Anerkennung durch die offiziellen Gremien, das eher eine Echternacher Spring-Prozession: drei vor, zwei zurück als einem zielstrebigen Dauerlauf glich.

Deswegen ist es heute meine erste und vornehmste Pflicht, all denen Danke zu sagen, die uns bei diesem Hürdenlauf geholfen haben.

  • Wir hatten unsere kundigen und diplomatisch versierten Helfer im Auswärtigen Amt und
  • in der Bayerischen Staatsregierung,
  • aber auch hier bei uns in der Stadt selbst.

Drei Personen aus Regensburg möchte ich dabei namentlich erwähnen:

  • Kulturreferent Klemens Unger,
  • Herrn Dr. Heinrich Wanderwitz
  • und Herrn Dr. Eugen Trapp.

Ihre herausragende Fachkenntnis, ihre Einsatzbereitschaft und ihr Fingerspitzengefühl haben unsere Bemühungen, UNESCO-Welterbe zu werden, schließlich mit Erfolg gekrönt. Die Stadt und ihre Bürger wissen, was wir Ihnen zu verdanken haben.

Sehr geehrte Damen und Herren,
wenn wir heute feiern, dann tun wir es mit nicht minder großer Freude als am Tag der UNESCO-Entscheidung. Und wir brauchen uns jetzt nicht unschlüssig umzusehen. Wir sind seit der Entscheidung nicht untätig gewesen:

  • Wir sind uns dabei immer der Verantwortung bewusst, die wir mit dem Titel UNESCO-Welterbe übertragen bekommen haben.
  • Wir werden nicht der Versuchung unterliegen, der Erwartung Einzelner gerecht zu werden, die glauben, mit dem Welterbe-Status sei die Regensburger Altstadt in den Status eines Museums erhoben worden.
  • Wir wissen auch, dass es vielmehr darauf ankommt, das bauliche Erbe unserer Vorfahren zu bewahren, sorgfältig mit ihm umzugehen und dass wir – und dieser Punkt erscheint mir besonders wichtig – diese urbane Substanz auch immer mit Leben erfüllen und lebendig erhalten müssen.
  • Wir werden in unserem Denken und Handeln berücksichtigen, dass Welterbe über die Denkmalpflege hinaus viele andere Bereiche der kommunalen Lebenswelt berührt und hier Kreativität und Phantasie gefordert sind, um möglichst viele Bürgerinnen und Bürger bei diesem Thema mitzunehmen. So wie das ja heute den ganzen Tag mit diesem abwechslungsreichen Programm passiert.

Nur eine lebendige Stadt, die sich auch Veränderungen nicht verschließt, kann die notwendige Kraft aufbringen, ihr kulturelles Erbe in der gebotenen Sorgfalt zu bewahren. Diese Lebendigkeit können wir nur erhalten,

  • wenn der Titel Welterbe nicht als Totschlagargument für alles und jedes missbraucht wird
  • und wenn der Welterbe-Status nicht instrumentalisiert wird gegen die natürliche Entwicklung und den Fortschritt in unserer Stadt, auch und gerade in der Altstadt und in Stadtamhof.

Veränderung war und ist immer Teil der städtischen Lebenswelt, ja sogar ihr besonderes Charakteristikum. Die sorgfältige Steuerung und Regulierung dieser Veränderung ist heute mehr denn je unsere Aufgabe.

Doch warum ist Regensburg eigentlich diese hohe Auszeichnung verliehen worden?

Es gab dafür drei Gründe:

  • Regensburg war wichtiger politischer Versammlungspunkt im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und Sitz des Immerwährenden Reichstags von 1663 bis 1806. Auch heute stehen wir in dieser Tradition gewissermaßen als Knotenpunkt im Netzwerk Europas und als Brückenkopf nach Osteuropa.
  • Die Architektur Regensburgs spiegelt die Rolle der Stadt als mittelalterliches Handelszentrum nördlich der Alpen und seinen Einfluss in der Region.

Auch heute zeigt Regensburg immer wieder durch Preise und Auszeichnungen, dass hochwertige moderne Architektur ein Markenzeichen unsere Stadt ist.

Regensburg ist ein herausragendes und gut erhaltenes Beispiel einer zentraleuropäischen Handelsstadt des Mittelalters.

Und auch heute ist Regensburg bekannt als dynamischer Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort.

Sie sehen, dass Regensburg in guter Tradition mit seiner Vergangenheit an viele seiner früheren Erfolge anknüpfen kann und anknüpft. Die hohe Auszeichnung als UNESCO-Welterbe ist für alle - auch für die Verwaltung - eine verantwortungsvolle Verpflichtung. Deshalb haben wir dafür organisatorische und institutionelle Vorleistungen erbracht: Wir haben eine Koordinationsstelle für das UNESCO-Welterbe eingerichtet. Sie hat vier Aufgabenkomplexe zu bewältigen:

  • Sie soll als Koordinierungs- und Anlaufstelle die Abstimmung der stadtinternen Aktivitäten zum Thema UNESCO-Welterbe leisten.

Die Integration von Partnern – auch außerhalb der Stadtverwaltung- ist dabei von besonderer Bedeutung.

  • Sie ist zuständig für die Abstimmung von welterberelevanten Projekten mit den zuständigen Stellen bei Land, Bund und der UNESCO.
  • Sie hat nach außen wie nach innen den Welterbe-Gedanken zu vermitteln. Dazu gehören ganz besonders Öffentlichkeitsarbeit sowie die Aufbereitung und Vermittlung des Themas Welterbe für unterschiedliche Zielgruppen.
  • Sie hat für den wissenschaftlichen Austausch zu sorgen. Dabei sollen wissenschaftliche Fragestellungen definiert und beantwortet werden sowie Regensburg in kommunale und wissenschaftliche Netzwerke eingebunden werden.

Sehr geehrte Damen und Herren, Regensburgs Symbol ist die Steinerne Brücke. Und das seit dem Mittelalter, als sie 1135 gebaut worden ist. Die Brücke ist eine Bürgerleistung und damals ein Zeichen, aber auch ein Faktor des Fortschritts schlechthin.

Regensburg ist aus der Tradition heraus aufgefordert, Brücken zu schlagen, und dies in unterschiedlichen Dimensionen und mehr denn je heute als UNESCO-Welterbe.

Es geht zuerst einmal um die Verbindung zwischen der Vergangenheit, der von uns zu gestaltenden Gegenwart und Zukunft. Es geht um die gesellschaftliche Verpflichtung, Brücke zwischen den Generationen, Völkern und Kulturen zu sein. Und als idealtypische Stadt Zentraleuropas mit ihren bürgerschaftlichen Errungenschaften ist Regensburg aufgerufen, Brückenfunktion zwischen Ost und West zu übernehmen.

Regensburg ist tief verwurzelt in seiner stolzen, aber auch wechselvollen Geschichte. Vielleicht gerade deswegen hat die Stadtgesellschaft besonders in den letzten Jahrzehnten beachtliche Anpassungsleistungen an die Erfordernisse der Zeit erbracht.

Ich denke an die Gründung der Universität Regensburg vor 40 Jahren, aber auch an die Ansiedlung zukunftsfähiger Industrie und Wirtschaft. Das Welterbe Regensburg hat ein enormes Entwicklungspotenzial, das längst noch nicht ausgeschöpft ist.
Deshalb ist es existentiell wichtig, dass Regensburg in vielen Richtungen und auf vielen Ebenen Partner ist und Brücken der Verständigung, des Handels, der Wirtschaft und des kulturellen und sozialen Austausches baut, nicht zuletzt auch zu unseren wieder gewonnenen östlichen Nachbarn.

Das sind die Herausforderungen, die uns der Welterbe-Status, aber auch unsere Verantwortung für die Zukunft stellen. Es geht um eine Schärfung der regionalen Identität in einem globalen Handlungsfeld.

Meine Damen und Herren, hier müssen wir auch nicht alles neu erfinden. Hier müssen wir nur an die alten Traditionen des mittelalterlichen Handelszentrums Regensburg anknüpfen:

Ob in Prag, Kiew oder Warschau, ob in St. Petersburg oder - um unser wichtigstes Beispiel im Süden zu nennen – in Venedig: Regensburgs Kaufleute waren in dieser Zeit in allen Handelsmetropolen des damaligen Europas tätig. Mit dem Warenaustausch waren stets auch Kultur, Religion und Wissenschaft mit von der Partie.
Die mittelalterliche Architektur Regensburgs spiegelt diesen weltoffenen Geist des Regensburger Patriziats kongenial wider. Auch hier waren die Stadt und ihre Bürger immer wieder zu Veränderungen fähig, vor die sie ihre Zeit mit ihren Bedürfnissen, Notwendigkeiten und Gestaltungsmöglichkeiten gestellt hat.

Als Beispiel nenne ich nur die Barockisierung vieler Kirchen mit romanischer oder gotischer Grundsubstanz. Oder denken Sie an den Siegeszug der Technik im 19. Jahrhundert, mit ihren Möglichkeiten, das Leben der Bürgerinnen und Bürger durch Wasserversorgung, Strom und öffentliche Verkehrsmittel angenehmer zu gestalten.

Ohne Veränderung und Anpassung wird es uns nicht gelingen, die Stadt mit ihrem baukulturellen Erbe als attraktiven Lebensraum zu erhalten.
Abschließend möchte ich noch einmal betonen:

  • Diese Auszeichnung ist uns sehr wichtig und wir werden selbstverständlich sensibel mit dem Erbe der Menschheit in Regensburg umgehen.
  • Die Auszeichnung als UNESCO-Welterbe betrifft nicht nur die Stadtverwaltung. Der Titel fordert die Verantwortung und das Engagement der gesamten Stadtgesellschaft.

So wie wir den Generationen vor uns dankbar sind, die für dieses jetzt geschützte Welterbe verantwortlich waren, so werden wir alles daran setzen, dass das Regensburg, das wir heute gestalten, auch die Anerkennung der zukünftigen Generationen finden wird