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Osteuropa-Institute

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Umzuges der drei Osteureupa-Institute nach Regensburg am 26. November 2007, 15 Uhr, Altes Rathaus, Reichssaal

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Gäste,
verehrter Herr Staatsminister Dr. Goppel

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben ...“
so heißt es sehr poetisch bei Hermann Hesse. In diesem Sinn begrüße ich Sie alle zu dieser ganz besonderen Feierstunde für Sie und für die Stadt Regensburg.

  • Das Osteuropa-Insitut,
  • das Südost-Institut und
  • das Institut für Ostrecht

sind drei gute, ja exzellente Adressen.
Sie strahlen weit in den mittel- und osteuropäischen Raum hinein.

Dass die drei Institutionen jetzt von Regensburg aus unter dem gemeinsamen Dach „Wissenschaftszentrum Ost- und Südosteuropa“ in Kooperation mit der Universität Regensburg ihre vielfältigen Aktivitäten entfalten, freut natürlich den Oberbürgermeister dieser Stadt und mit ihm auch alle Bürgerinnen und Bürger. Haben wir doch damit weitere sehr renommierte wissenschaftliche und kulturelle Botschafter, die den Namen unserer Stadt in diesen Ländern Europas Ansehen verschaffen.

Diese Feierstunde ist für mich aber auch Anlass, einen Namen gleich zweimal – und das bewusst am Anfang – zu nennen.

  • Nämlich Sie Herr Staatsminister Dr. Thomas Goppel und
  • gleichgewichtig Ihren Herrn Vater, den früheren Ministerpräsidenten Alfons Goppel.

Beiden hat heute unser Dank als Stadt an hervorragender Stelle zu gelten.

Ihnen, Herr Minister, wissen wir Dank für Ihre Initiative und Ihr Engagement, für die Implantierung der drei Osteuropa-Institute in unserer Stadt. Die Regensburger Universität hat – wie Sie ja alle wissen - in ihrem Selbstverständnis die Brückenfunktion zu unseren östlichen Nachbarn. Aber ohne eine viel, viel frühere Weichenstellung gäbe es den kreativen Blick der Universität Regensburg nach Mittel- und Osteuropa mit großer Wahrscheinlichkeit gar nicht, zumindest nicht mit solch intensiver Ausprägung.

Vor mehr als zwei Wochen haben wir mit unserer Regensburger Universität das 40-jährige Jubiläum des Beginns des Vorlesungsbetriebs gefeiert.

Wer am 11. November 1967 gar dabei war – und da ist ja doch noch der eine oder andere unter uns -, aber auch wer in alten Zeitungsbänden blättert, der wird an eine bemerkenswerte Rede des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten erinnert.
Alfons Goppel gab der Universität bei der Feierlichkeit zum Start des Lehrbetriebes eine Aufgabe - ja ich kann ohne Übertreibung sagen - ein Vermächtnis mit für die Zukunft, nämlich:

  • wissenschaftliche
  • und damit selbstverständlich auch kulturelle Kontakte mit den Völkern Mittel- und Osteuropas zu knüpfen und
  • diesen schwierigen Weg auch konsequent zu gehen.

Es ging nicht um gesellschaftlich-ideologische Missionierung, sondern um Kontinuität im großen europäischen Dialog der Völker.

Dieser Weitblick des Ministerpräsidenten Goppel war damals alles andere als selbstverständlich. Es waren ja noch die Hoch-Zeiten des Kalten Krieges. Und man musste auch vom Westen aus wohl oder übel in Bollwerks-Kategorien denken und handeln.

Bayerns Ministerpräsident hat seinerzeit aber weit darüber hinaus geblickt.
Er wusste aus Erfahrung, dass Diktaturen, speziell in Europa, nicht auf Dauer ihre Völker unterdrücken können und dass die Begegnungen mit den Menschen jenseits des Eisernen Vorhangs dazu beitragen, ideologische Macht zu brechen und das Unrechtssystem mit der Zeit zu überwinden.

Auch unter diesen Gesichtspunkten darf man ruhig einmal den Reformauftrag sehen, der der vierten Bayerischen Landesuniversität von der Politik aufgegeben worden ist.

Auftrag erfüllt, möchte man sagen beim zufriedenen Blick zurück auf 40 Jahre der mannigfaltigen
- wissenschaftlichen,
- der kulturellen
- aber auch studentischen Kontakte der Universität in Richtung Osten.

Und dabei darf keineswegs die Fachhochschule Regensburg vergessen werden. Deren Austausch mit den östlichen Nachbarn ist ja nicht minder rege.

Doch sein Vermächtnis hat uns Ministerpräsidenten Alfons Goppel sehr klug hinterlassen. Bei diesem Auftrag ist nämlich der Weg das Ziel.

  • Die Bemühungen um Gemeinsamkeiten,
  • um Kontakte,
  • um wissenschaftlichen und kulturellen Austausch

dürfen kein Ende haben. Jede Generation muss sie neu aufgreifen und mit aktuellen Inhalten füllen.

Brückenfunktion – meine sehr verehrten Damen und Herren – das hat aus geschichtlicher Tradition nicht nur einen hohen Symbolwert für Regensburg.
Sie hat die Geschicke dieser Stadt durch Jahrhunderte geprägt, hat ihr Ansehen und Reichtum beschert.
Aber auch nur so lange, wie man sich ihrer bewusst war und sie zur Maxime des Handelns gemacht hat.

Geriet diese Offenheit nach außen in Vergessenheit, genügte man sich in Nabelschau und inneren Streitigkeiten, so führte das zu Abstieg und auch städtischer Verarmung.

Wenn wir die Geschichte als Lehrmeisterin ernst nehmen, dann müssen wir die Erfahrungen früherer Generationen in unsere Zukunftsplanung einbeziehen. Heute, im Informationszeitalter heißt das: verstärkt den Austausch von Wissen und Ideen zu pflegen und die Menschen zusammen zu bringen.

Die Steinerne Brücke aus dem 12. Jahrhundert ist ein historischer Zeuge für regen wirtschaftlichen, für religiösen, politischen und kulturellen Austausch.

Wie damals die Kaufleute, die Fürsten und die Diplomaten am Regensburger Reichstag, so sind es immer in erster Linie Persönlichkeiten, die Kontakte suchen, Waren und Wissen austauschen und schließlich über Grenzen und gesellschaftliche Systeme hinweg auch menschliche Gemeinsamkeiten finden.

Lassen Sie mich deshalb einige wenige Namen aus unserer Zeit nennen, die von Regensburg aus Brücken geschlagen haben und über die sie oft selbst als Pioniere gegangen sind.

  • Der hoch angesehene Jurist und langjährige Rektor der Regensburger Universität, Prof. Dr. Dieter Henrich, hat schon in den 60iger Jahren Kontakte zu Kollegen an der Karlsuniversität Prag gepflegt, auch über die schwierigen Zeiten nach dem Prager Frühling hinweg.
  • Ich nenne Herrn Professor Dr. Rainer Arnold, den großen Regensburger Europarechtler, der nicht nur in Prag an der Karls-Universität und in Moskau an der Lomonossow-Universität Europarecht vermittelt hat.
  • Zu nennen ist bei den Juristen natürlich auch Prof. Dr. Friedrich-Christian Schröder, der das Fachgebiet Ostrecht in Regensburg vertreten hat und derzeit im Vorstand des Instituts für Ostrecht tätig ist.
  • Zu nennen ist an herausragender Stelle der Slavist Prof. Dr. Walter Koschmal, der Leiter des Europaeums an der Regensburger Universität, und seine Kollegen, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Ihre studentischen Austauschprogramme realisieren geradezu ideal den Brückengedanken.
  • Zu nennen ist auch Prof. Dr. Marek Nekula, der Leiter des Bohemicums, der mit seinem Team Studierenden aller Fächer die tschechische Sprache, Kultur und Geschichte nahe bringt. Dem Boemicum galt ja seinerzeit auch der Staatsbesuch des tschechischen Präsidenten Vacláv Havel, der ja im vergangenen Jahr auch Träger des Regensburger Brückenpreises geworden ist.

Diese Liste lässt sich fortsetzen, vor allem wenn man die Naturwissen-schaften, die Medizin, aber auch die universitäre wie die praktisch tätige Wirtschaft der Stadt hinzuzieht. Nicht zu vergessen auch die vielen fruchtbaren Kontakte auf Vereinsebene und in der Kultur.

Eine Zwischenbilanz kann schon heute gezogen werden: Von Regensburg gingen und gehen wichtige Impulse zur Bewältigung des enormen Transformationsprozesses in den mittel- und osteuropäischen Staaten aus – ein Prozess der längst noch nicht abgeschlossen ist, auch wenn Länder wie Tschechien, Polen, Rumänien und Bulgarien Mitglieder in der Europäischen Union sind.
Es galt und gilt, die fortschrittlichen auf Europa ausgerichteten Kräfte in diesen Ländern zu unterstützen, ihnen Partner in dem rasanten europäischen Entwicklungsprozess zu sein.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich habe diesen weiten Bogen aufgezeigt, um deutlich werden zu lassen, in welchem Umfeld die drei aus München zu uns nach Regensburg gekommenen Osteuropa-Institute nun in dem ehemaligen Gebäude des Finanzamtes an der Landshuter Straße tätig sind.

Übrigens ist das ein guter Ort für die Regensburger und Regensburgerinnen. Das Regensburger Finanzamt hat als eines der ersten im Freistaat – bereits in diesen Räumlichkeiten – einen stark kundenorientierten Betriebsablauf eingerichtet. In Regensburg zahlen die Bürger also gern Steuern. Das Finanzamt wurde nicht mehr als staatliche Zwingburg begriffen.

Wir haben andererseits alle genug Phantasie – oder auf diesem Gebiet selbst einschlägige Erfahrungen -, um uns vorstellen zu können, was für die Institute, aber auch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen persönlich, familiär so ein Ortswechsel bedeutet. Umso herzlicher ist der Dank der Stadt Regensburg, dass Sie diese Mühen auf sich genommen haben. Ich bin sicher, dass Sie sich bei uns sehr bald heimisch fühlen werden. Zumal sie hier ein anregendes, ja ich möchte sagen spannendes Arbeitsumfeld vorfinden.

Ich gebrauche – meine sehr verehrten Damen und Herren – nicht gern den Begriff Cluster. Er wird meines Erachtens viel zu inflationär benutzt, wenn sich Potenziale bilden.

Sprechen wir also lieber  von einer Kompetenzbündelung mit mehrdimensionaler Vernetzung, die Regensburg in vielgestaltigen Institutionen und Aktivitäten in Sachen Mittel- und Osteuropa hat.

Und ich sage es als Oberbürgermeister dieser Stadt auch ganz ungeschminkt:
Es geht uns natürlich auch um die Zukunftsfähigkeit Regensburgs.
Im Europa der Regionen, das ja auch ein Europa seiner Städte, dieser innovationstüchtigen Wirtschafts- und Kultur-Aggregate, müssen wir Exzellenz-Bereiche mit möglichst Alleinstellungsmerkmalen haben. Und dazu gehört ganz sicher ein Schwerpunkt in der Ausrichtung nach Mittel- und Osteuropa.

Um gegenüber den Metropol-Regionen München, Prag und Wien bestehen zu können, sind wir dabei,

  • eine Wirtschafts- und Kulturregion Ostbayern, Westböhmen und Oberösterreich zu organisieren.
  • Es geht um die Nutzung von Synergieeffekten. Dabei spielen die Mittel- und Osteuropa-Kompetenzen Regensburg eine zunehmend wichtiger werdende Rolle.

Regensburg als Drehscheibe für Beziehungen in unsere östlichen Nachbarländer, aber auch als Mittler zwischen West und Ost: Hierin liegt noch viel Potential für die Entwicklung der Stadt – ein Potenzial, das wir mit Ihnen, meine Damen und Herren, weiter ausbauen wollen.

Dass wir

  • mit dem Osteuropa-Institut,
  • mit dem Südostinstitut
  • und dem Institut für Ostrecht

weitere starke Partner für diese Bemühungen gewonnen haben, sollte uns auch Anlass sein, über Künftiges nachzudenken.

  • Wo und mit welchen Mitteln können wir die Zusammenarbeit stärken?
  • Was kann die Stadt Regensburg zur Unterstützung der Arbeit der Universität, aber auch der außeruniversitären Einrichtungen tun?
  • Wie können wir die Wirtschaft als Partner mehr ins Spiel bringen?
  • Was können die Regensburger und Regensburgerinnen tun, ihre Stadt zur ersten Adresse von jungen Menschen aus Mittel- und Osteuropa zu machen, wenn sie eine akademische oder auch praktische Ausbildung in Deutschland anstreben?

Im Zusammenhang mit dem wichtigen Punkt Bürger-Engagement fällt mir eine Zukunftsvision des Europaeums ein. In einer Publikation von Prof. Koschmal stand einmal zu lesen: Das Europaeum strebe an, dass zehn Prozent der Studierenden an der Universität Regensburg einmal aus den östlichen Nachbarländern kommen sollten. Davon sind wir noch ein ganzes Stück entfernt.

Wir wissen alle, welche Talente es dort zu erschließen gibt und wie viel Leistungsbereitschaft in diesen Transformationsgesellschaften bei jungen Menschen vorhanden ist. Meist aber fehlt das Geld für einen Auslandsaufenthalt und erst recht für ein ganzes Studium.

Hier ist Phantasie gefragt. Lassen Sie uns gemeinsam Ideen entwickeln, wie Regensburg solche jungen Menschen kostengünstig aufnehmen kann. Wie wäre es, die Bürger und Bürgerinnen dafür zu gewinnen, einen Studenten, eine Studentin aus diesen Ländern als Gast aufzunehmen oder für ein kleines Entgelt Wohnraum zur Verfügung zu stellen?

Über all das müssen wir in nächster Zukunft reden. Dafür müssen wir Ideen entwickeln. Auf diesen inneren Dialog mit Ihnen allen freuen wir uns. Wir sind sicher, dass die drei neuen Partner weitere innovative Akzente setzen werden.

Wie gut bereits jetzt die Zusammenarbeit gedeiht, beweist auch die Tatsache, dass bereits am 10. Januar in den Räumen in der Landshuter Straße eine Ausstellung eröffnet wird, die in Zusammenarbeit der drei Institute gemeinsam mit dem Stadtarchiv entstanden ist. Sie trägt den Titel „Ost-Perspektiven: Die Osteuropa-Forschung in Regensburg 1945 bis 2008“. Neben den drei Instituten werden sich dort auch das Institut für Ostrecht, München, das Ostkirchliche Institut, das Institut für ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte, die Ostdeutsche Galerie und die Universität Regensburg mit ihren osteuropa-relevanten Lehrstühlen und Einrichtungen präsentieren.

Um noch einmal auf die eingangs zitierten Worte von Hesse zurückzukommen: Ich bin mir sicher, dass der Zauber des Anfangs weiter wirken und die Zusammenarbeit zwischen Stadt und Instituten im positiven Sinn beeinflussen wird.

  • Wir heißen Sie also herzlich willkommen in Regensburg.
  • Wir freuen uns, dass Sie da sind.
  • Der aktuelle Gestaltungsauftrag der Regensburger Brückenfunktion in Europa ist ein spannendes, wenn auch immerwährendes Projekt.
  • An ihm können wir gemeinsam wachsen und mit ihm nur zusammen gewinnen.