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Gedenkveranstaltung

 -Es gilt das gesprochene Wort-

Ansprache von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich der Gedenkveranstaltung 2007 für die Opfer des Nationalsozialismus am Sonntag, 28. Januar 2007, 18 Uhr, in der Alten Kapelle



Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
verehrte Gäste,

 

mit einem Grüß Gott und einem Shalom begrüße ich Sie und zugleich mit einem Dankeschön dafür, dass Sie an diesem Sonntagabend hierher in die Alte Kapelle gekommen sind, damit wir gemeinsam an diesem Jahrestag der Opfer gedenken, die der Nationalsozialismus gefordert hat.

Warum gibt es solche Jahrestage?
 
Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat einmal gesagt: (Zitat) „Wer die Augen vor der Vergangenheit verschließt, der wird blind für die Gegenwart.“ (Zitat Ende)
Kein Zweifel – er hatte Recht.

Dieser Gedanke wurde später auch von seinem Amtsnachfolger Roman Herzog aufgegriffen. Anlass dafür war, dass er den 27. Januar, also den Tag, an dem im Jahre 1945 Auschwitz-Birkenau - das größte Konzentrations- und Vernichtungslager des NAZI-Regimes - befreit wurde, zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus benannt hat.

Es sei wichtig, so erklärte er damals in der Proklamation des Gedenktages,
(ich zitiere)  „nun endlich eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt“. Sie solle (so weiter im Zitat) „Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“ (Zitat Ende)

Als die sowjetischen Truppen vor genau 62 Jahren die Tore von Auschwitz durchschritten haben, offenbarte sich ihnen in erschreckendem Ausmaß, was bis dato als Realität verdrängt oder verleugnet worden ist.

Das Grauen, das damals ans Licht kam, schockierte die Welt.
Die Vorstellung der Menschheit über das Ausmaß des Grauens, dessen Menschen fähig sind, ist seit diesen Tagen ein anderes geworden.

Lang schon steht deshalb der Begriff  Auschwitz für mehr als nur Erinnerung an ein Konzentrationslager. Er ist vielmehr zum Fanal geworden für das Gedenken an die Opfer der schlimmsten Verbrechen, die Menschen an anderen Menschen begangen haben.

Nicht zuletzt deshalb ist der Name Auschwitz auch zum Symbol geworden

für den Holocaust und damitfür die unmenschliche Perfektion einer systematischen Massenvernichtung.

Allein hier verloren 1,35 Millionen Juden, 20 000 Sinti und Roma, sowie über 100 000 weitere Insassen ihr Leben, nur weil sie - aus welchen Gründen auch immer - nicht ins Konzept der Nationalsozialisten gepasst haben.

Auschwitz steht für die Zerstörung aller Werte, auf die die Menschheit stolz war, markiert einen Zivilisationsbruch. Auschwitz ist zwar vor 62 Jahren befreit worden, damit sind wir aber nicht von Auschwitz befreit.
Warum nicht?
Uns hält Auschwitz gefangen,

weil dieser Ort des Grauens nicht auf einem fremden Planeten liegt, sondern mitten im Herzen Europas.weil dort keine außerirdischen Ungeheuer gewütet haben, sondern Menschen der eigenen Nation, die in nüchterner, sachlicher Weise ihr mörderisches Handwerk ausgeführt haben und andere Menschen vernichtet haben, so wie man Ungeziefer beseitigt. weil die Errichtung von Vernichtungslagern wie Auschwitz möglich war in einem Land mit damals bereits weltweit führenden Universitäten, einem Land der Dichter und Denker von Weltruf, mit einer für seine Zeit hochentwickelten Wirtschaft und Industrie.

Wie gehen wir heute damit um, was hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten verändert und wie sicher können wir nun sein, Lehren aus dem Geschehen gezogen zuhaben?

Es ist bemerkenswert, dass es fast zwei Jahrzehnte dauerte, bis die Menschen der Nachkriegszeit überhaupt imstande waren, die
Realität von Auschwitz, Majdanek, Bergen-Belsen, Treblinka und den anderen Vernichtungslagern als das zu akzeptieren, was sie war: Eine vom Deutschen begangene Barbarei.

Auch in den Nürnberger Prozessen wurden zwar die begangenen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit sehr wohl geahndet, aber die Differenzierung zwischen Kriegshandlungen und der planmäßig betriebenen Vernichtungspraxis wurde zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend unterlassen.

Erst Anfang der sechziger Jahre, als mit Adolf Eichmann in Jerusalem ein Mann verurteilt wurde, der ausdrücklich als Verantwortlicher für die Ermordung der europäischen Juden zur Rechenschaft gezogen wurde, begann sich die volle Wirkung auf das Bewusstsein der Menschen zu entwickeln. Wenige Jahre später in den Frankfurter Auschwitz-Prozessen wurde dann die deutsche Öffentlichkeit mit dem Holocaust konfrontiert und hat erst dann die Realität erfasst und sich ihr gestellt.

Warum hat das so lange gedauert?
Vielleicht musste tatsächlich erst eine Anzahl von Jahren vergehen, bis die Menschheit imstande war, den ungeheuren Paradigmenwechsel zu erfassen, der hier passiert war –
nämlich den hemmungslosen Bruch mit der Zivilisation. Denn was in Auschwitz vorgegangen war,

das entzog sich schon rein verstandesmäßig allem Nachvollziehbaren,ist nicht mehr zu vergleichen gewesen mit den bis dato bekannten Gräueln und Verbrechen von Kriegen,

Die große Philosophin Hannah Arendt, selbst vor Hitlers mörderischem Regime geflohen, zunächst nach Frankreich, dann in die Vereinigten Staaten, hat das 20. Jahrhundert nicht zuletzt deshalb als das (Zitat)
„grausamste Jahrhundert der überlieferten Geschichte der Menschheit“ (Zitat Ende) beschrieben.

Sie hat bei ihren Studien über den systematischen Mord an Menschen durch Deutsche herausgestellt, dass allen Generationen, ganz gleich, ob sie den Zweiten Weltkrieg entweder als Kinder erlebten oder erst später geboren wurden, ein Erbe bleibt, das Verantwortung heißt,
Verantwortung mit allen Konsequenzen für Dinge, die wir nicht selbst getan haben, (Zitat) „an denen wir vollkommen unschuldig sind“

Das – so Hannah Arendt – ist „der Preis, den wir für die Tatsache zahlen, dass wir unser Leben nicht mit uns allein verbringen, sondern unter Menschen leben.“ (Zitat Ende)

Schon weil dieses Erbe auch weiterhin unser nationales Denken und Handeln bestimmen wird, müssen wir uns erinnern. Nichts darf verdrängt, nichts darf vergessen werden. Schon deshalb darf ein Gedenktag wie der heutige nicht zu einem ritualisierten Datum werden.

Ich zitiere nochmals von Weizsäcker:
„Wer die Augen vor der Vergangenheit verschließt, wird blind für die Zukunft.“

So kann Geschehenes zwar nicht ungeschehen gemacht werden, aber wir können die Verantwortung dafür übernehmen, dass sich so etwas nie mehr wiederholt. Nur - dieser Verantwortung müssen wir uns alle gemeinsam stellen,

in Deutschland in Europa weltweit.

Wer sich erinnert, kann die Gefahren für die Zukunft bannen. Aber auch das Erinnern muss gelernt sein.

Dieses Lernen hat ausnahmslos in einem jeden Elternhaus seinen Anfang zu nehmen und muss dann in der Schule und später im Leben ergänzt und fortgesetzt werden. Das wiederum setzt voraus, dass bereits den ganz jungen Menschen vermittelt werden muss, dass eine Gesellschaft keine Zukunft hat,

ohne Achtung vor jedem einzelnen, ganz gleich welchen Alters, welcher Hautfarbe, Religion oder Nation,ohne Respekt vor den Menschenrechten und der Würde eines jeden Menschen.   Das ist die Lehre, das ist das Vermächtnis, das ist die Erinnerung an Auschwitz.

Deshalb müssen wir es schaffen, mit einem Gedenktag wie dem heutigen den Weg in die Zukunft mit diesem Vermächtnis zu markieren - generationsübergreifend und nachvollziehbar.

Nur dann haben

weder Neo-Nazis, die schon an den Schulen ihr Klientel mit ihrem schwachsinnigen Gedankengut infiltrieren,noch Holocaust-Leugner, die politisch Unruhe stiften wollen,

eine Chance, die Innere Sicherheit oder den Weltfrieden zu gefährden.

Das macht allerdings auch deutlich, dass wir eine neue Sprache der Erinnerung brauchen.

Die Generation der Zeitzeugen wird immer spärlicher wird.
Dieser Generationswechsel vollzieht sich gerade. Bald gibt es nur noch Menschen, für die das Wort „Auschwitz“ nicht mehr bedeutet, als ein weit zurück liegendes Kapitel unserer Geschichte, zu dem man keinen eigenen zeitlichen Bezug mehr hat.

Ich will heute nicht auf die Frage eingehen, ob es erlaubt sein darf, über die Symbolfigur des Nationalsozialismus, über Adolf Hitler, zu lachen. Aber ganz sicher ist ein Film, der Hitler ins Lächerliche zieht, ein Zeichen für einen solchen Generationswechsel.
Doch eines darf niemals eintreten:
dass der, der über Hitler lacht, darüber die Tragweite dessen ignoriert, was dieser mit seinen Entscheidungen in Gang gesetzt hat und welches unvorstellbare Leid er damit verschuldet hat.

Deshalb hat das Erinnern - und sei es mittels eines Jahrestages – eine so immense Bedeutung.
 
Gerade heute, mehr als zwei Generationen nach Auschwitz, ist es wichtiger denn je über die Vergangenheit zu sprechen, sie so zu vermitteln und so an sie zu erinnern, dass unsere Jugend sensibel und wachsam bleibt und die Verantwortung, gegen Terror und Willkür aufzutreten, auch als ihre eigene empfindet.

Was wir brauchen, ist eine Form des Gedenkens, die zuverlässig in die Zukunft wirkt – die dabei auch einer neu sich formierenden rechten Szene ganz klar die rote Karte zeigt.

Wir wollen einerseits Trauer über Leid und Verlust zum Ausdruck bringen, andererseits aber auch zur steten Wachsamkeit aufrufen, zum Kampf gegen Wiederholungen ermutigen und durch das Beispiel der Gesellschaft aufzeigen, wie Gefahren für die Zukunft gebannt werden können.

Deshalb ziehen wir keinen „Schlussstrich“. Das sind wir den Opfern schuldig. Wir erinnern an sie und an das, was nicht mehr vorkommen darf.