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EU - Europas Ursprung, Mythologie und Moderne

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Festaktes zur Eröffnung der Veranstaltung „EU - Europas Ursprung, Mythologie und Moderne“ am Freitag, 22. Juni 2007, 10.30 Uhr, im Auditorium Maximum


Anrede

Der römische Philosoph, Dramatiker und Staatsmann Lucius Annaeus Seneca soll gesagt haben
„Recte facti fecisse merces est“ –„Der Ertrag einer richtigen Tat besteht darin, sie getan zu haben“.
Damals, im 1. Jahrhundert nach Christi Geburt, hat er garantiert nicht geahnt, dass wir uns heute, im Jahre 2007, auf diesen weisen Ausspruch beziehen können – wenn wir uns die moderne politische und wirtschaftliche Geschichte Europas vor Augen halten.

Diese beginnt am 25. März 1957, dem Tag, an dem in Rom die Verträge zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (EURATOM) unterzeichnet wurden, die dann am 1. Januar 1958 in Kraft traten. Diese Römischen Verträge sind nichts anderes als die Gründungsurkunde der heutigen Europäischen Union (EU).
Das bedeutet: Europa feiert heuer also den 50. Geburtstag der EU.
Deswegen: Herzlichen Glückwunsch Europa!

Einerseits sind 50 Jahre eine lange Zeit, andererseits im Ablauf der Geschichte nicht mehr als ein Wimpernschlag. Was allerdings in diesem halben Jahrhundert erreicht wurde, ist unvorstellbar viel.

Historisch gesehen war die Entstehung der heutigen Europäischen Union die Folge des Zweiten Weltkriegs. Die angestrebte europäische Einigung –
sie galt in den fünfziger Jahren fast noch als ein Mythos – sollte verhindern, dass Europa jemals wieder von Krieg und Zerstörung heimgesucht wird. Und tatsächlich ist mit der Unterzeichnung der Römischen Verträge ein großes Friedens- und Zivilisationswerk in Gang gesetzt worden, dessen relativ stabile Attraktivität heute weit über den europäischen Kontinent hinaus strahlt.

In diesen 50 Jahren hat sich die EU einen festen institutionellen Rahmen geschaffen. Mit dem Binnenmarkt und der Wirtschafts- und Währungsunion hat Europa eine feste kontinentale Verankerung gefunden, um sich den Erfordernissen der Globalisierung zu stellen. Denn gerade jetzt, am Beginn des 21. Jahrhunderts, steht die EU vor enormen Herausforderungen:

  • Ökonomisch, weil die Anzahl der Menschen am weltweiten Wettbewerb um Arbeit und Einkommen weiter ansteigt,
  • ökologisch, weil Klimawechsel und Ressourcenverknappung auch in Europa die Lebensgrundlagen verändern,
  • kulturell, weil der Dialog der Kulturen sich weiter manifestieren muss und damit auch neue Verantwortungen mit sich bringt.

Deshalb befinden wir uns auch nach fünfzig Jahren immer noch in einem aktiven Prozess: Europa muss sich weiter, Schritt für Schritt, von einem Flickenteppich nationaler Interessen zu einer handlungsfähigen Kraft in der internationalen Politik zu entwickeln, die mit einer Stimme sprechen kann.

Aber während wir ständig am Haus Europa bauen, es erneuern und erweitern, dürfen wir nicht vergessen,

  • was dieses Gebäude ausmacht,
  • warum wir es brauchen.

Vielleicht hat Jaques Delors deshalb diesen berühmten Satz gesagt: „Wir müssen Europa eine Seele geben“ (Zitat Ende).

Nun frage ich Sie: Hat es überhaupt schon eine? Meine Antwort darauf ist ein ganz eindeutiges JA.
Nur erkennen müssen wir diese Seele, deren wichtigster Teil die Vielfalt ist.

Vielfalt?
Ganz richtig, denn dieses Haus Europa ist eben kein Mythos geblieben. Es lebt von und mit seiner Vielfalt, den vielfältigen Unterschieden

  • zwischen Nationen und Regionen,
  • zwischen Sprachen, Religionen und Mentalitäten,

die es auch zu bewahren gilt, weil eben sie unseren Kontinent beseelen.

Doch was erst ermöglicht die Vielfalt Europas? Die Antwort auf diese Frage ist für mich ebenso eindeutig: Es ist die Freiheit und zwar in all ihren Ausprägungen.

  • Die Freiheit der Meinung,
  • die des Glaubens und des Handelns,
  • die Freiheit von Kunst und Kultur,
  • die der freien Entfaltung,

politisch, wirtschaftlich, sozial.

Voltaire fand dafür die richtigen Worte, als er sagte: „Ich mag verdammen, was Du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass Du es sagen darfst“ (Zitat Ende).

Das ist die Seele Europas, das ist, was Europa auszeichnet: Es ist der freie Umgang mit unserer Vielfalt und der wiederum erfordert Solidarität und Toleranz.

„Ein Volk, das aus seiner Geschichte nichts lernt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen“, dieser Ausspruch stammt zwar von dem ehemaligen Staatschef von Spanien, Francisco Franco. Aber ausnahmsweise hatte er mit diesen Worten Recht. Denn gerade wir Europäer sollten aus unserer Geschichte gelernt haben, was Freiheit in Verantwortung bedeutet.

Auch in Regensburg pulsiert ein Stück europäischer Geschichte. Schon im frühen Mittelalter war unsere Stadt, aufgrund der exponierten Lage am Schnittpunkt der wichtigsten Handelswege von Stockholm bis Venedig, von Rotterdam bis Kiew und Byzanz, eine europäische Drehscheibe.

Von 1663 an tagte im Reichssaal unseres Historischen Rathauses
150 Jahre lang der Immerwährende Reichstag – den man in seiner damaligen Form als Ständeparlament sogar als das erste deutsche Parlament bezeichnen könnte. Regensburg war ein Ort, an dem bedeutende europäische Geschichte geschrieben wurde, so wie im Jahre 1803, als hier mit dem Reichsdeputationshauptschluss der Beschluss über die territoriale Reform des Deutschen Reiches gefasst wurde. Zu dieser Zeit stand Regensburg im Mittelpunkt der europäischen Geschehnisse. Die damals festgelegten Grenzziehungen prägen bis heute die europäischen Landkarten.
Insofern steht auch in Regensburg ein Meilenstein auf dem Weg nach Europa.

Und damals wie heute beeinflussen Politik und Handel, Kunst und Kommerz, Menschen und Ideen das Geschehen in Europa,  beeinflussen aber auch die Abläufe in einer Kommune.

Allein schon deshalb müssen Freiheit und Vielfalt, Solidarität und Toleranz ganz natürlich die Seele Europas widerspiegeln. Einerseits sind das natürlich starke Attribute, andererseits aber auch sehr anfällige – oder mit den Worten von Thomas Mann gesagt:
„Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt“ (Zitat Ende).
Deshalb gilt es, achtsam sein, voneinander und aus der gemeinsamen Geschichte zu lernen.

Und wir haben gelernt. Denn warum sonst konnte nach unzähligen Kriegen, unendlich vielem Leid, aus aller Widersprüchlichkeit und all unseren Gegensätzen in den fünfzig Jahren seit der Unterzeichnung der Römischen Verträge etwas so Großartiges entstehen, wie das europäische Einigungswerk?

Genau deswegen!

Weil wir nämlich begriffen haben, dass die Seele Europas kein Mythos ist, sondern Freiheit, Vielfalt, Solidarität und Toleranz solide Meilensteine für unseren gemeinsamen Weg in die Zukunft sind. 

„EU - Europas Ursprung, Mythologie und Moderne“, heißt das Motto dieser Veranstaltung, zu der ich alle Teilnehmer und Gäste von nah und fern herzlich in Regensburg willkommen heiße.  

Die Planung der Universität, dankenswerter Weise angeregt durch Herrn Prof. Dr. jur. W. Christian Lohse und Herrn Akademischen Oberrat Josef Mittelmeier, eine interdisziplinäre Festveranstaltung anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Römischen Verträge durchzuführen, war eine hervorragende Entscheidung.

Heute ist es wichtiger denn je

  • die Idee und Bedeutung eines geeinten Europas einer breiten Öffentlichkeit zugänglicher zu machen,
  • den besonderen Stellenwert der Europäischen Union im Bewusstsein aller noch mehr zu verankern.

Gerade die Universität Regensburg leistet dazu einen wichtigen Beitrag.
Mit dem Europaeum wurde ein wissenschaftliches Ost-West-Zentrum geschaffen, das als Brücke zwischen Forschern, Lehrenden und Studierenden aus Ost und West wirkt.

So ist Regensburg auch in der Gegenwart eine europäische Stadt des Dialogs. Auch wir haben diesen längst aufgenommen, beispielsweise mit unseren Freunden und Nachbarn aus den Regensburger Partnerstädten, aber auch heuer im Rahmen des „Europa-Jahres der Stadt Regensburg“.

Bei allen Aktivitäten und Initiativen wird deutlich, wie notwendig es ist,

  • ebenso zurückzublicken auf die Ursprünge eines geeinten Europas nach der Idee von Robert Schuman, dem  „Vater Europas“ und Mitbegründer der EU in ihrer heutigen Form,
  • wie auch den Blick nach vorn zu richten.

Doch ganz gleich, was man tut, ein Eindruck bleibt dabei unverändert: Der Begriff „Europa“ hat ebenso viele Wurzeln wie Facetten. Einige finden sich bereits in der griechischen Mythologie mit der „Entführung der Europa“ durch Göttervater Zeus, der sich in die schöne Europa verliebt hatte – und reichen nahtlos bis in unsere Tage. Immerhin finden wir die Sage um Europa heute auf einer griechischen Zwei-Euro-Münze abgebildet.

Aber auch das bestätigt: Europas Seele ist die Vielfalt – geschichtlich, politisch, wirtschaftlich, kulturell. Und gerade diese Vielfalt spiegelt sich auch in der heutigen Veranstaltung wider, der ich einen guten und effektiven Verlauf wünsche.

Allen Gästen wünsche ich einen schönen Tag in Regensburg mit unvergesslichen Eindrücken.

Uns allen und Europa
wünsche ich eine gute Zukunft.