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Eröffnung 13. Europa-Woche

-Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich der Eröffnung der 13. Europa-Woche am 8. Mai 2007 in der Minoritenkirche

 

Anrede,

für mich ist es eine große Freude, dass ich Sie heute hier in der altehrwürdigen Minoritenkirche begrüßen darf. Und für Regensburg ist es eine besondere Ehre, dass heuer in unserer Stadt die bayerische Europa-Woche eröffnet wird. Schließlich war Regensburg bereits im frühen Mittelalter ein Ort, der im Blickpunkt  der europäischen Geschichte stand; eine europäische Metropole, wie wir zur Zeit in einer Ausstellung in diesem Haus zeigen.

Schon im Frühmittelalter war unsere Stadt (und was ich nun sage, sage  ich besonders gern:) lange bevor es München überhaupt gab, eine wichtige europäische Handelsmetropole und der Sitz der bayerischen Herzöge

Von 1663 an tagte hier 150 Jahre lang der Immerwährende Reichstag – die heutige Geschichtswissenschaft entdeckt mehr und mehr die prägende Wirkung dieser Institution für den Parlamentarismus wieder, insbesondere die Parallelen mit dem heutigen europäischen Parlament.

Wichtig war auch das Jahr 1803, als mit dem Reichsdeputationshauptschluss in Regensburg über die territoriale Reform des Deutschen Reiches entschieden wurde; die damals festgelegten Grenzziehungen prägen bis heute die europäischen Landkarten.

In Regensburg steht also ein geschichtlicher Meilenstein auf dem Weg nach Europa.

„Gemeinsam seit 1957“  –
ist das Motto der 13. Bayerischen Europa-Woche, ein Motto, mit einer besonderen Symbolkraft:

  • Es erinnert daran, dass vor genau 50 Jahren - mit der Unterzeichnung der Römischen Verträge am 25. März 1957 – die Europäische Union aus der Taufe gehoben  worden ist.
  • Und es lässt innehalten; innehalten  um zurückzublicken auf die weltweit ebenso einzigartige wie bedeutsame  Erfolgsgeschichte der europäischen Einigung.
  • Es lässt mit dem Wort „gemeinsam“aber auch spüren, welche Anziehungskraft die Einigung Europas entfaltet hat.

Dabei sollten wir nicht vergessen:
Über Jahrhunderte hinweg war ein einziges Europa nicht einmal eine als realistisch zu betrachtende Idee; die Hoffnung auf Frieden und Verständigung war zwar ein Gebot der Vernunft, stand aber im Gegensatz zu nationalen Interessen.

Erst am Ende des zweiten Jahrtausends haben sich diese Hoffnungen erfüllt.
Und warum?

  • Weil die Erfahrungen der Weltkriege zu der Einsicht geführt haben, das das Zeitalter der nationalen Auseinandersetzungen vorbei sein müsse,
  • weil die Gründerväter der europäischen Einigung in der Lage waren, weit über ihre Zeit und Generation hinaus zu denken
  • und weil sie davon überzeugt waren, dass eine gemeinsame Wirtschaftsordnung und eine gemeinsame politische Ordnung zusammengehören.

Dieser Prozess birgt auch heute noch  Chancen und Risiken, hauptsächlich aber Herausforderungen. Denn will Europa noch enger zusammenwachsen, dann müssen wir auch in den Regionen internationaler, europäischer denken. Das geht nicht nur uns Politiker etwas an, sondern auch Unternehmer und Manager, Bildungseinrichtungen, Lehrer und Schüler, Verbände, Vereine und Initiativen, eben die gesamte Öffentlichkeit.

Deshalb müssen gemeinsame Anliegen gemeinsam im Blick gehalten werden, denn Europa ist längst eine Schicksalsgemeinschaft von Menschen geworden, zu der es keine vernünftige Alternative gibt, in Sachen Politik und Wirtschaft ebenso wenig wie in Forschung und Innovation, innerer und äußerer Sicherheit oder Umweltschutz.

Der französische Staatsmann, Georges Pompidou, hat das so formuliert:
Die Gemeinschaft darf keine Maske sein, unter der der eine lächelt und der andere weint.

Seit dem Fall der Mauer und dem Ende des Eisernen Vorhangs, hat sich die Welt tiefgreifend verändert. Der freie Handel, freier Kapitalverkehr und neue Technologien wie das Internet haben unseren Planeten in ein globales Dorf verwandelt. Wir sind Zeitzeugen einer weltweit stürmischen Entwicklung, wie sie sich in der Geschichte bislang noch nicht ereignet hat. In dieser Welt, die eine neue Ordnung sucht, kann kein europäischer Nationalstaat mehr allein bestehen.

Einzelne Länder allein sind nicht mehr in der Lage, die globalen Herausforderungen zu bewältigen. Das gilt umso mehr für einzelne Regionen. Das bedeutet: Nicht allein handeln, sondern gemeinsam. Europa ist für die Regionen noch wichtiger als für Nationen.

  • Nur diese Gemeinsamkeit erweist sich als eine stabile Basis für unser europäisches Lebensmodell und den wirtschaftlichen Erfolg in politischer und sozialer Verantwortung.
  • Nur gemeinsam können wir unser europäisches Gesellschaftsmodell  stabil und zukunftsfähig halten,
  • weil wir nur gemeinsam unsere europäischen Maßstäbe auf internationaler Ebene durchsetzen können.

Einerseits verlangt das innere Dynamik, andererseits macht es aber auch erforderlich, nach außen hin globale Verantwortung zu übernehmen.
Das setzt eine Verlässlichkeit  im Inneren und Handlungsfähigkeit voraus, letztere in noch viel stärkerem Maße, als diese heute bereits in Europa existiert.

Damit will ich die bisherige europäische Erfolgsgeschichte nicht schmälern.
Überhaupt nicht. Im Gegenteil.
Denn wahr ist:

  • Die Europäische Union genießt weltweit Reputation.
  • Aus sechs Gründungsmitgliedern sind 27 Mitgliedsstaaten geworden.
  • Aus der ursprünglichen Zollfreiheit ist eine vollständige gemeinsame Wirtschaftsordnung und sogar eine gemeinsame Währung hervorgegangen.
  • Aus einem Europa der beiden Blöcke ist ein friedliches und friedensstiftendes Kraftzentrum entstanden.

Damit ist sicher ein Traum wahr geworden.

Wahr werden konnte dieser Traum aber nur, weil wir – die Bürger Europas – in den vergangenen 50 Jahren letztlich die Überzeugung gewonnen haben, aus unserer Eigenständigkeit und den vielfältigen Traditionen, aus der Vielfalt der Sprachen, Kulturen und Regionen gemeinschaftlich das Beste für alle zu machen.  

Wahr geworden ist dieser Traum nur, weil wir uns auf die Eigenschaften besonnen haben, die aus meiner Sicht die Seele Europas ausmachen, in deren Geist die Römischen Verträge möglich wurden. Denn basierend auf der Vielfalt Europas, heißen diese Eigenschaften Werteorientierung, Solidarität und Toleranz.

Bereits in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts hat der Schriftsteller Jean de la Bruyére diese Idee schon einmal in Worte gefasst:
Wir stimmen den anderen nur zu, wenn wir eine Gemeinsamkeit zwischen ihnen und uns empfinden.

Wir haben Jahrhunderte gebraucht, um das zu lernen. Auf diesem Weg haben wir Kriege und Katastrophen durchleiden müssen. Wir haben uns gegenseitig verfolgt und vernichtet. Wir haben unsere Heimat verwüstet. Wir haben gefährdet, was uns lieb und heilig war und ist. Und alles das liegt erst wenig mehr als eine Generation hinter uns.

Und heute leben wir auf diesem Kontinent - gemeinsam seit 1957 miteinander, wie es zuvor nie möglich gewesen ist:

  • Gemeinsam haben die Mitglieder der Europäischen Union dazu beigetragen, Europa zu einigen, sowie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu entwickeln und zu stärken.
  • Und der gemeinsamen Freiheitsliebe der Menschen in Mittel- und Osteuropa ist es zu verdanken, dass unser Kontinent heute seine unnatürliche politische Trennung überwunden hat.

Wie können wir das bewahren, stärken, vertiefen? Für mich gibt es darauf nur eine Antwort:
Indem wir uns auf die Kräfte konzentrieren, die uns diese Errungenschaften gebracht haben:
Die Kraft der Freiheit, die Verwurzelung in gemeinsamen Werten, die Bereitschaft zur Solidarität und die Überzeugung der Toleranz. Und die alles überragende Liebe zur Freiheit.

Ich meine die Freiheit in all ihren Ausprägungen,

  • die Freiheit der eigenen Meinung,
  • die Freiheit der Religion und des Glaubens,
  • die Freiheit von Kunst und Kultur,
  • die Freiheit des unternehmerischen Handelns,
  • die Freiheit des Einzelnen in seiner Verantwortung für die Gesellschaft.

Indem wir gemeinsam auf die Kraft der Freiheit setzen, auf Vielfalt, Solidarität und Toleranz, setzen wir auf den Menschen. Der Mensch steht bei allem im Mittelpunkt. Seine Würde ist unantastbar.

Und die Einzigartigkeit dieses Prinzips dürfen wir bei allen Bemühungen, unser gemeinsames Haus Europa weiter auszubauen, zu erneuern, zu verbessern, nie übersehen. Denn nach den vielen leidvollen Erfahrungen der Vergangenheit ist etwas Großartiges entstanden:
Ein vereintes Europa, das unsere gemeinsame Zukunft ist. Das war der Traum unserer Väter und Vorväter.

Und unsere wechselvolle Geschichte mahnt uns, gemeinsam die vorhandenen Chancen und Ressourcen zu nutzen und für die kommenden  Generationen zu sichern und zu schützen. Natürlich wird das nicht immer ohne Risiken zu machen sein, aber es ist unser Auftrag für die Zukunft.

In diesem Sinne hoffe ich von ganzem Herzen, dass auch diese 13. Europa-Woche viele Gelegenheiten bietet, das Interesse an und das Verständnis für Europa weiter zu stärken. Deshalb sollten wir die Symbolik des Mottos als ein Signal zur Geschlossenheit nutzen. Denn –
Europa gelingt nur gemeinsam.