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Empfang für Künstler und Kulturschaffende

 -Es gilt das gesprochene Wort-

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Empfangs für Künstler und Kulturschaffende am Freitag, 30. März 2007, im Historischen Reichssaal des Alten Rathauses

 

Anrede

ich freue mich sehr, dass Sie meiner Einladung zum jährlichen Empfang für Künstler und Kulturschaffende so zahlreich gefolgt sind.

Heute Abend möchte ich Ihnen danken für Ihr Engagement, mit dem Sie alle zur kulturellen Vielfalt in Regensburg beitragen. Es sind Ihre Ideen, die in Ton, Wort oder Bild das Kulturleben unserer Stadt prägen und ihr Profil verleihen. Es ist Ihr künstlerisches Schaffen, das zu einer lebendigen Auseinandersetzung mit der Kunst und der Kultur in der Stadt führt, sei es als einzeln agierende Person, sei es als ein vernetztes Miteinander in den verschiedenen Sparten. Fest steht, dass Kunst und Kultur Kommunikation und Austausch brauchen, damit sie gedeihen können.

Regensburg ist sich der Verantwortung gegenüber seinem kulturellen Erbe bewusst. Die Aufnahme der Altstadt von Regensburg und Stadtamhof in die Welterbeliste der UNESCO im vergangenen Sommer bedeutet nicht nur Prestige und Imagegewinn im wachsenden internationalen Kulturtourismus. Vielmehr bringt diese Auszeichnung eine hohe Verantwortung im Umgang mit dem erhaltenen Erbe mit sich: Bewahren und Erhalten des Kulturguts, das sind die Ziele der UNESCO. Dies wirkt sich konsequenterweise auch auf das Kulturleben in Regensburg aus.

Das Bewusstsein für das kulturelle Erbe liegt in Regensburg auf der Hand: Regensburg ist eine der ältesten und historisch bedeutendsten Städte Deutschlands. Bayerische, deutsche und europäische Geschichte begegnen sich hier in einer faszinierenden Dichte. Wir Regensburger leben mit unserer Geschichte, wir stellen sie nicht in eine Vitrine. Fußend auf der historischen Tradition hat sich Regensburg als lebendig europäische Stadt entwickelt. Der Vorwurf, der gelegentlich laut wird, wir seien „rückwärtsgewandt“ oder „tappten in die Geschichtsfalle“ ist völlig unbegründet, denn das Motto, das sich die Stadt auf die Fahnen geschrieben hat, „Zukunft braucht Herkunft“, trägt uns in die Gegenwart und in die Zukunft.

Gemeinsam ist es uns in den letzten Jahren gelungen, in Regensburg ein kulturelles Klima zu schaffen, in dem unterschiedlichste Personen, Gruppen und Institutionen aus verschiedenen Sparten, auf ein Thema eingehen. Das Prinzip Jahresthema zeigt immer deutlicher seine Wirkung. Dies wird offensichtlich an der zunehmenden Akzeptanz der Jahresthemen, in denen sich auch die „sogenannte“ freie Szene integriert – ich denke mit Begeisterung an die Aktionen mit den Graffiti-Sprayern aus Regensburg und Wien im Österreicher-Stadel zum letztjährigen Jahresthema „Regensburg und Österreich“.

Wenn ich heute die Broschüre zum Jahresthema 2007 „Böhmischer Akzent“ aufschlage, bin ich überrascht, was uns dieses Jahr an kulturellen Veranstaltungen bringen wird. Besonders freut es mich, dass sich heuer so viele Kunst- und Kulturschaffende aus allen Sparten in unser aktuelles Jahresthema einbringen.

Das Jahresthema 2007 wurde gewählt in Anlehnung an die diesjährige Landesausstellung des Bayerischen Hauses der Geschichte „Bayern – Böhmen“ in Zwiesel und aufgrund der über tausendjährigen nachbarschaftlichen Beziehungen zu Böhmen.

Regensburg, das politische, geistige und religiöse Zentrum von europäischem Rang war seit dem Mittelalter auch für Böhmen von Bedeutung: Von Regensburg aus konnte das Christentum im böhmisch-mährischen Raum verstärkt Fuß fassen. 973 wurde unter dem Regensburger Bischof Wolfgang das Bistum Prag gegründet. Die beiden Heiligen Wolfgang – bayerischer Landespatron – und Wenzel – böhmischer Landespatron – werden in Bayern wie in Böhmen gleichermaßen verehrt, ebenso der heilige Johann von Nepomuk, der Brückenheilige.

Aber auch auf wirtschaftlichem Gebiet war Regensburg im Mittelalter eine Brücke, die Bayern und Böhmen miteinander verband.

Bei den Vorbereitungen zum Jahresthema wurde auch deutlich, dass die erste urkundliche Erwähnung von Alt-Pilsen 976 bereits direkte Bezüge zum bayerischen Herzog Heinrich dem Zänker und seiner Gemahlin Gisela von Burgund und Regensburg hat. Burgund-Bayern und Böhmen vor über 1000 Jahren, da nimmt sich das 50-jährige Jubiläum der Unterzeichnung der Römischen Verträge zur Europäischen Währungsgemeinschaft doch bescheiden aus.

Noch heute sind im Regensburger Stadtbild viele Zeugnisse der jahrhundertealten Beziehungen in der Geschichte zwischen Regensburg und Böhmen sichtbar: So erinnern einige Glasfenster im Dom, darunter der hl. Wenzel, an die enge Bindung. Am Hauptportal des Doms zeigt sich im Marienleben deutlich der Einfluss der berühmten Parlerschule aus Prag.

Die Beziehungen zwischen Regensburg und Böhmen, zunächst durch die geographische Lage bedingt und zurück bis zu den Kelten reichend, sind von Beginn an von großer Bedeutung. Eine vorübergehende, aber hermetische Abriegelung brachte 1948 der Eiserne Vorhang, der die Tschechoslowakei in den sowjetisch dominierten „Ostblock“ integrierte. Die Teilung Europas bis zum Fall des Eisernen Vorhangs 1989 lag direkt an der bayerisch-böhmischen Grenze. Heute sind die Beziehungen zwischen Regensburg und Böhmen, sei es wirtschaftlich, wissenschaftlich oder kulturell, wieder äußerst lebendig und vielversprechend. Jüngstes Beispiel in der politischen Geschichte ist die Verleihung des Regensburger Brückenpreises im vergangenen Herbst an S.E. Václav Havel.

Die tschechisch-bayerischen Beziehungen sind keineswegs nur für Historiker und Wissenschaftler von Interesse. Die Bürger beiderseits der Grenze sehen, empfinden und leben das nachbarschaftliche Verhältnis seit jeher. Es gibt anschauliche Beispiele, die dieses breite Band der Geschichte zutreffend versinnbildlichen: Es leben unter uns viele Zeitzeugen, die das trostlose Bild aus Zeiten des Eisernen Vorhangs noch immer vor Augen haben.

Heute, siebzehn Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, löst sich diese Unbeweglichkeit in einem lebendigen Mitteleuropa auf, alte Verbindungen werden wiederaufgenommen, neue geknüpft.
Es gab immer geistige Brücken, die der drohenden Entfremdung Abhilfe schufen. Einer der wichtigsten Momente dabei war der Prager Frühling. Unvergesslich ist auch die Solidarität zwischen Bayern und dem tschechischen Exil.

Besondere Erwähnung verdient dabei die Unterstützung für die tschechische Menschenrechtsorganisation Charta 77. 40 Jahre danach – im Zusammenleben der beiden Länder nach Jahrzehntelanger Trennung wird deutlich, wie sehr die Gemeinsamkeiten unser Leben bereichern. Sie sind das Fundament, auf dem sich unsere gemeinsame Zukunft aufbaut und entwickelt.

Dass sich die engen Verbindungen auch im kulturellen Bereich widerspiegeln, zeigt sich im vielfältigen Programm zum „Böhmischen Akzent“, das durch die vielen interessanten Beiträge insbesondere von Ihnen, den Regensburger Kulturschaffenden, zustande kam, die Sie sich alle von dem Thema inspirieren ließen. Das Ergebnis: eine Fülle von Veranstaltungen aus den Sparten Bildende Kunst, Musik, Literatur, Film und Neue Medien:

Die Veranstaltungen unter dem Titel „Begegnung und Reisen“ eignen sich hervorragend zum Kennenlernen: wandeln Sie auf den beiden Stadtspaziergängen, mit dem Stadtheimatpfleger Dr. Chrobak oder mit Frau Hubackova, auf böhmischen und tschechischen Spuren in Regensburg. Lassen Sie sich inspirieren von der Vortragsreihe und den Kulturreisen „Begegnung mit Böhmen“, von der Ringvorlesung an der Universität „Bayern und Böhmen“ oder von der Vortragsreihe der Bistumsmuseen „Alte und neue Kunst in Böhmen und Mähren“ – neue kunsthistorische Forschungen zur tschechischen Architektur, Plastik und Malerei. Ein wissenschaftliches Kolloquium zum Thema „Bayern und Slawen“ behandelt Herrschaft, Besiedlung und Handel im nordostbayerischen Raum im Frühmittelalter.

Die „Regionalkooperation Oberpfalz, Niederbayern – Region Pilsen“ stellt im Foyer der Regierung mit der Ausstellung „Grenzenlos – Zusammenarbeit, Dialog, Begegnung“ die grenzüberschreitende Kooperationen und zukunftsweisende Projekte vor, die einer nachhaltigen positiven Entfaltung des gemeinsamen Lebensraumes dienen – zeitgleich ist diese Ausstellung auch in Pilsen zu sehen!

Eine Fülle von Ausstellungen beschäftigt sich mit „Böhmischem“:

  • Pavel Roucka im Historischen Museum,
  • Zeichnungen und Mappenwerke von Alfred Kubin zum 130. Geburtstag in der Städtischen Galerie „Leerer Beutel“,
  • ebenfalls dort die „V. Internationale Biennale der Zeichnung Pilsen“;
  • Das Naturkundemuseum zeigt in Zusammenarbeit mit der Regensburgischen Botanischen Gesellschaft eine Dokumentation zu Kaspar Graf von Sternberg, dem berühmten Naturwissenschaftler.
  • Der Kunst- und Gewerbeverein präsentiert in seiner Ausstellung „Kopfjäger“ zeitgenössische Künstler aus der Tschechischen Republik; im Rahmen dieser Ausstellung finden Lesungen von Tereza Boucková und Pavel Kohout statt.
  • Der BBK zeigt in seiner großen Ostbayerischen Kunstausstellung zeitgenössische böhmische Künstler.
  • Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie präsentiert in einer Kabinettausstellung Gabriel Max – Prager Salonmaler des 19. Jahrhunderts in München, ein Satellitenprojekt zur Bayerischen Landesausstellung in Zwiesel.
  • Und schließlich hat auch der Arbeitskreis „Regensburger Museen“ die diesjährige Museumsnacht unter das Motto „Böhmen“ gestellt.

Spannendes ist im Bereich der Literatur gegeben: die Regensburger Schriftstellergruppe International veranstaltet ein Literatur- und Kulturfestival sowie einen Lyrik- und Kurzprosawettbewerb zum Thema „Böhmen und Regensburg“ für junge Schreibtalente.

Lesungen, Poetische Abende, der Literarische Salon runden das literarische Programm ab: Ein Vergnügen der ganz besonderen Art werden die „Lese- und Trinkabende zwischen Stadtbücherei und Kneipe“ zum 10. Todestag des großen tschechischen Autors Bohumil Hrabal – ein Projekt der vhs, des Evangelischen Bildungswerks und der Brauerei Kneitinger.

Auch für Theaterfreunde ist etwas dabei:

  • das ambitionierte Projekt bayerischer und tschechischer Jugendlicher im „gemischt-sprachigen“ Ensemble Cojce-Land [sprich: Zteutzsch-land],
  • und das Theaterprojekt „Leben an den Grenzen „des Werner-von-Siemens-Gymnasiums mit einem Gymnasium aus Domažlice zur gegenseitigen Verständigung beider Nationen.

Erfreulich ist, dass sich die Kurzfilmwoche auch in diesem Jahr wieder mit dem Jahresthema des Kulturreferats auseinandersetzt, indem es im Programm einen Länderschwerpunkt „Tschechien / Tschechoslowakei“ setzt.
Und auch im musikalischen Bereich ist „böhmisches“ geboten:
das Ensemble Sed vivam! präsentiert Musik entlang der goldenen Straße, der Jazzclub Regensburg bringt Jazz aus Böhmen und in der Alten Kapelle spielen Paul Windschüttl und Norbert Düchtel Werke böhmischer Komponisten.

Alles in allem finden sich unter dem Jahresthema „Böhmischer Akzent“ interessante Veranstaltungen, eine Vielzahl davon mit jungen Künstlern verschiedener Sparten, mit länderübergreifenden Projekten (auch hier vornehmlich junge Leute), die allesamt neugierig machen auf das Nachbarland.

Ich möchte es an dieser Stelle nicht versäumen, auf die Bedeutung des kulturellen Austausches im Bereich der kommunalen Städtepartnerschaften hinzuweisen: Regensburg ist mit Pilsen, das nur 155 Kilometer entfernt liegt, seit 1993 verbunden. Beide Städte haben gemeinsam, dass sie das Kulturzentrum der Region sind. Beide Städte besitzen ein beachtliches kulturelles Erbe. Seit dem Bestehen dieser Partnerschaft haben sich viele Beziehungen entwickelt. Heuer, im Jahr des „Böhmischen Akzents“ präsentiert sich die Partnerstadt Pilsen mit einem bunten Programm am Bürgerfest, das unter dem Motto „Europa“ steht.

Ein riesiges Ereignis wird das musikalische Wochenende „Musica Festiva“ sein, das die Sing- und Musikschule mit über 400 Musikern und Musikerinnen in Regensburg organisiert: zu Gast sind aus Pilsen 175 Musiker vom Konservatorium, der Musikschule, der Volksmusikgruppe und vom Kinderchor.

Ein besonders spannendes und vernetztes Vorhaben ist das böhmisch-bayerische Kunstprojekt „Mobility“ mit Reflexionen junger Künstler zum aktuellen Thema Mobilität und Flexibilität – ein Projekt der vhs in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Graz, Pomodoro Bolzano (Kulturförderpreisträger 2005) und Arbeitskreis Film e.V.
Ähnlich spartenübergreifend widmen sich die Kulturtage im Künstlerhaus Andreas-Stadel dem Thema: hier werden Ausstellung, Jazz und Performance kombiniert.

Viele der Veranstaltungen zum „Böhmischen Akzent“ zeigen die praktizierte Vernetzung über die Stadtgrenzen Regensburgs hinaus. Das Jahresthema wirkt auch nach außen. Es ist uns deshalb eine besondere Ehre, dass der Außenminister der Tschechischen Republik, Karel Fürst Schwarzenberg, und Frau Staatsministerin Emilia Müller ein Geleitwort für die Broschüre „Böhmischer Akzent“ verfasst haben.

Geschichte, Gegenwart und Zukunft – unterschiedliche Ansätze und unterschiedliche Perspektiven ergeben ein facettenreiches Bild des Nachbarlandes. So viele Kulturschaffende in unser Jahresthema eingebunden und über die Grenzen hinweg verbunden zu wissen, stimmt mich als Oberbürgermeister dieser Stadt optimistisch und macht mich stolz.
Ihnen allen, die Sie mit Ihren Ideen und Ihrem Engagement dazu beitragen, dass die Kulturarbeit so viele interessante Aspekte erhält, danke ich für Ihr Engagement.
50 Jahre modernes Europa – tragen wir alle dazu bei, dass es nicht nur ein gemeinsames Europa der Autobahnen, der Währung, der wirtschaftlichen Vermarktung wird, sondern dass wir bei allem Materiellen ein gemeinsames Europa des Geistes nicht vergessen. Und womit könnten wir dies besser Erreichen als mit den Leistungen der Kulturschaffenden – mit Ihren Ideen und Ihrem Engagement.

Ich darf Sie nun herzlich einladen zu einem Glas Wein und zu anregenden Gesprächen. Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Abend!