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eHealth-Konferenz

Rede von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich der Eröffnung der internationalen eHealth-Konferenz am 2. Dezember 2007, 19.30 Uhr, Altes Rathaus, Reichssaal

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, verehrte Teilnehmer der internationalen eHealth-Konferenz,

hier im Historischen Regensburger Reichssaal begrüße ich Sie als Oberbürgermeister der Stadt mit besonderer Freude, Herzlichkeit, und mit ausgesprochenem Interesse für Ihre wissenschaftliche, aber auch für Ihre ganz praktische Arbeit.

Ist doch der medizinische Fortschritt seit Alters her ein besonderes Anliegen der kommunalen Selbstverwaltung dieser Stadt. Von den mittelalterlichen Spitälern und Siechenhäusern bis zum Universitätsklinikum unserer Zeit reicht die Entwicklung der Gesundheitsfürsorge der Bürgerinnen und Bürger.

Ihr fügen Sie – natürlich nicht nur für unsere Stadt, sondern geradezu global - mit eHealth ein neues, zukunftsträchtiges und ich möchte sagen höchst spannendes Kapitel hinzu.

Wenn ich Ihr großes Anliegen recht verstehe, stellen Sie einem Patienten auf elektronischen Wegen ein ganzes medizinisches, aber auch sozial ausgerichtetes Spezialistenteam an die Seite – wo immer er sich auch befinden mag.

Höchst komplizierte Diagnosen und Therapien müssen damit nicht mehr nur in den medizinischen High-Tech-Zentren durchgeführt werden. Der Erkrankte muss nicht mehr notwendigerweise aus seinem sozialen Umfeld gerissen werden. Zuwendung und Anteilnahme von nahen Verwandten und Freunden bleiben ihm unmittelbar erhalten.

Sie stehen mit dieser Entwicklung in der tief in unserem christlich-humanistischen Menschenbild verankerten Tradition der Medizin-Ethik, die unsere Vorfahren vor allem in den Stadtkulturen entwickelt haben.

Als ich Ihre Einladung zu diesem Kongress in der Hand hielt, fiel mir auf dem Deckblatt der weite Bogen Ihres zukunftsweisenden Anspruches auf.

  • „eHealth: Combining Health Telematics, Telemedicine, Biomedical Engineering and Bioinformatic to the Edge“: so der viele Disziplinen vernetzende Titel Ihrer Konferenz.
  • Darunter aber haben Sie eine alte Zeichnung des Regensburger Wahrzeichens Steinerne Brücke mit dem Salzstadel und den hoch aufragenden Domtürmen gesetzt.

Bewusst oder unbewusst haben Sie genau den Blickwinkel gewählt, den man vom Katharinen-Spital aus auf unsere Altstadt hat. Der Gebäudekomplex, der heute noch neben einer Brauerei ein Altenheim beherbergt, ist die älteste umfassende Wohltätigkeitsanstalt Regensburgs. Sie wurde 1213 von Bischof Konrad gegründet und ist Zeugnis der großen Sozialleistung der mittelalterlichen Kirche.

Hier wurden Kranke, Gebrechliche und alte Menschen gepflegt. Hier waren mit den so genannten Peststuben die ersten Isolier-Stationen der Stadt in Zeiten der häufig und dann auch noch verheerend auftretenden Epidemien eingerichtet.

Wir sind hier, meine Damen und Herren im Saal des so genannten Immerwährenden Reichstags versammelt. Er hatte von 1663 bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im Jahr 1806 seinen Beratungssitz hier gehabt. Viele wichtige Entscheidungen, vor allem zum Austarieren des labilen Machtgefüges nach dem fürchterlichen 30-jährigen Krieg, wurden hier mühsam auf diplomatischem Weg errungen.
Diese Räumlichkeiten sind geradezu gebeizt mit Gesprächs- und Verhandlungskultur. Es mag als gutes Omen gelten, dass Sie die Eröffnung Ihres Kongresses hier abhalten.

Bei einer etwas großzügigen Betrachtung haben wir es beim alten Reichstag mit einer Vorform eines Parlaments zu tun. Geredet wurde viel. Zäh wurde gerungen und der Fortschritt war nur eine Schnecke. Immerhin hat dieses System ein Wiederaufflammen der Glaubenskriege in den deutschen Ländern und auch mit den Nachbarn verhindert.

Für Regensburg hatte der Immerwährende Reichstag noch einen weiteren, nicht zu unterschätzenden Vorteil: Die Kaiser und Könige, die Fürsten und nicht zuletzt ihre Gesandten brachten ihre Ärzte mit in die Stadt. Das Reichstagsgeschehen lockte aber auch fremde Mediziner an. Regensburgs Gesundheitswesen partizipierte davon.

Wären Sie damals als „Medici“ in die Stadt gekommen, so hätten sie in einem roten Mantel und mit einem Degen an der Seite dem Magistrat Ihre Aufwartung machen und Ihr Doktordiplom überreichen müssen. Seit 1687 gibt es in Regensburg auch ein offizielles Ärztekollegium.

Neben den Medizinern, die ein Hochschulstudium nachweisen mussten und die nur für die inneren Krankheiten zuständig waren, gab es auch die Wundärzte und Chirurgen. Sie waren als Rangniedere in einer Zunft organisiert. Ihre Heilkunst erstreckte sich auf Amputationen, Knochenbrüche, Beulen, Geschwulste, Steinleiden, Warzen, Schuss-, Stich- und Hiebverletzungen, wie es in einer entsprechenden Urkunde heißt.

So nimmt es nicht wunder, dass Regensburg zu den ersten Städten Deutschlands und vermutlich ganz Europas gehörte, in der die Pockenschutzimpfung sehr früh eingeführt worden ist. Sie wurde ja 1798 von dem englischen Arzt Edward Jenner entdeckt. Bereits 1801 wurde sie in Regensburg praktiziert.

Sie erfolgte im evangelischen Bruderhaus, wo eigens ein eigenes „Schutz-Pocken-Institut“ eingerichtet worden ist. Für die Kinder der Armen war die Impfung kostenlos. Der damalige Landesherr, Fürstprimas Carl von Dalberg, und die Fürstin Mathilde von Turn und Taxis kamen für die Kosten auf.

Etwa 125 Jahre später war es der Orden der Barmherzigen Brüder, der im Stadtwesten das modernste Krankenhaus Ostbayerns errichtet hat. Es ist noch heute ein Klinikum, das zurecht den besten Ruf genießt und höchsten Ansprüchen genügt. Die Krönung dieser Entwicklung stellt natürlich das Regensburger Universitätsklinikum dar. Es musste regelrecht dem Freistaat Bayern, aber auch dem Bund abgerungen werden. Heute ist es mit seinen weltweit anerkannten Forschungsleistungen, aber auch mit seiner Bedeutung für die Krankenversorgung Ostbayerns ein sicherer Garant für die Weiter-entwicklung der Medizin und der Therapie.

Davon profitieren nicht nur die Menschen unmittelbar, die medizinische Hilfe auf höchstem Niveau bedürfen. Auch die Krankenhäuser der Region können durch vielfältige Vernetzung, nicht zuletzt in der Telemedizin, ihre Leistungen optimieren.

Es ist nur folgerichtig, dass das innovative eHealth Competence Center am Regensburger Universitätsklinikum installiert ist. Es richtet ja diese Tagung aus - mit Ihnen Herr Professor Dr. Bernd Blobel als verantwortlichen Leiter.

Es darf sicher als Ausweis für die hohe Qualität Ihrer Arbeit angesehen werden, dass das Regensburger eHealth- Competence Center sowohl auf bayerischer wie auch deutschlandweiter Ebene die Anliegen solcher Einrichtungen gegenüber den entsprechenden europäischen Gremien vertritt.

Regensburgs Medizin ist also ganz vorn dabei beim großen Paradigmenwechsel in der akuten, aber auch präventiven Patientenbetreuung und Versorgung.

Wir als Stadtgesellschaft sind äußerst interessiert an dem, was die Telemedizin im unerlässlichen Verbund mit Gesundheitstelematik, Biomedizintechnik und Bioinformatik beziehungsweise Genomik zu leisten vermag.

Obwohl das alles sehr informationstechnisch klingt, steht ja dahinter, die medizinischen Leistungen nach den neuesten Erkenntnissen näher an den Patienten heranzubringen. Es geht also nicht um eine Art seelenlose Fernbehandlung, sondern um das Heranbringen des Arztes, vor allem des Spezialisten an den Ort, wo er gebraucht wird, beziehungsweise direkt zum Patienten.

eHealth ist ja – das weiß keiner besser als Sie selbst, meine Damen und Herren – nicht nur eine neue technische und organisatorische Entwicklung, sondern auch eine neue Art zu denken, eine neue Einstellung, aber auch eine neue Verpflichtung, um die Gesundheitsversorgung näher an die Menschen zu rücken. Und das mit Hilfe von Informations- und Kommunikationstechnologie.

Es ist also in unser aller Interesse, dass die Prozesse und die technische Vernetzung im Gesundheitswesen optimiert werden.

Ihre großen Ziele haben, neben all dem, was sie medizinisch und informationstechnisch zu leisten haben, aber noch ein großes Problem:

  • Wie erreichen Sie dafür die Akzeptanz in der Gesellschaft?
  • Wie gewinnen Sie die Menschen dafür, dass sie nicht das Gefühl
    bekommen, „Big Brother is watching you“?
  • Wie vermitteln Sie der Bevölkerung, dass der Einsatz von neuen Medien, Telekommunikationswegen und Informatik kein Teufelszeug ist, das die Patienten weiter anonymisiert, sondern Möglichkeiten der modernen Medizin eröffnet, von denen frühere Generationen nicht zu träumen wagten?

Wenn ich mir Ihr hochkarätiges Tagungsprogramm ansehe, beschäftigen Sie sich auch mit den Themen Vermittlung nach außen und Ethik.

Die Fragen des Datenschutzes spielen dabei ja eine hervorragende Rolle. Der ist für eine freie Bürgergesellschaft mit dem Grundrecht auf Selbstbestimmung über die persönlichen Daten natürlich von herausragender, ja unsere Gesellschaftsordnung tragender Bedeutung. Andererseits sind wir von der Politik auf allen Ebenen gefordert, Ihre zukunftsträchtigen Ziele zu unterstützen. Es geht schließlich auch darum, dass unsere medizinischen Standards mit denen anderer entwickelter Industrie- und Kommunikationsgesellschaften mithalten können.

Als Oberbürgermeister einer alten, geschichtsbewussten Stadt mit langer Bürgerkultur darf ich Ihnen für Ihre Arbeit sagen, dass alles Neue, speziell auch in der Medizin, eine Menge Überzeugungsarbeit erfordert. Ich darf noch einmal an die Einführung der Pockenschutz-Impfung ab 1801 in Regensburg erinnern. Da müssten erst die Bürger im Amtsblatt beschworen werden, ihre Vorurteile abzulegen und sich an der Impfung zu beteiligen – heute eine Selbstverständlichkeit.

Ich kann Ihnen aufgrund unserer guten Zusammenarbeit mit der Universität und natürlich auch mit dem Universitätsklinikum versichern:
Uns ist bewusst, dass hier keine fortschrittsbesessenen Technokraten am Werk sind, sondern Wissenschaftler und Praktiker, die den Mitmenschen helfen wollen. Gerade wo immer mehr Medizintechnik und Medizininformatik im Spiel ist, wächst auch die ethische Verantwortung. Ihre Arbeit, meine Damen und Herren, verdient unser Vertrauen.

In diesem Sinn wissen wir Sie – und damit natürlich auch uns – in einer guten Tradition medizinischer Verantwortung einerseits und guter medizinischer Versorgung andererseits. Beides hat es in dieser Stadt immer gegeben.

Unsere guten Wünsche für Ihre Konferenz begleiten Sie.

Wir sind uns dankbar bewusst, dass sie für uns alle forschen, organisieren und neue Strukturen schaffen. Ihr Erfolg gereicht uns zum Nutzen.