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100 Jahre Rettungsdienst in Regensburg

 

-Es gilt das gesprochene Wort-

Ansprache von Oberbürgermeister Hans Schaidinger anlässlich des Empfangs „100 Jahre Rettungsdienst in Regensburg“ am 26. Oktober 2007 um 18 Uhr im Historischen Reichssaal

Anrede

„Es kommt in der Welt vor allem auf die Helfer an – und auf die Helfer der Helfer.“

Ob der Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer, als er diese Worte formulierte, die Rettungsdienste im Auge gehabt hat, ist mir nicht bekannt. Es ist aber durchaus vorstellbar, denn wo sonst wird so wichtige und so effektive Hilfe geleistet?

100 Jahre BRK-Rettungsdienst – das heißt
100 Jahre Da sein für andere
100 Jahre unermüdlicher Einsatz für menschliches Leben.

Allerdings hat sich in diesen 100 Jahren vieles verändert, im medizinischen und auch im technischen Bereich.

Was sich im Lauf dieser langen Zeit allerdings nicht verändert hat, das sind der Einsatzwille und der Mut zu helfen der unzähligen hauptberuflichen und ehrenamtlichen Mitglieder der Rettungsdienste.

Ihnen ist es zu verdanken, dass wir heute über ein lückenloses und reibungslos funktionierendes Netzwerk verfügen, das Tag und Nacht, an Werktagen wie auch an Sonn- und Feiertagen bereit steht, um Hilfe zu leisten.

Wer in Not gerät, sei es durch Krankheit oder Unfall, der ist auf Hilfe angewiesen. Effektiv geleistete Hilfe hat immer mehrere Aspekte.

  • Da ist zum einen die fachliche Seite. Gerade im Notfall sind hohe Fachkompetenz und Erfahrung entscheidend für eine gute und effektive Rettungsarbeit.
  • Die Technik trägt dazu bei, dass Hilfe schnell und so perfekt wie möglich geleistet werden kann. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die Möglichkeiten rasant verändert. Wir können heute auf einen technischen Standard zurückgreifen, der Rettung auch in solchen Fällen noch möglich macht, in denen früher jede Hilfe zu spät gekommen wäre.
  • Aber die Technik allein ist bei weitem nicht ausreichend, um effizient helfen zu können. Eine entscheidende Rolle hat seit jeher der emotionale Aspekt gespielt. Gerade wer sich in Not befindet, ist darauf angewiesen, Zuspruch und Sicherheit vermittelt zu bekommen.

Diese Idee stand sicherlich auch im Hintergrund, als der Genfer Kaufmann Henry Dunant 1859 nach der Schlacht von Solferino die Bevölkerung mobilisierte, sich um die rund 40 000 verwundeten Soldaten ohne Ansehen ihrer Nationalität zu kümmern. Dies war die Geburtsstunde des Roten Kreuzes!

Bayernweit spielt das Rote Kreuz im Rettungswesen auch heute noch
die entscheidende Rolle. In rund 80 Prozent aller Notrufe und etwa alle 40 Sekunden kommen Fahrzeuge und Mitarbeiter des BRK zum Einsatz. Auch in Regensburg stellt das BRK mit 30 Einsatzfahrzeugen das größte Kontingent. Aber gerade hier in Regensburg arbeiten mit dem BRK drei andere Rettungsdienste effizient und reibungslos Hand in Hand: die Malteser, die Johanniter und die privaten Regensburger Krankentransporte - RKT.

Auch als im Auftrag der Stadt Regensburg die erste ständige Rettungswache im Thon-Dittmer-Palais am Haidplatz im April 1907 eingerichtet wurde, stand sie unter dem Symbol des Roten Kreuzes. Die Möglichkeiten, die zur Verfügung standen, um Menschenleben zu retten und bei Unfällen und Krankheiten schnell Hilfe zu leisten, waren damals allerdings ungleich geringer und weit weniger effektiv als heute.

  • Zwei Rettungssanitäter versahen damals ihren Dienst in der neu eingerichteten Wache.
  • Die Stadt Regensburg erhöhte ihren Zuschuss für die seit 1888 bestehende Rotkreuz-Sanitätskolonne von 30 auf rund 1 000 Mark.
  • Zwei Jahre später übernahm sie die Kosten für die Beschaffung eines Pferdegespanns zur schnelleren Beförderung der Verletzten und Kranken.

Dennoch sind die Parallelen zu heute unübersehbar:

  • Auch das Rettungswesen von heute kann nicht funktionieren, wenn es allein auf Hauptberuflichen basiert und nicht über eine Vielzahl von freiwilligen Helfern verfügen kann.
  • Die Versorgung von Menschen in Not darf nicht davon abhängig gemacht werden, ob dadurch Gewinne erzielt werden. Ein reibungslos funktionierendes Rettungswesen muss – wenn nötig - die Unterstützung von öffentlicher Hand und Bürgerschaft erfahren.
  • Die Rettung von Kranken und Verletzten ist häufig eine Frage der Zeit. Deshalb ist es notwendig, dass alle Möglichkeiten der modernen Technik für die Versorgung und den Transport zur Verfügung stehen und genutzt werden.

Lassen Sie mich auf diese Punkte noch konkreter eingehen:

Für eine Stadt wie Regensburg ist das freiwillige Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger von herausragender Bedeutung.

Die Struktur unseres Gemeinwesen würde zusammenbrechen, wenn es nicht von den unzähligen Ehrenamtlichen gestützt würde, die sich in ihrer Freizeit freiwillig in einem Sportverein, einer Selbsthilfegruppe, einer sozialen Einrichtung oder eben im Rettungswesen engagieren.

Gerade hier, wo es um Menschenleben geht, bedeutet Ehrenamt

  • Dienst leisten an der Gemeinschaft
  • Verantwortung übernehmen

verbunden mit

  • der Bereitschaft zu Fort- und Weiterbildung
  • und dem weitgehenden Verzicht auf Freizeit.

Ich möchte daher diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen und mich bei allen freiwilligen Helfern, ob sie nun ihren Dienst im Rettungswesen, bei den Freiwilligen Feuerwehren oder in anderen sozialen Einrichtungen leisten, von ganzem Herzen für ihr Engagement bedanken. Mit ihrem Einsatz leisten Sie einen unschätzbaren Beitrag dazu, dass unsere Gesellschaft funktioniert!

Die aktive Beteiligung aller Bürgerinnen und Bürger am Gemeinwesen ist die unverzichtbare Voraussetzung für gelebte Demokratie und menschliches Miteinander. Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird in hohem Maße von der oft im Hintergrund verrichteten und unspektakulären Arbeit bestimmt, die Millionen Menschen täglich erbringen.

Die 19 Gründungsmitglieder der im Oktober 1874 gegründeten ersten Regensburger Sanitätskolonne sind hier im Historischen Reichssaal des Alten Rathauses verpflichtet worden. Es waren Bürger aus allen Bevölkerungsschichten. Auch sie einte damals eines: Die Bereitschaft, unter einem internationalen Symbol für Menschlichkeit freiwillig und selbstlos der Allgemeinheit zu dienen, immer nur einem verpflichtet, dem Ideal der Humanität und der Neutralität. Das ist bis heute so geblieben.

Dennoch hat sich im Lauf der vergangenen 100 Jahre viel verändert. Waren die Rot-Kreuz-Sanitäter 1907 auf ein Pferdegespann für den schnellen Krankentransport angewiesen, so steht im Jahr 2007 eine Vielzahl von bestens ausgestatteten Rettungsfahrzeugen sowie ein Rettungshubschrauber zur Verfügung.

Auch die Alarmierung der Rettungskräfte hat heute einen nie gekannten Standard erreicht. Mit der Eröffnung der ersten Integrierten Rettungsleitstelle in Bayern haben wir quasi einen Quantensprung vollzogen, was effiziente und rasche Versorgung angeht. Mit Hilfe von modernster Kommunikationstechnik werden die Erfassung sämtlicher Notrufe, die Entscheidung über den Einsatz und der Einsatz selbst koordiniert sowie die weitere stationäre Versorgung in Bahnen gelenkt. Dadurch kann im Ernstfall wertvolle Zeit gewonnen werden. Zeit, die möglicherweise über Leben und Tod entscheidet.

Eine effektive medizinische Erstversorgung ist ein wichtiger, ja oft der entscheidende Baustein, in einer Reihe von Maßnahmen, die zur Lebensrettung notwendig sind. Sie muss in einer optimalen ärztlichen und medizinischen Versorgung münden.

Auch hier ist die Politik aufgerufen, abseits von Gewinnstreben, optimale Voraussetzungen zu schaffen. Ich bin aber überzeugt davon, dass sich Regensburg hier auf einem guten Weg befindet.

Seit vielen Jahren hat sich unsere Stadt als Standort für Wissenschaft, Forschung und Lehre im Bereich Medizin etabliert. Mit 1173 Studenten an der Medizinischen Fakultät der Universität  und den Auszubildenden an der Rettungsdienstschule der Malteser sind Ressourcen an fachkundigem und gut ausgebildetem Personal vorhanden.

Mit dem Regensburger Rettungsdienstkongress, der auch dieses Wochenende wieder in unserer Stadt tagt, diskutieren und beraten Fachleute über die zukünftige Entwicklung und Optimierung des Rettungswesens in Stadt und Landkreis.

Zur Notfallrettung stehen mit dem Universitätsklinikum, mehreren Krankenhäusern und Fachkliniken Anlaufstellen für den gesamten ostbayerischen Raum zur Verfügung.

Dennoch ist Handlungsbedarf gegeben: Noch immer ist das Netz an geschulten Ersthelfern zu wenig engmaschig geknüpft. Erste-Hilfe-Kurse und Erste-Hilfe-Aufbaukurse sollten zur regelmäßigen Pflicht für jeden Bürger werden. Hier ist sicherlich auch die öffentliche Hand gefordert.

Wie viel persönlicher Einsatz und Engagement bewirken können, stellt eindrucksvoll das Beispiel von KUNO unter Beweis: Weit über sieben Millionen Euro an Spenden sind mittlerweile zusammengekommen, um den Bau einer Kinder-Uniklinik in Ostbayern zu finanzieren, damit auch die medizinische Versorgung der Allerkleinsten gewährleistet werden kann.

Durch das Zusammenspiel von engagierten Einsatzkräften vor Ort und motiviertem medizinischen Personal in den Kliniken – beide Seiten ausgestattet mit modernsten technischen Hilfsmitteln – ist heute für die Bürgerinnen und Bürger in Regensburg eine optimale Versorgung im Notfall gewährleistet.

Für dieses – mittlerweile über 100 Jahre andauernde Engagement – möchte ich ein ganz herzliches Vergelt’s Gott sagen

  • natürlich in erster Linie allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bayerischen Roten Kreuzes

aber auch:

  • der Johanniter Unfallhilfe
  • den Maltesern und
  • den privaten RKT, die in den vergangenen Jahrzehnten die effektive Arbeit des BRK verstärken und verbessern helfen.

Ich wünsche allen Einsatzkräften Stärke und Motivation, sich für weitere hundert Jahre Lebensrettung einzusetzen. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern am 4. Regensburger Rettungsdienstkongress wünsche ich einen erfolgreichen Verlauf ihrer Veranstaltung!