Der Regensburger Kohlenmarkt – Wo sich Geschichte, Handel und Alltag kreuzen

Wer über den Kohlenmarkt läuft, merkt schnell: Dieser Platz bietet keine weite, offene Fläche, stattdessen ein spannendes Geflecht aus Gassen, Blickachsen und Bewegung.

Fotografie: Historische Ansicht des Kohlenmarktes aus 1904 © Sammlung Metz

24. August 2026

Menschen kommen und gehen, kreuzen sich hier, bleiben stehen und bestaunen die anliegenden, historischen Gebäude. Vom Platz aus hat man einen guten Blick auf die Ostfassade des Alten Rathauses oder gleich hinauf zum Rathausturm. Passanten schmökern in der Auslage der Buchhandlung herum, andere entscheiden sich für einen Kaffee, ein Eis oder ein Mittagessen in einem der zahlreichen Freisitze.

Knotenpunkt seit Jahrhunderten

Fotografie: Der Kohlenmarkt 2023 © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Der Kohlenmarkt ist ein Ort, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart begegnen. Er war schon immer ein Knotenpunkt. Er ist mitten in der Altstadt gelegen, zwischen Goliathstraße und Rathausplatz. Fünf Gassen münden hier ein – darunter die Wahlenstraße und die Untere Bachgasse. Die zentrale Lage und die Verdichtung der umliegenden Gassen bewirken, dass sich viele innerstädtische Wege hier treffen, unweigerlich landet man irgendwann hier. Das war schon bei den Römern so: Damals befand sich hier die Nordwestecke des Legionslagers Castra Regina und damit jede Menge Trubel und Verkehr. Die mächtige Lagermauer verlief von diesem Punkt aus entlang der heutigen Wahlenstraße. Der Platz ist daher einer der ältesten, kontinuierlich genutzten Bereiche der Stadt.

Im frühen Mittelalter dann wurde dieses freie Areal überbaut und entwickelte sich rasch zu einem Handelszentrum. Eine erste urkundliche Erwähnung als Markt findet sich bereits 934 n. Christus. Aufgrund der Nähe zum mittelalterlichen Hafen, den Donauländen und der Zugehörigkeit zu einem wichtigen (Fern)Handelsweg, hat sich die Entstehung eines Marktes an dieser Stelle mehr oder weniger von selbst ergeben. 

Im späteren Mittelalter war der Kohlenmarkt der zentrale Markt der Stadt. Er gilt als der ältester Handelsort in Regensburg und war eng mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt verbunden. Hier trafen Händler, Handwerker und Bewohner aufeinander, es wurde gehandelt, gefeilscht und organisiert. In unmittelbarer Nähe entstand mit dem Rathaus das neue Machtzentrum der Stadt. 

Fotografie: Blick vom Platz in die Wahlenstraße 1890: Den typischen Balkon gab es damals bereits. Fotografie: Kohlenmarkt 1912 Fotografie: Erstes Regensburger Bürgerfest 1973 Fotografie: Viel los in den schmalen Gassen rund um den Kohlenmarkt im Jahr 1975 Fotografie: Der Platz als Parkplatz, kurz vor dem Start der Verkehrsberuhigung und der Umwandlung in eine Fußgängerzone (1982) Fotografie: Der Kohlenmarkt heute

Namensgeber: Kohle als Handelsgut

Seinen heutigen Namen trägt der Kohlenmarkt erst seit dem 18. Jahrhundert. Ab etwa 1740 ist hier der Handel mit Holzkohle belegt – ein Rohstoff, der damals unverzichtbar war. Schmiede, Handwerker und Haushalte waren auf ihn angewiesen. 
Neben dem Kohlehandel fanden hier aber auch andere Märkte statt. Der Platz blieb nicht nur „Markt“ im klassischen Sinne, sondern entwickelte sich zum Arbeits- und Lebensraum. Im Haus am Kohlenmarkt 2 etwa wurde über Jahrhunderte hinweg das Goldschmiedehandwerk betrieben.

Ein verlorenes Wahrzeichen: Der Schwarzhaupt-Turm

Fotografie: Der Schwarzhaupt-Turm überragt die anderen Gebäude. (August 1912)August 1912: Der Schwarzhaupt-Turm überragt die anderen Gebäude. © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Das sogenannte „Schwarzhaupt-Haus“ an der Ecke Goliathstraße und Watmarkt kommt heute eher unauffällig daher, birgt aber eine spannende Geschichte. Einst war es ein markantes Gebäude am Kohlenmarkt, geprägt durch einen auffälligen achteckigen Turm mit dreistufigem Glockenhelm. Es beherbergte das Modekaufhaus der jüdischen Kaufmannsfamilie Schwarzhaupt. Bereits während der NS-Zeit geriet der prächtige Turm in Ungnade: Er wurde als „Verunstaltung“ des Stadtbildes diffamiert und seine Beseitigung gefordert – eingebettet in die damals systematische Entrechtung und wirtschaftliche Zerschlagung jüdischer Existenzen. Dennoch überstand der Turm die Zeit des Nationalsozialismus. Erst 1954 wurde er schließlich vollständig abgebrochen und die Fassade des Hauses stark vereinfacht, wodurch das Gebäude einen Großteil seines historischen Charakters verlor.

Vom Verkehrsweg zur Fußgängerzone

Vor allem in der Nachkriegszeit blühte das am Kohlenmarkt das Geschäftsleben. Modehäuser, Schuhläden und Spielwarengeschäfte prägten das Bild. Namen wie Wöhrl, Carlson, Daxl oder Forchthammer standen für das Wirtschaftswunder und zogen viele Menschen an. Das Café Prock machte den Platz zusätzlich zu einem sozialen Treffpunkt. Bis 1960 führte die Straßenbahn in unmittelbarer Nähe vorbei. Später bestimmten Autos zunehmend das Bild. Zeitweise diente der Platz sogar als Parkplatz.

Fotografie: Großer Andrang vor dem neuen Modehaus Wöhrl (1953)1953: Großer Andrang vor dem neuen Modehaus Wöhrl © Bilddokumentation Stadt Regensburg
Fotografie: Szene-Lokal Galerie 19941994: Szene-Lokal Galerie © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Ab den 1980er Jahren sollte die Altstadt sollte auch als „Lebensraum“ besser erlebbar werden. Die Stadt gestaltete die Platzfolge Kohlenmarkt, Rathausplatz und Haidplatz neu und wandelte auch diesen Bereich in eine Fußgängerzone um. 25 Jahre lang befand sich hier auch das beliebte Szene-Lokal Galerie, in dem viele Regensburgerinnen und Regensburger bis ins Jahr 2014 gerne und ausgiebig gefeiert haben.

Lebensbrunnen als Mittelpunkt

Fotografie: Lebensbrunnen am Kohlenmarkt © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Der Lebensbrunnen in der Mitte des Platzes wurde 1984 errichtet. Entworfen vom Bildhauer Günther Mauermann, steht er bis heute unter schattenspendenden Bäumen im Zentrum des Platzes. Gefertigt aus Flossenbürger Granit, wirkt er auf den ersten Blick fast verspielt: organische Formen, Figuren von Menschen und Tieren, Wasserläufe, die sich durch die Struktur ziehen. Die dargestellten Szenen von Paaren, Kindern und älteren Menschen lassen sich erst bei näherem Hinsehen erkennen. Die Figuren sollen das Leben in seiner vollen Bandbreite widerspiegeln. Die lateinische Inschrift „Fons viventis me videntis“ lässt sich als „Quelle des Lebendigen, der auf mich schaut“ deuten und gibt dem Brunnen eine nachdenkliche, fast poetische Bedeutung. Umgeben von vier Linden ist der Brunnen bis heute ein natürlicher Treffpunkt. Menschen setzen sich, warten, kommen ins Gespräch und genießen die schöne Platzatmosphäre.

Text: Luisa Schaffer

Die Reihe Regensburger Plätze entstand in Kooperation mit Janina Rummel von der Abteilung Welterbekoordination. Weitere spannende Einblicke in das baukulturelle Erbe von Regensburg finden Sie unter www.regensburg.de/welterbe.

Weitere Informationen

Quellen

  • Karl Bauer: Regensburg. Kunst-, Kultur- und Alltagsgeschichte. MZ-Buchverlag 2014.

  • Regensburger Plätze. Geschichte und Funktion städtischer Räume. Regensburger Herbstsymposium für Kunst, Geschichte und Denkmalpflege 2016. Morsbach Verlag, Regensburg 2017.

  • Lübbers, Bernhard: Regensburg. Biographie einer Stadt. Verlag Friedrich Pustet 2025.

  • Denkmalpflege in Regensburg. Berichte – Projekte – Aufgaben, Band 15 (2015/16).

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Fotografie: Dächerblick über die Innenstadt

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