Was die Sensoren erzählen

Das Obermünsterviertel verwandelt sich. Neue Sitzmöbel, mehr Grün, weniger Verkehr – seit 2025 erprobt die Stadt dort erste Veränderungen. Doch wie kommen die Maßnahmen an? Um das herauszufinden, werden zwei Methoden kombiniert: die Stimmen der Bürgerinnen und Bürger – und die Sprache der Daten.

Zeichnung: Visualisierung des Obermünsterplatzes Visualisierung des Obermünsterplatzes © Gero Engeser und Matthias Oberfrank

27. August 2026

Manche Veränderungen spürt man sofort. Ein bepflanzter Sitzmöbelblock, der zum Verweilen einlädt. Eine Straße, die mit weniger Parksuchverkehr plötzlich ruhiger wirkt. Ein bunt bemalter Platz, der Aufmerksamkeit auf sich zieht. Seit Frühjahr 2025 hat das Amt für Stadtplanung und Mobilität im Obermünsterviertel genau solche Sofortmaßnahmen umgesetzt – mobile Begrünung, neue Fahrradinfrastruktur, verkehrsberuhigende Eingriffe. Es sind Schritte hin zu einem Viertel, das ab 2028 grundlegend neugestaltet werden soll: grüner, barrierefreier, lebenswerter. Doch wie misst man Lebensqualität? Und wie weiß man, ob man auf dem richtigen Weg ist?

Was Regensburg im Herbst gesagt hat

Eine erste Antwort lieferte eine Umfrage, die vom 28. August bis 31. Oktober 2025 auf der städtischen Beteiligungsplattform mein.regensburg.de lief. 142 Personen beteiligten sich – Passantinnen und Passanten, Anwohnende, Gewerbetreibende, Feiernde. Das Ergebnis ist ein lebendiges Stimmungsbild des Viertels: nuanciert, manchmal widersprüchlich, immer aufschlussreich.

Einige Befunde sind eindeutig: 81 Prozent der Befragten bevorzugen die neue Nutzung der bisherigen Parkflächen gegenüber Stellplätzen. Die Begrünung kommt bei allen Nutzendengruppen gut an – sie ist die beliebteste Maßnahme und verbessert das Wohlbefinden im Viertel spürbar. Auch die Verkehrsberuhigung zeigt Wirkung: Viele berichten von weniger Verkehrsaufkommen und einem gestiegenen Sicherheitsgefühl – zumindest tagsüber.

Andere Befunde zeigen, wo noch Handlungsbedarf besteht. Nächtlicher Lärm bleibt ein zentrales Problem, das sich durch die Sofortmaßnahmen nicht verringert hat. Das Sicherheitsgefühl nachts ist kaum gestiegen – für keine Altersgruppe. Ältere Menschen fühlen sich durch die Bodenbemalung am Obermünsterplatz weniger angesprochen als jüngere. Und die Anwohnerschaft ist bei der Gesamtbewertung der Atmosphäre deutlich geteilter als Besucherinnen und Besucher von außen. Besonders gefragt: Mehr Schatten, mehr Wasser, mehr Grün. Trinkwasserspender, Nebelsprühwände, zusätzliche Bepflanzung – die Wünsche der Bürgerinnen und Bürger sind konkret und zeigen, welche Themen in einer sich aufwärmenden Innenstadt an Bedeutung gewinnen.

Fotografie: Sitzmöbel im Obermünsterviertel © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Was Sensoren können – und was nicht

Die Umfrage hat gezeigt, was die Menschen im Viertel bewegt. Doch ein Stimmungsbild, so aufschlussreich es auch ist, kann keine Dauermessung ersetzen. Um zu verstehen, wie sich das Viertel über die Zeit verändert – von Woche zu Woche, nach einer neuen Maßnahme, in Abhängigkeit vom Wetter oder einer Veranstaltung – braucht es eine kontinuierliche, objektive Methode. Genau das leisten die Sensoren. Und hier setzt das Projekt „WiSe OMV“ (Wirkungsmessung & Sensorik im Obermünsterviertel) an – umgesetzt von einem Konsortium aus dem Amt für Stadtplanung und Mobilität, der Kreativbehörde der Stadt Regensburg, der Strategischen Partnerschaft Sensorik e. V., dem Cluster Mobility & Logistics und dem das Stadtwerk Regensburg.

Seit März 2026 sind an vier Standorten im Obermünsterviertel energieautarke Sensoren im Einsatz. Sie messen Mobilitätsströme, Luftqualität und Schallpegel – rund um die Uhr, wetterunabhängig, vollautomatisch. Ein Radar-Sensor kann etwa erfassen, wie sich die Personenfrequenz auf einem Platz je nach Jahreszeit verändert. Ein Schallsensor registriert, ob der Lärmpegel nachts tatsächlich ab- oder zunimmt. Umfeldsensoren zeigen, ob die wachsende Begrünung messbare Auswirkungen auf die Luftqualität hat. Das Projekt ist Teil des R_Lab Mobilität im Smart-City-Programm R_NEXT der Stadt Regensburg und zahlt direkt auf die Ziele des Regensburg-Plans 2040 ein – in den Bereichen Mobilität, digitale Stadt und Nachhaltigkeit.

Datenschutz von Anfang an

Fotografie: Installation der Sensoren im ObermünsterviertelInstallation der Sensoren © Kreativbehörde Regensburg, Julia Wildenauer

Eine Frage, die bei Sensoren im öffentlichen Raum naheliegt: Was wird da genau erfasst? Die Antwort ist klar: keine personenbezogenen Daten. Das Projekt folgt dem Prinzip „Privacy by Design" – der Datenschutz ist von Anfang an in die Technologie eingebaut, nicht nachträglich hinzugefügt. Die Sensoren erkennen keine Gesichter, keine Kennzeichen, keine Identitäten. Sie zählen, messen und analysieren – anonym und aggregiert. Zudem setzt die Stadt konsequent auf europäische Technologieanbieter, um digitale Souveränität zu gewährleisten.

Zuhören und messen: Zwei Seiten einer Medaille

Was „WiSe OMV“ im Kern auszeichnet, ist der kombinierte Ansatz. Umfragen erzählen, wie die Maßnahmen wahrgenommen werden. Sensoren erzählen, wie die Messwerte sich verändern. Erst zusammen entstehen belastbare Grundlagen für Entscheidungen.
Ein Beispiel: Die Umfrage zeigt, dass Anwohnende die Atmosphäre im Viertel nach den Sofortmaßnahmen nicht alle als besser empfinden. Gleichzeitig signalisieren viele Befragte, dass der nächtliche Lärm nach wie vor belastet. Die Sensorik kann diese Wahrnehmung ab 2026 mit konkreten Messwerten untermauern oder hinterfragen: Ist der Schallpegel tatsächlich gestiegen, gleichgeblieben oder gesunken? Zu welchen Zeiten? An welchen Standorten? Das ermöglicht der Stadtverwaltung, gezieltere Maßnahmen zu entwickeln, zu testen und bei Bedarf anzupassen – immer auf Grundlage echter Daten. Und es ermöglicht der Öffentlichkeit, den Prozess nachzuvollziehen: transparent und datengestützt.

Ein Pilot mit Strahlkraft

Fotografie: Befragung zur Entwicklung des Obermünsterviertels © Kreativbehörde Regensburg, Michael Reindl

„WiSe OMV“ ist bewusst als Pilotprojekt angelegt. Was im Obermünsterviertel erprobt wird, soll zeigen, wie eine datenschutzkonforme, energieeffiziente Sensorik-Infrastruktur im denkmalgeschützten Stadtraum funktionieren kann – und welche Erkenntnisse sich daraus für andere Stadtteile und eine stadtweite Smart-City-Strategie ableiten lassen. Die Laufzeit des Projekts reicht bis Ende 2026. Bis dahin läuft das Reallabor im Obermünsterviertel auf Hochtouren – mit Sensoren, Auswertungen, Rückmeldungen aus der Bürgerschaft und dem kontinuierlichen Abgleich zwischen Messung und Wahrnehmung.
Die nächste Umfrage läuft bereits.

Text: Caroline Hoffmann

Weitere Informationen

Projektsteckbrief „WiSe OMV“

  • Laufzeit: 09.2025 – 12.2026
  • Teil von: R_Lab Mobilität / R_NEXT
  • Partner: Kreativbehörde der Stadt Regensburg, Strategische Partnerschaft Sensorik e. V., Cluster Mobility & Logistics, das.Stadtwerk Regensburg

Interesse am kostenlosen Newsletter?

Logo 507