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Pädagogischer Begleithund - Alle lieben Nemo

Pädagogischer Begleithund - Nemo ist ein ausgebildeter Begleithund für tiergestützte soziale Arbeit
Nemo ist ein ausgebildeter Begleithund für tiergestützte soziale Arbeit © Stadt Regensburg

Julia Schütz arbeitet im Kinderschutzhaus, Nemos Job nennt sich – bürokratisch umständlich – „Begleithund für tiergestützte soziale Arbeit“. Die Sozialpädagogin und der Australian Sheperd kümmern sich in der städtischen Einrichtung um Kinder, die nicht länger bei ihren Familien bleiben konnten und solange einen sicheren Hafen benötigen, bis sie wieder zurückkehren können oder bis sich beispielsweise eine Pflegefamilie bereit erklärt, sie aufzunehmen. Nemo steuert seinen Teil dazu bei, dass diese Kinder in einer schwierigen Situation Halt und emotionale Sicherheit finden.

Wenn Nemo in die Arbeit geht, dann trägt er meist ein grünes Halstuch. „Daran merkt er, dass er sich jetzt konzentrieren muss“, erklärt Julia Schütz. „Und dann ist er auch ganz anders als in der Freizeit.“ Der dreieinhalbjährige Rüde erkennt, dass er Rücksicht nehmen und den Kommandos unbedingt gehorchen muss. Um so weit zu kommen, mussten Herrin und Hund nach der Welpenschule ein intensives Training im Zentrum für Assistenzhunde und Begleithunde für tiergestützte soziale Arbeit absolvieren. Jetzt ist Nemo offizieller Mitarbeiter im Kinderschutzhaus. Er ist dabei, wenn Julia Schütz mit der achtjährigen Miriam (alle Namen geändert), die sich nur schwer konzentrieren kann, einen mehrteiligen Arbeitsauftrag einübt. Und weil Nemo Teil der Aufgabe ist und am Ende treuherzig auf eine Belohnung wartet, ist Miriam diesmal ganz bei der Sache und schafft es bereits nach drei Durchgängen, den Futterbeutel im Nebenraum zu verstecken, Nemo die notwendigen Befehle zu geben und ihn anschließend für sein erfolgreiches Apportieren zu belohnen.

Angst überwinden, Kontakt aufbauen

Der Australian Sheperd ist auch zur Stelle, wenn der zwölfjährige Lukas versucht, seine Angst vor Hunden zu überwinden. „Der Nemo merkt das, wenn ein Kind ängstlich ist. Dann ist er selbst besonders vorsichtig“, sagt Julia Schütz. Bei der ersten Begegnung liegt der Hund dann noch in seiner verschlossenen Box, die ihm auch als Rückzugsort dient. So kann eine Kontaktaufnahme stattfinden, die nicht von vornherein mit negativen Gefühlen besetzt ist. Nach und nach nähern sich Hund und Kind dann einander vorsichtig an. Der Junge lernt so, wie man Furcht überwinden kann und schafft es, dieses Erlebnis schließlich auch auf andere Situationen übertragen.

Pädagogischer Begleithund - Nemo liebt Kinder und die Kinder lieben Nemo
Nemo liebt Kinder und die Kinder lieben Nemo. © Stadt Regensburg

„Nemo ist für die Arbeit mit Kindern ausgebildet“, erklärt seine Besitzerin. „Wenn er auf ihre Befehle reagiert, dann spüren die Kinder schnell, dass sie mit dem richtigen Verhalten etwas bewirken können“ – Erfolgserlebnisse, die sie so in ihrem Leben vielleicht noch nicht gehabt haben! Und ganz wichtig: Das Kind spürt, dass es vom Hund nicht bewertet, sondern so angenommen wird, wie es ist. Außerdem sei wissenschaftlich belegt, führt die Sozialpädagogin weiter aus, dass es Menschen in Anwesenheit von Tieren deutlich leichter fällt, zu anderen vertrauensvoll Kontakt aufzunehmen. Auch sozialer Stress könne dadurch deutlich abgemildert werden. Kinder und Jugendliche erhalten so die Möglichkeit, im Umgang mit Tieren ihre soziale Kompetenz unbelastet und zwanglos zu erproben, denn: „Ein Hund kann nicht mit Worten verletzen, emotionale Gespräche und Berührungen sind nie peinlich.“ Deshalb ist Nemo mittlerweile ein wichtiger Mitarbeiter im Team. Auch der Chef von Julia Schütz, Dr. Volker Sgolik, der Leiter des Amtes für Jugend und Familie und selbst Hundebesitzer, freut sich darüber, „dass Nemo kostenlos wichtige pädagogische Ergänzungsarbeit leistet und die Heimaufsicht seinen Einsatz genehmigt hat.“

Bedingungsloser Gehorsam, ausgeglichenes Wesen

Natürlich gibt es Unterschiede zu Hunden, die nicht speziell ausgebildet sind. Das fängt damit an, dass Nemo gelernt hat, Ziele, die ihm gesetzt werden, zu erreichen, Kommandos seines Frauchens bedingungslos zu gehorchen und auch in Stresssituationen ruhig zu bleiben. Denn es ist absolute Voraussetzung, dass ein pädagogischer Begleithund niemals aggressiv reagieren oder gar schnappen darf. Deshalb hat Julia Schütz schon bei der Auswahl des Welpen auf ein besonders ausgeglichenes Wesen geachtet. Auch die Tatsache, dass das kleine Fellknäuel bereits mit ein paar Wochen in ihre Arbeit reinschnuppern und Kontakt zu den Kindern aufnehmen durfte, hat sicherlich dazu beigetragen, dass er jetzt auch mit schwierigen Situationen und verhaltensauffälligen Kindern gelassen umgehen kann.Dennoch: Auch ein Hund kann unter Stress geraten. Das muss die Hundeführerin erkennen und rechtzeitig reagieren. „Er muss immer einen Rückzugsort haben“, unterstreicht Julia Schütz. „Und den müssen die Kinder unbedingt respektieren.“ In Nemos Fall ist das seine Box, in die er sich zurückziehen kann, wenn ihm alles mal zu viel wird. Auch das ist im Übrigen eine wichtige Erfahrung für die Kinder, die so lernen können, die Bedürfnisse anderer besser zu respektieren.

Die Begeisterung für Hunde ist Julia Schütz übrigens nicht in die Wiege gelegt worden. Weil ihre Mutter den Vierbeinern gegenüber großen Respekt empfand, blieb der sehnliche Wunsch nach einem Hund unerfüllt. Ersten Kontakt konnte sie dann erst als Jugendliche im Reitstall knüpfen. Dass gerade Australian Sheperds eine Rasse sind, die sich durch große Intelligenz, Kinderfreundlichkeit und ein gelassenes Wesen auszeichnen, erfuhr die heute 27-Jährige durch Freunde, die diese Hunderasse züchteten. Kein Wunder also, dass sich Julia Schütz für Nemo entschied, den schwarz-weiß gefleckten Australian-Sheperd mit einem himmelblauen und einem blau-goldenen Auge, dessen treuherziger Blick Steine erweichen und Kinderherzen öffnen kann und der seither der Star im Kinderschutzhaus ist.

 

 

Text: Dagmar Obermeier-Kundel
3. September 2019