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Grüne Dächer in einer steinernen Stadt: Wie Regensburg grüner und kühler werden kann

Ein Gespräch mit der städtischen Klimaresilienzmanagerin Katharina Schätz und mit Michael Lehmann, dem stellvertretenden Leiter des städtischen Gartenamtes

Grüne Dächer in einer steinernen Stadt - Kasernenflächen
Auf den ehemaligen Kasernenflächen entsteht in Regensburg neuer Wohnraum und neues Grün am Boden und auf den Dächern © Bilddokumentation Stadt Regensburg

9. September 2019

Steinerne Stadt wird Regensburg auch genannt. Gemeint ist damit die mittelalterliche Altstadt mit ihrer historisch gewachsenen, dichten Baustruktur. Sie ist geprägt von steinernen Plätzen und Gassen und wenig Grünflächen. Ein paar Schritte weiter, entlang der Donau oder in den angrenzenden Alleen und Parks, wandelt sich dieses Bild zwar, doch die Altstadt erwärmt sich insbesondere im Sommer stärker als der Rest und wirkt als Hitzespeicher. Ein typisches Phänomen für Großstädte. Die Temperaturunterschiede im Stadtgebiet können an manchen Tagen leicht mehrere Grad betragen. Während man am Haidplatz an einem Sommertag schnell mal bei 32 Grad in der Sonne brütet, kann es zuhause in Burgweinting oder Sallern mit 27 Grad genau die richtige Temperatur haben, um an einen gemütlichen Grillabend zu denken.

Grüne Dächer in einer steinernen Stadt - Sonne

Die globale Klimaveränderung – das erwarten Experten – macht unsere Städte immer wärmer. Regensburg braucht also funktionierende Klimastrategien. Schon seit mehreren Jahren wird daran gearbeitet, 2017 wurde ein Klimaschutzaktionsplan entwickelt, seit 2018 beschäftigt die Stadt Regensburg eine Klimaresilienzmanagerin, die gemeinsam mit verschiedenen Fachämtern eine Klimaanpassungsstrategie entwickelt, um die Stadt für globale und lokale Klimaveränderungen zu wappnen und die gute Lebensqualität zu erhalten. Die große Frage lautet jedoch: Wo lässt sich in einer räumlich begrenzten Stadt, in die immer mehr Menschen ziehen und ein Dach über dem Kopf brauchen, mehr Grün schaffen? In unserer Bildergalerie zeigen wir einige Maßnahmen, die bereits durchgeführt werden.

Doch was kann, was muss man noch tun, als Kommune, aber auch als Privatperson? Darüber haben wir mit der Klimaresilienzmanagerin Katharina Schätz und mit Michael Lehmann, dem stellvertretenden Leiter des städtischen Gartenamtes, gesprochen.  

Michael Lehmann - Porträt
Michael Lehmann, Gartenamt © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Herr Lehmann, wie und wo kann Regensburg denn grüner werden?

Lehmann: Regensburg ist den vergangenen Jahren schon viel grüner geworden. Zwischen 2010 und 2018 sind die Grünflächen, um die wir uns kümmern, um 150 Hektar gewachsen. Wir haben Grün an den Straßen und Plätzen, Wälder, Wiesen, Parks und Schrebergärten sowie Sport-, Spiel- und Campingplätze. Private Hausgärten und Innenhöfe kommen noch dazu. Diese positive Veränderung ging teilweise zu Lasten landwirtschaftlicher Flächen. 

Im Wesentlichen wurde sie jedoch möglich, weil ehemalige Gewerbeflächen von der Stadt für Wohnen entwickelt und damit entsiegelt werden konnten. Die Stadt Regensburg erarbeitet derzeit ein Freiraumentwicklungskonzept sowie eine Freiflächengestaltungssatzung, die bei neuen Bauvorhaben verpflichtend wirken und einen bestimmten Anteil Grünfläche als Mindeststandard einführen soll. Das städtebauliche Rahmenkonzept für die Innenstadt 2025 legt durch das grüne Leitbild beispielsweise Schwerpunkte in der Begrünung und Entsiegelung von öffentlichen Plätzen und Straßen und der Ausweitung von Grünflächen in innerstädtischen Wohnquartieren.

Klimaresilienzmanagerin - Katharina Schätz Porträt quer
Katharina Schätz © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Wenn man nicht groß in die Fläche gehen kann, muss man für mehr Grün eben in die Höhe. Was ist da möglich? Frau Schätz, diese Frage richtet sich an Sie als Klimaresilienzmanagerin.

Schätz: Eine gute Möglichkeit ist die Fassaden- oder Dachbegrünung. Grüne Dächer schwächen den Wärmeinseleffekt ab und wirken kühlend nach Außen und Innen. Die Pflanzen produzieren Sauerstoff und binden Staub aus der Luft. Im Laufe der Jahre entwickeln sich dort kleine Biotope, die je nach Substratdicke und aufgebrachten Pflanzenarten Lebensraum für Kleinstlebenwesen, Insekten und andere Tiere bilden. Eine Extensivbegrünung kann außerdem ein Dach isolieren, auf diese Weise lassen sich Heiz- bzw. Kühlkosten und damit auch CO2 einsparen. Für große und flache Industriegebäude und auch für private Hausbesitzer auch finanziell betrachtet eine überlegenswerte Sache. Die Stadt Regensburg erstellt derzeit übrigens ein Dachbegrünungskataster, in dem jeder nachsehen kann, ob sein Hausdach grundsätzlich dafür geeignet ist. 

Auch Fassadenbegrünungen reduzieren die Oberflächentemperatur eines Gebäudes. Die Pflanzen erzeugen vor allem dann eine hohe Verdunstungskühle, wenn sie sich in der Sonne befinden. Aus diesem Grund hat eine Fassadenbegrünung an einer Südfassade eine deutlich größere klimatische Wirkung als im Schatten.

Grüne Dächer in einer steinernen Stadt - Klimakarte
Die blauen Pfeile der Klimabestandskarte zeigen die Windströme © Klimagutachten der Stadt Regensburg 2014 / Büro für Umweltmeteorologie

Welche Möglichkeiten sehen Sie noch?

Schätz: Wir haben sehr unterschiedliche Temperaturen in der Stadt. Das ist normal. Wir müssen aber dafür Sorge tragen, dass ein Luftaustausch stattfindet. Unsere Altstadt ist eine Wärmeinsel. Asphalt und Steine speichern die Hitze und geben sie anders als Wiesen und Wälder auch noch Stunden später noch an die Umwelt ab. Wir kennen das alle von den warmen Sommernächten. Wichtig ist es daher, frische und kühlere Luft aus dem Umland in die Stadtmitte zu bekommen. Regensburg verfügt über unterschiedliche Frischluftschneisen: Aus dem  nördlichen Regental, entlang der Donau oder auch entlang der Bahngleise. Diese Achsen sollten möglichst wenige Strömungshindernisse aufweisen. Bäume sind zwar Quellen kühler Luft, weil sie Verdunstungskühle erzeugen, sie stellen aber gleichzeitig Strömungshindernisse dar. Die einfache Formel: Ein Baum hilft immer, greift also leider zu kurz. Aus diesem Grund ist es nicht zu empfehlen, im Bereich der Frischluftschneisen Wälder zu etablieren, da deren Wirkung dann nachlassen würde.

Woanders tun Bäume aber schon gut, oder?

Schätz: Durchaus. Das Gartenamt musste im Winter 2018/2019 etwa 250 Bäume fällen, dafür gibt es gut 700 neue, darunter auch einige in der Altstadt. Grundsätzlich tun Bäume Innenstädten klimatisch natürlich gut, weil sie einen großen kühlenden Effekt haben. Sie sorgen mit ihrem Schatten dafür, dass sich Oberflächen nicht so stark aufheizen. Im Rahmen des städtebaulichen Rahmenkonzeptes 2014 haben wir uns mit den „grünen“ und „steinernen“ Altstadtplätzen auseinandergesetzt und weitere Grünmaßnahmen geplant. So haben wir beispielsweise am Viereimerplatz mehrere Bäume gesetzt.

Lehmann: Ende Juli haben wir auch damit begonnen, den Domplatz grüner zu machen: Wir pflanzen vier Bäume beim Reiterdenkmal sowie weitere drei Bäume auf dem benachbarten Altdorferplatz. Bäume in der historischen Altstadt sind wichtig, aber auch unsere Sorgenkinder, weil sie natürlich großen Belastungen ausgesetzt sind. Deshalb ist die Auswahl der Sorten von besonderer Bedeutung. Auch der Denkmalschutz spielt in unserer UNESCO-Welterbestadt eine große Rolle. Die größte Herausforderung ist es hier, einen geeigneten Standort zu finden. Das Problem ist gar nicht der Platz, sondern wie so oft in Regensburg der Untergrund. Wenn ein Baum langfristig gedeihen soll, braucht er zwischen 18 und 24 Kubikmeter durchwurzelbaren Raum zum Wachsen – deshalb machen Bäume in Pflanztrögen leider wenig Sinn, weil sie darin nicht gut gedeihen können. Doch auch fürs Erdreich ist das ein ziemlich großer Platzbedarf, wenn man bedenkt, dass in der Altstadt Kabel, Rohre oder archäologische Funde bereits vorhanden sind und wir zusätzliche bestimmte Sicherheitsabstände zum Kanal einhalten müssen. Wenn es geht, lassen wir in der Altstadt die Leitungen für einen neuen Baum verlegen. Am Kohlenmarkt haben wir es jedoch gelassen, weil die Kostenschätzung für einen weiteren Baum bei mehr als 120.000 Euro lag. Hier hätten auch noch wichtige Hauptverteilerleitungen verlegt werden müssen. Das war einfach viel zu teuer. Sie sehen, das Finden geeigneter Standorte in der Altstadt ist eine große Herausforderung…       

Frau Schätz, Herr Lehmann, vielen Dank für das Gespräch.

Text und Interview: Claudia Biermann