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Keine Spur vom jüdischen Friedhof

Keine Spur vom jüdischen Friedhof

Die Grabungsarbeiten vor dem Regensburger Hauptbahnhof haben den jüdischen Friedhof nicht zu Tage gebracht. Damit gibt es keine Einschränkungen, was den Bau der geplanten Tiefgarage an dieser Stelle betrifft. Gut vier Wochen lang hatten Archäologen nach den dort vermuteten mittelalterlichen Gräbern gesucht, aber keine entdeckt. Sie wollten das südliche Ende des jüdischen Friedhofs aus dem Mittelalter lokalisieren. Seit seiner Schändung durch die Regensburger im Jahr 1519 ist er wie vom Erdboden verschluckt. Am 26. Februar 1519 bereiteten die Regensburger der damals wohl bedeutendsten jüdischen Gemeinde Bayerns ein Ende. Die Juden machte man verantwortlich für den wirtschaftlichen Niedergang der Stadt. Man zerstörte das Judenviertel, riss die Synagoge ab und verwies die Juden der Stadt. 

Die Grabungen waren gestartet worden, weil die Stadt Regensburg das gesamte Bahnhofsumfeld umgestalten wird. In einigen Jahren soll in diesem Bereich weniger Verkehr fließen, eine Tiefgarage nördlich vom Bahnhof könnte einen Teil der Autos auffangen. Dann kann dieser Bereich grüner, fußgänger- und fahrradfreundlicher werden. Auch der Busbahnhof wird neu und komfortabel geordnet, eine zusätzliche Stadtbahn wird das Vorankommen beschleunigen. Alles zusammengenommen soll langfristig auch den Eingang in die Stadt schöner machen. 

Vor Beginn der Grabungen hat die Beiuns507-Redaktion mit dem Stadtarchäologen gesprochen: 

Lutz Dallmeier - Porträt
Dr. Lutz Dallmeier © Bilddokumentation Stadt Regensburg

Herr Dr. Dallmeier, welche Bedeutung hat dieser jüdische Friedhof, der am Bahnhof vermutet wird?

Seit dem 24. September 1210 war er eine bedeutende letzte Ruhestätte für verstorbene Jüdinnen und Juden aus ganz Altbayern. Mehr als 4 000 Grabsteine sollen bis zu seiner Schändung 1519 dort gestanden haben. Auch berühmte Gelehrte wie Rabbi Jehuda ben Samuel ha-Hasid haben dort ihre letzte Ruhestätte gefunden. Nach der Vertreibung der mittelalterlichen Judengemeinde geriet der einst so bedeutende Ort für die Nachwelt in Vergessenheit. Als Standort war lediglich das weitläufige Areal der „Emmeramer Breiten“ überliefert. Heute geht die Bedeutung des jüdischen Friedhofs weit über den Status als Bodendenkmal hinaus: Nach dem Talmud ist er auf ewige Zeit Eigentum der jüdischen Toten. Diese Tatsache ist unbedingt zu respektieren. Im Übrigen hat die Stadt Regensburg schon im Jahr 1521, also zwei Jahre nach der Vertreibung der Juden, nach einem Schiedsspruch von Worms zugesichert, die Totenruhe ebendieses Friedhofs zu gewährleisten.

Woher weiß man denn, dass er sich dort befindet?

Das Amt für Archiv und Denkmalpflege der Stadt Regensburg konnte durch einen Fund aus dem Jahr 1877 die Existenz des Friedhofs an der südlichen Maximilianstraße nachweisen. Bei Kanalbauten wurden damals ein jüdischer Grabstein und einige Bestattungen entdeckt. Doch die genauen Ausmaße des Friedhofes kennen wir noch nicht. 2008 haben wir bei Grabungen die nordöstliche Ecke des Gräberfeldes gefunden. Anhand dieser Funde lässt sich die ungefähre Lage und Ausdehnung des Friedhofes im Mittelalter rekonstruieren. Doch Genaueres werden uns erst die neuen Grabungen bringen.

Wie gehen Sie bei den Untersuchungen genau vor?

Aufgrund der Tatsache, dass wir einen jüdischen Friedhof untersuchen, müssen wir wegen der Totenruhe besonders vorsichtig vorgehen. Wir werden an einigen Stellen kleinere Bereiche der Grasnarbe öffnen und dann etwa einen halben Meter tief gehen. Auf diese Weise werden lediglich die Grabgruben geortet, die Bestattungen selbst werden nicht angetastet. Vielleicht können wir sogar die Fundamente der Friedhofsmauer nachweisen, von welcher in alten Schriftquellen die Rede ist. Diese Vorgehensweise haben wir bereits 2008 angewandt.

Was denken Sie, wann kann man Genaueres sagen?

Das ist nicht so leicht vorherzusagen. Wir wissen ja noch nicht, was wir wo vorfinden. Ich rechne aber damit, dass wir etwa vier Wochen nach dem Beginn der Grabungen Ergebnisse vorliegen haben.

Welche Konsequenzen könnten Ihre Grabungen für den Bau der Tiefgarage haben?

Die Tiefgarage muss eventuell etwas kleiner ausfallen als wir sie gerne hätten. Oder das Baufeld muss etwas verschoben werden. Schlimmeres erwarte ich aber nicht.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Dallmeier!

 

Text und Interview: Claudia Biermann
25. Juli 2018, aktualisiert am 18. Oktober 2018