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Verleihung des Brückenpreises 2022

Rede von Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer anlässlich der Verleihung des Brückenpreises 2022 an den Sea- und Space-Eye-Gründer Michael Buschheuer am 15. Oktober 2022 um 19 Uhr im Historischen Reichssaal des Alten Rathauses

-Es gilt das gesprochene Wort-

Anrede

Lassen Sie mich ein Zitat an den Anfang meiner Rede stellen: „Der Rettende fasst an und klügelt nicht.“

Diese Worte aus seinem Trauerspiel „Die natürliche Tochter“ könnte Johann Wolfgang von Goethe vorausschauend schon auf Sie gemünzt haben, sehr geehrter Herr Buschheuer. Denn das „Klügeln“, das vorsichtige Abwägen des Für und Wider, das Zögern, das Zaudern – das ist nicht Ihre Welt. Sie sind ein Mann der Tat, des Handelns, ein Mann des Zupackens. Hindernisse, die sich Ihnen in den Weg stellen, schrecken Sie nicht ab, Sie motivieren Sie nur noch mehr. Sie tun etwas – Sie helfen, Sie retten, Sie bauen Brücken.

Und weil Sie mit Hilfe dieser Brücken, die Sie im direkten und im übertragenen Sinn errichtet haben, bereits tausende Menschenleben gerettet haben – unkonventionell und unbürokratisch –  ist es mir eine Ehre, Sie heute mit dem Brückenpreis der Stadt Regensburg auszuzeichnen.

Für den musikalischen Brückenschlag sorgen an diesem Abend zwei Mitglieder der Band „Brew Berrymore“ aus Landshut mit ihrem „Back-to-the-Future-Rock“ – die es geschafft hat, zur Münchner-Band des Jahres 2020 gekürt zu werden.

Ich begrüße sehr herzlich Herrn Robert Rauchenecker und Herrn Benedikt Wagensonner. Mit Leadsänger Benedikt Wagensonner, verbindet Sie, sehr geehrter Herr Buschheuer, ja durchaus noch mehr als die fetzige Musik, ist er doch aktives Vorstandsmitglied von Space Eye, trägt Ihre Botschaften mit und unterstützt Ihre Arbeit tatkräftig.

Sehr geehrter Herr Buschheuer,

  • nach dem ehemaligen polnischen Außenminister Wladyslaw Bartoszewski, 
  • dem früheren Bremer Bürgermeister und späteren EU-Beauftragten in Bosnien-Herzegowina, Hans Koschnik, 
  • dem Bürgerrechtler und ehemaligen tschechoslowakischen Staatspräsidenten Vaclav Havel, 
  • den beiden deutschen Politiker-Brüdern Dr. Hans-Jochen und Professor Bernhard Vogel, 
  • dem erst im August verstorbenen ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion und Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow sowie
  • der Autorin und Publizistin Dr. Carolin Emcke

sind Sie der siebte Preisträger, dem diese Ehre zuteil wird.

Der Brückenpreis wurde 1995 vom Stadtrat anlässlich des Jubiläums „750 Jahre Stadtfreiheit“ für Persönlichkeiten gestiftet, die sich in besonderem Maße um die Überwindung von Grenzen und Gegensätzen verdient gemacht und Brücken für die Zukunft gebaut haben. 

Versinnbildlicht wird der Brückenpreis durch eine Bronzeplastik. Geschaffen hat sie der im Jahr 2020 verstorbene ostbayerische Bildhauer Alfred Böschl nach dem Vorbild des „doppelten Nepomuk von Schönsee“. Der als Brückenheiliger verehrte Priester Johannes von Nepomuk, wurde zum Märtyrer, weil er Geheimnisse bewahrte, furchtlos der Willkür seines Landesherrn standhielt und Versöhnung predigte.

Der Nepomuk, den Böschl geschaffen hat, hat zwei Köpfe in einem einzigen Körper, die in unterschiedliche Richtungen sehen. Damit ist sein Blick nie einseitig, sondern stets wachsam und offen. Das ist wichtig, denn der Heilige St. Nepomuk wird auch als Helfer bei Wassernot angerufen.

Meine Damen und Herren – Sie sehen schon: Der Bezug drängt sich förmlich auf. Auch Michael Buschheuer ist ein Wasserretter und damit ein würdiger Träger dieser Auszeichnung! Und auch, wenn es mir als Protestantin schwerfällt, an die Wundertätigkeit von Heiligen zu glauben: Vielleicht profitieren Sie, sehr geehrter Herr Buschheuer, ja doch ein bisschen von der spirituellen Kraft dieses Brückenheiligen?

Wachsamkeit und Offenheit – das sind Eigenschaften die nicht nur dem Heiligen Nepomuk nachgesagt werden. Sie treiben auch Sie an. Sie waren der Motor für Ihr beispielloses Engagement, das 2015 mit der Gründung der gemeinnützigen Hilfsorganisation Sea-Eye e.V. begann, nur weil Sie die Bilder von hilflos und qualvoll im Meer ertrinkenden Männern, Frauen und Kindern nicht mehr ertragen konnten und der Frage nicht mehr ausweichen wollten und konnten: „Was geht mich das eigentlich alles an?“

Seit ihrer Gründung hat die Seenotrettungsorganisation Sea-Eye Schiffe gekauft und ausgerüstet und mit ihren Crews aus Ehrenamtlichen rund viele Tausend schutzlose Menschen vor dem qualvollen Tod auf dem offenen Meer gerettet.

Die von Ihnen im Jahr 2018 gegründete Organisation Space-Eye, die die Bewegung von Flüchtlingsbooten im Mittelmeer via Satellit überwacht und dokumentiert, sowie die Ukraine-Nothilfe für die Evakuierung von Schutzbedürftigen aus den Kriegsgebieten, sind ein weiterer Beleg für Ihren erfolgreichen Kampf gegen Gleichgültigkeit und Menschenverachtung. Kurz gesagt: Gegen das allgemeine Wegschauen!

Mit den Brücken, die Sie im übertragenen Sinn gebaut haben, haben Sie Menschen, die ja aus purer Not und nicht aus Reiselust ihre Heimatländer verlassen haben, nicht nur Wege von unsicheren und oftmals gefährlichen Gestaden in geordnetere Verhältnisse gebahnt. Sie haben die Menschen auch nach Ihrer Ankunft dort nicht allein gelassen.

Schnell und unbürokratisch sammeln Sie Hilfsgüter und bringen sie in die Flüchtlingscamps. Und genauso unbürokratisch organisieren Sie Patenschaften, um Entwurzelten das Leben in der Fremde zu erleichtern. Sie schaffen Wohnraum und ermöglichen so geflüchteten Familien einen Neustart in der neuen Heimat.

Was Sie antreibt, haben Sie sehr anschaulich in einem Interview in der ARD-Sendung „Titel – Thesen – Temperamente“ beschrieben – ich zitiere: „Ich habe mein Europa so nicht gelernt. Ich habe nicht gelernt, dass wir Menschen an unseren Grenzen ertrinken lassen sollen.“

Diesen Handlungsauftrag, den Sie aus freien Stücken angenommen haben und von dem Sie auch deutlich machen, dass Sie ihn stellvertretend für die Politik wahrnehmen, nehmen Sie bitter ernst. So ernst, dass die harsche Kritik, Sie würden mit Schlepperbanden gemeinsame Sache machen und Fluchtbewegungen mit Ihren Aktionen Vorschub leisten, Sie nicht stoppen kann. Sie sind bereit, ethisches Handeln auch über geltendes Recht zu stellen.

„Oft tut auch der Unrecht, der nichts tut.“ – Der römische Kaiser und Philosoph Marc Aurel, von dem diese Worte stammen, und der mit dem Bau des Legionslagers Castra Regina 179 nach Christus den Grundstein für unsere Stadt gelegt hat, hat Ihre Lebenseinstellung auf den Punkt gebracht: Angesichts des Flüchtlingselends die Hände in den Schoß zu legen und untätig zu bleiben, ist für Michael Buschheuer keine Option.

Bequem ist es nicht, Ihr Engagement, führt es das menschliche Versagen und die Ohnmacht der Politik doch direkt vor Augen. Die Unterstützung, die Sie von der Bevölkerung und von den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern erfahren, die sich in ihren NGOs engagieren, spricht eine deutliche Sprache: Zivilcourage und der Kampf gegen Gleichgültigkeit sind nach wie vor wichtige Pfeiler unserer Gesellschaft! Unrecht, egal wo es geschieht, geht uns alle an. Wer sich wegdreht und die Augen verschließt, macht sich schuldig.

Bequem ist auch das Engagement von Prof. Dr. Michael Sterner nicht, den ich als Laudator herzlich begrüße. Als Professor für Energiespeicher und Energiesysteme an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg, als einer der Urheber der Power-To Gas-Technologie und als Unterstützer der Fridays-for-Future-Bewegung positioniert er sich eindeutig und legt sich – wenn er es für nötig hält – dabei ebenfalls mit der Politik an, um uns allen unsere energiewirtschaftlichen Versäumnisse vor Augen zu halten.

Sie, sehr geehrter Herr Buschheuer, haben sich explizit diesen Laudator für den heutigen Abend gewünscht. Er ist wie Sie ein Brückenbauer, ein Überzeugungstäter und ein Kämpfer für eine gerechtere Welt und eine nachhaltigere Umwelt. Ihre beiden Familien sind freundschaftlich verbunden, Sie, sehr geehrter Herr Professor Sterner, unterstützen die ehrenamtliche Arbeit von Space Eye tatkräftig.

Ich freue mich sehr, dass diese Verbundenheit sowie natürlich auch Ihre Verbundenheit mit der Stadt selbst Ihrer heutigen Laudatio eine ganz persönliche Note geben werden – ist es doch etwas ganz Besonderes, dass der Brückenpreis der Stadt Regensburg einem Regensburger verliehen wird, der Brücken in die Regensburger Stadtgesellschaft geschlagen hat.

Sehr anschaulich macht diese Brücken ein kurzer Film, den der Onkel des Preisträgers, Hans-Peter Buschheuer, zusammengestellt hat und den wir Ihnen jetzt gleich zeigen werden. Überzeugen Sie sich selbst!