Abschiedsrede von Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer

- Es gilt das gesprochene Wort -

Rede von Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer anlässlich ihrer Verabschiedung am 30. April 2026 im Historischen Reichssaal

(Anrede)

jetzt ist es so weit: zum letzten Mal stehe ich als Oberbürgermeisterin an diesem Pult im Historischen Reichssaal, zum letzten Mal darf ich als Oberbürgermeisterin zu Ihnen sprechen.

Oberbürgermeisterin war nicht mein Traumberuf.

1970 kam ich mit meiner Familie nach Regensburg. Da war ich 10 Jahre alt und wollte Ärztin werden. Ich habe hier Abitur gemacht und wollte Journalistin werden, habe hier studiert, nach einem kurzen Ausflug in die Wirtschaftswissenschaften letztlich dann Vor- und Frühgeschichte und Archäologie, eine Familie gegründet und als Archäologin gearbeitet.

Es war mir immer wichtig und hat mir auch Spaß gemacht, mich in meinem Umfeld zu engagieren – in Vereinen, Initiativen, ab 1995 in der SPD, ab 2008 im Stadtrat. 

Aber einen Beruf daraus machen? – Eher nicht. 

Insofern war mein Weg zum Amt der Oberbürgermeisterin sicher nicht ganz typisch (falls es das überhaupt gibt?) – und auch meine Amtszeit würde ich als nicht ganz typisch bezeichnen.

Ich habe die Aufgabe 2017 übernommen – als (und weil!) sich unsere Stadt in einer Ausnahmesituation befand. Vertretungsweise und (davon bin ich anfangs fest ausgegangen) für ein paar Wochen. 

Wie kalt das kalte Wasser war, in das ich damals gesprungen bin, das ist mir erst jetzt wirklich bewusst geworden. Nämlich, als ich die Übergabe für meinen Amtsnachfolger Thomas Burger vorbereitet habe. Für mich gab es damals nichts dergleichen. Ich musste mich in eine für mich zunächst unüberblickbare Vielzahl von Verwaltungsvorgängen und Projekten einarbeiten. Und das in kürzester Zeit!

Den vielen Kolleginnen und Kollegen, die mich damals so selbstverständlich unterstützt haben, und meinem damaligen Bürgermeisterkollegen Jürgen Huber, der SPD-Fraktion und den damaligen Koalitionspartnern (GRÜNE, Freie Wähler und FDP) bin ich bis heute von Herzen dankbar. 

Wir haben diese Zeit gemeinsam gut gemeistert – sogar in den Monaten, als ich als zweite Bürgermeisterin nicht nur den Oberbürgermeister, sondern gleichzeitig auch noch unseren dritten Bürgermeister Jürgen Huber vertreten musste.  

Mein Alltag war gerade in diesen Monaten Lichtjahre entfernt von dem Leben, das ich hatte, bevor ich Bürgermeisterin wurde – mit Zeit für Familie, Freunde und Ehrenämter, mit einem weitgehend selbstbestimmten Tagesablauf und meiner Arbeit als Archäologin, die davon lebt, dass man sich oft stundenlang konzentriert mit einer einzigen Sache beschäftigen kann. 

Aber: Ich habe in diesen Jahren viel gelernt, über die Stadt, ihre Verwaltung, ihre Menschen und über mich selbst. Ich durfte erfahren, dass Solidarität, Zusammenhalt und Optimismus in unserer Stadt stärker sind als Verunsicherung und Lethargie.

Dass ich mehr Kraft habe, als ich selbst vorher gedacht hätte, auch das habe ich in diesen Jahren erfahren dürfen.

Meine Kandidatur für das Amt der Oberbürgermeisterin bei der Kommunalwahl 2020 war dann eine Entscheidung aus vollem Herzen und mit großer Zuversicht.

„Nach der Wahl haben wir wieder geordnete Verhältnisse. Als Oberbürgermeisterin werde ich dann mehr und freier gestalten können und wieder zu dritt an der Stadtspitze wird alles einfacher“ – dachte ich. 

Sie alle wissen, was dann passiert ist. Die Kommunalwahl 2020 fiel wiederum in eine Ausnahmesituation – aber diesmal betraf diese nicht nur unsere Stadt, sondern die ganze Welt: Die Corona-Pandemie hatte gerade begonnen. 

Bei der Wahl musste jeder seinen eigenen Stift benutzen, die Stichwahl fand ohne vorherigen Straßenwahlkampf ausschließlich als Briefwahl statt und bei der konstituierenden Sitzung des neuen Stadtrats (aus Abstandsgründen nicht in unserem Sitzungssaal im Neuen Rathaus, sondern im Marina-Forum) habe ich mir – ausgestattet mit einer in der Schneiderei des Theaters genähten Stoffmaske – die Amtskette selbst um den Hals gelegt. 

(Diese Maske hat sich übrigens das städtische Museum damals für seine Sammlung gesichert!)

Und natürlich stand nicht nur die Wahl im Zeichen von Corona, sondern auch die Arbeit und das Leben in den Monaten danach:
Inzidenzwerte und Pandemiepläne wurden zu den bestimmenden Leitplanken. Dazu die Frage, was wir tun können, um Menschen zu schützen und die verschiedenen Bevölkerungsgruppen möglichst gut zu unterstützen – die alten Menschen, die Mitarbeitenden und Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen und Krankenhäusern, die Kinder, die Familien, die Unternehmen und die Arbeitnehmer, die Gastronomen, die Kulturschaffenden, die Selbstständigen, – kurz: alle besonders Gefährdeten und alle, die besonders von den Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen betroffen waren. Und das waren wirklich viele, viele Menschen. 

Die Corona-Pandemie war noch nicht ganz vorbei, da kam mit dem russischen Überfall auf die Ukraine eine weitere globale Krise hinzu. 

Ein halbes Jahr zuvor hatten wir noch gemeinsam mit einer Delegation aus Odessa den Anker am Marc-Aurel-Ufer enthüllt und „30 Jahre Städtepartnerschaft“ gefeiert. Nun befand sich unsere Partnerstadt plötzlich im Krieg. Ein Krieg, der heute – vier Jahre später – immer noch tobt, dem Tausende Menschen zum Opfer gefallen sind und der Millionen zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen hat. 

Zu den Sorgen um unsere Freunde in Odessa und die weitere Entwicklung der Weltlage kamen praktische Herausforderungen: Menschen, die vor dem Krieg geflüchtet waren, mussten untergebracht und betreut werden; und natürlich waren auch wir in Regensburg von der neuen Gas-Mangellage und der drohenden Energiekrise betroffen. 

Auch wenn ich diese Zeiten nicht noch einmal erleben möchte – eines weiß ich seither sicher: Krisen setzen Kräfte frei.

Viele sind über sich hinausgewachsen. In der Verwaltung, in den Unternehmen, in der Bürgerschaft.

Wie schnell sich die Menschen bei unserer Nachbarschaftshilfe gemeldet haben, um für die da zu sein, die während Corona nicht aus dem Haus gehen konnten …

Wie reibungslos der Aufbau der Test- und Impfzentren vonstattengegangen ist – nicht zuletzt dank des Einsatzes unzähliger Ehrenamtlicher …

Wie viele Menschen bereit waren, aus der Ukraine Geflüchtete zunächst in ihren Privatwohnungen aufzunehmen ... 

Die zahlreichen Spenden- und Solidaritätsaktionen für unsere Partnerstadt …

Das zeichnet Regensburg aus. 

Dieser Gemeinsinn trägt unsere Stadt nicht nur durch Krisenzeiten. Wir müssen tun, was wir können, um diesen Zusammenhalt weiter zu stärken. 

Das gilt auch, und in ganz besonderem Maße, für die Politik. 

Das Kommunalrecht macht es uns nicht gerade leicht: Eine Oberbürgermeisterin oder ein Oberbürgermeister wird direkt gewählt und muss mit den Mehrheitsverhältnissen im Stadtrat zurechtkommen. Egal, wie diese Mehrheitsverhältnisse sind.

In der Praxis heißt das oft, sehr dicke Bretter bohren – umso mehr, wenn die eigene Partei nicht die größte Fraktion stellt.

Eine „Regierung“ mit Koalitionsvertrag ist auf Kommunalebene eigentlich nicht vorgesehen. Trotzdem erleichtert es die Arbeit sehr, wenn man eine solche gemeinsame Vereinbarung hat. Vorausgesetzt, alle Beteiligten begreifen die Koalition dann auch als ein Team – und nicht als Bühne, auf der jeder seine eigene Rolle spielt. 

Ich hätte mir an manchen Tagen gewünscht, dass wir uns weniger mit uns selbst beschäftigen und uns mehr auf die Sachthemen konzentrieren können. Unsere Entscheidungen haben sicher oft mehr Zeit und Energie gekostet, als nötig gewesen wäre. 

Ungeachtet dessen haben wir gemeinsam viel vorangebracht. 

Sie alle können hoch erhobenen Hauptes zurückblicken und ich möchte kurz, nur mit ein paar Beispielen ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Revue passieren lassen, was uns in den vergangenen Jahren gelungen ist.

Regensburg steht gut da. 

Unsere Wirtschaft ist breit aufgestellt, wir können uns nach wie vor vieles leisten, worum andere Kommunen uns beneiden:

Allein die aktuellen Projekte unseres Stadtwerks:

  • ein neues Hallenbad und eine Leichtathletikhalle, 
  •  neue Rutschen im Westbad,
  • die gerade beschlossene Erweiterung der Donau-Arena, 
  • Investitionen in Parkhäuser, vor allem unsere neue Mobilitätsdrehscheibe am Unteren Wöhrd 
  • das Zuberhaus am Busbetriebsbahnhof in der Markomannenstraße 
  • eine E-Bus–Flotte, eine riesige Lade-Infrastruktur, die weiter wächst. 

Unser Theater wird nächste Woche offiziell zum Staatstheater ernannt. Wir werden das Velodrom sanieren und haben mit dem Antoniushaus eine mehr als respektable Ausweichspielstätte zur Verfügung stellen können.

Wir feiern im Juni das 20-jährige Jubiläum unseres UNESCO-Welterbetitels und tragen seit nunmehr fünf Jahren einen zweiten Welterbe-Titel als Teil des römischen Donaulimes. 

Wir haben eine unfassbar reiche Kultur- und Kreativszene und fördern diesen Wirtschaftszweig auch aktiv, zum Beispiel mit den Räumen für „Artists in Residence“ oder dem geplanten Kreativareal im Hafengelände. 

Wir sind Smart-City-Modellstadt, und bei der Digitalisierung unserer Verwaltungsdienstleistungen liegen wir im bayernweiten Vergleich weit vorne. 

Wir investieren kräftig in unsere Schulen – aktuell unter anderem am Sallerner Berg, an der BSII, an der Konradschule oder am Werner-von-Siemens-Gymnasium. 

Wir haben Räume für Ehrenamtliche geschaffen, u.a. im neu sanierten Schreiberhaus, im M26 und in der Hemauerstraße.

Der verkehrliche Maßnahmenplan zur Altstadt ist beschlossen. Erste Maßnahmen sind in Umsetzung. Wir bringen mehr Grün und Wasser in die Altstadt, nehmen Durchgangsverkehr heraus und halten den Stadtkern trotzdem erreichbar – auch mit dem Auto. 

Das Areal der ehemaligen Nibelungenkaserne ist mit Wohnbebauung, Quartierszentrum, dem wunderbaren Brixenpark, unserem Umweltbildungshaus und Kinderforschungszentrum RUBINA und dem Tech-Campus fast vollständig bebaut.

Auf dem Areal der ehemaligen Prinz-Leopold-Kaserne entsteht ein Musterbeispiel für einen grünen, sozialen und innovativen Stadtteil.

Wir sind in die Rahmenplanung für den Stadtnorden eingestiegen, wo unsere Stadt langfristig weiter wachsen soll.

Und wir haben in dieser Zeit unzählige weitere größere und kleinere Projekte umgesetzt oder auf den Weg gebracht. 

All das passiert natürlich nicht von allein. Und es wird auch beileibe nicht von der Oberbürgermeisterin alleine gemacht.

Vielleicht kennen Sie den Spruch „Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen.“ Ich kann Ihnen versichern: Es braucht auch ein Dorf, um eine Stadt zu lenken und zu gestalten.

Mein großer Dank gilt deshalb zunächst den Kolleginnen und Kollegen des Stadtrats. Danke für die vielen Stunden in nervenaufreibenden Sitzungen, für die Diskussionen in der Vorbereitung und ja: Danke für die Kompromissbereitschaft und konstruktive Zusammenarbeit.

Genauso herzlich Danke sage ich auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unserer Stadtverwaltung, die dieses „Dorf“ ausmachen und Regensburg mit großem Fachwissen und Engagement, mit Kreativität und Beharrlichkeit am Laufen halten – in „normalen“ Zeiten ebenso wie in Krisenzeiten. Vielen herzlichen Dank dafür!

Genauso wichtig war mir die Zusammenarbeit über die Stadtgrenze hinaus mit unseren Nachbarn im Landkreis und in den Bezirken Oberpfalz und Niederbayern.

Ob in Verkehrsthemen, der Regionalplanung, der Gesundheits- oder Bildungsregion, ob Klärwerk, Trinkwasser, Müllkraftwerk, Energieversorgung - um nur einige Bereiche zu nennen: Danke für das gute Miteinander!

Gelegentlich den Blick zu weiten, über den eigenen Tellerrand hinaus zu denken, auch Blicke von außen aufzunehmen, in den Austausch zu gehen und die eigenen Interessen zu vertreten ist unerlässlich.

Ich durfte unsere Stadt im Vorstand des Bayerischen und im Präsidium des Deutschen Städtetags und sogar im Kongress der Gemeinden und Regionen Europas vertreten und bin dankbar für die wertvollen Impulse und die großartige Zusammenarbeit und Solidarität der „kommunalen Familie“, die ich hier erfahren durfte.

Ganz besonders aber danke ich meiner Familie. Meiner Mutter, meinen Söhnen, meinen Geschwistern, auch meinen Freundinnen und Freunden und ganz, ganz besonders meinem Mann! Ihr habt mich immer unterstützt, mir den Rücken freigehalten und mir Halt und manchmal auch Trost und Mut gegeben!

Meine sehr geehrten Damen und Herren, 

ich bin in den letzten Wochen immer wieder einmal nach den Highlights meiner Amtszeit gefragt worden. Nach schönen Erlebnissen, die mir besonders in Erinnerung bleiben werden. 

Es hat unzählige solcher Momente gegeben. Als Oberbürgermeisterin lernt man die eigene Stadt noch einmal von einer ganz neuen Seite und aus vielen Perspektiven kennen. Man trifft jeden Tag faszinierende Menschen, darf bei bemerkenswerten Einrichtungen und Initiativen zu Gast sein, bekommt – egal, wo man unterwegs ist – sehr unmittelbar mitgeteilt, wo gerade der Schuh drückt, und kann in manchen Fällen sogar unmittelbar weiterhelfen. 

Ein Erlebnis möchte ich dennoch herausgreifen:

Und zwar die erste Dult nach Corona. In meiner Jugend war ich eigentlich kein großer Dult-Fan, als Stadträtin, Bürgermeisterin und Oberbürgermeisterin habe ich unser Volksfest immer mehr schätzen und lieben gelernt. Aber als wir uns bei dieser Maidult 2022 endlich wieder treffen durften – ohne Mundschutz, ohne Abstand … Diese Freude, diese körperlich spürbare Welle von Emotionen, dieses Gefühl von „wir haben es geschafft!“ – das war im Festzelt unmittelbar zu spüren, und das war wirklich ein Glücksmoment, den ich niemals vergessen werde. 

Ich wünsche meinem Nachfolger, der neuen Stadtspitze und dem neuen Stadtrat, dass sie viele vergleichbar schöne Momente erleben dürfen – allerdings bitte ohne vorherige Krise! – und dass es Ihnen gelingt, gut und verlässlich zum Wohle unserer Stadt zusammenarbeiten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, 

was einen Ort ausmacht, das sind die Menschen, die dort leben. Regensburg ist auch in dieser Hinsicht eine wunderbare Stadt.

Es war mir eine Freude und Ehre, dass ich ihre Oberbürgermeisterin sein durfte, und ich danke allen, die mich durch diese erfüllende Zeit begleitet haben. 

Alles Gute für Sie alle – und alles Gute für Regensburg!