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Holocaust Gedenktag 2018

Rede von Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer anlässlich des Internationalen Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 24. Januar 2018 um 19.00 in der Aula des städtischen Von-Müller-Gymnasiums

- Es gilt das gesprochene Wort -

Liebe Regensburgerinnen und Regensburger,
liebe Mitglieder der jüdischen Gemeinde,
liebe Mitglieder der christlichen Kirchen,
liebe Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Organisationen und Initiativen der Gedenkkultur,
liebe Schülerinnen und Schüler,

ich freue mich, dass ich sie alle anlässlich des internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocausts heute hier begrüßen darf.

Vielen Dank an Herrn Krottenthaler, dem Schulleiter des Von-Müller-Gymnasiums für seine Gastfreundschaft. Ebenso möchte ich ein herzliches Dankeschön an den stellvertretenden Schulleiter Herrn Unverdorben, die Lehrkräfte Frau Köglmeier, Frau Ferstl, Herrn Sommer und den ehemaligen Lehrer des Gymnasiums Herrn Wabra richten.

Ebenso selbstverständlich gilt der Dank den Schülerinnen und Schülern, die diesen Abend inhaltlich und musikalisch gestalten werden. Danke sagen möchte ich auch den Mitgliedern der Stolpersteingruppe Regensburg, vertreten durch die Vorsitzenden Frau Feichtmayer-Arnold und Herrn Fritsch, die im Vorfeld an diesem Abend mitgearbeitet haben.

Lassen Sie mich bitte diese Gelegenheit nutzen, all jenen Initiativen, Organisationen, Vereinen und Personen meine Anerkennung auszusprechen, die sich seit Jahrzehnten mit so viel Engagement um die Erinnerungs- und Gedenkarbeit in dieser Stadt verdient machen.
Eben dieses Engagement ist heute wichtiger denn je.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Gäste,

am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Es dauerte weitere drei lange Kriegsmonate bis das dritte Reich vollständig kapitulierte und das menschenfeindliche Nazi-Regime endlich beseitigt war. Ein Regime, dessen Glaube an die Herrenrasse, daran besser und mehr wert zu ein, höhergestellt zu sein als andere, zwischen sechzig und siebzig Millionen Todesopfer forderte. Davon waren ca. fünfzehn Millionen zivile Opfer. Über sechs Millionen Juden, mindestens zweihunderttausend Sinti und Roma, sowie über zweihunderttausend sogenannte Euthanasie-Opfer verloren ihr Leben. Verfolgt, interniert, gefoltert, deportiert, ermordet - nur weil sie anders waren und nicht dem ideologisch definierten „Ideal“ der Nationalsozialisten entsprochen hatten oder sich aber deren faschistischer Gesinnung widersetzt und offen oder geheim Widerstand geleistet haben.

Addiert man die Opferzahlen, so entspricht die Gesamtsumme fast der Bevölkerung der heutigen Bundesrepublik.

Heute, 73 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz und nach Ende des Zweiten Weltkriegs scheinen diese Zahlen nicht mehr so zu berühren, scheint die Tragödie, für die sie stehen, vielen nicht mehr greifbar zu sein.

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Jahr 2017 wissen vier von zehn Schülern in Deutschland NICHT, wofür Auschwitz steht.

Gleichzeitig waren laut des UN-Flüchtlingskommissariats 2016 weltweit 65,6 Millionen Menschen auf der Flucht. Viele von diesen Menschen fliehen, weil sie in ihrer Heimat verfolgt werden, weil sie dort nicht in das System passen. Sie fliehen vor Hunger und Krieg, weil in ihren Ländern wegen Religionen und Ideologien Kriege geführt werden. Sie fliehen, weil einige Menschen dort denken, sie wären besser als andere.

Weltweit werden Nationalisten wieder in die Parlamente gewählt – wie bei uns - und sogar auch mit der Regierung beauftragt. Dies geschieht nicht in weiter Ferne, sondern in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, in Ländern mit denen uns seit dem Ende der abscheulichen Nazi-Herrschaft eine tiefe Freundschaft verbindet, in Ländern mit denen man nach begangenem Unrecht einen Neuanfang wagte, in Ländern, die wir alle besuchen.

„Nie wieder“ schrie man nach den beiden Weltkriegen. Nie wieder Krieg! Nie wieder Verfolgung! Nie wieder Hass! Niemals vergessen! Gemeinsam statt gegeneinander. Und heute?
73 Jahre danach heißt es wieder:

„Wir zuerst, zuerst wir!“

Begleiter dieser ignoranten und falschen Forderung sind immer häufiger Gefühlskälte, fehlende Empathie, Arroganz und Ignoranz, Schadenfreude, Wut, Neid, Hass und immer öfter auch Gewalt.

Nun ist es leicht, mit dem Finger auf jene zu zeigen, die so laut „Wir zuerst“ schreien. Es wäre leicht, allein eine verfehlte Bildungspolitik für das erneute Aufkommen von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit verantwortlich zu machen. Es wäre leicht, auf Politiker und Eliten zu schimpfen.

Vielleicht wäre es aber besser, auf die Menschen zuzugehen, die „wir zuerst“ rufen. Sie zu fragen, warum sie so wütend sind, was ihnen so viel Angst macht und sie zu fragen, ob sie wissen, wofür Auschwitz steht und was der Nationalismus damit zu tun hat.

Und wenn sie es nicht wissen, dann sollte es unsere Aufgabe sein, es ihnen zu erklären und ihnen die Bedeutung und die Konsequenzen von Hass, Wut und Neid, von „Wir und Ich zuerst“ aufzeigen.

Das heißt jedoch nicht, dass wir Fremdenhass, Rassismus oder Antisemitismus tolerieren oder akzeptieren sollen. Das dürfen wir nicht! Und denjenigen, die öffentlich Hetze betreiben und versuchen, mit dem Schüren von Ängsten und der Verbreitung von Hass die Gesellschaft zu spalten, müssen wir uns mit Konsequenz und guten Argumenten entgegenstellen – immer wieder!

Lassen Sie uns alles dafür tun, dass nicht noch einmal dumpfe Parolen und Lügen dazu führen, dass sich diese Gesellschaft teilt. Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass wir alle mehr als nur schwarz und weiß sehen, dass nicht Hass und Intoleranz unser tägliches Leben bestimmen. Bekämpfen wir den Gedanken, dass wir besser wären als andere, nur weil wir hier geboren sind. Lassen Sie uns das Unsrige tun, damit alle Menschen, die heute in Deutschland leben wissen, was Auschwitz bedeutet, wofür es steht und dass es sich niemals wiederholen darf.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.