Die Altstadt Regensburgs von Westen

Einzigartig unter den deutschen Städten

Lebendiger Spiegel der Geschichte

Es gibt in Mitteleuropa keine Stadt, die wichtige politische, wirtschaftliche und religiöse Entwicklungen des hohen Mittelalters in ihrem noch vorhandenen Baubestand so exzeptionell und so dicht widerspiegelt wie Regensburg. Die transkontinental tätigen Patrizierfamilien Regensburgs, deren Märkte Kiew, Nowgorod, London, die Champagne, Oberitalien und Byzanz waren, manifestierten ihren Reichtum in den bis heute erhaltenen prächtigen, durch Geschlechtertürme ausgezeichneten Handelshäusern des 11. – 14. Jahrhunderts. Sie stifteten außerdem gewaltige Kirchenbauten, die sowohl architektonisch wie von ihrer original erhaltenen Ausstattung her zu den herausragenden Baulichkeiten ihrer Zeit gehören. Der Regensburger Dom ist das einzige Beispiel französischer Kathedralgotik östlich des Rheins, das im Mittelalter im Wesentlichen vollendet und in seiner Originalsubstanz erhalten ist. Der Bestand an mittelalterlicher Glasmalerei ist einzigartig in Deutschland. Regensburg besitzt die beiden größten Bettelordenskirchen Deutschlands. Sie prägen durch ihre monumentalen Dimensionen und ihre pendantartige Stellung im östlichen und westlichen Bereich der Altstadt das Stadtbild entscheidend mit. In ihrem inneren und äußeren Erscheinungsbild seit dem Mittelalter unverändert, lassen sie in für Deutschland einzigartiger Weise die religiöse, soziale und architekturgeschichtliche Bedeutung der Bettelordensbewegung im 13. Jahrhundert erkennen.

Die vorzügliche Verkehrslage an kontinentalen Verkehrssträngen machte die Stadt an der Donau schon im 8. Jahrhundert zu einem wichtigen Versammlungspunkt der Großen des karolingischen Reichs. Mit der Konsolidierung des ostkarolingischen Reichs im 9. Jahrhundert wurde Regensburg für Jahrhunderte zu einem der politischen Hauptversammlungsorte dieses neuen mitteleuropäischen Staats und seines Nachfolgers, des Heiligen Römischen Reichs. Die beiden noch existierenden Kaiserpfalzen manifestieren diese Funktion in herausragender Weise. Als sich dann 1663 in Regensburg der Reichstag versammelte und bis zum Ende des Heiligen Römischen Reichs 1806 nicht mehr auseinander ging, bildete sich ein politisches Instrument dieses zentraleuropäischen Machtkonglomerats heraus, das als einziges neben dem Kaiser selbst das Heilige Römische Reich in seiner Gesamtheit repräsentierte. Dieser ständig in Regensburg tagende Gesandtenkongress könnte als missing link gelten zwischen der auf Antike und Mittelalter fußenden Tradition des Heiligen Römischen Reichs und überstaatlichen Strukturen der modernen Welt. In dem exzellent erhaltenen alten und gänzlich singulären Baubestand des Reichstagskomplexes lassen sich die politischen, transnationalen Strukturen des Heiligen Römischen Reichs wie sonst nirgends auf der Welt nachvollziehen. In seiner Lebendigkeit wird dieser Komplex durch die noch bestehenden Gesandtschaftsgebäude ergänzt.

Neben der politischen Rolle im Heiligen Römischen Reich in nachmittelalterlicher Zeit, wuchs Regensburg auch auf dem religiösen Sektor eine neue Bedeutung zu. Die Schlüsselfunktion, die Regensburg vor allem im 16. Jahrhundert für das Vordringen des Protestantismus nach Österreich, Ungarn und die heutigen Staaten Slowenien und Kroatien zukam, wird noch an zwei monumentalen Sakralbauten anschaulich: an der Neupfarrkirche und an der Dreieinigkeitskirche. Die Neupfarrkirche, ab 1519 als baulicher Mittelpunkt der bedeutendsten spätmittelalterlichen Wallfahrt Mitteleuropas erbaut und seit 1542 durch Ratsbeschluss dem evangelischen Gottesdienst vorbehalten, macht in exemplarischer Form den konfessionellen Wandel der Reformationszeit anschaulich. Sie ist aber nicht nur die älteste evangelische Kirche Regensburgs, sondern vor allem auch die Mutterkirche der lutherischen Christen im südöstlichen Mitteleuropa. Daher suchten im Gegenzug vom späten 16. Jahrhundert bis 1732/33 Abertausende von Protestanten aus den österreichischen Gebieten auf der Flucht vor der Rekatholisierung in ihrer „Muttergemeinde“ um Aufnahme an. Angesichts dieser überregionalen Bedeutung der Reichsstadt Regensburgs als Hort des Luthertums beschloss der Rat der Stadt 1627 den Bau einer neuen, großen evangelischen Kirche. Von Grund auf als protestantische Stadtkirche errichtet und ausgestattet, wurde die Dreieinigkeitskirche zum Prototyp evangelischer Sakralarchitektur in Süddeutschland.

Die Altstadt Regensburg vereinigt eine Reihe von herausragenden Werken menschlichen Geistes, darunter an erster Stelle die Steinerne Brücke, eine überragende Ingenieurleistung aus der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts, die als erste in Europa wieder an die technischen Höchstleistungen der Antike anknüpfte und vorbildlich für vergleichbare Brückenbauten in Europa war, außerdem künstlerische Meisterwerke wie das romanische Schottenportal, die Werke des Erminoldmeisters im Dom, oder das Astrolabium des Wilhelm von Hirsau aus St. Emmeram.

Als Fernhandelsstadt an einem wichtigen Kreuzungspunkt kontinentaler Fernhandelsrouten (Italien – Heiliges Römisches Reich – Böhmen – Reich der Rus; Westeuropa – Byzanz) war Regensburg mit mehrfacher Anbindung an die transkontinentale Seidenstraße offen für kulturelle Einflüsse aller Art: Die romanische Allerheiligenkapelle ist von Italien beeinflusst, der Dom folgt französischen Vorbildern. Den Traditionen des Patriziats im mitteleuropäischen Bereich (Italien, Schweiz, Nordfrankreich) folgend, errichteten die Regensburger Kaufleute seit dem späten 11. Jahrhundert ihre Steinhäuser, die sich zu gewaltigen Patrizierburgen mit hohen Türmen entwickelten. Diese einzigartigen Patrizierburgen, von denen rund 40 erhalten sind und deren Ausstattung, die die europäische Dimension Regensburgs als Handelsstadt widerspiegelt, prägen noch heute das Bild der Altstadt. Singulär, auch im Vergleich mit Italien, ist die fast regelhafte Ausstattung der mittelalterlichen Regensburger Patrizierhäuser mit Hauskapellen.

Regensburg muss als einer der wichtigsten politischen Zentralorte des Heiligen Römischen Reichs“ gelten. Regensburg war im Hochmittelalter der Ort, an dem die meisten Reichsversammlungen stattfanden. Deshalb existiert noch heute hier eine einzigartige Infrastruktur, die keinerlei Parallelen in Europa hat. Zwei Kaiserpfalzen aus dem 9. Jahrhundert sind im Kern noch erhalten. Außerdem lässt sich ein in Europa singuläres Phänomen nachvollziehen: die Bischofshöfe, Klosterhöfe und Grafenhöfe. Schon ab dem 10. Jahrhundert hatten die Kaiser und die bayerischen Herzöge an die Großen ihres Machtbereichs Grundstücke oder Häuser in Regensburg geschenkt, damit diese bei Reichsversammlungen in Regensburg eigene Quartiere hatten.

Ein weiteres Phänomen, die kleinteilige Struktur des Heiligen Römischen Reichs manifestiert sich in Regensburg in einmaliger Art. In den Mauern Regensburgs gab es neben der Reichsstadt selbst vier weitere Reichsstände, die unmittelbar dem Reich zugeordnet und nicht der Souveränität der Stadt unterworfen waren: Der Bischof, das Reichskloster St. Emmeram, und die reichsunmittelbaren Damenstifte Nieder- und Obermünster. Außer der Stiftskirche Obermünster sind diese reichsunmittelbaren Kleinterritorien in ihrer baulichen Substanz weitestgehend erhalten. Zu außergewöhnlicher politischer Bedeutung gelangte Regensburg dann in den letzten eineinhalb Jahrhunderten des Heiligen Römischen Reichs, als hier der Immerwährende Reichstag seinen Sitz nahm.

Der Reichtum der hochmittelalterlichen Handelsstadt und die Rolle als zentraler politischer Ort des Heiligen Römischen Reichs haben dank der erhaltenen baulichen Zeugnisse zur Entstehung eines einzigartigen Stadtensembles geführt. Dieses Ensemble umfasst mittelalterliche Bautypen und Funktionstypen unterschiedlichster Art aus allen Lebensbereichen: Vom steinernen romanischen Speicherhaus bis zum spätmittelalterlichen Großlagerhaus, vom Campanile des 9. Jahrhunderts bis zum Geschlechterturm des Hohen Mittelalters, von der Pfalz des 9. Jahrhunderts bis zum Reichstagskomplex des 17./18. Jahrhunderts.

Dass eine Stadt vom Range Regensburgs auch außergewöhnliche Persönlichkeiten aus den verschiedensten Lebensbereichen in ihren Mauern sah, ist selbstverständlich. Abgesehen davon, dass wohl nahezu alle Großen des Heiligen Römischen Reichs irgendwann, meist zu wichtigen Entscheidungen, Regensburg aufsuchten, lebten und wirkten hier über die mittelalterlichen Jahrhunderte hinweg außergewöhnliche Persönlichkeiten von Weltrang: Herzogin Judith war die erste christliche Frau des Mittelalters, die nach Jerusalem pilgerte; Königin Gisela, die das Christentum nach Ungarn brachte, wurde in Regensburg geboren und starb hier, an ihrem Grab stand bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts das berühmte Giselakreuz.

Unter den theologischen und wissenschaftlichen Größen sind zu nennen: Albertus Magnus, der bedeutendste Scholastiker Europas, war Bischof von Regensburg; Ulrich von Zell und Wilhelm von Hirsau, zwei Mönche aus St. Emmeram, zählten zu den wichtigsten Kirchenreformern des 11. Jahrhunderts; Berthold von Regensburg galt als der berühmteste Prediger des Mittelalters; Konrad von Megenberg zählte zu den bedeutendsten deutschsprachigen Gelehrten des 14. Jahrhunderts; am Beginn der Neuzeit ist Johannes Aventinus, der Vater der deutschen Geschichtsschreibung zu nennen, der in Regensburg seine letzten Lebensjahre verbrachte; Johannes Kepler, der in Regensburg zeitweise lebte und starb. Zu erwähnen sind natürlich die hochbedeutsamen Rabbiner der jüdischen Gemeinde Regensburgs.

Auch im künstlerischen Bereich kann sich Regensburg mit berühmten Namen schmücken: Die Buchmalschule St. Emmerams um 1000 war eine der bedeutendsten Europas, ihre Tradition reichte über das ganze Mittelalter und fand nochmals einen Höhepunkt in der Werkstatt Berthold Furtmeyrs. Unter den namentlich bekannten Malern ist am Ende des Mittelalters bzw. am Anfang der deutschen Renaissance natürlich Albrecht Altdorfer zu nennen, der sein Leben lang in Regensburg wirkte. Ulrich Schmidl, der Mitentdecker der Rio della Plata Staaten und Mitgründer von Buones Aires verbrachte seinen Lebensabend in Regensburg. Als kleiner aperçu der Geschichte sei noch erwähnt, dass Kaiser Karl V. in Regensburg mit der Regensburger Bürgerstochter Barbara Blomberg den Sieger von Lepanto zeugte, Don Juan d’Austria.

Regensburg wurde während des 2. Weltkriegs zwar schwer bombardiert, aber nicht im Bereich der von der mittelalterlichen Mauer umfassten und als Welterbestätte definierten Kernzone. Schon bald nach dem Ende des 2. Weltkriegs setzten in Regensburg die Bemühungen ein, die von den Kriegszerstörungen nicht betroffene mittelalterliche Altstadt zu erhalten. Im Denkmalschutzjahr 1975 war Regensburg eines der deutschen Pilotprojekte und seit dem Erlass des neuen bayerischen Denkmalschutzgesetzes (1973) blieb Regensburg ein Modellfall für die Anwendung der strengen Regeln dieses vorbildlichen Gesetzes. Dabei ging es und geht es nicht nur um Erhaltung der Fassaden, sondern um Bewahrung des gesamten historischen Baubestands.

So wurde bei der Sanierung des reichen Bestands an Bürgerhäusern durch private Bauherrn von den zuständigen Behörden streng darauf geachtet, dass auch das Innere der Gebäude erhalten und fachgerecht konserviert wurde. Auf die zahlreichen freigelegten mittelalterlichen Wandgemälde, Bohlenstuben und andere Ausstattungsstücke im Innern der mittelalterlichen Häuser sei verwiesen. Gleiches gilt für die strengen konservatorischen Maßstäbe bei der Restaurierung kirchlicher und öffentlicher Bauten. Da all diese Innstandsetzungsmaßnahmen gründlich dokumentiert sind und mit archäologischen und bauforscherlichen Untersuchungen verbunden waren, darf das Regensburger Altstadtensemble als die am besten erforschte hochmittelalterliche Altstadt in Deutschland gelten.

Es sei in diesem Zusammenhang auch darauf verwiesen, dass bereits bei der Festlegung der zu schützenden Denkmäler im Rahmen der Haager Konvention (1967) für das zukünftige Welterbeensemble 81 Einzeldenkmäler und das Ensemble selbst als besonders schützenswert definiert wurden. Heute umfasst das Ensemble Altstadt Regensburg mit Stadtamhof 984 Denkmäler.

Zunehmend wird versucht diesen umfangreichen Bestand didaktisch zu erschließen. Die Möglichkeit etwa, die vielschichtige Religionsgeschichte Regensburgs durch die Jahrtausende an ein und demselben Platz in exemplarischer und didaktisch aufbereiteter Form zu erleben, wurde im archäologischen Untergeschoss des Neupfarrplatzes realisiert: Authentischer Baubestand erschließt in exemplarischer und didaktisch aufbereiteter Form römische Antike, jüdisches Mittelalter, eine spätmittelalterliche Marienwallfahrt und eine evangelische Kirche, die in der Reformationszeit die „Mutterkirche“ der Protestanten in den heutigen Staaten Österreich, Ungarn, Slowenien und Kroatien war.

© Stadt Regensburg | Impressum | Feedback | English site