Regensburg eine
europäische Stadt
des Dialogs
Der mittelalterlich geprägte, weitgehend intakt und erlebbar gebliebene Organismus der Altstadt Regensburgs, im Zweiten Weltkrieg unzerstört, kann heute tatsächlich zumindest deutschlandweit als einzigartig gelten. Weniger leicht aufzuspüren, dabei aber vielleicht sogar noch wichtiger, noch „einzigartiger“ ist eine andere Traditionslinie, die ebenfalls die Jahrhunderte durchzieht und die lokalen Strukturen nachhaltig geprägt hat: Regensburg als europäische Stadt des Dialogs, als Stadt der Gespräche, der politischen und kirchenpolitischen Verhandlungen, als Stadt der Begegnung von Kaisern, Königen und Fürsten, als Stadt des Sitzes von Diplomaten und Gesandten, als Stadt der Reichstage. Auch, ja vielleicht gerade diese Tradition des Dialogs hat ihrerseits deutliche und unübersehbare Spuren im Stadtbild hinterlassen.
Dass das Imponiergehabe mächtiger Kirchenfürsten und reicher Patrizier des Mittelalters einen Ort auch Jahrhunderte später noch prägen kann, leuchtet ohne weiteres ein. Doch gilt dieses eben auch für die Kultur des Dialogs, der hier gepflegt wurde. Das Alte Rathaus präsentiert bis heute nahezu unverändert den äußeren Rahmen, in dem fast 150 Jahre lang auf dem „Immerwährenden Reichstag“ gearbeitet wurde. In den Straßen und auf den Plätzen lassen sich vielerorts noch die Gesandtschaftsgebäude, Höfe und Herbergen identifizieren, in denen die Geschäftsträger des Reichstags residierten und repräsentierten.
Mit ein bisschen Spürsinn erschließt sich eine ganze verschwundene Welt – die Welt eines schon in der frühen Neuzeit politisch und gesellschaftlich vernetzten Europas, das sich – nicht nur, aber eben auch – in Regensburg manifestierte. Im frühen Mittelalter war Regensburg Hauptstadt des damaligen Bayern. Immer wieder war der jeweils regierende Herzog hier anwesend, hielt Hof, sprach Recht, verhandelte politische Geschäfte. Zu diesem Zweck kamen die Großen des Landes zu ihm, Adelige, kirchliche Würdenträger – ihre „Höfe“, zum Beispiel der „Brixener Hof“, der „Salzburger Hof“, der „Eichstätter Hof“, lassen sich noch heute nachweisen –, auch Gesandte anderer Herrscher. In Regensburg redete man miteinander; Kriege führte man anderswo.
Als die Herzogsstadt Regensburg unter Karl dem Großen kurz vor 800 zu einer Königs- und Kaiserstadt mutierte, wiederholte sich das Ganze, allerdings in einem wesentlich weiter gespannten Rahmen. Berühmte Herrscher des Mittelalters – Karl der Große, Heinrich II., Heinrich IV., Friedrich Barbarossa und viele mehr – besuchten Regensburg, verbrachten Tage oder Wochen hier und feierten dabei nicht nur rauschende Feste – das auch! –, sondern nutzten die Zeit, maßgebliche Personen ihres Reiches zu sich zu laden und mit ihnen zu sprechen, zu verhandeln, zu streiten, Kriege vorzubereiten, Frieden zu schließen, Heiraten zu verabreden – kurzum: Politik zu machen.
„Reichsversammlungen“ nannte man die Treffen, auch „kaiserliche Tage“, später bürgerte sich die einheitliche Bezeichnung „Reichstage“ ein. 1156 wurde in Regensburg Österreich als eigenständige politische Einheit gegründet; 1189 rief Friedrich Barbarossa in Regensburg sein Heer zusammen, mit dem er zum Kreuzzug aufbrach; 1471 trafen sich in Regensburg deutsche und europäische Gesandte zum „Großen Christentag“, um über Reaktionen auf die Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453 – eines der einschneidenden Ereignisse des späten Mittelalters – zu beraten.
Die kaiserlichen Absteigequartiere – im Normalfall der Bischofshof, manchmal die Herberge zum „Goldenen Kreuz“ – sind ebenfalls bis heute erhalten. Das „Goldene Kreuz“ war vor allem bei Kaiser Karl V. sehr beliebt, der mehrfach in Regensburg weilte; seine Affäre daselbst 1546 mit der Handwerkertochter Barbara Blomberg samt der Spätfolge in Gestalt eines unehelichen Kindes, des späteren „Türkensiegers“ Don Juan d’Austria, ist weithin bekannt. In der Zeit Karls V. war zu all den vielen anderen politischen Fragen, die auf Reichstagen besprochen wurden – Krieg und Frieden, Recht und Ordnung, Steuern und Abgaben – noch ein weiterer zentraler Streitpunkt hinzugekommen: der über den rechten Glauben.
Folgerichtig trafen sich deshalb von da an in Regensburg nicht mehr nur die Politiker, sondern auch die Theologen. Das Regensburger Religionsgespräch von 1541 in der Neuen Waag am Haidplatz – auch dieser Schauplatz ist original vorhanden – gilt als der wichtigste, am hochkarätigsten besetzte und weitestgehende Versuch, den sich vertiefenden Graben zwischen Katholiken und Protestanten zu überbrücken, bevor es endgültig zu spät war.
In der gleichen Zeit veränderten die Reichstage entscheidend ihren Charakter. Es gab immer häufigere und immer längere Reichstage – mit einem festen Tagungsort: Regensburg. Die Stadt lag von Wien aus gesehen, wo die Kaiser jetzt dauerhaft residierten, mit der Donau als Verbindungs- und Kommunikationsweg besonders günstig; und weil in ihrem Inneren inzwischen Katholiken und Protestanten, ein Fürstbischof und der Rat einer Freien Reichsstadt auf engstem Raum zusammenlebten, galt sie als ein ganz spezieller Mikrokosmos, erfahren in Dingen des Konfliktausgleichs und der Konfliktverhütung, des Kompromisses, des Leben-und-Leben-Lassens.
Dialog im Kleinen, auf lokaler Ebene: Das war eine ideale Voraussetzung für das, was der Reichstag tat: Dialog im Großen, auf der deutschen und europäischen Bühne. 1663 schließlich versammelte sich der Reichstag in Regensburg und ging nicht – wie sonst – nach Wochen oder auch Monaten auseinander, sondern tagte immer weiter, jahre- und jahrzehntelang, so lange, wie das Reich, das sich in ihm manifestierte, bestand. Der „Immerwährende Reichstag“ dauerte fast 150 Jahre an
Die Gesandten machten sich in weitläufigen Quartieren breit - die „Gesandtenstraße“ erinnert noch daran –, in denen sie einen aufwändigen Lebensstil führten, mit Empfängen und Bällen und Theateraufführungen und Lustbarkeiten aller Art, und in der Stadt eine ganz singuläre, weltläufig-internationale, großzügig-freigeistige Atmosphäre aufkommen ließen. An der Spitze der Gesandte des Kaisers, der „Prinzipalkommissar“ in Gestalt des Fürsten von Thurn und Taxis. Er brachte einen Glanz in die Stadt, der bis heute nicht erloschen ist...
Selbstverständlich wurde am „Immerwährenden Reichstag“ auch gearbeitet! Am Tagungsort, in den Räumen des Alten Rathauses, wurden politische Entscheidungen „am grünen Tisch“ gefällt – oder bedarfsweise auch „auf die lange Bank geschoben“. In Regensburg etablierte sich auf Dauer eine politische Gesprächskultur, an der alle, die in Deutschland etwas zu sagen hatten, teilnahmen. In Regensburg waren immer auch Gesandte und Diplomaten aus dem Ausland anwesend, aus London, aus Versailles, aus St. Petersburg. Der Dialog, der in Regensburg geführt wurde, war ein wahrhaft europäischer Dialog. Und der Reichstag war ein echtes Konfliktverhütungszentrum, eine Institution, vergleichbar vielleicht mit der UNO-Vollversammlung unserer Tage.
Regensburg – europäische Stadt des Dialogs: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ging diese Rolle zunächst abrupt zu Ende. Ein letztes Mal waren hochkarätige Diplomaten aus aller Herren Länder beim „Reichsdeputationshauptschluss“ in der Stadt. Nachdem Kaiser Franz II. im August 1806 in Wien die Kaiserkrone niederlegte; löste sich der Reichstag sang- und klanglos auf. Die Gesandten und Diplomaten verschwanden (nur die wichtigsten, die Fürsten von Thurn und Taxis sind bis heute geblieben) und mit ihnen aller Glanz, alle Weltläufigkeit, alle Exklusivität. Regensburg trat für eine Weile ab von der europäischen Bühne, auf der es so lange die Rolle einer Stätte der Begegnung, des Gesprächs und des Konfliktmanagements gespielt hatte.
Heute hat Regensburg den Weg des interkulturellen Dialogs wieder aufgenommen und streckt seine Fühler auf vielen Ebenen in Richtung der europäischen Nachbarn aus. Mit ihren europäischen Partnerstädten Aberdeen, Budavár, Brixen, Clermont Ferrand, Odessa und Pilsen steht die Donaustadt im regen Austausch. Das Europaeum, Ost-West-Zentrum der Universität, fördert aktiv den wissenschaftlichen Dialog zwischen den europäischen Nationen im Osten und Westen des Kontinents. Auch die donumenta, eine jährliche Veranstaltung, die ihren Schwerpunkt auf die Länder an der Donau gelegt hat, ist aktive Förderin des europäischen Austausches: Symposien, Konzerte und Workshops dokumentieren im jährlichen Turnus die Kunst- und Kulturszene eines Donaulands.